Hannah Arendt ist die Denkerin des 20. Jahrhunderts. In ihren Schriften wie in ihrem Leben spiegeln sich die tiefgreifenden Erschütterungen dieser Aufstieg und Fall totalitärer Regimes, Flucht- und Fremdheitserfahrungen, aber auch hoffnungsvolle Neuanfänge prägten ihr gesamtes Denken. Doch Arendt wollte nicht nur berichten und bezeugen, sondern begreifen. Wie keiner zweiten gelang es ihr, die radikalen Brüche, existenziellen Verlusterfahrungen und unverhofften Chancen des dramatischen 20. Jahrhunderts zu verstehen – und zu leben.
Grit Straßenberger präsentiert ein neues, lebendiges Bild der außergewöhnlichen Durch einen starken Fokus auf die Erinnerungen und Geschichten, die von Freunden, Kollegen und Schülern über Arendt erzählt wurden, lernen wir die Person hinter der einzigartigen Philosophin kennen. Obwohl ihr die Rolle der Intellektuellen zutiefst suspekt war, wurde sie zu einer Intellektuellen von Weltrang. Ihr Denken war irritierend und eigensinnig, sie eckte überall an, war aber alles andere als eine Einzelgä Die Liste von Arendts Bekanntenkreis liest sich wie das «Who is Who» der westlichen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Arendt führte ihr Jahrhundertleben als eine «Virtuosin der Freundschaft», für deren Denken zwischenmenschliche Verbindungen unverzichtbar waren – und die auch heute noch unsere Freundin im Geiste sein kann.
Neue Biografien stiften üblicherweise auf zweierlei Weise einen Mehrwert. Entweder sie fördern neue Erkenntnisse zutage, bspw. durch Erschließung bisher unbekannter Quellen. Oder sie betrachten das Leben und Wirken einer Person aus einer spezifischen Fragestellung, wodurch sich neue, interessante Perspektiven ergeben. Die neue Hannah Arendt Biografie von Grit Straßenberger, Professorin für Politische Theorie an der Universität Bonn, gehört zweifelsohne der zweiten Kategorie an. Obwohl bereits einige Biografien zu Arendt vorliegen, gelingt Straßenberger das Kunststück, mit ihrem Fokus auf das intellektuelle Beziehungsgeflecht Hannah Arendts eine neue Seite der bedeutendsten politischen Theoretikerin des 20. Jahrhunderts aufzuzeigen.
Auf den rund 480 Seiten von „Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert“ wird vor allem die reife Arendt porträtiert, sodass ihre jungen Jahre in Deutschland und Paris verhältnismäßig kurzgehalten sind. Wie bereits angedeutet stellt Arendts persönliches und intellektuelles Verhältnis zu anderen Geistesgrößen aus ihrem Umfeld einen wiederkehrenden topos dar. So erfahren wir, dass ihr Verhältnis zu Leo Strauss sehr distanziert war, sie für das Werk Dolf Sternbergers – immerhin Mitgründer der deutschen Politikwissenschaft – nicht viel übrighatte und dass sie mit ihrer sturen, unnachgiebigen und bisweilen auch provokanten Art, insb. im Kontext der Eichmann-Debatte, auch bereit war, langjährige Freundschaften zu riskieren, wie u.a. zu Gershom Scholem oder Hans Jonas.
Insgesamt hat mich diese Biografie sehr überzeugt, weil sie ausbalanciert daherkommt und neben den Beziehungsgeflechten und persönlichen Aspekten auch kurze Einführungen in ihre wichtigen Werke leistet, allen voran zu „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und der „Vita Activa“. Auch das Schlusskapitel mit 10 demokratietheoretischen Fragen zum Denken Hannah Arendts trägt zum besseren Verständnis bei. Für den allgemein-interessierten Leser dürfte „Die Denkerin“ damit erste Wahl unter den Hannah Arendt-Biografien sein.
Die Biografie beschränkt sich nicht nur auf das Leben von Hannah Arendt, sondern gibt auch Einblicke in das Werk und Denken und ist damit genau das, was ich gesucht habe. Die einzigen kleinen Punkte die ich zu ergänzen hätte, wären, dass ich mir teilweise einen größeren Einblick in das Werk der anderen vorgestellten Personen oder Freunde und Bekannten Arendts gewünscht hätte, beispielsweise von Kant, Benjamin, Jaspers oder Heidegger. was zugegebenermaßen aber auch viel verlangt ist, bei einem bereits so ausführlichen Werk und sich viele Überlegungen der Philosophen nicht einfach auf zwei Sätze runterbrechen lassen. Insgesamt glänzt das Werk aber besonders durch die gut strukturierte und verständliche Darstellung der Theorie, der Überlegungen, aber auch des Lebensweges und des Charakters Arendts. Man muss nicht jeden Gedanken von Hannah Arendt teilen, um zu erkennen, dass ihr Werk ein großartiges ist, das auch heute kaum bis gar nicht an Relevanz verloren hat. Ich habe jedenfalls eine weitere faszinierende Person und ein faszinierendes Schaffen gefunden, das meinen Blick wieder einmal mit neuen Perspektiven und Erkenntnissen erfüllt hat.
Biographie über Hannah Arendts Leben und ihr Geflecht der Freundschaften und Beziehungen - ihre Schriften in Zusammenfassungen, deren Rezeption und Wirkung - und die Kontroversen, sowie die Ehrungen. Und ein Kapitel ihrer zentralen Aussagen zu Demokratie und demokratischer Freiheit. Spätestens dann versteht man, wieso ihre Gedanken und ihre Herangehensweise an das politische Denken heute wieder so brandaktuell sind.