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Die Holländerinnen

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Dorothee Elmigers neuer, bildgewaltiger Roman – eine mitreißende Erfahrung. Wer diesen Text betritt, fällt in den Abgrund unserer Welt und blickt mit aufgerissenen Augen in die Finsternis. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025

Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter Theatermacher, der sie für sein neuestes Vorhaben zu gewinnen versucht – ein in den Tropen angesiedeltes Stück, die Rekonstruktion eines Falls. Wenige Wochen später bricht sie auf, um sich der Theatergruppe auf ihrem Gang ins tiefe Innere des Urwalds anzuschließen. Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen.

160 pages, Hardcover

First published August 19, 2025

310 people are currently reading
3414 people want to read

About the author

Dorothee Elmiger

13 books53 followers
Dorothee Elmiger is a Swiss writer. She presently lives in Switzerland. Elmiger is considered one of the most promising young Swiss writers, especially after winning the second Ingeborg Bachmann Prize, the Kelag Prize, in 2010.

After finishing school her primary schooling, Dorothee Elmiger went to New Hampshire before beginning her studies of philosophy and political sciences at the University of Zurich. She received her professional training at the Swiss Institute for Literature in Biel/Bienne and at the German Institute for Literature in Leipzig, where she spent an exchange semester.

In 2008, she competed in Prosanova, a festival for new literature in Hildesheim. In 2009, she was a stipendiary at the literature course in Klagenfurt.

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Community Reviews

5 stars
394 (21%)
4 stars
627 (33%)
3 stars
489 (26%)
2 stars
264 (14%)
1 star
86 (4%)
Displaying 1 - 30 of 294 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
488 reviews469 followers
October 13, 2025
Profunde Zivilisationskritik im Mantel von poetologischer Selbstreflexion und Dschungle-Thriller.
(Deutscher Buchpreis 2025)

Inhalt: 5/5 Sterne (Mystery vs. Zivilisationskritik)
Form: 5/5 Sterne (innovativ-flüssig)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (eindringlich-glaubwürdig)
Komposition: 3/5 Sterne (im letzten Drittel zu hastig)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (zu kurz, aber wiederlesbar)
--> 21/5 = 4,2 Sterne

Dass die Zivilisation schnell ihre Macht verliert und dass unter den scheinbaren Rollen und Funktionszusammenhängen das Böse lauert, jederzeit bereit ist, hervorzuspringen, nimmt Dorothee Elmiger in Die Holländerinnen zum Anlass, eine namenlos bleibende Schriftstellerin auf die Reise nach Mittelamerika zu schicken, in den Dschungel, um einem Theaterprojekt beizuwohnen, in welchem dieses Thema direkt verhandelt wird. Die Holländerinnen, zwei freiwillige Helferinnen, verschwanden spurlos im Dschungel. Ein Theatermacher will den Schrecken auf die Bühne bringen:

Er sitze gerade an den Vorbereitungen zu einem neuen Stück, habe der Theatermacher damals im Januar am Telefon gesagt, es handle sich um die Rekonstruktion eines Falls, ein schwieriger, tragischer Stoff, den er sich zurzeit als eine Art tropische Passion vorstelle, als Referenz auch auf Herzog, auf Coppola […] Was ihm vorschwebe, sei eine groß angelegte Recherche, so sei er fortgefahren, eine Recherche, die nur in der Wiederholung, der Nachbildung der Ereignisse geschehen könne, ja, es gehe, wie stets am Theater, darum, die Dinge am eigenen Leib zu erfahren.

Der vor Anspielungen nur so strotzende Text (hier bereits Francis Ford Coppolas Verfilmung von Herz der Finsternis und Werner Herzogs Aguirre) stellt eine Vorlesung dar, die eine Schriftstellerin hält, die den Mut zum Schreiben angesichts des Grauens der Welt verloren hat. Sie lernt viele Menschen auf ihrer Reise kenne, und viele Menschen erzählen ihr viele Geschichte, die allesamt als roten Faden Gewalt und Brutalität besitzen, die jederzeit, selbst in den alltäglichsten Umständen, auszubrechen droht.

Sie selbst habe es in den Wochen und Monaten, den Jahren danach unzureichend und unbeholfen als das »erratische, grundlose Wesen der Welt«, als »großen, leeren Gott«, das »klaftertiefe, abyssische Nichts« zu beschreiben versucht, aber der Horror, der Horror liege naturgemäß außerhalb der Sprache, ja, er sei, wenn man so wolle, ihr Gegenteil, ihr Ende, und sie müsse deshalb auch jetzt, in diesem Moment, noch einmal scheitern, wenn sie ihn zu formulieren, zu benennen versuche, könne ihn nur umkreisen wie ein schwarzes Loch, einen reißenden Strudel […]

Elmiger beschreibt eine Reise in das Herz der Finsternis, aus der die Poetik nicht unbeschadet herauskommt. Die Worte fallen ihr schwer. Das Fragment wird zur Form, die Anekdote zu einem rettenden Ufer. Mit Intensität lässt sie die Sprache frei, um das Dunkle, das zwischen den Zeilen prangt, zu umfließen. Hier passieren eindrückliche Dinge mit den kulturellen Assoziationen, und neue Spielräume kulturell eingeschliffener Paraphrasen ergeben sich. Die Allegorie geht am Ende auf. Die Rettung liegt näher als gedacht, und so wird aus dem Kriminalfall sogar eine Art Befreiungsschlag, wer den Figurenkonstellation konsistent folgen will.

Dorothee Elmiger verbindet Elfriede Jelinek, bspw. aus Lust, mit Joseph Conrads Herz der Finsternis im Stil eines Thomas Bernhard, u.a. Auslöschung. Ein Zerfall. Es gelingt ihr durch diese Kombination eine sehr eigenwillige und eigene Sprache zu kreieren. Leider, wie so oft, bleibt vieles nur angerissen, angedeutet, skizziert, denn für diese Art Mammutprojekt reichen nun einmal 150 Seiten bei weitem nicht aus, vor allem das letzte Drittel enttäuscht und wirkt hastig abgehandelt.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Schriftstellerin, die eine Poetikvorlesung darüber hält, weshalb sie zu schreiben aufgehört hat.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Der eigentliche Plot beläuft sich darauf, dass eine Schriftstellerin über die Auflösungserscheinungen ihres literarischen Schaffens eine Rede vor einem Auditorium hält. Sie beginnt die Nacherzählung, indem sie sich auf ein gescheitertes und ein nicht vollendetes Werk bezieht. Das von der Erzählgegenwart aus gesehene vor drei Jahren gescheiterte Werk befasst sich mit Adele Brises rechtes Auge. Sie nimmt das Angebot eines Theatermachers an und reist von Frankfurt nach Mittelamerika, wahrscheinlich Panama oder Süd-Costa Rica, um dort an einem Theaterprojekt teilzunehmen. Über die Reise handelt das Buch. Sie kommt an, nimmt ein Taxi eines Exil-Nicaraguaners. Am nächsten Tag nimmt sie einen Bus und fährt zur Küste, um von dort mittels eines Motorbootes zu einer Halbinsel zu gelangen. Dort trifft sie eine allein reisende Frau, die Schweizerin, die zum selben Projekt eingeladen worden ist. Sie ist aufgrund der Ziegengeschichte (1) als Verkörperung einer der Holländerinnen (2.) eingeladen worden. Auf einem Trampelpfad erreichen sie das Camp. Der Theatermacher stellt Lisbet de Vries (3.), die Kostümbildnerin vor, Johannes Schriefl, Ton, Orfelina Quiros, Bäuerin; Ida Holmboe (4.), die zweite Holländerin, Dänin; die erste Holländerin spielt die Schweizerin (wie Theatermacher kein Name); Tepper, der amerikanische Kameramann. Sie befinden sich zwischen den zwei Wendekreisen, in einer Lodge namens Ojo del Sol. Am dritten gemeinsamen Abend geht sie mit Schriefl am Strand spazieren (5.). Später erzählt Lisbeth weiter von ihrer Beziehung mit dem Maler. Mitten in der Nacht steht sie auf, um sich etwas zu trinken zu holen. Der Theatermacher und Tepper sind noch wach, dann stößt ein Kanadier zu ihnen, der sich verlaufen hat (6.). In der vierten Nacht stürzt die Schriftstellerin und verstaucht sich die rechte Hand. Sie muss nun mit links schreiben. Am nächsten Tag trifft sie die Tochter der berühmten Schriftstellerin Marilyn Trapenard (7.), die nicht viel von ihrer Mutter hält. Am sechsten Tag beginnen sie die Exkursion ins Innere des Waldes vorzubereiten. Sie erinnert sich an ihre Kindheitsgegend, an ihren Vater. Auch werden die Hinterlassenschaften der Holländerinnen besprochen, der JanSport-Rucksack mit den Handys und den seltsamen Bildern. Am siebten Tag beginnt die Exkursion, auf den Spuren der Holländerinnen. Sie treffen Eduardo Acuña, Erzählung von dem Griechen (8.). Gewitter zieht auf. Sie treffen auf eine Lodge von einem Deutschen, der ein Schweinsteiger-Trikot trägt. Dort übernachten sie. Sie beobachtet dessen Frau Estafany in der Nacht; merkt dann, dass sie von dem Deutschen ebenfalls beobachtet wird. Der Deutsche redet über Pferde, Tepper hat Erinnerung aus Reno (9.). Sie ziehen weiter, der achte Tag. Sie geraten in ein Unwetter. Der Dramaturg erzählt, wie er zu seinem Job gekommen ist (10). Sie lässt sich zurückfallen, sinniert. Sie kommt an einem Kühlschrank vorbei und erinnert die Erzählung Lisbeths über das paranoide Ehepaar. Sie erreicht alleine die Lodge, fährt sofort ab. Dolores mit einem Kind winken ihr zum Abschied, oder sie wollen ihr etwas sagen. Sie flüchtet aber. Auf der Rückfahrt trifft sie zwei Frauen, mglw. Schwestern, die eine mit einer Brandwunde auf dem Gesicht. Ein Portal öffnet sich.

