Unter den Kanzlern der Bundesrepublik Deutschland ragt Konrad Adenauer heraus. Er ist es, der nach NS-Diktatur, Zweitem Weltkrieg und Holocaust 1949 die erste Bundesregierung bilden kann und die von außen gestiftete Demokratie im Westen verankert. Damit legt er die Fundamente einer Erfolgsgeschichte, die den Westdeutschen auf Jahrzehnte hinaus Wohlstand und Frieden beschert. Aber Adenauer ist es auch, der die deutsche Teilung in Kauf nimmt und Millionen seiner Landsleute ein Beschweigen ihrer Vergangenheit ermöglicht. Der renommierte Zeithistoriker Norbert Frei nimmt den 150. Geburtstag des Gründungskanzlers zum Anlass für ein unbestechliches Portrait des Mannes, der die deutsche Geschichte nach 1945 geprägt hat wie niemand sonst.
In seiner schlanken, elegant geschriebenen Biographie schildert Norbert Frei Leben und Leistung des ersten Bundeskanzlers aus der Perspektive der Gegenwart. Er beschreibt Adenauers politische Stationen vom Kölner Oberbürgermeister der Weimarer Republik über die Zeit des Dritten Reiches bis zum zupackenden Gründungskanzler. Vor allem aber analysiert er Adenauers Politik nach der deutschen die unbedingte Westbindung, die der Kanzler gegen zahlreiche Widerstände und Hindernisse durchsetzte, aber auch seine gravierenden Versäumnisse bei der Entwicklung einer demokratischen politischen Kultur. Frei stellt uns einen konservativen Katholiken, einen autokratischen Parteiführer, einen skrupellosen Taktiker, einen weitblickenden Europäer und einen seinem eigenen Volk mit viel Skepsis, ja Misstrauen begegnenden Deutschen vor – einen der großen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.
Deutscher Historiker. Er hat den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena inne und leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Norbert Frei präsentiert zum 150. Geburtstag des „Alten von Rhöndorf“ ein Porträt von einer Unbestechlichkeit, bei der man fast das leise Klappern rheinischer Gebetsschleifen zu hören meint. Frei zeigt Adenauer nicht nur als den großen „Restaurator der Republik“, der das zerschlagene Porzellan der Geschichte mit dem Klebstoff der Westbindung wieder zusammensetzte, sondern zugleich als Architekten eines weitreichenden Schweigens. Während sich die Westdeutschen unter seinem Regiment in Wohlstand und äußerer Stabilität einrichteten, gestattete der Kanzler ihnen großzügig, ihre NS-Vergangenheit wie ein peinliches Jugendfoto ganz hinten in der Schublade verschwinden zu lassen. Es ist das Bild eines Staatsmannes, der seinem eigenen Volk so sehr misstraute, dass er die Demokratie lieber von außen „stiften“ ließ, bevor die Deutschen erneut auf die Idee kommen konnten, eigenhändig am falschen Rad zu drehen. Besonders reizvoll ist Freis Blick auf den skrupellosen Taktiker, der die DDR behandelte, als ließe sie sich einfach wegatmen – wie ein schlechter Traum oder ein schlecht sitzender Anzug. Adenauer erscheint hier als autokratischer Dirigent eines Orchesters, das eigentlich noch keine Noten lesen konnte, unter seinem strengen Blick jedoch eine erstaunlich stabile Aufführung zustande brachte. Frei macht deutlich, dass Adenauers europäischer Weitblick untrennbar mit seinem tiefen Misstrauen gegenüber der demokratischen Reife seiner Mitbürger verbunden war: Er führte die Bundesrepublik wie einen gut geführten Tennisverein, in dem der Vorsitzende die Regeln setzt und die Mitglieder vor allem froh sein sollen, dass der Platz überhaupt bespielbar ist. Ein Buch für alle, die verstehen wollen, warum die BRD zwar stabil wurde, unter dem rheinischen Lächeln jedoch erst mühsam lernen musste, im offenen Diskurs frei zu atmen.