Tolle Themen, ausbaufähige Umsetzung.
Die Bücher von Gabriella Santos de Lima sind für mich immer eine kleine Wundertüte. Während ich "Warum willst du jetzt schon gehen?" sehr geliebt habe, konnte ich mit allen drei Bänden der "Above the Clouds"-Reihe leider so gar nichts anfangen und auch hier bin ich wieder zwiegespalten...
Das Setting konnte mich von Anfang an begeistern und ich habe dieses Buch fairerweise auch hauptsächlich deswegen gekauft. Ich liebe Frankreich und die Idee rund um das Duft-Imperium hat mir ebenfalls richtig gut gefallen, auch wenn sie hier noch nicht allzu viel Raum eingenommen hat, aber das wird sich in den Folgebänden sicherlich noch ändern. Die Geschichte war atmosphärisch, sommerlich und herrlich melancholisch.
Thematisch hat mir dieses Buch ebenfalls sehr gut gefallen, da es aktuelle und wichtige Themen behandelt und diese noch dazu sehr authentisch und nahbar beschrieben werden - Zumindest meinem Empfinden nach. Vor allem in Viola konnte ich mich sehr gut einfühlen und mit ihr mitfühlen. Allerdings war der Handlungsstrang rund um Viola's Selbstzweifel und Leistungsdruck hier schon sehr präsent, und zwar in dem Sinne, dass sich ihre immergleichen Gedankenkreise immerzu wiederholt haben, was nach einer gewissen Zeit durchaus ermüdend und anstrengend zu lesen war, wobei ich es eigentlich auch nicht als Kritikpunkt werten möchte, da es genau so authentisch ist. Dass sich Viola die ganze Zeit in ihrem immergleichen Teufelskreis dreht und auf der Stille tritt, ohne dabei in irgendeiner Form voranzukommen sorgt beim Lesen des Buches natürlich für nur bedingt notwendige Wiederholungen bis hin zu langatmigen Passagen, im gleichen Zuge kenne ich diese ewigen Gedankenspiralen aus eigener Erfahrung nur zu gut und konnte sie dementsprechend auch gänzlich nachvollziehen und nachempfinden. Lange Rede, kurzer Sinn: In Buchform erscheint es mir zu viel, aber im Grunde ist es eben genau so realistisch und glaubwürdig, was die Kritik daran hinfällig macht.
Macht euch aber auf jeden Fall vorher bewusst, dass Viola's negative Gedanken beim Lesen ganz schön herunterziehen können, wenn ihr dafür wie ich anfällig seid - Da muss dieses Buch schon zur richtigen Zeit kommen.
Ich mochte beide Protagonist:innen sowie ihre individuellen Geschichten, Themen und Probleme sehr gerne, jedoch konnte ich ihre gemeinsame Geschichte nicht so richtig fühlen und die sollte ja eigentlich das Herzstück des Buches markieren. Mir fehlte es bei der Liebesgeschichte zu stark an emotionaler Tiefe, Gefühlsintensität und Knistern. Ich konnte die Gefühle der beiden füreinander zu wenig greifen, ihre vermeintlich besondere Verbindung nicht spüren.
Davon abgesehen hätte ich mir mehr Fokus auf Luc und seine Themen gewünscht, da sie wirklich viel Potenzial mitbrachten und mir zuvor auch noch in keinem anderen Buch untergekommen waren. Es ist so toll, dass Gabriella Santos de Lima diesem Thema eine Bühne gibt, es aufgreift und enttabuisiert, da hätte sie für meinen Geschmack echt noch mehr ins Detail und in die Tiefe gehen können. Dadurch dass es viel mehr Kapitel aus Viola's Perspektive gibt, standen ihre Probleme für mich immer mehr im Vordergrund als Luc's Geschichte. Zudem hätten mehr Kapitel aus Luc's Sicht auch für mehr Abwechslung sorgen können, gerade da sich bei Viola sowieso so viel wiederholt.
Die Nebencharaktere blieben hier im Vergleich zu den Protagonist:innen übrigens sehr blass und eindimensional, was ich ziemlich schade fand. Selbstverständlich liegt der Fokus immer auf den Protagonist:innen, aber ein bisschen mehr Substanz können die restlichen Figuren schließlich trotzdem mitbringen oder? Sie waren für meinen Geschmack viel zu beliebig und austauschbar, leere Hüllen und reine Statist:innen.
Die Geschichte ist die meiste Zeit über in einem positiven Sinne ruhig und plätschert in einem gemächlichen Tempo so dahin, was mir gut gefallen hat. Natürlich ist die Geschichte vorhersehbar, das bleibt bei diesem Genre schließlich auch nur seehr selten aus, aber es gibt trotzdem überraschende Momente und Entwicklungen, wodurch ich mich zu keiner Zeit gelangweilt habe. Den dramatischen Ausbruch kurz vor Schluss hätte ich in dieser Form allerdings nicht gebraucht, auch wenn ich ihn bereits hatte kommen sehen - Warum muss das bei New Adult Romances (fast) immer mit von der Partie sein?! Davor war die Geschichte nämlich nicht übertrieben dramatisch und genau das mochte ich - Schade, dass es leider nicht bis zum Ende so bleiben konnte...
Das Ende kam für mich persönlich dann auch viel zu abrupt und ging mit zu wenig Aufarbeitung einher. Die plötzliche und übereilte Konfliktlösung erschien mir nach all der Dramatik viel zu leicht und wurde den damit verbundenen sensiblen Themen in meinen Augen definitiv nicht gerecht. Das konnte und möchte ich so auch gar nicht nachvollziehen und nachempfinden können. Generell wird hier zum Schluss für meinen Geschmack zu viel unkommentiert offen gelassen bzw. hat in diesem Buch insgesamt zu wenig Raum zu seiner Entfaltung bekommen, was wirklich schade war, da ich in einigen der hier anklingenden Themen sehr viel Potenzial gesehen habe, wenn sie nur die entsprechende Tiefe erhalten hätten.
Die Vorgeschichte der Protagonist:innen fand ich ebenfalls nicht optimal gewählt, gerade die Sache mit Max und Valerie wirkte viel zu gezwungen und inszeniert - Dieser Plot Twist schien wirklich nur zu einem ganz bestimmten Zweck erzählt worden zu sein und das hat man beim Lesen einfach auch stark gemerkt. Im Zweifelsfall sollte man so etwas meiner Meinung nach dann lieber ganz weglassen.
Der Schreibstil der Autorin konnte mich dafür umso mehr begeistern. Er ist wunderbar poetisch, malerisch und ausdrucksstark. Gabriella Santos de Lima schreibt einfühlsam, gefühlvoll und nahbar. Trotz der Schwere der hier behandelten Themen behält sie in ihren Worten immer eine gewisse Leichtigkeit bei, was ich sehr zu schätzen weiß.
An dieser Stelle muss ich aber leider auch noch anmerken, dass dieses Buch erschreckend viele Rechtschreib- und Grammatikfehler aufweist - Was ist da bloß im Korrektorat/ Lektorat geschehen? Über so viele Fehler kann man einfach nicht mehr hinweglesen, ohne dass der Lesefluss dabei gestört würde. Hoffentlich kann das für die nachfolgenden Auflagen noch angepasst werden.
Ich hoffe, ihr habt durch meine Ausführungen einen guten Eindruck von den positiven und negativen Seiten des Buches bekommen (die natürlich wie immer subjektiv sind) und könnt nun besser einschätzen, ob die Geschichte etwas für euch wäre 💜
3/ 5 Sterne ⭐️