1.) Ziegengeschichte: Schweizerin kümmert sich um einen Ziegenbauernhof in St. Galler Rheintal für den Besitzer, der in Berlin weilt, um dort mit seinem Tinder-Date ein Kind zu zeugen. Plötzlich bekommen die Ziegen alle Kinder, viele sterben und die Schweizerin ist überfordert von den Leichen und Geburten. Erhält keine Hilfe vom Besitzer und ruft ihre Mutter an.
2.) Geschichte der Holländerinnen: als freiwillige Helferinnen ins Land gekommen, dort bei einem Ausflug, nachdem sie einen Bananenbauern namens Eduardo Acuña und einen Sportwissenschaftler aus Freiburg getroffen haben, im Wald verschwunden, mehrere Wochen danach wurden die Rucksäcke samt Telefone gefunden. Keiner weiß Genaueres.
3.) Geschichte von Lisbeth, Beziehung mit einem Maler aus Shippensburg, Pennsylvania, mit dem sie in New York gelebt hat. Maler emotional ungleichgewichtig, beleidigt sie auf einer Silvesterparty bedrohlich, das Böse schlechthin in den Augen, später mit ihm Atelier, bis plötzlich Feuer ausbricht. Die Nachbarn über ihr, ein Akademikerpärchen, wurde paranoid wegen eines Kühlschrank-Handwerker-Scams. Sie wurden von Handwerkern aufs Kreuz gelegt, was ihre Geldsorgen mehrte.
4.) Geschichte von Ida Holmboe, über die Geburtstagsfeier in Berlin, und die Schinkenkeule eines Ibérico-Schweines. Gespräch über Bachmanns Todesarten, während sie an der Keule herumsäbelt.
5.) Geschichte von Schriefl, über Herzog, den Theatermacher, Geschichte von Herzog über Kinski, der seine Frau geschlagen hat, und dann Schriefls Verletzung auf einer Exkursion nach Ollantaytambo.
6.) Geschichte des Kanadiers über New York, und das Gespräch mit einem Poolreiniger, über Veteranen und die Carnegie-Hall, über das Säubern der 11. September-Wannen.
7.) Geschichte von Marilyn Trapenard. Reise nach Brasilien. Affäre mit einem jungen Reiseführer. Sie erzählt ihm drei entscheidende Situation in ihrem Leben: 1.) Reise nach Indien, wo sie eine gefeierte Schriftstellerin kennenlernt und Zeuge von häuslicher Gewalt wird; 2.) sie wird angebettelt in Wien. Sie gibt kein Geld, bekommt einen erbarmungswürdigen Blick zugeworfen, später will sie dem Jungen Geld geben, findet ihn nicht mehr; 3.) wieder ein Bettler, mit einem Kind im Arm, dem sie nichts gibt.
8.) Geschichte von dem Griechen, der sich mit einer Einheimischen, Priscila, vermählt, die er aber mehr oder weniger einsperrt, als deren Schwester Filomela kommt und der Grieche sie abholen soll, verschwindet diese. Später soll die Schwester wieder bei einem Fest aufgetaucht sein. Nach einem Anruf bei der Polizei wird das Haus leer vorgefunden, und ein Blutbad hat stattgefunden.
9.) Teppers Dokumentation über Mustangs und Wildpferd-Zähmung, von einem Schweizer namens Manser, der das Parelli-System ausübt, und Tepper anwidert, der neben sich stehend ins Bordell geht.
10.) Der Dramaturg erzählt von der Griechischen Passion, die Inszenierung, und einer schwangeren Syrerin, das Passionspiel mit Yiannis, einem Fußballfanatiker, der einen Anschlag auf den Theatermacher verübt.
●Kurzfassung: Eine Schriftstellerin konfrontiert sich mit der Brutalität, dem Bösen, in der Welt, der kommunikativen Versuche, dem Herr zu werden.
●Charaktere: (rund/flach) … weniger Handlungsgetrieben, deshalb schwer zu sagen, aber in Andeutungen komplex und vielgestaltig
●Besondere Ereignisse/Szenen: der Text besteht nur aus solchen, siehe Inhaltsangabe
●Diskurs: Dialektik der Aufklärung; das Böse unterhalb der dünnen Schicht der Zivilisation. Und reale Geschichte: Im April 2014 verschwanden Kris Kremers (21) und Lisanne Froon (22), zwei niederländische Studentinnen aus Amersfoort, in den Bergen nahe Boquete (Provinz Chiriquí, West-Panama, an der Grenze zu Costa Rica).
… Clou des Textes, dass das Verschwinden der Holländerinnen als eine Form der Befreiung gelesen wird, aus einer Welt der Gewalt hinaus, in die Anonymität, denn am Ende, die zwei Frauen, können die Holländerinnen sein, und diese zwei Frauen verschwinden durch ein Portal, oder reißen ein Portal auf, durch das auch die Schriftstellerin gehen könnte. Gewalt nämlich lässt sich nicht in Worte fassen. Das wäre dann die Fabel der Geschichte. Das Buch bietet aber mehr. Extrem gut verwobene Reisegeschichte über die Erzählung der Erzählung der Erzählung einzelner Menschen.
--> 5 Sterne

Form:
●Wortschatz: außergewöhnlich variantenreich, kaum Hilfsverben und Funktionswörter
●Type-Token-Ratio: hoch -> 0,193 (Musil >0,25 - Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 30,4 Wörter mit STAB 23,2 Wörter. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: unter 70% (Musil/Mann <70% - Genre >80%)
●Wortartenverteilung: mehr auf Verben, denn auf Deskription (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Innovation: hoch.
… stilistisch, durch die indirekte Rede, flüssig, vielfältig, interessant geschrieben
--> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: sehr wie Joseph Conrad, die Vorlesung einer Schriftstellerin wird nacherzählt, von einer Zuhörerin, die nicht erscheint, aber dies durch die indirekte Rede klarstellt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): die Erzählinstanz verschwindet in der Passivität, reflektiert aber durch die erzählende Figur der Schriftstellerin, dadurch aus perspektiviert.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: komplexifizierend.
●Einschätzung: die Erzählfigur als narrative Figur einzufügen, heißt Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Als letzter Schritt hätte hier noch die Reflexion der Wiedergegebenen gefehlt. Letztlich eben personal erzählt, ohne dass die Erzählgegenwart rekonstruiert werden könnte.
--> 4 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr hohe deskriptive, inhaltliche Erzählfreude, spannend, abwechslungsreich
●Extradiegetische Abschnitte: viele Erzählungen innerhalb der Erzählung
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: hoch, da es eine Rahmenerzählung, die Vorlesung, gibt, und innerhalb dieser die Vorlesende nacherzählt, die die Geschichten anderer nacherzählt. Die Wichtigkeit der Nacherzählung wird dadurch unterstrichen. Leider wird der Text am Ende abgewürgt. Er wirkt unvollendet, nicht kompositorisch weitgreifend genug.
--> 3 Sterne

Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: ja
●Zweites Mal Lesen?: möglicherweise
… leider zu kurz, zu wenig eindringlich im letzten Drittel, etwas zerfahren, zu schnell abgearbeitet, zu hastig, und dadurch zu diskurslastig.
--> 4 Sterne

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Profile Image for Fabian.
140 reviews89 followers
October 1, 2025
“Die Holländerinnen” is a hallucinogenic, fragmented “Decameron” set in the Peruvian jungle, although the numerous stories are not intended to pass the time, but rather to use strange anecdotes that have fallen out of everyday life to approach a realization whose nature remains unclear. Goats, dogs, and horses become the “falcon” without their meaning being equally clear: they are ciphers of atavistic remnants in our (post)modern civilization.

Just as the jungle eludes specific coordinates as a space, the stories of the characters meander, especially those of the participants in the production of a stage play—in which the disappearance of two Dutch women in the jungle is to be reconstructed or reenacted (which, of course, is reminiscent of the real case of the Dutch women who disappeared in Panama) – meander indefinitely and reflect, on a meta-level, the subliminal threat posed by hostile nature – very much in the spirit of the self-referential allusions to Werner Herzog and Joseph Conrad in particular (“the horror, the horror”). 

The novel thus becomes a double chamber play: on the one hand, the jungle is a claustrophobic space in which the terrible, inexplicable moments of life blossom; on the other hand, the auditorium in which the writer gives her speech in the novel's frame story and recounts her experiences in the jungle is a space for introspection, memory, and processing what she has experienced. And even when the forest expands to become the setting for a quest, it narrows and threatens to suffocate the protagonist—as she herself emphasizes. The jungle grows ever deeper, just as the stories slip more and more into each other, fanning out into different levels of reality until fiction and reality merge symbiotically.

