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Fische im Trüben: Roman

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Ein sprachlich faszinierendes Debüt, ein intensiver, überraschender Blick auf einen uns weitgehend unbekannten Teil europäischer Geschichte.

Elli Unruh erzählt aus dem Leben einer russlanddeutschen Familie, die bis Ende der achtziger Jahre in der Sowjetunion, im südlichen Kasachstan, lebte – Nachfahren von Mennoniten, die einst von Katharina der Großen ins Zarenreich geholt wurden, um dort landwirtschaftliche Kolonien zu betreiben.
Man taucht ein in eine faszinierende, ganz und gar andere Welt mit eigenen Lebensweisen, geprägt von familiären und religiösen Traditionen, aber auch von Erfahrungen mit Enteignung, Verfolgung, Deportation und ständiger Überwachung durch die sowjetische Miliz und die »Bevollmächtigten«.
Geschrieben in einer klaren, poetischen Sprache, ­angereichert durch das besondere Deutsch, das die Mennoniten aus Westpreußen mitgebracht hatten. Und das alles vor dem Hintergrund einer wunderschönen, fruchtbaren Landschaft mit riesigen Apfelplantagen, wilden, fischreichen Flüssen und weiten Steppen am Rande des Tian Shan-Gebirges.

Ursprünglich gründeten Mennoniten aus Westpreußen Ende des 18. Jahrhunderts auf Einladung der Zarin Katharina der Großen deutsche Kolonien im Russischen Zarenreich, vor allem im Gebiet der heutigen Ukraine, entlang des Flusses Molotschna und auf der Krim. Sie bekamen Land, Autonomie und Religionsfreiheit zugesichert. Bis Ende 1917 blieben die Männer von der Wehrpflicht befreit, da der Dienst an der Waffe gegen ihre religiöse Überzeugung verstoßen hätte.
Mit der Februarrevolution endete auch die Erfolgsgeschichte der deutschen Siedler. Im darauffolgenden Bürgerkrieg mussten viele Mennoniten fliehen, verloren Land und Besitz. Unter Stalin endete die Religionsfreiheit, Kirchen und Schulen wurden geschlossen, Gemeinden enteignet und aufgelöst.
Später, nach dem deutschen Überfall 1941 auf die Sowjetunion, wurden die Familien »hinter den Ural«, nach Sibirien oder Nordkasachstan deportiert; viele verhungerten, viele wurden als »Verräter« hingerichtet. Die deutsche Sprache wurde verboten.
Erst unter Chruschtschow wurden die Deutschen rehabilitiert. Wer überlebt hatte, konnte Sibirien verlassen und sich in Kasachstan oder Kirgisien niederlassen. Dort lebten die Mennoniten mit anderen deutschen Siedlern, mit Russen, Kirgisen oder Tschetschenen zusammen, besuchten die gleichen Schulen und sprachen Russisch – blieben aber weiterhin als »Feinde« stigmatisiert.

200 pages, Kindle Edition

First published January 1, 2025

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Elli Unruh

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Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
530 reviews555 followers
March 4, 2026
Vor dem Unheimlichen zurückgeschreckt – diffuse Familienchronik.
Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.

Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com

Inhalt: 3/5 Sterne (atmosphärisch-plotlos)
Form: 3/5 Sterne (Sprachgedächtnis)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (diffusiv)
Komposition: 2/5 Sterne (achronische Chronik)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (orientierungslos-ehrlich)
--> 13/5 = 2,6 = 3 Sterne

Fische im Trüben heißt das (wahrscheinliche) Romandebüt von Elli Unruh, das 2026 auf der Shortlist des Leipziger-Buchmesse-Preises steht. Der Titel verweist bereits auf das poetische Unterfangen. Die Erzählinstanz fischt im Trüben nach Fetzen und Resten der Hinterlassenschaften der Russlanddeutschen zur Zeit des Kalten Krieges. Es erinnert auf seine Weise an Tomer Dotan-Dreyfus Roman Birobidschan, zumal es auch an der russisch-chinesischen Grenze spielt (aber in Kirgisien). Von der Atmosphäre jedoch bleibt es jedoch Ágota Kristófs Das große Heft eng verbunden. Fische im Trüben lebt nämlich auch von seiner besonderen Atmosphäre:

