Eine Reise und ihre Vorgeschichte Dieses Buch ist aber mehr als nur ein Reisebericht. Es ist zunächst eine bewegende Erinnerung an die letzte gemeinsame Zeit mit dem berühmten Halbbruder. Nach der turbulenten Uraufführung von „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater reisten die beiden im November 1988, wenige Monate vor Bernhards Tod, an die Costa del Sol. Susanne Kuhns sensible Darstellung dieser drei Wochen wird durch die Visualisierung von Nicolas Mahler zu einem eindringlichen Bericht aus der letzten Lebensphase des Autors. Mahler, bekannt für seine Graphic Novels nach Werken der Weltliteratur (u.a. von Thomas Bernhard, Robert Musil und Franz Kafka), versteht es, in seinen minimalistischen Zeichnungen die Essenz der geschilderten Momente einzufangen. Ein ausführliches Gespräch mit dem renommierten Bernhard-Experten Manfred Mittermayer erweitert zudem den Blick auf die Familiengeschichte: Erstmals spricht ein weibliches Mitglied dieser besonderen Familie offen über die patriarchalen Strukturen und die Situation der Frauen im Umfeld von Johannes Freumbichler und Thomas Bernhard. Durch die Verbindung von persönlicher Erinnerung, künstlerischer Illustration und biographischer Einordnung wird dieses Buch zu einer unverzichtbaren Lektüre.
Die Erzählung von Susanne Kuhn, der Halbschwester von Thomas Bernhard, macht inklusive der Illustrationen von Nicolas Mahler ungefähr die Hälfte des Buchs aus. Beides fand ich relativ wenig spannend, wenig orignell gezeichnet, nicht besonders gut geschrieben. Kein Vergleich zu den Bernhard-Bearbeitungen von Lukas Kummer.
Der zweite Teil des Buches ist dann ein fiktives, von Manfred Mittermayer aus zahlreichen Gesprächen mit der Autorin destilliertes Interview. Das wiederum fand ich sehr interessant, insbesondere der Einblick in die auch von den weiblichen Familienmitgliedern mitgetragene Misogynie der Familien Freumbichler und Fabjan hat für mich ein neues Licht auf den von Bernhard etwas verklärten Großvater geworfen. "Meinen Großvater habe ich mir so zurechtgeschrieben, wie ich ihn gern gehabt hätte" wird an einer Stelle aus einem Brief Bernhards zitiert. Solche Einblicke haben dann doch einige Schwächen wieder wettgemacht. Nicht zuletzt ist in diesem Teil auch die Selbstverwirklichung der Autorin durchgeblitzt, die sich nur sehr in dieses patriarchalischen Umfeld einfügen konnte und darunter offensichtlich sehr gelitten hat. Auch das eine der Stärken des Buchs.