“Die Holländerinnen” is an enigmatic book, a postmodern abyss with intellectual allusions (for example, Filomela's missing tongue, the references to Kafka) that define the target audience. Thus, the jungle becomes an ivory tower, which is a bit of a shame, because with a little less highbrow and more compositional determination, the grandiose and disturbing scenario would have gained more universal validity. Nevertheless, even after closing the book, one has the feeling that it continues to breathe, and one listens to the terrible silence.
Profile Image for Anna Carina.
689 reviews362 followers
October 13, 2025
Gewinnerbuch des Deutschen Buchpreises 2025

Die Holländerinnen lese ich als ein Formexperiment mit der Fremdheit. Wie erzählt man etwas, auf das man keinen Zugriff hat?
Der Text bewegt sich durchgehend im Konjunktiv, also in der indirekten Rede. Die vortragende Schriftstellerin steht im Auditorium, und ihre Rede wird wiederum von einer beobachtenden Figur vermittelt. Es entsteht ein diskursives Geflecht, da die Rednerin ihrerseits Reden und Geschichten anderer nacherzählt – fast so etwas wie eine Protokoll-Poetik.
Das klingt dann so:

„Oft, sagt sie, habe der Theatermacher diese Gespräche mit einem Zitat oder einer eigenen Beobachtung eröffnet, was ihr zuweilen altväterlich vorgekommen sei, priesterlich, wie Ida Holmboe irgendwann in einem Nebensatz bemerkt habe. Einmal habe er eine Passage aus Walter Benjamins Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows zitiert, in der es heiße, die Figur des Erzählers sei »uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes«, um dann zu fragen, ob man sich in diesem Sinne nicht auch die Holländerinnen als Erzählerinnen denken könne, die sich fortlaufend von ihnen entfernten, die weit vor ihnen gingen, deren Spuren sich im Dickicht des Urwaldes verlören. Ein andermal habe er über das Nichtidentische bei Adorno gesprochen, über das »Auseinanderweisen von Begriff und Sache«, er habe aus der Dialektik der Aufklärung zitiert, während eine Fledermaus durchs Licht der Lampen geschossen sei, oder er habe Descola, den französischen Anthropologen, hervorgeholt, der irgendwo im oberen Amazonasbecken, so der Theatermacher, das »dualistische Gebäude der Moderne« auf seine Mängel untersucht habe.“

Dieses Zitat zeigt beispielhaft, wie der Text die Unmittelbarkeit des Dschungels und die bedrückende Atmosphäre um die verschwundenen Frauen immer wieder durch essayistisch-diskursive Passagen bricht. Die Wahrnehmung wird durch Zitate legitimiert; Theorie und Erlebnis stehen gleichberechtigt nebeneinander und durchdringen sich gegenseitig.
So entstehen dichte Momente, in denen das Unsagbare über Atmosphäre und sinnliche Spiegelungen verdichtet wird, um sich dann reflexiv wieder in Diskurse zurückzuziehen. Und diese Diskurse werden wiederum durch Körperlichkeit, Absurdes und Unheimliches irritiert.

Scheitern ist hier Strukturprinzip.

Das finde ich einerseits interessant, weil es eine unheimliche, verstörende Stimmung erzeugt. Aber nicht durchgehend. Vielleicht bin ich nicht empfänglich genug für solche Experimente, die sich stark symbolisch rahmen und dann in eine Verintellektualisierung zurückziehen.
Ich war am Ende jedenfalls froh, dass das Buch so kurz ist. Die letzten zwanzig Seiten musste ich mich zwingen, weiterzulesen. Die letzte Geschichte interessierte mich nicht mehr – die Intensität, die diese rationale Form braucht, konnte für mich nicht durchgehend aufrechterhalten werden. Manche Zwischengeschichten wirkten unmotiviert oder zerfaserten. Oder ich hab sie nicht verstanden, was bei diesem Buch sehr wahrscheinlich ist.
Vielleicht muss man stärker auf die Referenzen (Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann, Adorno, Benjamin, Merleau-Ponty etc.) ansprechen, um den Text voll genießen zu können. Für mich bleibt es ein Buch, das wahrscheinlich nur einer begrenzten Leserschaft Freude bereitet.
Alle die gerne identifikatorisch lesen oder auf Plot aus sind - vergesst es!
Man muss schon auf ein gewisses Abstraktionsniveau anspringen, um das hier schätzen zu können.
Ich selbst lese lieber Texte wie die von Jon Fosse, die das Unsagbare nicht nur behaupten, sondern durchgängig erfahrbar machen – durch Wiederholungen, Halluzinationen, Traumgebilde. Dort schreit und ächzt das Unsagbare durch die Brüche der Sprache, statt in einer diskursiven Kapitulation stecken zu bleiben.
Naja, aber formal geht das Ding für mich voll auf, auch wenn ich mich in diesen intellektuellen Künstlerkreisen und damit in diesem Buch überhaupt nicht wohl fühle. Ist aber hier nicht so schlimm, da der Text es einem durch seine Struktur sehr leicht macht, nur die Beobachterposition einzunehmen.
Profile Image for Marion.
169 reviews59 followers
November 22, 2025
Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2025 !

Auf mysteriöse Weise verschwinden zwei Holländerinnen.

Die Erzählerin, eine Autorin, begibt sich mit weiteren Personen auf Spurensuche für ein Theaterstück. Sie wurde engagiert um eine Art Protokoll zu führen. Die Triebfeder des Ganzen ist ein namenloser und grotesker "Theatermacher". Er will jede einzelne bekannte Station der verschollenen Niederländerinnen im Urwalddickicht orten und die verbleibenden Zeugen ausmachen.
Je tiefer alle in den mittelamerikanischen Dschungel eintauchen, desto bedrohlicher wird es - vor allem Nachts, wenn alles schreit und lebt.
Während der Spurensuche erzählen sich die einzelnen Crew-Mitglieder Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Hier im Dschungel zeigt sich deren wahrer Kern.
Was erst harmlos erscheint, wird zum Grauen und treibt die Theatergruppe an den Rand Ihrer inneren Abgründe.
Die Auseinandersetzung mit den eigenen Ich wird zum Horror.

Es geht um Überforderung, Machtmissbrauch, Kontrollverlust, Angst und auch um physische Gewalt.
...du denkst, wenn du einen Schritt weitermachst dann betrittst du ein unsichtbares Portal....

Sehr anspruchsvoll, mit indirekter Sprache und ohne klassischen Plot.
Eine ganz besondere Leseerfahrung. "Eine Reise in das Herz der Finsternis "

-eine unerwartete, hastige Bewegung, ein allzu schrilles Lachen- kann bedeuten, dass dort etwas passiere oder gleich passieren werde......

Durch die verkopfte Schreibweise, die verstörende und anhaltend beunruhigende Atmosphäre und die beklemmende und unheilvolle Stimmung, hat mir dieses Buch sehr viel abverlangt.
Experiment gelungen!
Die Kraft der Literatur - wenig bis nichts wird gesagt, aber alles ist möglich!

Tatsächlich verschwanden 2014 zwei junge Niederländerinnen in Panama. Dieser Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt.
Profile Image for Sandra.
206 reviews50 followers
September 1, 2025
Über weite Strecken musste ich mich hier durchbeißen, ehrlich gesagt. Die indirekte Rede permanent ging mir auf die Nerven und die zusammengewürfelten Erzählpassagen blieben häufig nichtssagend für mich.

Es gibt eine Passage über einen Ziegenhof, die mir gefallen hat. Auch am Ende, die Story über den kaputten Kühlschrank, der ein Paar in die Paranoia treibt, fand ich sehr gelungen.

Aber insgesamt für mich ein trübes Leseerlebnis.
Profile Image for Sato.
71 reviews10 followers
January 12, 2026
Mensch, was bin ich hin- und hergerissen bei diesem dünnen Büchlein.

Sprachlich und handwerklich ist das schon alles sehr, sehr fein, was Elmiger da macht. Obwohl der Text relativ kurz ist, ist er doch wahnsinnig dicht, wie der Dschungel durch den wir uns in der Geschichte kämpfen. Vielleicht liegt es an der Erzählstimme, dir nur in der indirekten Rede vorkommt, vielleicht an den vielen Variationen, mit denen gearbeitet wird. Die Zeit-, Perspektiv- und Ortssprünge sind wunderbar fließend und obwohl die einzelnen Geschichten und Episoden auf den ersten Blick nur oberflächlich etwas miteinander zu tun haben, steckt in den Anspielungen und Gegenüberstellungen sehr viel drin.

Ich verstehe, warum man hier den Buchpreis verliehen hat. Neben Form und Sprache sind sehr viele Anspielungen auf Kunst und Literatur verarbeitet und gefühlt kommt das bei einer literaturbegeisterten Jury wahrscheinlich gut an. Ein breiteres Publikum ist da wahrscheinlich eher raus und auch ich muss zugeben, dass ich nicht mit jedem Namen etwas anfangen konnte.

Persönlich bin ich was das angeht ein bisschen im Zwiespalt, denn obwohl die Atmosphäre des Buches auch auf mich gewirkt hat und ich viele Andeutungen, Interpretationen und Kontraste gesehen und zu schätzen wusste, so war das Ganze schon wirklich haarscharf auf der Kippe zum sehr Prätentiösen. Schmunzeln musste ich in diesem Zusammenhang über die mehrmalige Erwähnung von Werner Herzog, denn seine Filme beschreiben das, was ich meine, ziemlich treffend.

Ehrlich gesagt habe ich bisher wenig von Herzog gesehen, aber es gibt diese eine Szene, in der er einen Pinguinexperten danach fragt, ob Pinguine wahnsinnig werden können, gefolgt von einem tiefsinnigen Monolog über die Existenz eines der Tiere. Es ist in sich tiefsinnig und poetisch und es wird reininterpretiert, was das Zeug hält, aber wenn man anders darüber nachdenkt, kann man sicher auch sehen, dass es auch ein bisschen lächerlich ist. Nicht falsch verstehen, ich sage nicht, dass das bei den Holländerinnen passiert ist, aber für mich war es manchmal hart an der Grenze dazu. Vor allem zum Ende hin.

Trotzdem, ich sehe die Qualitäten dieses Buches und auch wenn es nicht eines meiner Lieblinge wird, weniger als vier Sterne kann ich kaum geben, hat dieses literarische Experiment auch mich irgendwie in seinen Bann gezogen. Es ist eines dieser Bücher, bei dem sich jeder und jede ein eigenes Bild machen muss, denke ich.

