Egoismus, Eurozentrismus und Rassismus sind stärker denn je. Nichts verdeutlicht dies mehr als der fortlaufende Krieg in Gaza, der zum Sinnbild jener korrumpierten Moralvorstellung geworden ist, die den Nahen Osten und andere Regionen der Welt seit Jahrzehnten heimsucht. Nach den gescheiterten Kriegen in Afghanistan, Irak und anderswo hätte man meinen können, dass die westliche Welt aus ihren Fehlern gelernt hätte. Doch seit Gaza wird täglich deutlich, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Errungenschaften der Aufklärung - Menschenrechte, liberale Demokratie und alles andere - haben für viele Teile der Welt nie gegolten. Der Westen hat alles verraten, wofür er einst angeblich stand.
Das Buch „Wir wollen leben“ von Emran Feroz ist ein kurzes und bewusst kompakt gehaltenes Werk, das sich kritisch mit westlicher Berichterstattung auseinandersetzt. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie stark eurozentrische Perspektiven den Journalismus prägen und wie sich darin bis heute rassistische Muster zeigen. Feroz macht deutlich, dass bestimmte Leben unterschiedlich gewichtet werden und dass Gewalt, je nach Kontext, sehr unterschiedlich benannt und eingeordnet wird.
Besonders eindrücklich sind die Beispiele, die er anführt. Etwa im Hinblick auf Gaza, das als einer der gefährlichsten Orte für Journalistinnen und Journalisten beschrieben wird, während gleichzeitig vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit darauf liegt. Auch die Berichterstattung über Afghanistan greift er auf und zeigt, wie vorschnell Menschen als Terroristen kategorisiert wurden, während sich später herausstellte, dass es sich vielfach um zivile Opfer handelte. Diese Beispiele verdeutlichen ein wiederkehrendes Muster, das nicht nur einzelne Fehlberichte betrifft, sondern strukturell im medialen Denken verankert ist.
Gleichzeitig hat das Buch für mich auch eine gewisse Spannung in sich. Zu Beginn distanziert sich Emran Feroz mehrfach von politischen Positionen und Konflikten. Diese fast schon ritualisierte Absicherung wirkt wie eine Voraussetzung, um im deutschen oder westlichen Diskurs überhaupt gehört zu werden. Genau diese Erwartung wird im weiteren Verlauf jedoch indirekt kritisiert. Dadurch entsteht ein kleiner Widerspruch, der beim Lesen auffällt. Es spiegelt auch eine Erfahrung wider, die viele kennen, nämlich dass man sich zunächst von allem distanzieren muss, bevor die eigene Perspektive ernst genommen wird.
Ein weiterer Punkt, der etwas knapp bleibt, ist die Passage zu alternativen Medien und Akteuren wie Vijay Prashad. Diese wird zwar angesprochen, aber nicht wirklich ausgeführt oder kritisch vertieft. Gerade hier hätte man sich mehr Kontext und Einordnung gewünscht, auch weil solche Debatten oft komplex sind und nicht nur angerissen werden sollten.
Trotz dieser Punkte ist das Buch insgesamt gut lesbar, klar strukturiert und in einer einfachen Sprache gehalten. Für seinen Umfang bietet es eine konzentrierte Einführung in zentrale Kritik an medialer Darstellung und globalen Machtverhältnissen. Für Leserinnen und Leser, die sich bereits länger mit diesen Themen beschäftigen, wirkt vieles (leider) vertraut. Für andere kann es jedoch ein sinnvoller Einstieg sein, um ein erstes Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu entwickeln.