In Erwartung einer natürlichen Geburt kommt alles anders als geplant. Die Mutter wird zum Wal, das Kind will nicht geboren werden, der Partner ist überfordert. Und warum soll man ein Kind in eine Welt setzen, die auf der Kippe steht? Die gigantische Grazie der Wale und ihre von der Ausrottung bedrohte Existenz entfalten ein Spannungsfeld zwischen Überlebenswillen und Fragilität.
Iris Keller erzählt in ihrem Roman in aufwühlender, schonungsloser Weise vom schwierigen Prozess des Mutterwerdens, in dem nichts selbstverständlich ist. Vielmehr verändern Schwangerschaft und Geburt alles auf grundlegende Weise: den Körper der Frau, die Paarbeziehung, Position in Arbeitswelt und Familie – und die Frage der Verantwortung angesichts der Ausbeutung der Natur und schwindender Zukunft.
In der Schwangerschaft nahm Iris Kellers Icherzählerin eine überwältigend große walförmige Masse mit den Details des großen Meeressäugers wahr, die mitten in der Wohnung im Weg lag. Von nun an wird das Element Wasser sie nicht mehr loslassen. Sie badet möglichst oft, erlebt das Ungeborene als kleine Kaulquappe und suchtet alle erreichbaren Wal-Reportagen durch. Die werdende Mutter arbeitet als freiberufliche Journalistin, der Kindsvater als Architekt ebenfalls freiberuflich. Geplant ist, dass die Eltern nach dem Ende der dreimonatigen Elternzeit beide berufstätig sein und sich die Betreuung des Kindes teilen werden. Die komplizierte, langwierige Geburt zeigt den jungen Eltern jedoch, dass von nun an kaum noch etwas wie geplant verlaufen wird. Alles, was schief gehen kann, geht schief und die Journalistin ist nach drei Monaten weder körperlich noch mental in der Lage, stets zu arbeiten, wenn das Baby gerade versorgt ist, um ihre Abgabetermine einzuhalten. Von der drastischen Schilderung der Geburt bis zum schmerzlichen Vermissen der Anerkennung im Beruf haben die Ereignisse einen hohen Wiedererkennungswert.
Ihr Auftrag, der längst abzuliefern wäre, konfrontiert die Erzählerin mit der Meeresbiologin Rachel Carson, die als Ernährerin einer großen Familie und Adoptivmutter eines verwaisten Neffen eine andere Form von Mutterschaft lebte. Mit dem Nebengeräusch ständigen Grübelns, ob die Eltern sich die Betreuung ihres Kindes tatsächlich gerecht teilen, wächst ein kleiner Mensch heran, der schon bald robbt, läuft und seine Bedürfnisse selbstbewusst vertritt.
Fazit Iris Kellers Auseinandersetzung mit Schwangerschaft und Geburt zeigt ungeschönt, wie der Körper einer Frau ihr bereits in der Schwangerschaft nicht mehr selbst gehört und die Gedanken darum kreisen, auch nur einmal durchschlafen zu können. Ihr Buch sollte dazu beitragen, das Elternsein nicht mehr zu bagatellisieren („Es kann doch nicht so anstrengend sein, mit einem Baby zuhause zu sein“, meint der Vater des Kindes) und die Gefahren einer Geburt für Mutter und Kind wieder ernst zu nehmen. Die Verknüpfung von schwangeren Körpern, Walwissen und der Verantwortung für eine Welt, in der Walmütter Junge aufziehen können, konnte mich berühren, das Thema Rachel Carson allerdings weniger nach der Neuauflage ihrer Bücher, sowie den Neuerscheinungen Charlotte Kerners und Theresia Graws.
Thank you to NetGalley and the publisher for this ARC.
This novel takes some getting used to. At first, it can feel strange and almost random (like, there’s a whale suddenly appearing in the living room??). But as the story unfolds, that initial weirdness reveals itself as deeply intentional. What emerges is a powerful meditation on motherhood, responsibility, and the profound changes (physical, emotional, and within the relations the mother has with those around her) that accompany settling into a new identity as a parent.
The whales and the ocean function as mirrors for the narrator’s inner life, giving voice to thoughts and emotions she cannot, or dares not, express out loud. They are pure symbolism, as are her conversations with Ocean Girl, a space where she can finally discuss what there is no room to discuss with anyone else. Through these surreal elements, the novel expresses the isolation, overwhelm, and quiet rage that so often go unspoken in early motherhood. These elements ground the novel’s strangeness in emotional truth rather than abstraction.
The book is particularly sharp in its critique of the myth of fifty-fifty parenthood that the narrator had negotiated with her partner ahead of time. It explores how fragile that promise becomes when one partner simply opts out. What appears fair on the surface actually reinforces an unequal, sacrificial role for the mother. Sure, she CHOSE to give up career opportunities; quite physically, he cannot breastfeed. The novel captures the quiet violence of manufactured consent: choices framed as voluntary when no real alternatives exist. If both parents have commitments, and she knows he will not give up his, the burden inevitably falls on her. Either the child is neglected, or she is; again and again, she chooses to neglect herself.
All the while, the father drinks, and bristles at any criticism of his incapacitation because he “needs rest.” The novel lays bare how care, sacrifice, and exhaustion are unevenly distributed, and how deeply normalized that imbalance is.
This is a strange, unsettling, and deeply resonant novel that uses surreal imagery to articulate the unspoken realities of motherhood, inequality, and erasure.
In “Walwerdung” erzählt Iris Keller mit einer Prise magischem Realismus und vielen Walmetaphern von einer Frau, die durch Verbindung zu den Meeressäugern ihre Schwangerschaft, die Geburt und ihr erstes Jahr als Mutter reflektiert sowie die Verbindung zu ihrem Partner, die sich mit Neugeborenem ganz anders entwickelt, als es geplant war und stellt gleichzeitig das patriarchale System, in dem sie sich bewegen muss, in Frage. Ich hatte es zu Beginn etwas schwer, mich in den Roman hineinzufinden, da bereits das erste Kapitel zuschlägt, konnte ihn danach aber nicht mehr aus der Hand legen. Die poetische Sprache, Analogien zu Walfang, Entwicklung und Lebensweise packen und die Beschreibung der Schwangerschaft, Geburt und der ersten Monate mit Kind sind so authentisch und schmerzhaft, dass man meint, alles genauso noch einmal nachempfinden zu können. Auch das verlieren der Partnerschaft und stückweise zurückerobern finde ich sehr gut beschrieben und die Einsamkeit der Ich-Erzählerin in diesem fast zwei Jahre dauernden Ausnahmezustand und die (eigenen physischen und psychischen) Schwierigkeiten, nach wenigen Monaten in den Job zurückfinden zu müssen. “Walwerdung” ist der lebensnaheste und sprachlich eindrucksvollste Roman zum Thema Mutterschaft, den ich bislang gelesen habe.
*Das ebook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.