Falls jemand jetzt ein Bedürfnis nach einer pinguinförmigen Sinnkrise à la Herzog hat, bitteschön: Pinguin Ich entschuldige mich an dieser Stelle für mein Gehirn, das manchmal sehr merkwürdige Vergleiche herstellt.
Profile Image for Steffi.
1,126 reviews276 followers
November 16, 2025
Ein Bericht über die Reise in den Dschungel, erzählt in indirekter Rede, die es einem zu Beginn schwer macht reinzukommen. Ein ständiges Gefühl des Ausgeliefertseins begleitet die Protagonist*innen und auch die Lesenden. Man sollte das Buch nicht zu oft zur Seite legen, weil das wieder Reinkommen nicht einfach ist. Doch gerade die Erzählweise ist beeindruckend.

Thematisch: aggressive Männlichkeit mit Querverweisen zu Kinski, Herzog, Herz der Dunkelheit. Als Kontrast dazu: Es erzählt eine Frau und Ausgangspunkt der ganzen Expedition ist die mutmaßliche Gewalttat an den Holländerinnen (die auf eine reale Begebenheit zurückgeht). Die Grausamkeit der verschlingenden Natur des Urwalds soll dabei nicht verschwiegen werden, war für mich aber eher Hintergrundmusik. Die Landschaft ist ebenso real wie bildhaft: „sei sie immer weiter durch den Wald gelaufen, immer tiefer hinein und hinab, sei torkelnd, schnaufend durch diese Angstlandschaft gehastet, die ihr nun, im Rückblick, so erscheine, als hätte sich ihr eigenes zerklüftetes Inneres nach außen gekehrt.“ Doch zeigen die eingebetteten Geschichten, dass die Dunkelheit und Irrealität überall zu finden sind, z.B. in einem Apartment in Flatbush oder auf einer Schweizer Alm.

Die Personen tragen oft keine Namen, sondern werden als Theatermacher, die Schweizerin, der Kanadier… bezeichnet. Das ist manchmal etwas behäbig, verweist aber auf eine Allgemeingültigkeit, die in merkwürdigem Kontrast zu der indirekten, subjektiven, hin und wieder unsicheren Wiedergabe durch die Erzählerin steht. Und es geht natürlich auch um Kolonialismus (an einer Stelle sagt ein Einheimischer „Das war einer dieser Spanier“).

Die Unsicherheit des Erzählens wird nicht nur durch die indirekte Rede in der Rahmen- sowie den Einzelerzählungen vermittelt, sondern durch die Geschichten selbst. Beispielsweise geht es im letzten Teil um eine Theaterinszenierung, in der sich Realität und Fiktionalisierung auf so vielfältige Weise durchkreuzen, dass man kaum folgen kann.

Vielleicht nicht gerade ein Lesevergnügen, aber eine lohnende Leseherausforderung.
35 reviews8 followers
August 31, 2025
Die Rahmenerzählung schildert eine Autorin, die in einer Vorlesung Bericht von ihrem letzten, gescheiterten Projekt abgibt: einem protokollarischen Auftrag im Dienste eines Regisseurs, der eine Art Performance nach dem wahren Schicksal zweier im südamerikanischen Dschungel verschollenen Holländerinnen inszenieren will.

Das Projekt entpuppt sich schnell als traumatisch: Die Situation der Theaterleute bringt diese bald an ihre psychischen und physischen Grenzen. Es ist zu allererst die Natur in ihrer absoluten Feindseligkeit, die einen sich stetig steigernden Schrecken produziert, der alle Beteiligten stückweise zum Widererleben (und -erzählen) traumatischer Erlebnisse reizt.

Die distanzierte Form des Berichts, in welchem nur in indirekter Rede gesprochen wird, erlaubt Elminger, den sonstigen Balast des gängigen "komplettiven" Realismus, der nur glaubt, was er sieht, abzuwerfen und sich rein auf das wesentliche zu konzentrieren. Ihr Stil ist monochromatisch, übersichtlich, er ordnet das Gezeigte der Idee unter. Stilistisch erinnert das an Kracht oder Sebald, aber ohne die gekünstelte, sekundaristische Altertümlichkeit des ersteren oder die "kleinbürgerliche Bitterkeit" (Mark Fisher) des letzteren.

Die Geschichten, die sich bei Elminger aneinanderreihen, entwerfen nach und nach eine Collage des Schreckens; alles ist von einem _unguten Gefühl_ durchdrungen, es lauert etwas; dieses etwas zu benennen (oder eigentlich: das Scheitern an dieser Benennung zu schildern) ist der Inhalt dieses Buches.

Der Clou ist, dass es diesen Versuch – durch Erzählen zu verstehen ‐ gleich selber reflektiert.
Die autofiktionale Erzählsituation, die den Anschein von Faktizität erzeugt, mischt später Wahres mit Erfundenem; was genau lesen wir hier eigentlich? Ist es jetzt grade die Stärke der Fiktion, die Realität hinter sich zu lassen, klaffende Lücken zu schließen, oder ihre Täuschung?
Angesichts des Stoffes, der sich um zwei Verschwundene dreht, ist man geneigt, zu sagen: die Frage stellt sich eigentlich gar nicht. Denn die Holländerinnen handelt ja gerade von der großen Lücke, der Unvollkommenheit und Unheimlichkeit des Kosmos. Auf diese Unheimlichkeit werden die Figuren immer wieder gestoßen. Sie äußert sich in der Spur der Grausamkeit, die die Zivilisationsgeschichte hinter sich her zieht wie eine blutige Schleppe. Der vom Regisseur immer wieder aufgerufene Adorno (einer von dutzenden Namen) schrieb über diesen Zusammenhang in seiner Dialektik der Aufklärung: Die Bestialität des Menschen droht, ihn immer wieder heimzusuchen. Die Natur – das blinde Lebendige, das blinde Zerstörerische – kehrt immer wieder zurück.

Denken wir an die Themen der Autofiktionalität und des Kolonalismus, fallen automatisch dutzende zeitgenössische Texte ein; der Unterschied bei Elminger ist, dass wir hier verstehen, wozu diese Begriffe eigentlich gut sind. Die Autorin ist damit Lichtjahre von dem entfernt, was so manche Kolleg:innen veranstalten, wenn diese Themen in ihren Büchern abarbeiten wie Punkte auf einer Checkliste.
Ein sensationelles Buch.
Profile Image for Olaf Gütte.
222 reviews76 followers
November 22, 2025
Sehr viele Anspielungen und Abschweifungen von der eigentlichen Story,
aber diese machen den Roman erst interessant.
Profile Image for Uralte  Morla.
372 reviews135 followers
August 24, 2025
"Sie habe in jenen Stunden nur noch in der unmittelbaren Gegenwart existiert. Manchmal habe sie oder hätten andere jäh aufgelacht, und in dieem Lachen hätten fraglos ihre ganze Furcht und ihre ganze Verlorenheit gesteckt." (Seite 130)

Im April 2014 verschwinden zwei niederländische Studentinnen während einer Wanderung im Dschungel von Panama, auf dem sogenannten El Pianista Trail. Was blebt: Ihre Handys und eine Kamera mit mysteriösen Fotos. Aufgeklärt wurde der Fall bis heute nicht - Dorothee Elmiger dient er nun in ihrem Roman "Die Holländerinnen" als Ausgangspunkt für eine Geschichte über Angst und Macht.

Eine namenlose Erzählerin, augenscheinlich eine Schriftstellerin berichtet in einem Symposium davon, wie sie von einem ebenso namenlosen Theatermacher eingeladen wird, ihn auf eine Projektreise nach Panama zu begleiten. Unter dem Arbeitstitel "Die Holländerinnen" möchte er dort dem Verschwinden der beiden niederländischen Frauen nachspüren und die Rekonstruktion des Falls künstlerisch aufarbeiten. Neben der Schriftstellerin lädt er noch andere Menschen dazu ein: darunter Laiendarstellerinnen, einen jungen Mädchenchor sowie einen Dramaturgen, mit dem er schon "Die griechische Passion", ein ähnliches Projekt, in der Ägäis umgesetzt hat. Gemeinsam beziehen sie ein Bungalowdorf in der Nähe des Urwalds, lassen sich ein auf pechschwarze Nächte, fremdartige Tiere und die unheilvolle Atmosphäre, die über dem gesamten Projekt zu liegen scheint.

"Man würde denken, sie hätten sich im Laufe der Zeit allmählich an ihre Umgebung, an die schwarzen Nächte, die laut wuchernde, die modernde Flora, an den Wahnsinn der Fauna gewöhnt, sagt sie, aber dies sei nicht der Fall gewesen: Im Gegenteil hätten die Tropen sie aufgerieben, sie alle seien zunehmend dünnhäutiger, nervöser geworen, hätten sich hoffnungslos unzingelt und zugleich verlassen gefühlt [...]." (Seite 113)

Während man über den künstlerischen Teaterprozess so gut wie nichts erfährt, scheint das temporäre Leben fernab der gewohnten europäischen Komfortzone, alte Geschichten in allen Beteiligten freizusetzen. So erzählt der besagte Dramturg von der katastrophalen Arbeit zur Griechischen Passion, die gewalttätig endete und dennoch ein Erfolg wurde. Eine der Laiendarstellerinnen erzählt von einem Studierendenjob auf einem Ziegenhof, der mit lauter toten Ziegenbabys endete. Alle Geschichten durchzieht ein irgendwie unheilvoller Ton, eine Erwartung des Schrecklichen - und doch geschieht nie etwas wirklich Schreckliches.

