Ein Leben voller Privilegien und beruflicher Meriten!
Kurzmeinung: Das ca. 300seitige Buch kam mir vor als ob es 1000 Seiten hätte.
In der Autobiografie des Historikers Hermann August Winklers beschreibt der Autor seinen beruflichen Werdegang. Privilegiert aus einem Akademikerhaushalt stammend, und glücklicherweise dank seines Geburtsdatums (1938) mit dem Nationalsozialismus nur am Rande in Berührung gekommen, vollzieht sich seine schulische und berufliche Entwicklung sozusagen lücken- und nahtlos, führt zu einem akademischen Leben, verdient sich alle nur denkbaren beruflichen Meriten.
Mit Recht darf der Autor auf seine beruflichen Verdienste stolz sein:
Er schreibt: "Am 16. März 2016 wurde mir für die „Geschichte des Westens“ auf der Leipziger Buchmesse der Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung verliehen. Zwei Jahre zuvor, im August 2014, war ich in Ascona für mein wissenschaftliches und publizistisches Gesamtwerk mit dem Europapreis für politische Kultur der Hans Ringer Stiftung ausgezeichnet worden. Dem Gesamtwerk galt auch das Große Bundesverdienstkreuz, das mir Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im März 2018 verlieh.“
Bravo. Aber.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Von Anfang an bin ich von der Eloge auf sich selbst und von dem Namedropping schockiert. Wen ich nicht alles getroffen habe, resümiert Hermann August Winkler. In welcher bedeutenden Zeitung er nicht schon veröffentlicht habe (DIE ZEIT, Spiegel, etc.), wer ihn alles zitiert hat und mit wem er alles in Gedankenaustausch stand/stünde und wen alles er beeinflusst hat. Toller Hecht, der Herr Professor! Wahr ist, so einen Prof. zu haben, der wirklich zu allem eine (fundierte) Meinung hat und in einem geistigen Austausch mit führenden Größen der Welt steht, muss ein Segen gewesen sein.
Aber davon lesen, wenn er nicht mein Prof. gewesen ist? Und ich den Herrn persönlich nicht kenne und noch nie etwas von ihm gehört oder gelesen habe? Wie wahrscheinlich die meisten Leute auf der Straße! Es ist mir herzlich egal, wie viele Orden und Auszeichnungen der Autor erworben hat und welche und wie viele Publikationen er hat. Das ist neige d’antan!
Das Werk „Warum es so gekommen ist“ geht in mehreren Ebenen in enervierender Detailversessenheit, was die Verdienste des Autors angeht, grob durch die Zeitgeschichte, manchmal ist das Vorgetragene – beinahe – interessant, zum Beispiel, wenn Winkler über den Sinn von Studiengebühren nachdenkt oder darüber, ob die Türkei in die EU aufgenommen werden sollte oder hätte werden sollen. (Er ist dagegen, ich bin dafür). Die kurzen Stellungnahmen zu politischen Themen laufen jedoch wirklich jedes Mal darauf hinaus, dass Winkler darauf hinweist, in welchem Artikel er dazu ausführlich Stellung genommen hat! Hätte ich diese Hinweise in Fußnoten gefunden, bewertete ich diese Hinweise als professionell, im Sinne von „wer mehr wissen will, lese dort nach“, aber im Fließtext höre ich als Metabotschaft immer nur „ich bin so toll, ich bin so klug, jeder wollte immer hören, was ich zu allem und jedem zu sagen hatte“. Andere Leser mögen anders empfinden.
Das vorliegende Buch ist so unpersönlich, nicht einmal betreffend der politischen Celebrities, deren Bekanntschaft er sich an sein Revers steckt, sind Emotionen seinerseits erkennbar! Damit sind seine Ausführungen für mich uninteressant. Warum es so gekommen ist – was ist denn „es“? Das Leben Winklers? Es ist so gekommen, weil er das Privileg besaß, wie die meisten deutschen intellektuellen Akademiker, sich in einer Blase zu bewegen, fernab aller persönlichen Nöte und Ängste. Ist „es“ die Weltlage? Davon ist in kurzen Repliken zu ahnen, die jedoch stets in Selbstlob münden.
Wovon ich lieber gelesen hätte, als davon, welche Artikel Winkler in welcher Zeitung veröffentlichen konnte, immer mit Angabe von Tageszeitung, Jahreszahl und exaktem Tagesdatum – wen interessierts? – wären Themen gewesen, wie es an einer Universität zugeht und wie man sich im Intrigenstreit behauptet, wieso ein Professor sich in der Weltpolitik herumtreibt und wie er persönlich lebt und lebte.
Fazit: Ein Berufsleben voller Verdienste und Ehrungen. Das schon! Aber auch ein sich auf die Schultern klopfen. Hat Winkler das nötig? Sollte eine Geistesgröße nicht die Geistesgröße haben, sich von anderen loben zu lassen?
„Warum es so gekommen ist“, ist mein Buch nicht, wie man so schön sagt. Ich finde es langweilig! Mit großem Gewinn lesen würde ich freilich sein mehrbändiges Werk „Die Geschichte des Westens“ und auch seine anderen Publikationen hätten mich interessiert. Vielleich lässt mir der Herr Professor ja sein berühmtes mehrbändiges Geschichtswerk zu kommen! Ich würde mich freuen. Mehr Sterne gäbe es für das vorliegende Buch jedoch dennoch nicht.
Kategorie: Autobiografie
Verlag: C.H.Beck, 2025