Wir hatten zwar nix, aber davon viel mehr. Eigentlich war es doch eine wunderschöne Zeit.
Stimmt das wirklich? Oder haben unsere gnädigen Hirne aus dem Erinnerungsalbum namens »Die gute alte Zeit« einfach nur ein paar unschöne Details von der mentalen Festplatte gelöscht? Wie zum Beispiel die körperlich spürbare Langeweile, den Zigarettenqualm im tierisch engen Urlaubsauto, Vokuhila und Dauerwelle auf allen Köpfen, miefig vertäfelte Partykeller, Mettigel als Haustierund nur zwei Fernsehprogramme mit Sendeschluss.
Ein fabelhafter Boomer-Boy auf den Spuren der Zeit – das neue Buch des SPIEGEL-Bestsellerautors
In seinem neuen Buch öffnet Oliver Kalkofe sein Boomer-Herz und seine persönlichen Fotoalben. Er nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die eigene Jugend und fragt sich im Namen aller War früher wirklich mehr Lametta? Was hat die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun – und lässt sich die Gegenwart ohne die Vergangenheit überhaupt verstehen?
Persönlich und eine satirische Parodie mit Herz
Oliver Kalkofe analysiert die vermeintlich goldenen Boomer-Zeiten mit bewährt drastischer Komik und raffinierter Wortkunst. Dabei stellt er sich selbst und eine ganze Generation vor den Waren die Blöden damals wirklich noch schlauer als heute? Saufen wir uns die 70er, 80er und die Jahre drum herum letztlich nur schön – oder hatten wir das Glück, in den besten Jahrzehnten überhaupt groß zu werden?
Wir saßen tagelang in Kalks Studentenbude, funktional eingerichtet ausschließlich mit Billy-Regalen voller VHS-Kassetten und konnten uns einreden, das "A-Team" gucken und dabei Pizza fressen sei wissenschaftliche Arbeit. Oliver Welke
Oliver Kalkofe erinnert sich als (fast) Boomer an die "schöne alte Zeit" und fragt sich, ob das alles wirklich so toll war, oder wir uns das nur gerne rückblickend einreden.
Ach, das war richtig nett. Obwohl Kalkofe und mich fast auf den Tag genau 20 Jahre trennen, konnte ich mich an ganz viel, was er da erzählt, auch noch erinnern. Es geht ums typische Essen von früher (freitags gab's immer Fisch, weil das ist halt so), Film und Fernsehen (im Frottee-Schlafanzug ging's frisch gebadet vor den Fernseher für Wetten dass..?!), Ferienerinnerungen, Partykeller-Momente und alles, was sonst noch so die Zeit vor dem Internet geprägt hat. Und das war ein richtig schöner Walk down Memory Lane ❤️
In “Nie war Früher schöner als Jetzt” teilt Oliver Kalkofe in gewohnt bissiger Manier aus gegen Ewiggestrige und wirft zeitgleich einen nostalgischen, aber unverklärten Blick in die Kindheit und Jugend westdeutscher Boomer. Auch als älterer Millennial lassen sich hier noch viele Parallelen entdecken und vieles, was einem entfallen war, drängt sich wieder ins Bewusstsein (z.B. Yps! Mit Gimmick!). Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und besonders schön war es zu sehen, dass Kalkofe sich nicht ideologisch in die Riege bekannter alter weißer Männer einreiht, sondern ein durchaus fortschrittliches (um nicht zu sagen wokes!!!) Mindset vertritt - was wirklich enorm erfrischend ist. Seinen Schreib- und Erzählstil (er spricht das Hörbuch wie gewohnt selbst, glücklicherweise), der gern eher plump ist, muss man jedoch mögen, denn der hat sich in den vergangenen dreißig Jahren nicht verändert.
*Das Hörbuch wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Wenn ich meinen Kindern davon erzähle, wie wir früher von der Telefonzelle aus jemanden angerufen haben, wie wir unsere Uhren mit Hilfe der Zeitansage gestellt haben und dass wir eine Woche lang auf die nächste Folge unserer Lieblingsserie warten mussten und dass man diese nur zu einem festen Termin sehen konnte, aber nur wenn man die Zimmerantenne nicht versehentlich einen Millimeter bewegt hatte, komme ich mir immer vor wie ein Dinosaurier. Ja, es hat schon vorher solche Bücher über diese Zeit gegeben, z.B. "Generation Golf". Aber niemand schreibt über die "gute alte Zeit" so witzig wie Oliver Kalkofe. Und außerdem war es ja auch die beste aller Zeiten, davon bekommt man ja eh nie genug. Erinnert Euch nur mal an den kalten Krieg, den sauren Regen, das Waldsterben, Tschernobyl und die Abwesenheit jeglicher Pflanzenmilch und für die Herstellung von Tofu kam man damals angeblich sogar in den Knast...
In bester Kalkofe Manier lässt Oliver Kalkofe sich teils modisch, teils ernst über die Kindheit und Jugendjahre und jungen Erwachsenen Jahre der Boomer aus. Er stellt die Frage: war früher wirklich alles besser? Oder romantisieren wir doch einiges? So zeigt er auf, dass die Möglichkeiten der Zerstreuung, insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene in den Siebzigern und Achtzigern und Neunzigern noch sehr weit von den heutigen Möglichkeiten von Social Media und Musik und Videostreaming entfernt fahren. Er beschreibt die Gründe dafür, warum insbesondere in Boomer Haushalten Bars und Partyräume im Keller sind und vieles mehr… Kurzweilig, ja, aber jetzt nicht unbedingt anspruchsvoll.
Das Buch scheitert irgenwie an meinen Erwartungen. Ich mag Kalkofe, ohne sehr viel von ihm konsumiert zu haben. Hier und da mal etwas von seiner Mattscheibe, aber viel mehr war es dann auch nie. Er ist ca. 12 Jahre älter als ich, trotzdem konnte ich sehr gut mit seinen Erzählungen von seiner Kindheit/Jugend dem Erwachsen sein connecten. Vieles kam mir doch sehr bekannt aus meiner Vergangenheit bekannt. Dadurch stellt sich bei vielen Geschichten ein wohliges nostalgisches Gefühl ein. Aber ich fands überraschend humorlos, recht oberlehrerhaft, das hat mich dann auf Dauer eher gelangweilt, wenn nicht gar gestört.
Danke für die vielen Kleinigkeiten, die ich tatsächlich schon vergessen hatte! Und für die Denkanstösse. Jetzt weiss ich wenigstens, warum früher immer alles besser war.