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Otis

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Natürlich ist Tristan Funke aus Liebeskummer nach Berlin gezogen. Während die Zeitungen dabei sind, den Bundespräsidenten zu stürzen, schreibt er an einem Buch über die Erlebnisse seiner privaten Odyssee. Begegnungen mit Flussnymphen, Zauberinnen und Götterboten. Leuten mit Flügeln. Die elfenhafte Jungschauspielerin Isa Lamprecht dreht eine Nazi-Schmonzette. Experimentallyriker Reimar Wellenbrink veröffentlicht einen neuen Gedichtband. Yilmaz Öczan, alleinerziehender Vater und Busfahrer bei der BVG, steht im Stau. Während eine Gruppe barbusiger Feministinnen in Davos für Aufsehen sorgt, organisiert Urban-Connectorin Vicky Krüger eine Abschiedsparty und Modefotographin Leslie Ambach eigenmächtig ein Treffen mit einem Verleger. Wird er, der Erbe des Kunstmalers Otto Zaller, Tristans Roman veröffentlichen? Und was hat schließlich Otis Weber, drogen-und tablettenabhängiger Programmierer einer illegalen Filesharing-Plattform mit alldem zu tun? Weiß der Hausmeister mehr? Als Sänger und Musiker hat Jochen Distelmeyer «Kunstwerke geschaffen, die weit über schnell konsumierte Popsongs hinausgehen» (Die Welt) und eine dichterische Sprache gefunden, «die in der Popkultur auf Dauer unerreicht bleiben wird» (Freitag). Mit «Otis» wechselt er das Genre: als formbewusster Autor von mitreißender Kraft.

288 pages, Hardcover

First published January 30, 2015

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Displaying 1 - 5 of 5 reviews
Profile Image for Philipp Holstein.
5 reviews5 followers
January 29, 2015
Wenn das ginge, würde man gern die komplette Auflage dieses Buchs aufkaufen und vor den Leuten verstecken. Man würde sich zu Jochen Distelmeyer an den Küchentisch setzen, ihm den Vorhang aus Blondhaar aus dem Gesicht streichen und sagen: Nur weil Du früher zu viel Buchstabensuppe gegessen hast, darfst Du nicht meinen, Homer und Joyce rechts überholen zu können. Mach das, was Du am besten kannst. Back keine Torten, reich uns Plätzchen.

Heute erscheint „Otis“, der erste Roman von Jochen Distelmeyer. Ein Buch, über das seit Jahren spekuliert wird, in das viele Leute große Erwartungen stecken. Der 47 Jahre alte Debütant war in einem früheren Leben Kopf und Sänger der Band Blumfeld. Er schrieb die besten Songtexte, er schrieb auf Deutsch, ironisch und bierernst, böse und romantisch, total kitschig und total schön. Er veränderte die Art, wie man dachte und redete.

Vielleicht kann die Bedeutung der Band Blumfeld überhaupt nur ermessen, wer um die 20 war, als 1992 ihre erste Platte erschien. Das war eine komische Zeit, Deutschland war gewachsen, vor der Haustür war Krieg im Irak, die Zeit des Behütetseins ging zu Ende. Und 18, 19, 20 sein, das ist ohnehin schwierig: Man weiß nicht so recht, wohin. Man ist jung, ohne jugendlich zu sein, man bricht auf voller Heimweh, man strebt und ist doch nicht strebsam, man ist sehnsüchtig und allgemein ein bisschen dagegen - man will sein und muss doch erst werden. In diese Stimmung schickte Blumfeld auf messerscharfen Gitarren die ersten Zeilen des Albums „Ich-Machine“: „Ein Lied mehr, das Dich festhält / und nicht dahin lässt, / wo Du hinwillst / weg von hier / ein Lied mehr ist eine Tür / ich frag mich bloß, wofür / denn das, was dahinter liegt / scheint keinen Deut besser als das hier.“ Das hörte man, man verstand es nicht und fühlte es doch. Das war aufregend und provozierend, das war der Regen und man selbst der Schwamm.

Damals schon rissen sich die Verlage um Distelmeyer. Aber erst nach der vorläufigen Auflösung der Band 2007 soll er sich mit Verlegern zum Essen getroffen haben. Er stellte ihnen einen vagen Entwurf vor, so geht die Legende, und wählte dann aus. Nun erscheint das Werk bei Rowohlt.

Es geht in „Otis“ um Tristan Funke, einen Mann um die 40, der wie Distelmeyer von Hamburg nach Berlin zog und nun wie Odysseus durch die Welt treibt, von Station zu Station, von Frau zu Frau. Tristan schreibt an einem Roman, der „Otis“ heißt, der aber nicht fertig wird, weil es in Berlin zu viel zu sehen, zu feiern und zu trinken gibt. Und inspiriert ist das alles von Homers Epos, von jenem Text also, der am Anfang der abendländischen Tradition steht. Distelmeyer nimmt stets Bezug auf das Vorbild: Man trifft Sirene, Kirke und Polyphem.

