Sind Gefühle für Männer immer noch eine Herausforderung?
Wir kennen sie, die schweigenden Männer. Männer, die nicht über ihre Emotionen sprechen können oder sprechen wollen. Und wenn sie Gefühle zeigen, dann vor allem typisch männliche Emotionen wie Wut oder Stolz, aber nur selten tiefe Trauer, ausgelassene Freude oder verletzliche Liebe.
Auch nach weit über hundert Jahren Feminismus wird die männliche Unfähigkeit, mit Gefühlen umzugehen, von Frauen und queeren Personen beklagt. Denn sie müssen die emotionale Arbeit leisten, die sich Männer untereinander verweigern. Doch auch die Männer zahlen einen hohen Preis für die Verkümmerung ihres Gefü Ihre Einsamkeits- und Suizidraten liegen deutlich über dem Durchschnitt von Frauen.
Als Ursache für die Misere wird »das Patriarchat« ausgemacht, »all men« werden zur Veränderung gerufen, und solche Begriffe aktivieren uns für feministische Kämpfe. Doch eine vorschnelle Verallgemeinerung übersieht die vielschichtigen Verbindungen von Gefühlen und Männlichkeit, die dazu führen, dass wir immer noch nicht emotional auf Augenhöhe sind.
Fundiert und differenziert liefert Ole Liebl eine schonungslose Analyse, die trotzdem an die Gemeinschaft aller Geschlechter appelliert.
Ich finde ich hab frei gesprochen und viele (sprachliche) Bilder benutzt. Nein, im Ernst, für alle, die das lesen, hier kurz ein Hinweis, wie das Buch aufgebaut ist und ob es was für euch ist.
»Brutal Fragile Type« ist grob gesprochen in vier Teile gegliedert.
Im ersten Teil widme ich mich der politischen Brisanz von Männlichkeit. Ich rede über die Manosphere und wie sie über eine emotionale Ansprache (v.a. junge) Männer für antifeministische und rechte Ideologien mobilisiert. Das mache ich am Beispiel von drei bekannten Manfluencern fest: Hoss & Hopf, Andrew Tate und Jordan B. Peterson. [Kapitel 1-2]
Im zweiten Teil geht es darum, wie die Männlichkeitsideologie der Manosphere (die natürlich weit über sie hinaus gepredigt wird) die Beziehungen der Männer zu Frauen und Queers verändert. Ich behandle maßgeblich das Thema der emotionalen Arbeit, die ich eher als emotionale Ausbeutung verstehe. [Kapitel 3]
Im dritten Teil frage ich mich, was »ein Mann« eigentlich ausmacht und wie man zum Mann wird. Neben einer kleinen Theorie des Geschlechts (insgesamt acht verschiedene Dimensionen) folgt ein Kapitel über Männlichkeitsrituale. Ihr werdet einiges über Männerfilme erfahren … und auf welche Weise durch sie Gefühle befördert bzw. unterdrückt werden. [Kapitel 4-5]
Der abschließende vierte Teil geht schließlich noch eine Stufe tiefer: Von der Politik (Teil 1) über Beziehung (Teil 2) und Fragen der Identitätsbildung (Teil 3) sind wir nun beim (un-)emotionalen Mann als »Einzelwesen« angekommen. Warum tun sich Männer diese emotionale Verkümmerung an? Wo schadet es ihnen, wo nützt es ihnen? Was hat es mit toxischen und fragilen Männern auf sich? Und kann es so etwas wie einen feministischen Mann geben? Ich schlage ein neuartiges Schema vor, um vier verschiedene Männlichkeitstypen voneinander zu unterscheiden. [Kapitel 6-7]
Naja und ein Fazit, das wird hier nicht gespoilert. [Kapitel 8]
Wow, was für ein Buch. Titel und Cover haben direkt meine Aufmerksamkeit geweckt und ich habe bisher auch noch nie ein feministisches Buch über Männlichkeit gelesen. Und ich fand das Buch wirklich gut. Es war leicht verständlich erklärt, gut geschrieben und sehr logisch aufgebaut. Darüber hinaus fand ich auch Ole Liebls Gedanken und Analysen sehr interessant und bereichernd. Ein Buch, das mich zum Nachdenken angeregt hat, durch das ich mich stellenweise verstanden gefühlt habe und das wichtige Sichten beleuchtet. Große Empfehlung.