Wo fängt man an, die Sterne am Himmel zu zählen? Den Sand am Meer? Die Äpfel in den Wäldern am Fuße des Tian Shan? Rot und gelb schimmern sie am Tag und des Nachts wie polierte Kugeln aus Holz, vom Mondschein weiß bemalt, und setzen fremde Zeichen zwischen Äste und Laub. Man sagt, überhaupt ist der erste Apfel hier gewachsen. Wer weiß, kann es sein? Lag hier einmal das Paradies? So wie im Frühjahr der Duft von Bergblumen über die dichte grüne Steppe weht, scheint es möglich, und im Mai erst, wenn im Weizen der Mohn lodert, kann man sich fast sicher sein.

Die Weite und Kargheit und Fremdheit Kirgisiens für die verschleppten, verbannten Familien aus der Ukraine durchwebt den Text. Nur assoziativ begleitet der Erzählblick die Figuren. Sie tauchen auf und tauchen ab wie die gebürtige Kirgisin Baba Schura, wie der Murab Onkel Hein, oder wie der Schlangentöter Krocha oder die Vogelnest frisierte Hedi. Hier verspielt Unruhs Roman viel Potential. In Länge und Breite atmet das Leben zwischen den Figuren, unter der endlosen, isolierten kulturellen Verschanzung leidenden Individuen, die nicht aufhören wollen, Deutsch zu sprechen, noch sich vom Russischen deutlich abzugrenzen:

Onkel Hein hat Tinchen auch die zweite Bitte erfüllt, hat dem jüngeren Sohn, dem Peter, ausgeredet, eine Russin zu heiraten. Was er zu ihm sagte, weiß man nicht, doch Peter hat die Freundschaft aufgegeben.
»Wieso darf Peter keine Russin heiraten?«, fragt Artur Schmoll, noch immer streitlustig.
»Die Russen sind doch anders als wir«, sagt jemand.
»Wie anders?«, fragt Artur scharf.
»Na so anders. Was, wenn wir mit einmal nach Deutschland dürfen. Was wird dann mit denen, die sich mit Russen verheiratet haben?«


Unruhs Text, der kein wirklicher Roman werden will noch sein möchte, argumentiert sanft gegen die aufgestellten Kraftpole des Identitären. Zentral steht die Liebesgeschichte zwischen der Mennonitin Hedi und dem Russen Maxim, die allegorisch gegen das Offene strebt, das der Text auch erzählerisch anvisiert, sich dabei aber im Ungefähren verliert. Er bleibt über weite Strecken poetisch – aber durchsetzt von prosaisch Banalen, die dem historisch brenzligen Stoff nicht wirklich gerecht wird.

Viele Ansätze setzen Lichtblicke wie die seltsame Mundart der Figuren, wie die lebendigen Anschauungen der Wüste, der Tiere, wie die beschriebenen Eigenarten des Lebens im rural-geprägten Zentralasien. Leider jedoch bleibt das allzu sehr angedeutet, zu wenig auserzählt, zu wenig ausgeführt und umgesetzt, zumal der Stoff für viele Hunderte Seiten ausgereicht hätte mit all den Verstrickungen, Problemen und Drangsalen, die hier auf Schritt und Tritt, fast nur als Rhapsodie auf knapp 200 Seiten angeschnitten werden. So verbleibt am Ende ein distanziert-sentimentaler Eindruck einer versprengten Familiengeschichte ohne Hand und Fuß, aber mit viel Mut zum Widersprüchlichen und Problematischen, ein Erzählentwurf also, der die Untiefen der Historie dichterisch auslotet, aber dann bei der geringsten Berührung mit dem Unheimlichen zusammenschrickt und sich ins Sicher-Hausgemachte zurückzieht.


