Das war eindeutig zu viel, eine Überdosis Thomas Bernhard, aber selber schuld. Ich hätte ja nicht alles am Stück lesen müssen, ich konnte das Buch aber auch nicht weglegen.
Dieser über 600 Seiten starke und vergriffene Band mit dem Titel "Die Erzählungen", Suhrkamp 1979, beinhaltet zwölf Kurzgeschichten und fünf längere Texte, die auch als Einzelausgaben vorliegen ("Amras", "Ungenach", "Watten", "Gehen" und "Ja"). Um Mißverständnisse zu vermeiden: die später erschienene TB-Ausgabe "Erzählungen" enthält nur die zwölf Kurzgeschichten.
So eine Tour de Force, bei der man von einer Geschichte in die Nächste geworfen wird, obwohl jede davon eine Nachdenkpause erfordern würde, geht auf Kosten der Detailwahrnehmung und Reflexion. Die letzte Erzählung im Buch, "Ja", hat jetzt Zeit zum Nachklingen, sie ist auch eine der berührendsten, aber auch "Watten" und "Gehen" haben mich sehr beeindruckt. Von den Kurzgeschichten ist mir ganz besonders die "Mütze" im Gedächtnis geblieben.
Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler. ["Gehen", erster Satz]
Andererseits war es auch nicht schlecht, die Bernhardsche Textlandschaft einmal im Weitwinkel mit dem Blick auf das Ganze zu sehen, ohne sich im Detail zu verheddern. Es wäre ein durchgehend düsteres und deprimierendes Buch, würde es nicht durch seinen abgründigen, absurden Witz überhaupt erst erträglich und in dieser Widersprüchlichkeit seine eigentliche Qualität entfalten.
Es ist ein ständiges zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Kopfes Denken und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Hirns Empfinden und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Charakters Hinundhergezogenwerden.
Es treten in allen Geschichten immer ähnliche Erzähler oder Protagonisten in ähnlichen Situationen auf - vereinsamte, abgehobene Wissenschaftler, die mit ihrer Existenz kämpfen, einer Todeskrankheit, die gleichermaßen Körper, Geist und Gemüt befällt; Geistesmenschen, die sich in ihren Gedankenkreisen verstricken und verlieren, die an ihrer geistlosen, zerstörerischen Umgebung zerbrechen und sich selbst sehenden Auges zu Grunde richten. Unterm Strich könnte man alle diese Erzählungen auch als Loblieder auf das Scheitern lesen. Bernhard verschneidet dabei immer wieder eigene biografische Fragmente mit seinen Figuren, ohne dabei explizit autobiografisch zu werden.
Was mich immer wieder und mehr als bei anderen Autoren fasziniert, ist die kompositorische Herangehensweise, mit der Bernhard seine Texte gestaltet. Diesen Zugang beschreibt er auch immer wieder selber, wie beispielsweise in "Ja" als philosophisch-mathematisch-musikalischen Vorgang:
[...] durch die Art und Weise ihres Sprechens und Denkens, das, folgerichtig, Sprechen aus dem Denken und Denken aus dem Sprechen entwickelte, als wäre das Ganze ein mathematischer, ein philosophisch-mathematischer und dadurch konsequent ein philosophisch-mathematisch-musikalischer Vorgang, korrigierte und regulierte und interpunktierte und kontrapunktierte sie mein eigenes Denken und Sprechen [...]
Für Bernhard, und das zeigt auch seinen philosophischen Hintergrund, ist es erst die Sprache, die aus dem Denken heraus die Wirklichkeit konstituiert. Erst durch die Benennung erschaffen wir die Welt. Dafür steht auch der inflationäre Gebrauch des Wortes sogenannt in all seinen Texten, der in "Gehen" seinen Höhepunkt findet:
Wie Karrer ja überhaupt, sagt Oehler, alles nur als ein Sogenanntes bezeichnet hat, nichts, das er nicht als ein nur Sogenanntes bezeichnet hätte, worin seine Kompetenz eine unglaubliche Härte erreicht hat. Er, Karrer, hatte niemals gesagt, sagt Oehler, auch wenn er es doch sehr oft und vielleicht auch in vielen Fällen ununterbrochen gesagt hat, in solchen ununterbrochen gesagten Wörtern und ununterbrochen gebrauchten Begriffen, es handle sich um Wissenschaft, immer nur um sogenannte Wissenschaft, es handle sich um Kunst, nur um sogenannte Kunst, nicht um Technik, nur um sogenannte Technik […] Daß die Dinge und die Dinge an sich nur sogenannte sind, wenn ich genau bin, nur sogenannte sogenannte, so Karrer, sagt Oehler, versteht sich darauf von selbst.