Genauso verhält es sich mit der Hauptgeschichte, die im Grunde eher aus Atmosphäre als aus Handlung besteht. Über all den nächtlichen Gesprächen, den erleichternden Morgen, der Wanderung durch den Wald liegt eine guselige Schreckenserwartung, die aber nur von den Schrecken der Vergangenheit gefüttert wird. Und von kulturellen Querverweisen. Zu Werner Herzogs "Aguirre, der Zorn Gottes" von 1972 mit Klaus Kinski beispielseweise, dessen Dreh ziemlich wild verlief und wohl unter den gleichen Vorboten aus Angst, Gewalt und Machtspielen von statten ging, wie das Holländerinnen-Projekt des Theatermachers. Denn ähnlich wie Herzog schont er seine Crew nicht, treibt sie bis zur Erschöpfung auf den Spuren der verschwundenen Frauen durch den Dschungel, sein Wort ist Gesetz.

Wer sich einlassen kann und möchte auf all die Geschichten in einer eigentlich nicht vorhandenen Hauptgeschichte, wer es liebt, kulturelle Bezüge nachzuvollziehen und Gefallen an der drückenden Grundstimmung eines Schauerromans findet, ist gut aufgehoben in dem Roman von Dorothee Elmiger. Auch auf die besondere Erzählweise - alles ist in indirekter Rede erzählt - muss man sich einlassen.

An Letzteres hatte ich mich schnell gewöhnt, die vielen Geschichten haben mich jedoch ehrlicherweise nicht so abgeholt. Das mag daran liegen, dass ich eine Geschichte über ein wildes Theaterprojekt erwartet und mich auch darauf gefreut hatte. Der Roman ist jedoch etwas ganz anderes: Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten, mit patriarchalen Machtstrukturen und den Schatten des Kolonialismus. Das alles ist klug und hoch literarisch verknüpft, also eigentlich genau nach meinem Geschmack. Aber irgendwie bin ich trotzdem nicht warm geworden mit diesem Roman, konnte mich nur schwer auf das Erzählte konzentrieren. Leider war es kein Match, auch wenn ich die feine Komposition darin erkenne.
Profile Image for Günter.
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October 12, 2025
Ich bin bei diesem Buch wie selten hin- und hergerissen. Es hat mich genervt und es hat mich fasziniert. Ich würde ihm gerne zwei Sterne geben und ich würde ihm gerne fünf Sterne geben.

Thematisch befindet es sich auf den Spuren von Herzog und Kinski im Amazonas, zumindest im Haupterzählstrang, sofern es einen solchen gibt. Es gibt unzählige Nebenstränge, plötzliche Abschweifungen in völlig andere Geschichten, Unterbrechungen und Abschweifungen in Unterbrechungen und Abschweifungen. Überhaupt, die Rahmenhandlung ist eigentlich so etwas wie eine Poetikvorlesung, in deren Rahmen dann aber "nur" Handlungen bzw. Geschehnisse, Ereignisse berichtet werden.

„(…) und es sei ihr spätestens in diesem Moment, als sie so ziellos durch den Wald geirrt seien, bewusst geworden, dass es hier keine Pointe geben, dass die ganze Geschichte auf keine Auflösung, kein Ende zulaufen würde.“

Dem Aufbau nach ist das wie bei einem Stream of Consciousness, nur eben nicht Consciousness, sondern Geschichten und Referenzen. Bis hin zur fiktiven Geschichte einer Marilyn Trapenard (inkl. fiktivem SZ-Rezensenten). Ich habe einige Zeit nach dieser Autorin recherchiert, hat spannend geklungen …

„(…) und im Geiste habe sie also eine Notiz gemacht, die die ungeheure Ähnlichkeit dieser Frau mit Marilyn Trapenard festgestellt habe.“

Von der Anlage der Geschichtensammlung fühle ich mich an Alexander Kluge erinnert. Nur ist hier fast alles spannend erzählt, ich bin gefesselt (bei Kluge immer nur angezogene Handbremse).

Sprachlich ist alles in indirekter Rede gehalten. Unterwegs habe ich mal einen Absatz an eine KI übermittelt, zur Textanalyse. Die meinte, das klinge nach Clemens Setz. - Diese Sprache ist einerseits wohl von hoher literarischer Qualität, andererseits macht sie es über lange Strecken schwierig, den ohnehin so verworrenen bzw. immer wieder unterbrochenen Erzählungen zu folgen.

In Summe jedenfalls ein faszinierendes Stück Literatur.
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September 4, 2025
#longlistlesen Nummer 7

Ich bewundere die Leute wirklich, die hierzu mehr sagen können als: Warum in aller Welt schreibt jemand ein Buch im Konjunktiv?

Ich glaube, wenn ich bereit gewesen wäre, mich auf diese sehr eigenwillige Form einzulassen, dann hätte ich der Angelegenheit auch etwas mehr abgewinnen können. Im Grunde erinnert es mich ein wenig an Hasenprosa der letztjährigen Longlist, sprachlich auch absolut einzigartig, aber irgendwie als Lektüre nicht wirklich genießbar - insbesondere nicht, wenn Titel wie Russische Spezialitäten auch auf der Longlist stehen.

Teilweise war ich wirklich gebannt, wie als ich zum „Thriller“-Element des Buches vorgestoßen bin - alles um den „Griechen“ herum, aber die meiste Zeit hat sich mir einfach nicht wirklich erschlossen, was ich hier gerade lese und vor allem wieso. Vielleicht war es nach den bislang sehr konkreten, handfesten Titeln irgendwie nicht das, was ich mir gewünscht und erwartet habe und ich kann der Autorin wirklich nur allergrößten Beifall zollen, dass ihr das, was auch immer das war, so konsequent durchgezogen hat.

War leider nichts für mich, aber ich sehe die Vision, und bewundere sie, deshalb 3 Sterne.
Profile Image for Leyla.
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November 27, 2025
Ich glaub ich bin einfach nicht gemacht, um Bücher, die den deutschen Buchpreis gewonnen haben, zu verstehen.
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November 2, 2025
A novel as annoying as it is intriguing — in equal measure it draws you in, while purposefully and stylistically confusing you.



Die Holländerinnen translates to The Dutch Women and is a novel I picked up after it won the German Book Prize 2025. It's a story told by an unnamed author who gets attached to a project by a theatre group wanting to bring the story of two sisters to the stage: in 2014, they set out in search of a missing river in the Panamanian jungle, an expedition from which they never returned. A couple of weeks later, the author herself sets out to retrace the steps of this expedition.

There's a lot of introspection and pondering. There's an awful lot to unpack in this novel if you're keen to do so, even though you have to go digging for meaning yourself. I didn't consider this an easy read, as Elmiger largely employs a stream-of-consciousness style that is not concerned about telling a chronological story. This mirrors the narrator's inner world and her own trying to make sense of what is happening. It feels like a meditation more than a story.

The novel explores displacement and the entanglement of personal and historical stories. Comparisons to Conrad's Heart of Darkness feel inevitable (unluckily, a novel I hate with a passion reserved for few books) and Werner Herzog with his obsessive undertakings and blurring boundary between reality and myth get quite a few direct mentions. Similarly, the novel at hand points a (vague) finger at colonial power balance, even after the formal end of colonialism. The jungle and people living close to it feel like mere set pieces, they're clearly part of the other.

Who gets to tell the story? The actual disappearance of those two Dutch women in Panama is a real case and it's a messy one. There is no linear way to tell the story and the novel plays with our expectations of a narrative. In a world where true crime is more popular than ever and we're so used to being served stories on a silver platter, this novel goes against the grain. I caught myself feeling uncomfortable about how my expectations weren't met, how I had expectations about getting closure, answers, even just a structure that Elmiger isn't concerned with providing. It does make you think about how we construct the world. It's not fun, but it is ... I'm not even sure. Interesting? I guess?

The writing style gave me a headache. Stylistically, this felt like an endurance test to me, despite being quite slender a volume with a mere 160 pages. Written almost entirely in the German subjunctive (a nightmare, as it turns out!) and relying heavily on indirect speech, this felt hard for me to withstand. I usually appreciate experimental language and when authors test out structurally new forms of telling their story, but when it makes the text so much harder to access, I don't consider it a success. I do get the point though: it gives the narrative an inherent dream-like, hypothetical and general vibe that further stresses the points Elmiger is trying to make in her text.

Ultimately, this book is as highbrow as it gets. It requires attention and work and doesn't care too much about making you feel good or satisfied as a reader. It is also not concerned about being a book for everyone, which is on the one hand fine, on the other adds a pretentious note that rubs me the wrong way. And yet, it's effective in what it does and will linger with you after you've turned the last page.
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October 17, 2025
Longlist des Deutschen Buchpreises #8

Mein persönliches Ranking Platz 1 von 20 - und damit mein Buchpreis Buch 2025!

Jetzt verdient, etwas überraschend und zu meiner sehr großen Freude auch offizieller Gewinner des Deutschen Buchpreis 2025!

(English below!)

Die Holländerinnen ist eine der Entdeckungen, wegen denen ich Buchpreislisten so sehr liebe. Obwohl Dorothee Elmiger von Literaturkritikern hochgelobt ist, hatte ich noch nie von der Schweizer Autorin gehört und hätte „Die Holländerinnen“ niemals auf dem Schirm gehabt und aufgrund der Besprechungen oder des Klappentextes auch eher nicht gelesen.