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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hedi, Anfang 20, und Krocha um die 10 Jahre, Region: Ost Kirgisien, in der Nähe vom See Issyk Kul, im Dorf Michailowka, südlich von Almaty, nördlich von China, Nordwest, Berg Tain Shan, Tengri Tagh, 7439m hoch.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Krocha (K) soll den Esel Anton einfangen, den sein Onkel Hein trainiert hat, Äpfel von den Feldern zu schmuggeln. Erinnerungen ans Schmuggeln. Felder und Flüsse werden von sowjetischer Miliz beschützt, um wildern zu vermeiden. K fängt eine Schlange und näht ihr das Maul zu. K findet den Esel nicht. Kurzer Streit mit seiner Mutter. K erschlägt die Schlange.
2. Hedi (H) und Ira gehen tanzen. Ira humpelt, hat sich in Viktor verguckt. H meint Maxim zu sehen, ist sich nicht sicher. Gruppendynamik in der Schule, Sweta kommt zu ihnen. H verwehrt sich, mit Sascha, einem Lutherischen, zusammenzukommen. Schenja, Frau von Hs Bruder und Ks Mutter. Ira findet K verzogen. Identitäres zum Russlanddeutschtum.
3. Da sie den letzten Bus verpassen, werden sie von der Miliz aufgegabelt, lüsterne Soldaten, und entführt, aber ein Unfall mit dem Esel Anton bewahrt sie vor Schlimmeren. Beide werden von den Soldaten als Faschisten bezeichnet.
4. H und K treffen sich vor dem Haus ihrer Oma Sara. Gehen nach Hause, suchen Onkel Hein, der in einer eigenen Hütte lebt. Gewitter, K zählt die Sekunden zwischen Blitz und Donner.
5. Erinnerung Hs an den Kartoffelkäfer, riesig, der eine faulige Knolle erzeugt oder hinterlassen hat. Training mit Bruder Werner. Ein Hahn kräht.
6. K auf den Weg zur Schule, berichtet Heinrich (Onkel Hein), dass er den Esel nicht angetroffen hat.
7. Heinrichs Geschichte, wie er Murab wurde, indem er dem Direktor eine Zahnbrücke verpasst hat. Heinrich hat zum Zahnarzt umgelernt, nachdem er verstoßen wurde und nicht mehr als Lehrer tätig sein durfte. Überlegungen nach Moldawien zu ziehen, um von dort nach Deutschland zu kommen. Heinrich unter Beobachtung (vom „Kum“). Geschwister Alfred, Sara und Marga. Umsiedlung 1928 von Molotschna (Ukraine), gegründet von mennonitischen Westpreußen, nach Mineralnyje Wody (nördlich von Georgien). 1939, anlässlich des Krieges, in die Arbeitsarmee (Trudarmee). Seine Frau Tinnchen wurde nach Schtschutschinsk, Kasachstan, zwischen Oms und Astan, verbannt. Heinrich hält es nicht im Norden, in diesen Wintern aus, seine Schwager (Saras Mann Daniel Fast) bekommt Anstellung in Mihailowka, Heinrich zieht mit, Werner, Hans und Hedi noch Kinder (Hans heiratet Schenja und bekommt mit ihr Krocha, Hedi Tante von Krocha). Dort taut Heinrich auf, sorgt für die Bewässerung.
8. Heinrichs Dressur von Anton, wie er Äpfel von den Feldern schmuggelt, packt sie Anton auf den Rücken, und wartet nachher auf ihn. Hein leidet an Trichiasis, Wimpern wachsen zusammen. Krocha schneidet sie ihm ab. Krocha lässt sich eine Taschenlampe geben.
9. Wie gebürtige Kirgisen sich beerdigen, Richtung Mekka. Baba Schura, lebt mit Hunden, Katzen und einem Huhn zusammen. H und ihre Mutter kümmern sich um Baba Schura. Spuk derjenige, die falsch beerdigt sind. Mohammed straft sie. K versucht Anni mit toter Schlange zu erschrecken. Sie zeigt sich ungerührt, provoziert eine Mutprobe, er solle eine Schlange des Nachts vom Kirgisenfriedhof erbeuten. Hierfür benötigt K die Taschenlampe. K allein Richtung Friedhof, wird von Mascha und Anni in die Irre geführt, erschreckt sich. K fühlt sich gedemütigt, will sich rächen und Anni auspeitschen. Ira erwischt ihn und schlägt ihm ins Gesicht. Er flieht. Später sieht er, wie Sascha und Ira sich treffen. Sascha war der Wunschkandidat von Schenja für H.
