Wie weit würdest du gehen, um den Menschen zu beschützen, den du am meisten liebst? Wie viele Geheimnisse kannst du mit dir herum tragen, bevor du unter der Last zusammen brichst? Und kann man umgeben von so vielen Geheimnissen überhaupt glücklich werden, wenn man weiß, dass andere darunter leiden?
Mit diesen Fragen werden die Protagonisten in der gemütlichen Kleinstadt Harpers Ferry konfrontiert. Dort wächst Emery nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Großmutter auf. Sie lebt ein behütetes Kleinstadtleben, bis Luke in die Stadt kommt, um dort sein Sozialstunden abzuleisten. Schnell ist klar, dass zwischen den beiden etwas in der Luft liegt. Doch ihre Zukunft ist unsicher, da Luke bald wieder nach new York zurück muss. Doch so sehr sie sich gegen ihre Gefühle wehren, lässt sich nicht verhindern, dass sie das Schicksal zusammenführt. Von da an könnte ihr gemeinsames Leben so toll sein. Bis zu dem Tag, an dem Emery Zeugin wird, wie Luke etwas Unverzeihliches tut. Dies bewegt sie dazu, ihr Leben in Harpers Ferry und ihre große Liebe zurück zu lassen. Jahre später kehrt sie in ihre alte Heimat zurück und wird dort von ihren Gefühlen und der Last ihres Wissens fast erdrückt. So wird sie vor die schwierige Entscheidung gestellt: Soll sie schweigen oder Luke mit dem Geschehen konfrontieren?
Harpers Ferry ist genau so, wie man sich eine Kleinstadt vorstellt. Jeder kennt jeden, alle stecken ihre Nasen überall hinein, aber wenn es hart auf hart kommt, unterstützt man sich gegenseitig. Die Story wird abwechselnd aus der Perspektive von Emery und Luke erzählt und springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her: Ein Handlungsstrang setzt im Jahr 2022 ein und erzählt die Handlung von ihrem ersten Aufeinandertreffen bis zu jenem verhängnisvollen Tag. Der zweite Handlungsstrang spielt in der Gegenwart, als Emery nach Harpers Ferry zurückkehrt.
Zu den Charakteren:
Emery ist sympathisch, freundlich und aufgeschlossen. Sie hat immer einen Spruch parat und lässt sich zu Beginn von dem mürrischen Luke nicht beirren, sondern gibt ihm Kontra. Mich hat jedoch sehr gestört, dass sie sich nach ihrer Beobachtung dazu entschließt, davon zu laufen, ohne Luke mit ihrem Wissen zu konfrontieren. Und das nicht, weil sie um ihr Leben fürchtet, sondern weil sie ihn beschützen möchte. Obwohl sie scheinbar etwas Schreckliches beobachtet hat, geht sie nicht zur Polizei; stattdessen entscheidet sich dazu, zu schweigen. Ihr Schweigen führt dazu, dass andere Menschen in Unkenntnis der Wahrheit leiden. Nach ihrer Rückkehr nach Harpers Ferry schafft sie es lange nicht, Luke mit dem Geschehen zu konfrontieren, was zum Haare raufen ist. Stattdessen muss sie feststellen, dass sie sich nach wie vor zu ihm hingezogen fühlt, obwohl sie davon ausgeht, dass er etwas Schreckliches getan hat. Dieses Verhalten war für mich absolut unveständlich. Man sagt zwar, Liebe kennt keine Grenzen, in diesem Fall wäre es aber auf jeden Fall angebracht gewesen.Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, trifft sie am Ende noch eine weitere, in meinen Augen fatale und nicht nachvollziehbare Entscheidung.
Luke hat mich als Charakter sehr überrascht und hat mir dank seiner großen charakterlichen Entwicklung besser gefallen als Emery. Als er nach Harpers Ferry kommt war er schlecht gelaunt, unfreundlich, überheblich und wollte seine Zeit dort nur absitzen. Aber mit der Zeit hat er durch Emery erkannt, wie es sich anfühlt, jemanden zu lieben und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das geht soweit, dass er an einem Punkt bereit ist, sein altes Leben hinter sich zu lassen, ungeachtet der Konsequenzen. Bezogen auf ein gewisses Geschehen hat er jedoch genauso moralisch fragliche Entscheidungen getroffen wie Emery auch. Hier lässt sich sagen, dass die beiden auf jeden Fall füreinander geschaffen sind.
Meine Meinung:
Die Story hatte Höhen und Tiefen. In der Mitte weist das Buch einige Längen auf, die mir das Lesen etwas erschwert haben. Das klärende Gespräch zwischen Luke und Emery findet erst nach 3/4 des Buches statt. Bis dahin fand ich es teilweise wirklich anstrengend, wie Emery um Luke tänzelt und zwanghaft versucht, die Vergangenheit zur Seite zu schieben. Hier habe ich wieder einmal gemerkt, dass ich mit dem troop miscommunication, den man hier wiederfindet, nichts anfangen kann. Zum Ende hin wurde es dann aber nochmal richtig spannend und es gab einige überraschende Plot Twists. Die Liebesgeschichte zwischen Emery und Luke fand ich schön geschrieben. Während man bei Luke förmlich spürt, wie sich seine Gefühle für Emery entwickeln, hat mir bei ihr etwas emotionale Tiefe gefehlt. Der Suspense Teil war für mich etwas Neues und super spannend. Man entwickelt als Leser ziemlich schnell das Gefühl, dass mit Emerys Wahrnehmung etwas nicht stimmen kann. Daher fiebert man der Auflösung entgegen.
Das Ende hat mir leider nicht gefallen. Das große Geheimnis wird zwar aufgeklärt, aber das Geschehen wird von den Beteiligten nie verarbeitet oder aufgearbeitet. Auf 400 Seiten wird hier eine Geschichte rund um ein schreckliches Ereignis erzählt, nur damit sich letztlich keinerlei Konsequenzen für die Personen ergeben, was ich als sehr unbefriedigend empfand. Stattdessen bleibt alles beim Alten und das Leben geht weiter. Generell muss man sich bei vielen Entscheidungen der Charaktere über den moralischen Kompass der Personen Gedanken machen. Es wird so viel verschleiert und geheim gehalten und das alles unter dem Deckmantel der Liebe oder Freundschaft. Letztlich schweigen die Personen aber vordergründig, um ihr eigenes Glück und das gewohnte Leben in Harpers Ferr nicht zu verlieren. So bleiben am Ende viele Fragen und viel Unverständnis zurück.