Der gesamte Roman ist absurd: Eine bedeutende Schriftstellerin wird bei einer nicht näher bezeichneten Veranstaltung angekündigt. Sie tritt ans Mikrofon, ordnet ihre Papiere und beginnt zu sprechen: Zunächst bedankt sie sich bei allen für die Einladung, dann erklärt sie, warum sie ihren ursprünglichen Plan, über die Prämissen und Methoden ihrer Arbeit zu sprechen, aufgeben musste:

(„[] obwohl sie glaube, schreibend und sprechend durchaus eine kohärente poetische Theorie entwickelt zu haben, sei ihr nun jede einigermaßen klare Bestimmung ihrer Arbeit, jede sichere Feststellung ihr Schaffen betreffend unmöglich geworden.“)

Sie kann ihre Prämissen und Methoden nicht genau benennen; alles scheint auseinanderzufallen, wenn sie es versucht. Da sie jedoch bereits zugesagt hatte, an der Veranstaltung teilzunehmen, hat sie beschlossen, über ihren letzten, niemals fertiggestellten Text zu sprechen. Das ist der gesamte Roman: Eine Frau am Mikrofon erzählt uns eine Geschichte in indirekter Rede, blättert dabei regelmäßig eine Seite um oder wechselt ihre Körperhaltung.

Das müsste eigentlich unglaublich anstrengend sein. Ich habe noch nie so viele Konjunktivformen auf einem Haufen gesehen - aber das Ergebnis ist großartig literarisch. Es schadet auch nicht, dass die Geschichte, die die Protagonistin uns erzählt, reich an Anspielungen und Dramatik ist: Sie beginnt im Auto. Ein Dramaturg ruft die Autorin an und bittet sie, an einem Projekt in Panama teilzunehmen, das sich künstlerisch mit dem Verschwinden zweier niederländischer Frauen im Dschungel im Jahr 2014 befasst (eine wahre Geschichte). Es wurden nur Körperteile gefunden, und was genau passiert ist, bleibt unklar. Nun hat der Dramaturg eine kleine Gruppe von Menschen (und einen Mädchenchor?) am Rande des Dschungels versammelt und führt sie durch einen kreativen Prozess der Wiederentdeckung, der möglicherweise ins Leere läuft. Es ist eine Reflexion über Gewalt und das Böse sowie darüber, wie man ihnen entkommt. Symbolismus ist eigentlich nicht mein Ding, aber ich fand, dass es hier unglaublich gut funktioniert hat. Das ganze Buch verschachtel Geschichten ineinander, weil die Autorin Nacherzählungen von Literatur in ihren Vortrag wiedergibt, und Geschichten, die ihr andere Leute auf ihrer Reise erzählt haben.

Die Rezensionen zu Die Holländerinnen sind manchmal unerträglich, da sie sich auf den intellektuellen Inhalt konzentrieren, auf Adorno, Herzog und Conrad. Aber die Sache ist die: Das Buch ist unglaublich lesbar. Ich konnte es nicht weglegen, musste immer weiter wissen, was geschieht, war dann aber sehr enttäuscht, als ich gemerkt habe, wie bald es schon zuende sein würde. Kurzum: Dieser Roman ist ein literarisches Ereignis. Die Prosa ist fesselnd, der Ton fast hypnotisch und das Ganze ist verspielt und doch gehaltvoll.

Ich lese viel, und manchmal kann das einen abstumpfen lassen, aber dieses Buch hat mich begeistert. Ich wäre sehr verärgert, wenn es nicht auf die Shortlist käme! Ich denke, es ist vielleicht zu experimentell für den Deutschen Buchpreis, aber es ist ein Roman, der es verdient, gelesen zu werden.

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German Book Prize longlist #8

This is why I love book prize lists. Although Dorothee Elmiger has received rave reviews from literary critics before, I had never heard of the Swiss writer and would never have picked up Die Holländerinnen for love or money.

The entire novel is weird: An important writer is announced at an unspecified event. She steps to the microphone, arranges her papers, and begins to speak: First, she thanks everyone for the invitation, then explains why she has to abandon her original plan to tell them about the premises and methods of her work:

'[a]lthough she believes that she has developed a coherent poetic theory through writing and speaking, she is now unable to clearly define her work or make any definitive statements about her creative process.' ("[] obwohl sie glaube, schreibend und sprechend durchaus eine kohärente poetische Theorie entwickelt zu haben, sei ihr nun jede einigermaßen klare Bestimmung ihrer Arbeit, jede sichere Festestellung ihr Schaffen betreffend unmöglich geworden.")

She cannot pin down what her premises and methods are; everything seems to fall apart when she tries. However, since she had already agreed to attend the event, she has decided to talk about her last, never-to-be-finished text. This is the entire novel: A woman on a microphone telling us a story in indirect speech, periodically flipping a page or changing her stance.

This should be extremely annoying. German indirect speech is really a world of its own and is very rarely used for long passages of text. But it works wonderfully here. It doesn't hurt that the story she tells is rich in references and drama. A dramaturge calls her and asks her to take part in a project in Panama, artistically exploring the disappearance of two Dutch women in the jungle in 2014 (a true story). Only body parts were recovered, and what exactly happened remains unclear. Now, the dramaturge has gathered a small group of people (and a girls' choir?) on the edge of the jungle and is leading them through a creative rediscovery process that may lead nowhere. It is a reflection on violence and evil as well as on how to escape it. Symbolism is not my thing, but I thought it worked incredibly well here. The whole book is a story in a story in a story, with the author including retellings of literature and the stories other people told her on the journey in her talk.

The reviews of Die Holländerinnen are sometimes insufferable, focusing on the highbrow content, on Adorno, Herzog and Conrad. But the thing is, it's incredibly readable. While I wanted to finish, to see where this was going, I was also sad to realise that I had entered the last few pages of this short book. This novel is a literary Ereignis. The prose is enthralling, the tone alluring and the whole thing is playful yet substantial. I read a lot, and sometimes that can make you a bit numb, but this book excited me. I'll be very annoyed if it doesn't make the shortlist! I think it's perhaps too experimental for the grand prize, but it's a novel that deserves to be read. (And apparently not only my favorite out of the 20 nominees: This is the winner of the German Book Prize 2025. Extatic!)
Profile Image for Tarian.
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October 9, 2025
Die Form: Eine synthetische (von Ausgangspunkt bis zum Effekt erzählte) Erzählung eines extradiegetischen, heterodiegetischen Erzählers, die nullfokalisiert größtenteils der intradiegetischen Erzählung einer eine Poetikvorlesung haltenden Autorin folgt, deren Bericht wiederum durchsetzt ist von lauter metadiegetischen Erzählungen. Dazu noch die fast ausschließliche Verwendung indirekter Rede, in vielen der metadiegetischen Erzählungen sind sogar noch weitere Abstraktionsebenen zu finden, etwa in der des Dramaturgen über ein vorheriges Projekt des Theatermachers, der in der Ägäis mit Laiendarstellern eine Theateradaption einer Opernfassung eines Romans von Kazantzakis realisiert, in dem wiederum Laiendarsteller die Passionsgeschichte einüben und dabei beginnen, mit den Rollen zu verschmelzen. Das klingt vielleicht abschreckend, liest sich aber klar und verständlich und hat zur Folge, dass die Geschichte des Romans ephemer wird und auch die Sprache selbst prekär wird, jeden sicheren Grund unter sich verliert, weil ihr Repräsentationsanspruch radikal infrage gestellt wird und der Wahrheitsgehalt ohenhin nebensächlich wird.

Was das alles mit dem Inhalt zu tun hat (ein Versuch): Theatermacher inszeniert Verschwinden zweier Holländerinnen im panamaischen Urwald am Ort selbst, Reise wird zur Tortur, auch durch mehrtägige Exkursion. Am Ende öffnet sich ein Portal, dass die intradiegetische Erzählerin jedoch nicht durchschreitet, da sie eine Poetikvorlseung hält, die auf diese Erlebnisse rekurriert.
Zum einen geht es um die Literatur selbst: die Autorin sieht sich nicht mehr in der Lage zu schreiben und hält ihre Vorlesung darum über ihre Tätigkeit im Urwald. Wie bereits oben aufgeführt, reflektiert der Roman an sich durch seine Form zudem, dass auch die Sprache suspekt geworden ist.
Zum anderen lese ich alle diese Metaerzählungen wie auch das Theatervorhaben auf zwei Arten. Individuell bedeuten sie für die Figuren einen Einbruch der Gewalt, des eigentlich Gebändigten in den sicher geglaubten Alltag. Der Dschungel löst alle Suprematismen auf und konfrontiert alle Teilnehmenden mit ihrer Geworfenheit. Selbst den Theatermacher, der sich selbst in seinen theoretischen Ausführungen sehr gefällt und die Exkursion mit bestimmter Härte durchführt, hält die Natur immer wieder auf und untergräbt seine gewichtigen Worte, bis sie nur noch als hohle Phrasen im morastigen Boden versinken.
Übergeordnet bilden die Anekdoten als Mosaik eine Parabel über das Scheitern des Westens und seiner Hegemonie. Dies gelingt, weil das Konzept Kolonialismus ausgeweitet wird auf die Unterwerfung der Ängste und Unsicherheiten sowie auf die Nutzbarmachung von Tieren. In jeder der Geschichten bricht das Beherrschte aus seinen Fesseln aus und unterstreicht die Prekarität der bequem eingerichteten Welt. Das diese insbesondere auch moralisch-ethisch zu verstehen ist und welche Janusköpfigkeit dieser Moral zugrunde liegt, wird in dem Abschnitt über die fiktive Schriftstellerin Marilyn Trapenard deutlich, die mehrmals exemplarisch unmenschlich handelt, aber in ihren Texten und Vorträgen stets auf universelle Menschlichkeit beharrt. Konfrontiert mit den Auswirkungen der eigenen Lebensweise bleibt ihr nur Wegducken und nachher ein Bedauern, das auch der Politik nicht fremd ist, wenn wieder mal die Freiheit am Hindukusch verteidigt werden musste.
Am unmittelbarsten wird die Gegenüberstellung der Lebensweise der Industrieländer und ihrer Auswirkungen in der letzten metadiegetischen Erzählung über ein paranoid gewordenes älteres Ehepaar, das letztlich die eigene Wohnung in Brand setzt. Sie werden nämlich gescammt von einem Reparaturservice, dessen Repräsentant Kimboya ist. Nach deren erfolglosen Bemühungen um einen kaputten Kühlschrank fühlen sich die Ehepartner zunehmend verfolgt und recherchieren in den letzten Tagen vor ihrem Tod intensiv, um Kimboya ausfindig zu machen. Dabei stoßen sie auf einen gleichnamigen Kongolesen, der Kobalt und Kupfer abbaut. Diese Doppelgängerfigur repräsentiert also zum einen die lokale Schattenseite des Systems, zum anderen die internationale. Der intentional verschleierte Zusammenhang zwischen Annehmlichkeit und Ausbeutung wird sichtbar.

