Jenseits der Katastrophe: Die „Idee des Kommunismus“ neu denken
Die von Slavoj Žižek und anderen herausgegebene, dreibändige Reihe „The Idea of Communism“ markiert eine der provokantesten philosophischen Interventionen des frühen 21. Jahrhunderts. Jenseits der historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verfolgt sie ein ebenso ambitioniertes wie notwendiges Ziel: die Rehabilitierung des Begriffs „Kommunismus“. Entstanden aus einer Reihe von Konferenzen (beginnend 2009 in London, über New York bis Seoul), versammelt das Projekt Denkende wie Alain Badiou, Žižek selbst, Étienne Balibar und Susan Buck-Morss, um die „kommunistische Hypothese“ aus der ideologischen Geiselhaft ihrer katastrophalen Geschichte im 20. Jahrhundert – insbesondere des Stalinismus – zu befreien. In einer Zeit nach dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“ und inmitten einer globalen Finanzkrise wagen es diese Bände, die Idee einer radikalen Alternative zum Kapitalismus philosophisch neu zu begründen.
Besonders exemplarisch verdichtet sich dieses Anliegen im zweiten Band, hervorgegangen aus der New Yorker Konferenz 2011. Wie Slavoj Žižek in seiner Einleitung scharfsinnig festhält, fand die Konferenz auf dem Höhepunkt der globalen „emanzipatorischen Ereignisse“ jenes Jahres statt – vom Arabischen Frühling bis zur Occupy-Wall-Street-Bewegung. Žižek diagnostiziert jedoch nicht nur den Enthusiasmus, sondern bereits dessen „immanente Erschöpfung“ und „Fragilität“. Das Ziel des Bandes ist daher kein verfrühter Jubel, sondern ein „kognitives Mapping“ (Fredric Jameson) dieser Konstellation: Wie kann die Idee des Kommunismus angesichts einer Revolte, der die Nachhaltigkeit zu fehlen scheint, neu gedacht werden?
Der zweite Band spiegelt diese intellektuelle Dringlichkeit wider, indem es das Problem aus verschiedensten philosophischen Blickwinkeln einkreist. Alain Badiou eröffnet gewohnt provokant mit der „Frage des Terrors“ und weigert sich, die radikale Linke auf ein rein liberal-demokratisches Terrain abzudrängen. Susan Buck-Morss, deren Werk „Dreamworld and Catastrophe“ die gemeinsame utopische Matrix von Ost und West analysierte, knüpft hier mit dem Entwurf einer „Commonist Ethics“ (einer Ethik des Gemeinsamen) an, die direkt auf die Logik der Occupy-Bewegung Bezug nimmt.
Während Étienne Balibar die Grundlagen von „Commitment, Imagination, and Politics“ auslotet, tauchen andere Beiträge tief in die affektiven und theoretischen Voraussetzungen des Kommunismus ein. Jodi Dean untersucht das „Kommunistische Begehren“ (Communist Desire) und fragt nach der psychoanalytischen Triebkraft, die für eine politische Subjektwerdung nötig ist. Adrian Johnston wiederum gräbt tief in der marxistischen Tradition, um in „From Scientific Socialism to Socialist Science“ die Relevanz einer Naturdialektik für die Gegenwart zu prüfen. Abgerundet durch Žižeks eigene paradoxe Intervention („Answers Without Questions“) zeigt sich der Band weniger als Handbuch für die Revolution, sondern als Momentaufnahme eines radikalen Denkens im Angesicht der Krise.
Wie die gesamte Reihe bietet auch der zweite Band keine fertigen politischen Programme. Sein Wert liegt vielmehr in der rigorosen theoretischen Arbeit, die das Denken einer Alternative jenseits des Kapitalismus erzwingt und, wie Frank Ruda es im Titel seines Beitrags formuliert, das „Unmögliche“ (das Erbe des Kommunismus) in der Erinnerung wachhält. In hegelschem Sinn ließe sich sagen, dass die Idee des Kommunismus nicht als fertiges Resultat, sondern als Bewegung des Widerspruchs zu denken ist – als Negativität, die das Bestehende infrage stellt.