Es geht um Faust und den Teufel, um skandinavische Malerei und den Tod, russische Tankstellen und die amerikanische Das Essayistische ist eine treibende Kraft in Karl Ove Knausgårds schriftstellerischem Werk, seine preisgekrönten Romane sind undenkbar ohne essayistische Einschübe, in der sich die großen Fragen zur menschlichen Existenz mit dem alltäglichen Leben seiner Protagonisten verbinden. Knausgårds Interesse ist dabei breit gefächert, gesucht und verhandelt wird immer das Große im Kleinen, und vermeintlich Nebensächliches entpuppt sich nicht selten als das eigentlich Wesentliche. Was sind die Bedingungen für kreatives Schaffen – und was ist es, was unsere Welt und letztendlich unsere Wahrnehmung formt? Das sind die Fragen, um die sein Schreiben kreist und denen er sich auf verschiedene Weise nähert. In dieser Sammlung seiner wichtigsten Texte, die eigens für die deutschen Leser und Leserinnen zusammengestellt wurden, begleiten wir Karl Ove Knausgård auf einer Reise durch Amerika und zu einem Operationssaal in Albanien, gewinnen u.a. Einblicke in norwegische Mentalität, in Malerei und Literatur – und werden Zeuge dessen, was ihn antreibt, Romane zu schreiben, und immer wieder zu versuchen, hinter die unerklärlichen Mechanismen des Lebens zu schauen.
Nominated to the 2004 Nordic Council’s Literature Prize & awarded the 2004 Norwegian Critics’ Prize.
Karl Ove Knausgård (b. 1968) made his literary debut in 1998 with the widely acclaimed novel Out of the World, which was a great critical and commercial success and won him, as the first debut novel ever, The Norwegian Critics' Prize. He then went on to write six autobiographical novels, titled My Struggle (Min Kamp), which have become a publication phenomenon in his native Norway as well as the world over.
Im Augenblick zeigt einmal mehr, was für einen fesselnden und unverwechselbaren Stil Knausgård besitzt. Besonders gelungen sind die Essays über das Schreiben. Dort blickt er tief nach innen und nähert sich jenen großen Fragen, die sein Werk seit jeher begleiten. Warum schreiben wir überhaupt. Und was ist gutes Schreiben. Knausgård beantwortet diese Fragen nicht theoretisch, sondern existenziell. Er denkt schreibend, tastend, manchmal unsicher, aber immer ehrlich.
Die Sammlung ist insgesamt sehr stimmig und abwechslungsreich. Reisen, Beobachtungen und essayistische Reflexionen greifen ineinander und ergeben ein geschlossenes Ganzes. Man spürt Knausgårds Neugier auf die Welt und zugleich seine permanente Selbstbefragung. Gerade diese Mischung aus Außenblick und innerer Bewegung macht das Buch so lesenswert.
Gleichzeitig bleibt bei mir ein leiser Wunsch offen. Knausgård brilliert für mein Empfinden besonders dann, wenn seine Texte ausufern dürfen, wenn sie den Rahmen sprengen und sich verlieren. Genau dort, wo seine Romane oder auch seine Texte zu Anselm Kiefer und Edvard Munch ihre größte Kraft entfalten. Im Augenblick ist kontrollierter, konzentrierter, vielleicht auch gezügelter.
Das schmälert jedoch nicht den Gesamteindruck. Im Augenblick ist ein starkes, kluges Buch, das erneut zeigt, wie ernsthaft Knausgård das Schreiben nimmt. Und es ist ein Buch, das meine Liebe zu seinem Werk nur noch größer gemacht hat.
Redaktionell etwas enttäuschend, dass die Tübinger Vorlesungen hier nochmals abgedruckt wurden. Die gibt es bereits seit langem in Einzelauskopplung. Ansonsten lernt man Knausgard bei der Amerikareportage noch (?) besser kennen. Herausragend sind die kleinen Essays zu bekannten Romanen der Literaturgeschichte, etwa zu „Die Brüder Karamasow“. Hier lernen wir Knausgard als verblüffenden und klugen Analysten kennen, der vor allem Lust auf die eigene Lektüre dieser großen Werke macht. Im Hintergrund steht bei diesem Werk also auch die Frage: Warum der Roman wichtig ist? So lautet dann konsequenterweise der Titel des ersten Essays. Dieser Hintergrund macht das sehr teure Werk zur Bereicherung.
