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Gespräche mit einem Toten: Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee

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Als die Ethnologin Heike Behrend nach der Wende das Haus ihres Großvaters besucht, stößt sie am Arendsee in der Altmark auf den christlichen Propheten Gustaf Nagel, der 1874 im Kaiserreich geboren wurde und 1952 in einer Irrenanstalt in der DDR starb. Als Teil der Lebensreformbewegung war der deutschnationale Prophet sein Leben lang vielfältiger Verfolgung ausgesetzt. Anhand seiner Selbstbilder auf Postkarten und seiner Texte, die lokale Heimatforscher bereits zu DDR-Zeiten gesammelt und archiviert haben, sowie in Gesprächen mit ihnen und dem Toten entwirft Heike Behrend Gustaf Nagels Biografie. Sie erzählt darin auch von Konflikten, von Zusammenarbeit und Freundschaft in einer Gegenwart, in der die Enttäuschung und Unzufriedenheit über die Wiedervereinigung auch bei den Bewohnern der Altmark in neuen Formen der Selbstbehauptung ihren Ausdruck findet. Im Dialog mit ihnen lernt sie nicht nur, in ihren Fragen die eigene Fraglichkeit zu erkennen, sondern auch, was es heißt, gemeinsam und solidarisch ethnografisches und historisches Wissen zu erzeugen.

Auf den Spuren eines verfemten Propheten zeichnen diese Gespräche mit einem Toten das Bild der Lebensreformbewegung, ihrer schillernden Protagonisten, aber auch Schattenseiten, machen die Fotografie als widerständige Praxis begreifbar, ergründen die Heimatgefühle vor und nach der Wende und zeigen, was es heißt, nahe Fremde nicht zu Anderen zu machen.

312 pages, Hardcover

Published August 28, 2025

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Heike Behrend

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May 21, 2026
Manchmal fühlte sich dieses Buch an, als würde man zwei Werke parallel lesen.

Da gibt es diesen einen Strang, in dem die Ethnologin Heike Behrend mit der analytischen Präzision einer Koryphäe die Lebensreformbewegung um 1900 seziert. Es war eine Epoche, in der unzählige Menschen als Antwort auf die rasant fortschreitende Moderne des Kaiserreichs den Ausstieg probten – mit Naturheilkunde, Vegetarismus und einer radikalen Rückkehr zum einfachen Leben. Dieser Drang nach alternativen Gegenwelten zog sich weiter durch die krisenhafte Weimarer Republik, wurde im Nationalsozialismus teils verfolgt, teils ideologisch verbogen, und reichte im Kleinen bis in den privaten Eigensinn in der DDR.

Behrend führt uns durch diese dichte, zutiefst widersprüchliche Ideengeschichte, in der ökologische Sehnsüchte oft fließend in deutschnationales Denken übergingen. Und das schreibt sie nicht nur ungemein informativ, sondern auch sehr unterhaltsam. Man begreift die Altmark plötzlich als ein ganz eigenes Laboratorium deutscher Sehnsüchte. In diesen Momenten merkt man dem Text das immense Wissen und auch das fortgeschrittene Alter einer Frau an, die ihr Leben lang gelernt hat, Kulturen zu beobachten.

Und dann ist da das zweite Buch. Das persönliche, tastende Essay, das sich an einer Figur abreibt, die sich bis zum Schluss nicht greifen lässt. Gustaf Nagel, der barfüßige Naturprophet von Arendsee, bleibt sperrig. Ob ich diesen Mann sympathisch gefunden hätte, weiß ich nicht. Er inszenierte sich mit seinen wallenden Haaren, seinen weißen Gewändern und den massenhaft gedruckten Postkarten wie ein mediales Idol, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

Diese Bilderflut war keine reine Eitelkeit, sondern eine Waffe. Dem kriminalisierenden, psychiatrischen Blick der Behörden, die ihn als Geisteskranken abstempeln und fotografisch erfassen wollten, hielt er seine eigene, sorgsam inszenierte Wahrheit entgegen. Dieser Kampf um die Deutungshoheit über das eigene Bild ist verblüffend aktuell. Lange vor Instagram-Filtern und KI-generierten Deepfakes begriff Nagel, dass man sein Bild selbst kontrollieren muss, wenn man nicht von den Bildern anderer zerstört werden will.

Als Wanderprediger zog er jahrzehntelang barfüßig durch das Land, bevor er sich am Ufer des Sees seinen ganz eigenen „Paradiesgarten“ erschuf. Aus Muscheln, Steinen und Holz zimmerte er dort fantastische Grotten und einen kuriosen Seetempel, lebte phasenweise in einer selbst gegrabenen Erdhöhle und machte sein asketisches Dasein mit Fastenkuren und Rohkost zur vielbesuchten Publikumsattraktion.

Es ist genau diese Spaltung im Stil, die das Leseerlebnis so auffällig macht. Sobald Behrend ihre jahrzehntelangen Afrika-Erfahrungen bemüht und Nagel mit dortigen Propheten vergleicht, fühlte ich eine Distanz zum Text. Das wirkte stellenweise etwas angestrengt, fast schon bemüht wissenschaftlich. Das Konzept der „Anthropology at Home“, das Behrend eingangs als Methode ankündigt, ist mir beim Lesen nie wirklich greifbar geworden; im Laufe des Buches scheint es selbst der Autorin aus dem Blick zu geraten.

Richtig irritiert hat mich das Buch aber erst ganz am Ende. Nach all der kulturwissenschaftlichen Spurensuche im Archiv von Nagels Nachlassverwalterin Christine Meyer fragt Behrend auf den letzten Seiten: „Es war, als ob Gustaf, der tote Prophet, aus seinem Grab und aus Christines Archiv heraus nicht nur mit uns auf vielfältige Weise gesprochen, sondern auch im Sinne des Prophetentums eine Verbindung - ein Bündnis - hergestellt hätte. War ihm, der sich zu Lebzeiten vor allem um Kundschaft bemühte, in uns nun doch so etwas wie eine kleine (unchristliche), aber wissen wollende Gefolgschaft erwachsen?“

Diese Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen, und sie lässt mich ratlos zurück. Kann man sich durch das Studium alter Postkarten wirklich plötzlich in der Gefolgschaft eines Propheten befinden? Ich sehe das kritisch. Diese Begeisterung, diese obsessive Sammelleidenschaft von Devotionalien, hat für mich etwas von Fans, die einem Pop-Idol hinterherjagen. Ich hatte solche Gefühle jedenfalls das letzte Mal als Jugendlicher bei einer Rockband in den 80ern.

Vielleicht liegt aber genau darin die eigentliche Ehrlichkeit dieses Buches. Behrend tut nicht so, als wäre sie immun gegen die Aura ihrer Forschungsfigur. Die Faszinationsmaschine, die Gustaf Nagel damals angeworfen hat, läuft im Archiv einfach weiter. Am Ende erzählt dieses Buch eben nicht nur von den Projektionen auf einen längst verstorbenen Aussteiger, sondern wird selbst Teil seiner Geschichte. Ein unvollkommenes, heterogenes, aber gerade wegen seiner Brüche ungemein lesenswertes Buch.
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