Eine Art Fazit: Es gibt noch unzählige weitere Arten, das Buch zu lesen. Insbesondere das ganz zum Schluss geöffnete Portal ist ein vielgestaltiger Möglichkeitsraum, der zu unterschiedlichsten Interpretationen einlädt. Sprachlich entwickelt sich ein Sog, der nur an ganz wenigen Stellen seine Wirkung nicht entfalten kann.
"Die Holländerinnen" ist wahrscheinlich das beste deutschsprachige Buch des Jahres, auf jeden Fall aber das klügste.
Profile Image for Mary.
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Read
August 22, 2025
Puh, somebody explain this fever dream to me please
Profile Image for Ileana (The Tiniest Book Club).
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October 23, 2025
Schon beim Cover musste ich spontan an Werner Herzog denken (vielleicht, weil er zur Zeit auf Insta so präsent ist) uuund da ist er auch schon, das Epigraph gleich nach dem Titel.
Ich bin gespannt auf diesen schmalen Roman, der in der vergangenen Woche mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist.

Die Rahmenhandlung folgt einer etablierten Schriftstellerin, die einen Vortrag in einem spärlich besuchten Auditorium hält. Ihr Schaffen befinde sich in einem Prozess der Auflösung. Trotzdem wolle sie die Zusage nicht widerrufen, sondern über ihren letzten Text sprechen, der fragmentarisch sei, unvollendet, ein Reisebericht.

Dorothee Elmiger experimentiert mit Spiegeln und Dopplungen, das ist schnell klar. Der Roman entfaltet sich im Konjunktiv und enthält viele mündliche Überlieferungen. So türmt sich bald Ebene auf Ebene.

Der Reisebericht beschreibt einen Trip nach Südamerika. Die Schriftstellerin soll dort auf Einladung eines Theatermachers das Entstehen seines neuen Stücks protokollieren. Es trägt den Arbeitstitel „Die Holländerinnen“ und beschäftigt sich mit dem realen Fall zweier spurlos im Urwald verschwundener junger Frauen („doppelt real“, sowohl in der Handlung des Romans als auch irl, so geschehen 2014 in Panama).

Elmigers Erählung nimmt sprachlich und inhaltlich Abstand. Sie ist voller Referenzen, an Theater, bildende Kunst, Philosophie. Und diese vermeintliche Kühle, Rationalität lässt das Unheimliche eindringlicher erscheinen. Eine bedrückende, liminale Atmosphäre macht sich bereits auf der Reise der Autorin nach Lateinamerika breit.
Die Mitarbeitenden des Projektes finden sich am Abend zusammen, sie erzählen Geschichten am Feuer, um das Unbehagen zu begrenzen, das die Nacht im Dschungel in ihnen weckt. Diese mündlichen Vorträge im mündlichen Vortrag der Autorin tasten sich heran an Grenzerfahrungen, gemeinsam versucht die Gruppe, in den Abgrund zu blicken.
„Vielleicht sei in diesem Zusammenhang, denke sie heute, auch ihre Notiz aus jenen Tagen zu verstehen, ein Zitat, das besagte, im Hinstarren aufs Unheil liege eine gewisse Faszination und damit auch ein unausgesprochenes, ein heimliches Einverständnis.“

„Die Holländerinnen“ ist ein faszinierender Roman, hochgradig konstruiert, aber ohne Bevormundung. Eine große Empfehlung für Eure Buchclubs!

CN: Tod mehrerer Tiere, Abort, Depression, häusliche Gewalt, Suizid
Profile Image for Laurence.
6 reviews
October 21, 2025
Ein Buch, in dessen Verlauf so wenig zu passieren scheint, einem gegen Ende jedoch das ganze Universum über dem Kopf einbricht. Nach den letzten Wörtern starrt man ungläubig und mit einer tiefsitzenden Angst auf die leeren Seiten, die auf den letzten, beunruhigenden, alles verändernden Satz folgen.
Profile Image for Martin Riexinger.
307 reviews29 followers
November 19, 2025
Uff, erstmal sacken lassen.

Ein Buch, das einen unmittelbar in seinen Bann schlägt, aber am Schluss bleibt die Frage, ist es ein Meisterwerk oder eher prätenziös? Daher vorerst ****, doch werde ich das Werk bald noch einmal lesen, samt einiger der Werke auf die Bezug genommen wird, und möglicherweise einen Punkt rauf- oder runtersetzen.

Man liest, die Erzählung sei konsequent in indirekter Rede gehalten, das ist zum einen nicht ganz richtig, zum anderen etwas unterkomplex, denn in der indirekten Rede Ebene 1 wird indirekte Rede Ebene 2 referiert, oder anders gesagt: Rahmenerzählung 1 (Poetikvorlesung) enthält Rahmenhandlung 2, in der wiederum verschiedene Figuren Geschichten erzählen.* Der Ton ist etwas Bernhard (auf den einmal hingewiesen wird)
In der Rahmenhandlung 2 versucht der "Theatermacher" mit Schauspielern, Kameramann, Maskenbildnerin und Protokollantin (Rahmenerzählerin 2) das Verschwinden zweier Holländerinnen um lateinamerikanischen Urwald nachzuspielen. Dabei erzählen diese und andere Gäste der Lodge Geschichten, wobei nur die des Theaterregisseurs selbst unmittelbar mit dem Vorhaben zu tun zu haben scheint (die Identifikation von Schauspielern in einer Inszenierung von Kazantzakis Griechischer Passion mit den Figuren dieses Roman, wobei dieser sich wiederum mit den Figuren der Leidensgeschichte Jesu identifizieren). Gerade deshalb versucht man als Leser aber ständig die anderen Geschichten auf die Rahmenhandlung 2 zu beziehen.

Das Werk ist gesättigt mit Anspielungen auf Literatur, Film und "Theorie". Der Bezug zu Heart of Darkness samt Derivaten (Apocalypse Now, Aguirre) wird explizit gemacht, ebenso wird konstant auf die Dialektik der Aufklärung und Benjamins Aufsatz über Leskow verwiesen, einmal kurz auch auf Descolas Modell verschiedener Ontologien, aber in den Erzählungen treten analogistische und animistische Ontologien in Konkurrenz zur naturalistischen. Implizit spielt wohl auch die "Carrier Bag Theory" von Ursula LeGuin und Donna Haraway eine Rolle, nicht zuletzt da die geplante lineare Heldengeschichte des "Theatemachers" (der in doppeltem Sinne an Werner Herzog erinnert) nicht zustande kommt, während man ein heterogenes Sammelsurium anderer Geschichten "in der Tasche" hat.
Und dann tauchen da noch fiktive autofiktive Werke auf...

Guter Rat: in einem Zug lesen, damit man den Faden nicht verliert.

* Das erinnerte mich an Wuthering Heights , das ich vor kurzem gelesen hatte.
Profile Image for Michael Madel.
552 reviews11 followers
October 2, 2025
Das ist große Kunst, das ist großartige Literatur: unvorhersehbar, mehrdeutig und komplex, vexatorisch, letztendlich nicht konsumierbar, weil zweckfrei, mit einem unauflösbaren irrationalen Rest an gleich mehreren Stellen.
Für mich geht es in dem Roman nicht nur, aber vor allem um die Entstehung und die Entstehungsgeschichte von Texten und Literatur. Erzählungen auf mehreren Erzählebenen spiegeln und doppeln sich, sie sind ineinander verschachtelt, wie bei einer Matrjoschkapuppe entwickelt sich eine Geschichte aus der anderen, wobei die Gesamterzählung auf den Tod, die Auflösung, die Auslöschung (siehe die zahlreichen Thomas-Bernhard-Anspielungen) hinausläuft. Entsprechend zerfasert die Handlung im dritten Teil und scheint zu zerfließen. Form und Inhalt entsprechen sich nicht nur an dieser Stelle.
Einfach klasse!
Profile Image for Marlene Stein.
37 reviews8 followers
January 7, 2026
*2.75
Autorin kann indirekte Rede langfristig gut anwenden, Deutschlehrer*innen landesweit jubilieren. Eine Erzählung über das Fremde, die mir fremd geblieben ist. Weder hat eine der doppelt indirekt erzählten Geschichten mich irgendwie berührt, noch wecken sie in mir die Muse, nach der tieferen Bedeutung des Buches zu suchen. Für mich leider ein klarer Fall von "wir passen nicht zusammen", das Buch und ich, ihm mangelt es an den Dingen, die ein geliebtes Buch für mich ausmachen. Vor dem Mut zum und der formvollendeten Umsetzung des sprachlichen Experiments gegenüber ziehe ich aber respektvoll meinen Hut, und so gehen wir friedlich unserer getrennten Wege, Die Holländerinnen und ich.
Profile Image for Circlestones Books Blog.
1,146 reviews34 followers
August 22, 2025
„Man müsse dies alles, sagt sie, im Kontext der Holländerinnen betrachten, man müsse alles, war nun folge, den Terror der Nächte, die schonungslosen Tage, vor dem Hintergrund dieser Geschichte verstehen, die der Theatermacher für sein Stück noch einmal hervorgeholt und ans Licht geschleift habe, weil er darin, so seine Erklärung, etwas in Bilder gefasst oder in diesen Bildern enthüllt finde, das er aber nicht sagen könne, das sich grundsätzlich nicht sagen lasse, das letzte Reale vielleicht, mit Lacan gesprochen, das Angst-objekt per excellence.“ (Zitat Pos. 415)