Distelmeyer war immer schon ein Angeber, aber einer, den man gern hatte. Er hatte so viel gelesen, dass er nicht geradeaus laufen konnte. Seit die Neue Deutsche Welle verebbt war, war kein Musiker mehr derart wirkungsvoll mit Sprache umgegangen. Distelmeyer zitierte Rainald Goetz und Matthias Reim, Rolf Dieter Brinkmann und die Smiths, Dylan und Adorno, Werbeslogans und den Poststrukturalismus. Er tat das nach Art der Biathleten: Schießen und Wegrennen. In „Otis“ indes hört man es nicht knallen, man hört eigentlich gar nichts. Distelmeyer bleibt einfach stehen, und man sehnt sich nach einer Gitarre.

„Ich habe keine Knochen mehr, dafür Tinte für 20 Bücher im Bauch“, sang Distelmeyer einst. „Otis“ wirkt, als habe er sie alle in eins packen wollen, damit nicht auffällt, dass er keins zu Ende geschrieben hat. Distelmeyer versucht gleichzeitig, ein Sittenbild des heutigen Berlins zu liefern, die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal abzubilden, Joschka Fischer und Frank Castorf zu porträtieren, die „Odyssee“ in die Gegenwart zu übertragen, ein Theaterstück zu schreiben, von der Liebe zu schwärmen und auf ein Migrantenschicksal aufmerksam zu machen. Manches davon klingt amüsant, anderes nach Aufsatz, einiges wie von Wikipedia abgeschrieben, und weil nichts zusammenpasst, bindet Distelmeyer das Paket mit unbeholfenen Formulierungen notdürftig zusammen: „Tristan war unterdessen wieder zuhause angelangt.“

Überhaupt die Sprache. Der Mann, der so viel Punch in seine Oneliner legte, schreibt nun stumpfe Sätze wie diese: „Dass sie zum Blickfang der Männer wurde, war angesichts ihrer immer noch großen Attraktivität kaum verwunderlich.“ Die Figuren tragen Namen wie aus Vorabend-Serien: Vanessa Kaltschmidt, Anja Piepenheger, Carola Frohgemut. Handlungsfäden enden im Nichts, und es wird nicht besser dadurch, dass Distelmeyer dieses Manko reflektiert: „Lose Enden, die ins Leere liefen. War er selbst mehr als ein in seine Bilder und Gedanken verliebter Mitläufer?“

Säße man also bei Distelmeyer am Küchentisch, man würde ihn bitten, dieses Buch zu zerhauen und die Splitter zu vielen neuen Texten zu arrangieren, sie zum Klingen zu bringen. Es gibt nämlich durchaus großartige Beobachtungen und Formulierungen in „Otis“. Stellen, in denen Distelmeyer den Sound der Gegenwart entdeckt. Die Party-Passage etwa, die Charakterisierung der Dichter- und Schauspielerexistenzen. Oder die Sätze, mit denen er die Wirkung des Lieds „I Follow Rivers“ von Lykke Li beschreibt: „Beim Gang durchs Treppenhaus summte er den Ohrwurm vor sich hin, den er auf der Party gehört hatte. Dippsibebi. Als er unten angekommen war, fühlte er sich belebt und glücklich.“

Distelmeyer und ein Roman, das passt nicht. Er ist jemand für die kleine Form, für Dramolett, Vignette, Essay, Betrachtung, Short Story und Aphorismus.

20 Bücher. Eins ist perdu. 19 hat er noch.
Profile Image for Max Kühlem.
47 reviews
July 29, 2021
Noch nicht mal den Preis für den schlechtesten Roman eines deutschen Popsängers und grandiosen Songwriters hat Jochen Distelmeyer für den überraschend misslungenen "Otis" verdient. Der gebührt nämlich Markus Berges von Erdmöbel für "Ein langer Brief an September Nowak".
Profile Image for Unentschieden.
85 reviews5 followers
May 10, 2015
Hmm. Hmm. Warum? Braucht es einen deutschen bildungsbürgerlichen Hintergrund, damit sich hier etwas entfaltet, was sich mir gänzlich entzieht? Ich schätze sehr den Versuch politische Themen und Anekdoten in eine Geschichte einzubinden, und könnte tatsächlich sehr gut ein Buch gebrauchen, das den gegenwärtigen und immerweitergehenden Unsinn reflektiert; doch nichts passt hier zusammen oder greift ineinander, es steht nur nebeneinander und hat keinen Einfuss. Ob der Onkel Tristans verhaftet wird oder nicht spielt genauso wenig eine Rolle wie der NSA oder NSU talk.Es bleibt alles belanglos. Keine Emotionen über irgendetwas.
Belanglosigkeit. Leere. Sind das Themen des Buches?
Dann Berlin: Die bösen türkischen Jugendlichen dürfen da nicht fehlen und Yilmaz, der gute Busfahrer, auch nicht. Was ist denn das? Sie werden zu bloßen Statisten eines Multi-Kulti Berlin gemacht. Auch das ein Rätsel. Das weiß er doch besser, das kann er doch besser. Enttäuschend.
Es hat durchaus Stellen die nett zu lesen sind und leichte Aufregung wird geweckt über den Höhepunkt der Geschichte: die Party. Dann ist aber wieder Nichts. Wie im wirklichen Leben? Den letzten beißen die Hunde?
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