Im Augenblick von Karl Ove Knausgård ist ein Paradox in Buchform: eine Sammlung kürzerer Texte von einem Autor, der literarische Monumentalbauten gewohnt ist. Und doch bringt es dieser Band auf beinahe 850 Seiten. Wer hier asketische Miniaturen erwartet, verkennt Knausgårds Temperament. Selbst im Essay kennt er kein wirkliches Maß, sondern nur Intensität.
Was diesen Band zusammenhält, ist weniger ein Thema als eine Haltung. Knausgård schreibt über Reisen, über Literatur, über Malerei, über Computer, über Neurochirurgie. Er reist nach Russland und fragt sich bereits am ersten Tag, was ihn hierhergetrieben hat. Er folgt den Spuren der Wikinger in Amerika und landet gedanklich bei einer verstopften Hoteltoilette. Er denkt über Flauberts Emma Bovary nach, über Dostojewskis Brüder, über Bergmans Arbeitsnotizen. Und immer wieder landet er bei sich selbst. Nicht aus Narzissmus, sondern aus methodischer Konsequenz. Für ihn ist das Ich kein Ornament, sondern das Messinstrument, mit dem Welt vermessen wird.
Seine große Obsession bleibt die Differenz zwischen Wirklichkeit und ihrer symbolischen Form. Warum bleiben wir vor einem gemalten Baumstamm stehen, aber nicht vor einem echten? Warum vermag ein Roman mehr über uns auszusagen als ein Erlebnis? Knausgård denkt solche Fragen nicht abstrakt, sondern tastend, schreibend, manchmal umständlich, aber immer mit einer existenziellen Dringlichkeit. Er betreibt keine Literaturtheorie, sondern Literaturerfahrung. Wenn er über Die Brüder Karamasow schreibt, dann nicht als akademischer Kommentator, sondern als jemand, der wissen will, warum der Roman als Form überlebt hat. Seine Antwort ist kein Manifest, sondern ein implizites Bekenntnis: Weil im Roman das Banale und das Absolute denselben Ernst erfahren.
Überhaupt liegt die eigentliche Stärke dieses Bandes in dem, was man einen Heroismus des Alltäglichen nennen könnte. Knausgård macht aus einer Hoteltoilette, einem sibirischen Kuhhirten oder einem ABBA-Hologramm keine Anekdoten, sondern Versuchsanordnungen. Er prüft an ihnen die Endlichkeit des Menschen, die Macht der Geschichten, die Frage, wie sehr eine Gesellschaft von einer dominanten Erzählung zusammengehalten oder deformiert wird. Seine Beobachtung, dass autoritäre Systeme eine einzige Geschichte über alle anderen stellen, liest sich heute wie eine stille Warnung.
Nicht alles überzeugt in gleichem Maß. Manche philosophischen Passagen geraten spröde, manche Texte wirken im Vergleich zu seinen großen Romanprojekten fast gezügelt. Die erneute Veröffentlichung bereits bekannter Vorlesungen hinterlässt zudem einen leicht redaktionellen Beigeschmack. Und doch bleibt der Eindruck einer intellektuellen Großzügigkeit. Knausgård will nicht recht behalten, er will verstehen. Er schreibt, um sich selbst beim Denken zuzusehen.
Am Ende ist „Im Augenblick“ weniger eine Essaysammlung als ein Labor des Bewusstseins. Wer stringente Thesen sucht, wird mitunter Geduld aufbringen müssen. Wer jedoch bereit ist, sich auf diese mäandernde Bewegung zwischen Außenwelt und Innenraum einzulassen, erlebt, wie aus scheinbar flüchtigen Momenten existentielle Verdichtungen werden. Knausgård zeigt einmal mehr, dass Literatur nicht Antworten liefert, sondern Wahrnehmung schärft. Und dass ohne das Bewusstsein der Endlichkeit weder Kunst noch Mensch zu haben sind.