10. Erinnerung Hs an die Heirat von Werner und Luise. Luises Familie schon in Moldawien. H hilft ihrer Oma im Haushalt. Katja und David heiraten. K freut sich auf seinen Cousin Danil, etwas älter. Onkel Alfred reist mit Familie an. Onkel Hein wird im Winter sonderbar, sammelt gefrorene Katzen. H pflegt Baba Schura, reibt sie mit Senf ein. Geplänkel mit eifersüchtigem Huhn.
11. H versucht sich mit Ira zu versöhnen, die Sache mit Sascha steht zwischen ihnen, dass H ihn ablehnt, weil er ein Lutherischer ist. H bezweifelt, dass es Sascha mit Ira ernst ist. Draußen bei der Hochzeit Gespräch über die Trudarmee. Danil und K experimentieren mit Schießpulver, das vor ihnen aber in Sicherheit gebracht wird.
12. Ernst stellt sich vor, hat Interesse an H. Er muss zum Militär, hat etwas mit der Baikal-Amur-Magistrale zu tun. Als H von der Hochzeit geht, schenkt Katja ihr Vogelmilch, eine Dominostein-artige Süßigkeit, die H an Maxim erinnert.
13. Nicht zustande gekommenes Liebesverhältnis. H vernarrt in Maxim, nennt ihn Okurok, Zigarettenstummel; er macht sich lustig über ihr Haar, das wie ein Vogelnest aussieht. Sie will sich für ihre Beleidung entschuldigen, hierbei kommen sie sich näher. H aber eingeschüchtert, verliebt, kalte Hände. Maxim Russe, verspricht Deutsch zu lernen. Maxim geht zur Universität, H ans Technikum, Praktikum in Usbekistan. Viel später, beim Verladen von Lebensmitteln u.a. Vogelmlich, sehen sie sich wieder, endlich bringt sie den Mut auf, sich zu entschuldigen, weil sie ihn Okurok genannt hat. Es stellt sich heraus, dass es ihm gleich gewesen ist, sodass sie seine Entgegnung über ihr Haar als Gehässigkeit empfindet. Es ist aus. Maxim erweist sich als fehlbar.
14. Onkel Hein stirbt. Ira und Sascha heiraten. Tinchen zu Besuch, hat zwei Wünsche, er soll sich zu Gott bekennen und dass Heinrich seinem Sohn Peter ausredet, eine Russin zu heiraten. H und Ernst schreiben sich Briefe. Hat aber keine schmerzenden Hände. K erbt die Dokumente von Hein, mit all den Namen der Russlanddeutschen.
15. H und K ziehen nach Deutschland, vierzehn Jahre sind nach dem Tod Onkel Heins vergangen. Onkel Hein sollte Spion für die Sowjets werden, hat sich aber geweigert. Abreise 1987, sie verkaufen alles. K verabschiedet sich Dima. Ob sie sich wiedersehen? Dima süricht ein wenig Deutsch: „Hände hoch!“.
●Kurzfassung: Schicksal der Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg, werden weit in den Osten verbannt, getötet, enteignet. Sie bleiben ihrer Kultur verhaftet, versuchen zurück nach Deutschland zu kommen. Ende der 1980er Jahre gelingt es. Eine Gruppe von Russlanddeutschen wird charakterisiert, mehr oder weniger eigensinnig und oberflächlich, aber stimmungsvoll. Eigentlicher Plot: die gescheiterte Liebe zwischen Maxim, einem Russen, und Hedi, einer mennonitischen Russlanddeutschen, vor allem durch das Tabu der Familie, sich mit Russen zu vermischen.
●Charaktere: (rund/flach) keine wirkliche Charakterisierung – Figuren bleiben eher gespenstisch, unnahbar, wie Erscheinungen.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: schwierig bei diesem dissoziativen Text
●Besondere Ereignisse/Szenen: intensive Szene im Milizgefährt, ob die beiden jungen Frauen den Soldaten entkommen; das Pflegen der Baba Schura; die Abreise in die BRD, wie sie alles verhökern.
●Diskurs: Migration, Kulturwurzeln, Zweiter Weltkrieg, Stalinismus
… lebt von einigen sehr stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen, von der disparaten Atmosphäre, leider ein wenig zu skizzenhaft. Vieles wurde nicht auserzählt, vieles nur angedeutet. Empfinde den Plot nicht als tragfähig, die Liebesgeschichte doch allzu banal, zumal Maxim gar nicht existiert, nur als Phänotyp, Hedi unverständlich. Zu viele Figuren, zu viele angerissene Schicksale, zu viele Referenzen, Andeutungen, kulturhistorische Anspielungen … wirkt wie ein Arbeitsbuch; der Plot selbst zieht nicht; für die Landschaftsbeschreibung und Atmosphäre gibt es +2 Sterne.
--> 3 Sterne


