Was passiert, wenn eine KI beginnt, die intimsten Fragen einer ganzen Generation zu stellen? Fehlfunktion ist ein Essayband über Identität, Intimität, digitale Realität – und die Suche nach Sinn in einer Welt, die permanent funktioniert und trotzdem auseinanderfällt.
Josia Jourdan verbindet persönliche Reflexionen mit gesellschaftlicher Analyse. Er schreibt über Pornosucht und digitale Nähe, über Imposter-Syndrom, über Intelligenz als Statussymbol, über Cringe als Befreiung. Immer wieder tritt eine KI als Gesprächspartnerin auf – mal humorvoll, mal kritisch, mal entlarvend. Gemeinsam hinterfragen sie Kapitalismus, Begehren, Männlichkeit, Einsamkeit und die Sehnsucht nach Echtheit.
Dieses Buch ist keine Anleitung, keine Antwortmaschine. Es ist ein offener Raum für Fragen, Zweifel und Mut. Es richtet sich an alle, die sich nach ehrlicher Reflexion sehnen – die Texte wollen, die mehr sind als glatte persönlich, unbequem und inspirierend.
Für Fans gesellschaftskritischen Essays, philosophischen Texten zum Alltag, ehrlicher Introspektion und neuen Formen von Literatur zwischen Mensch und Maschine.
Bla bla bla ich bin so privilegiert und gehe immer ins Soho House aber bin ja so nachdenklich und reflektiere jetzt mithilfe einer KI - bodenlos das Buch, 0 Sterne wenn ich könnte
Mit dieser These beschäftigt sich unter anderem dieses in Essays geschriebenes Buch. 'Fehlfunktion' soll zum einen eine Kapitalismuskritik sein, wovon sich der Autor selbst nicht ausnimmt, genug privilegiert zu sein, um sich diesen leisten zu können. Und ich habe Josia in seinen Buchbloggerzeiten zum Teil recht gerne konsumiert, deshalb wollte ich seinem Debüt auch eine Chance geben.
Was mich jedoch schon zu Beginn des Buches etwas abgeschreckt hat, ist, dass er die Reflexion mit KI, die auch auf dem Cover steht, wirklich aus dem bekanntestem Chatbot übernommen hat. Ich weiß zwar nicht, inwiefern er die Nachrichten, die ihm die KI geschrieben hat, noch nachträglich bearbeitet oder angepasst hat, aber das war mir trotzdem leicht suspekt. Ein bisschen wieder wett gemacht hat es, als er gegen Ende behauptete, den Chatbot nur im Zuge dieses Buches als Experiment genutzt zu haben. Das macht die Tatsache nicht besser, aber es zeugt zumindest von Reflektiertheit.
Die Reflexion über Kapitalismus, aber auch über Social Media fand ich in dem Buch sowieso ziemlich stark, auch wenn sie teils von der KI kam. Aber Josias Parts fand ich hoch interessant und deshalb habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich mein Konsumverhalten überdacht habe.
Also, ich meine, ich habe meinen Konsum im Gegensatz von zu vor 10 Jahren definitiv schon reduziert und kaufe inzwischen definitiv bewusster ein, aber ich nehme mich ebenfalls wie Josia sich selbst nicht aus, dass ich sehr privilegiert aufgewachsen bin. Umso wichtiger, dass man nie aufhört, sich selbst, die Technik und die Gesellschaft zu hinterfragen.
Diese Essaysammlung hat mich richtig zum Nachdenken gebracht, also genau das erzielt, was Josia wollte. Es waren nicht nur so "oh, interessant..."-Gedanken, sondern auf mehreren Ebenen - gesellschaftlich, emotional, politisch, zum Teil existenziell. "Fehlfunktion" ist kein klassischer Essayband oder Ratgeber, es ist ein Gespräch mit einer KI, mit dem Autor selbst, mit uns Leser:innen. Analytisch, poetisch, unbequem, nachdenklich und vor allem relevant.
Josia schreibt über Männlichkeit, Kapitalismus, digitale Nähe, Körper, Einsamkeit, Scham, Leistungsdruck. Bei all diesen Themen begegnen wir einer künstlichen Intelligenz, die den Text kommentiert. Aber nicht als reiner Gimmick, sondern eher als Spiegel, also sogenannter "Störfaktor". Ein Tool, dass die Gedanken verstärkt, statt sie zu übernehmen. Und ja, auch ich war anfangs skeptisch. Ich verfolge Josias Arbeit aber schon seit Langem und dachte mir, dass er sich da bestimmt was bei denkt und tatsächlich: es funktioniert erstaunlich gut. Vieles hat mich sofort gecatched, weil es klar benannt wird, weil man sich selber ertappt fühlt.
Was ich besonders schätze: Die Reflexion ist nie abgehoben. Es geht in diesem Buch nicht um Besserwisserei oder irgendeine moralische Flughöhe, sondern um ein aufrichtiges Fragen. Josia möchte aber auch, dass wir als Leser:innen nachdenken, mitdenken, hinterfragen. Es geht um das Zulassen von Widersprüchen, um Unsicherheit, aber auch darum, wie wir trotz allem weiterdenken können (und sollen).
Ein Punkt, bei dem ich widersprechen würde, findet sich schon früh im Buch. Auf Seite 21 heißt es sinngemäß, dass wir aufhören sollen, uns auf Konzernjobs zu bewerben und stattdessen Berüfe wählen sollen, die nachhaltiger, sozialer und erfüllender sind, weil das am Ende glücklicher macht. Und ja, die Idee hat definitiv einen wahren Kern, ich teile den Wunsch dahinter, aber sie ist eben auch privilegiert und ich glaube nicht ganz so gut eingeordnet. Nicht jede:r kann es sich leisten, einen „sinnvollen" Job zu wählen. Viele Menschen haben dieses Privileg nicht, weil sie Eltern unterstützen müssen, Schulden haben, weil ihre Ausbildung keine Alternative bietet, sie Miete zahlen müssen, in einem System, das sich kaum noch aushalten lässt, weil sie ihre Familie ernähren müssen. Und auch unter denen, die dieses Privileg vielleicht theoretisch hätten, sind es oft strukturelle Faktoren, die den Ausschlag geben. Sei es Klassenhintergrund, chronische Krankheit, Care-Verantwortung, rassistische, queer-feindliche oder ableistische Ausschlüsse am Arbeitsmarkt. Wenn wir also über Berufung, erfüllende Arbeit, das „richtige“ Leben sprechen, dann reicht es nicht, einzelne Entscheidungen abzuwerten oder zu moralisieren, da muss Kapitalismuskritik geübt werden. Das weiß Josia auch, in dem Buch geht es ja auch viel um Kapitalismuskritik. Hier hätte ich mir aber mehr Einordnung gewünscht. Vielleicht war es ein früher Appell, der mir einfach zu glatt formuliert war. Man sieht: Josia hat das erreicht, was er wollte: Auseinandersetzung.
Fazit: Ein starkes Debüt, radikal ehrlich, literarisch spannend. Ich werde über einige Passagen sicherlich noch öfter nachdenken.
fehlfunktion— ein buch, was zum nachdenken anregt und provoziert
ich habe dieses buch vom autor zugeschickt bekommen und wusste nur zum teil, was mich erwartet. ich bin positiv überrascht und dankbar, es gelesen zu haben. dieses buch ist RAW — all caps, bold, underlined. die reflexionsfragen eigenen sich als kritische und unbequeme journal prompts. es ist selbstkritisch, aufschlussreich und höchst interessant.