Inhalt
„Sie“ ist eine bekannte Schriftstellerin und wurde eingeladen, einen Vortrag über ihre Arbeit und ihre Texte zu halten. Doch stattdessen spricht sie nur über ihren letzten Text, einen Text, den sie nie fertiggestellt hat. Es ist drei Jahre her, seit sie den Anruf eines Theatermachers erhalten hatte, der gerade ein neues Stück vorbereitet, die Rekonstruktion eines tragischen Falls. Sie soll als Protokollantin alle Vorkommnisse und Ereignisse in einem Text festhalten, aus dem später das Drehbuch entstehen wird. Eine Reise, bei der sie sich von Beginn an unbehaglich fühlt. Einfache, etwas verwitterte Bungalows an einem abgelegenen, einsamen Küstenstreifen am Pazifik, in Südamerika irgendwo zwischen den Wendekreisen, und ein Pfad in den Urwald, auf dem vor einiger Zeit zwei Holländerinnen auf einer Wanderung spurlos verschwunden sind. Diesem Pfad will der Theatermacher mit seiner Gruppe folgen.

Thema und Genre
In diesem Roman geht es um die Verstrickungen, Verbindungen, Beziehungen, und um die scheinbaren Zufälle im Leben. Themen sind Psychologie, Philosophie, der Mensch und die unberechenbare, wilde Natur und die damit verbundenen Urängste.

Erzählform und Sprache
Die Schriftstellerin spricht bei einer Fachtagung als Vortragende über die Ereignisse auf dieser besonderen Reise, in der Ich-Form und durchgehend in der indirekten Rede. Ihre Unterlagen sind zahlreiche Notizen, Fragmente und Aufzeichnungen. Der Ablauf der chronologischen Handlung wird getragen von den Erinnerungen und damit verbundenen Gefühlen der Schriftstellerin, die Schilderung der eigenartigen Stimmung, dazu Geschichten, die ihr von anderen Mitgliedern dieser Gruppe um den Theatermacher erzählt werden und vertiefende fachliche und philosophische Erklärungen des Theatermachers selbst. Das allem zugrunde liegende Verschwinden der beiden Holländerinnen steht im Mittelpunkt der täglichen Gespräche der Gruppe und wird so weit als möglich durch Nachforschungen recherchiert. Was diese an sich klare Handlung so besonders macht, ist die in den Beobachtungen der Schriftstellerin manchmal unerklärbar zerfließende Realität, Splitterbilder anderer Bewusstseinsebenen, und im Hintergrund eine nicht definierbare Gefahr aus dem Urwald, ein subtiles Unbehagen, besonders während der dunklen Nächte.

Fazit
Dieser Roman ist in meinen Augen eine sehr moderne, eigenwillige und durch die Themenvielfalt facettenreiche Version des klassischen englischen Schauerromans. Teilweise unerklärbare Ereignisse, verbunden mit einem steten, beklemmenden Gefühl einer drohenden Gefahr werden später von jemandem, der dies selbst erlebt hat, erzählt. Keine einfache Lektüre, aber das sind die Romane von Dorothee Elmiger nie, aber es lohnt sich auch bei diesem neuesten Roman, sich die Zeit für diese vielschichtige Gegenwartsliteratur zu nehmen.
Profile Image for Res.
46 reviews4 followers
October 22, 2025
Nervöses Lesen, merkwürdiger Sog - zeigt das, wo Kausalität versagt, wo eine Lücke klafft zwischen dem Ereignis selbst und seinem Warum.
Profile Image for Julia Modde.
464 reviews23 followers
November 1, 2025
Geschichten als Taschenlampe, die ein gespensterhaftes Licht in das Dunkle schicken. Nur einen kleinen Teil erhellen, hinter dem Lichtkegel vermuten wir den Abgrund, lösen wir uns auf, existieren Raum und Zeit nicht mehr. Aber so lange man erzählt, verschwindet man nicht.
Die Geschichten in der Geschichte in der Geschichte handeln von Gewalt und Ohnmacht, ohne konkret zu werden. Der Grusel liegt irgendwo unter der Sprache, jenseits der Sprache. Die Geschichten erzeugen eine unheimliche Intimität zwischen uns und den Erzählenden, die sich sofort wieder verflüchtigt durch den im Konjunktiv geschriebenen Bericht der Schriftstellerin, die uns im düsteren Auditorium ins Herz der Finsternis führt. Hier entsteht ein literarischer Möglichkeitsraum, Kunst als tastende Hand in der Dunkelheit, um vermeintlich etwas zu fassen, das sich im nächsten Moment wieder entzieht.
Nur wer bereit ist in einen sprachlichen Fiebertraum einzutauchen, wer bereit ist, auf eine Pointe, eine Auflösung der Story zu verzichten, sollte der Erzählerin in dieses Archiv aus Furcht und Verlorenheit folgen.
Profile Image for Annina.
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December 24, 2025
Da bin ich hin- und hergerissen. Dorothee Elmiger verstrickt in einer Geschichte etliche andere, die keinen offensichtlichen Zusammenhang haben. Einige davon haben mir sehr gut gefallen, andere weniger gut. Dabei schreibt Elmiger in indirekter Rede, was sehr gewöhnungsbedürftig ist. Ich konnte mich mit dieser Form nicht anfreunden. Mein Leseerlebnis war sehr anstrengend, und ich musste mich zwingen, nicht abzubrechen. Was mir half, waren andere Rezensionen, dank denen ich das grosse Ganze hinter den einzelnen Geschichten besser verstehe. Und das ist wiederum stark. Vielleicht nehme ich es in einer etwas ruhigeren Zeit nochmals zur Hand.
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November 22, 2025
Was für ein verstörendes Monster von einem Roman!

Elmiger umkreist die Frage, wie und was erzählt werden kann, konsequent im Konjunktiv als Form der Distanzierung.

„…der Horror liege naturgemäss ausserhalb der Sprache, ja, er sei, wenn man so wolle, ihr Gegenteil, ihr Ende…“

Eine anspruchsvolle, anstrengende Lektüre, ein Erzählen im Erzählen, dicht und berstend voll mit literarischen und historischen Bezügen.

Genie und Wahnsinn im Dschungel wie bei Kinski, Herzog, Conrad… lässt einen beim Lesen buchstäblich versumpfen.
Profile Image for Julien Dopp.
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October 22, 2025
Sprachlich überragend. Viel mehr kann man aus der deutschen Sprache nicht herausholen. Inhaltlich allerdings so wirr und banal, in Teilen arrogant und letztlich schlicht überflüssig, dass es nur für drei Sterne reicht. Ein anstrengender Text, ein völlig falscher Gewinner des Deutschen Buchpreises (zum dritten Mal in Folge). Wenn man nicht ohnehin literarisch interessiert ist, wird dieses Buch nicht eine einzige Person neu zum Lesen gewinnen können. Daher hat der Buchpreis mit der Auszeichnung dieses Buches eigentlich seine Legitimation verloren.

Anstrengend sind auch die endlosen Nebeneinschübe (einer langweiliger als der andere) und die überheblich anmutenden Querweise auf andere Künstler*innen etc, die jegliche Handlungen aushebeln und nirgendwo hinführen, außer zu einer ach so klugen Selbstreflexion von Kunst.

Eine gewisse Faszination bleibt trotzdem - nochmal: sprachlich ist der Text wirklich grandios. Man merkt beinahe jedem Satz an, dass hier bis zur Perfektion dran gefeilt wurde, dass jedes Wort überprüft wurde, bis die Sätze punktgenau und extrem stimmig sind. Sprich: man merkt dem Text die Arbeit an, die in ihm steckt.
Leider ist es aber auch mehr Arbeit als Vergnügen, sich durch diesen - Gott sei Dank sehr kurzen - Text zu ackern. (Auch dadurch, dass der gesamte Text im Konjunktiv gehalten ist, was aber wiederum auch eine spannende Leseerfahrung war).

Von daher bleibe ich ambivalent (3/5) zurück. Interessant? Ja. Buchpreis? Nein.
Profile Image for T.
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November 6, 2025
sprachlich in bernhard’scher manier großartig geschrieben, hat sich für mich jedoch im verlauf das konzept des buches selbst im weg gestanden. die dichte der anekdoten, verwoben mit den zwei anderen ebenen des buches wirkte für mich leider zunehmend gekünstelter und weniger überzeugend. die idee grossartig, die sprache gewaltig, die handlung nachhallend merkwürdig, am ende jedoch für mich keine runde sache, leider. habe mir inständig gewünscht, dass elmidelmi noch einen weiteren taschenspielerinnentrick aus dem ärmel zieht und damit ihr verrücktes kammerspiel beschließt , aber am ende blieb jenes gefühl der konzeptuellen unzulänglichkeit leider bestehen. vielleicht wird ein re-read mein gefühl bei zeiten nochmal umstimmen. schauen wir mal, was wird.
Profile Image for nonononononononoyes.
19 reviews1 follower
November 10, 2025
das ständige abschweifen in nebenerzählungen, kombiniert mit der indirekten rede, empfand ich anfangs als anstrengend. bin dann aber immer mehr reingekommen, sodass es zu einem page-turner wurde.
insgesamt ein überzeugendes und sprachlich brillantes werk.
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