Form:
●Eindruck: hauptsächlich ins Auge fallen die eigentümlichen Ausdrucksweisen der Russlanddeutschen, die hier verwendet werden, als Stör- und Fremdartigkeitselemente, interessante Verfremdung und dadurch auch immersive Sprachmelodie, eher altertümlich, fremd und dadurch entfernt, aber unausgeglichen zwischen banal, trivialer Sprache und diesen Wendungen, die dem Ganzen einen etwas unheimlichen Charakter verleihen.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) schon fiktional, durch die Brechungen, Auslassungen und poetischen Landschaftsbeschreibungen, kein Sachbuch, eher eine mündliche Tradierung von Stoffen, die auf Familienfesten gehört wird, dem Fremden von den Mündern abgelauscht
●Auffälligkeiten: „Man muss sie als ob* nur noch aussuchen“ – „aune“ statt „anno“, und so weiter, seltsame Verwendung „Spalier“, gitterartiges Gestell.
●Innovation: museales Plautdietsch
--> 3 Sterne


Erzählstimme:
●Eindruck: seltsam unentschieden, hier und da sogar kommentierend, aber sich nicht zeigend, eine springende, versteckende, fast unheimliche Instanz, die sich nicht zu erkennen gibt; hierdurch aber kein Glaubwürdigkeitsverlust, da alles Ungereimte einfach so stehen bleibt, als Rohmasse, undurchgebildet, kaum erzählt, eher bewusst verunklart, um den Stand der Forschung, der eigenen Reflexion dichterisch abzubilden.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von alldem.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: distanziert, nüchtern, etwas sentimental, aber auf eine wenig identifikatorische Weise, eher Distanznahme zu einer Familiengeschichte, nicht klar, noch in Schwebe, eine Suche.
●Einschätzung: leider keine poetische Durchbildung, eher eine zumindest klare Abgrenzung zum Klaren, die durch diffusives Erzählen von Zuviel auf zu wenig Raum gelingt. Hinterlässt aber dadurch ungereimten Eindruck.
--> 2 Sterne


Komposition:
●Eindruck: das Buch lebt davon, dass der eigentliche Gegenstand, der Rassismus, der kulturelle Eigendünkel der Russlanddeutschen sprachlich umschifft wird. Im Grunde mutig, den Rassismus der Russlanddeutschen hervorzukehren, die Abgrenzungen, der Schmerz, das Gedächtnis, das Unvollkommene, die Flucht etc … ein Mischmasch, der kaum Hoffnung aufkommen lässt, zu zerfahren, in sich zerstritten sind alle miteinander mit allem.
●Signal/Noise-Ratio: eigentlich alles Noise, kaum Signal.
●Operative Geschlossenheit: nein, da keine Erzählung, kein Plot, keine Dynamik.
●Rahmenstabilisierende Details: nein
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): der gelingt durch Erinnerungseinschübe, unklare Chronologie, unklare Personenbezeichnungen (Heinrich, Onkel Hein etc …)
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: kaum
●Einschätzung: im Grunde linear bis zum Ende des kalten Krieges erzählt, wenig einfallsreich für eine Chronik chronologisch achronisch Stoff zu versammeln.
--> 2 Stern


Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Gefühl von einem unfertigen Text, teilweise zu angedeutet, zu viele Figuren, die nicht ausgestaltet werden – der Esel Anton, die Freundschaft zwischen Hedi und Ira, der Konflikt zwischen Anna und Krocha, das Zusammenkommen zwischen Hedi und Ernst. Insgesamt auch eine Sprache, die fast im Rohbau verbleibt, gar nicht fertig wirkt – zwar im Ton sich anverwandelt und so etwas wie Verfremdung erzeugt (gelungenerweise), dennoch die Weite und Breite der Landschaft, die Isoliertheit nur bedingtheit veranschaulicht, schon gar nicht ästhetisch als Gegenstand präsentiert. Wirkt wie Schnipsel, ein Potpourri, eine Art museales Aufheben, fast autofiktional, eher wie ein Sachbuch, besäße es nicht die eigenwillige Diktion der Russlanddeutschen.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) hebt sich durch die Sprache ab, ja, sehr eigenwillige Erzählweise, widerborstig, struppig.
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) fast unmöglich zu beantworten, so schwebend, unklar, wie der Text bleibt, auch gibt es kaum so etwas wie eine Erzählinstanz, schon gar nicht reflektiert, perspektiviert.
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise schöne Sätze, intensive Szenen, über weite Strecken aber karg wie die beschriebene Mondlandschaft
●stimmig?(Komposition: ja/nein) da es kaum eine figurative Handlung gibt, schwierig, für sich genommen, ein Zeitdokument, etwas Dokumentarisches, Unklares, Verzetteltes, viel zu sehr im Rohform verblieben
●ein zweites Mal lesen? Nein
… über die Diktion und das Setting interessant, auch die Sprache hat Konzentration, Fokus erfordert, eher schwierig die vielen Figurennamen, die ohne wirkliche Einführung in die Welt plumpsen, sehr oberflächlich auf seine Weise, aber nicht schmerzhaft oder ärgerlich, eher ungewöhnlich, daher
--> 3 Sterne

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Profile Image for Tom K..
93 reviews16 followers
Read
March 12, 2026
Ich mag keine Sternebewertung für dieses Buch abgeben. Mein Interesse war nicht in erster oder einziger Linie ein literarisches, als ich es gelesen habe, sondern in historisches und religiöses. Das Milieu, das dieser Roman schildert, ist das russlanddeutscher Mennoniten im südlichen Kasachstan zur späten Sowjetzeit, bevor die großen Auswanderungswellen der Russlanddeutschen nach Deutschland einsetzten.

Das hat mich interessiert. Wenig mochte ich die Erzählstruktur des Romans. Es gibt keine stringente Handlung, es werden kurze Episoden im Leben der Familie und des Dorfes geschildert. Dabei stehen als Hauptfigur die junge Hedi im Mittelpunkt, die zu Beginn des Romans eine Jugendliche ist, und Krocha (eigentlich Kornelius), der ca. 9 Jahre alt ist. Eine weitere wichtige Figur ist Heinrich, ein älterer Onkel, der im Verlauf des Romans stirbt. Am Ende wandern Hedi und Krocha mit ihren Familien nach Deutschland aus.

In diese Schilderungen des Alltagslebens hinein sind immer wieder kurze historische Rückblenden eingeschaltet, die mich weitaus mehr interessiert haben. Es geht um die gewaltvolle Geschichte der deutschen Glaubensflüchtlinge, die über Generationen mehrfach umgesiedelt, deportiert, inhaftiert und fortwährend schikaniert wurden. Noch immer sprechen sie ihren alten niederdeutschen Dialekt, das Plautdietsch. In ihrer jetztigen Umgebung sind sie als die "Faschisten" geschmäht. Sie sprechen Russisch, aber innerhalb der Familie zumeist ihren deutschen Dialekt. Aber auch als Deutsche sind sie noch differenziert, denn in der gleichen Region wohnen neben den Mennoniten auch noch Schwaben, die sind lutherisch und somit auch wieder anders...

Im Hinblick auf diese Thematik hatte das Buch interessante und dichte und schön erzählte Passagen. Allerdings bildet dies eher den Hintergrund des kurzen Romans. Der Vordergrund sind die o.g. Alltagsschilderungen, die mich weniger gefesselt haben.
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