Leo ist Abiturient und weiß, worauf es im Leben ankommt. Das Boss-Sakko sitzt, der Bizeps ist definiert. Er weiß, auf welchem Parkplatz an der Schule er seinen Wagen abstellen muss, um seine Position in der Rangordnung der Clique zu behaupten, er weiß, mit welchem Mädchen er sich sehen lassen kann. Und er weiß auch, welche Gras-Sorte man auf Koks raucht, um nicht zu kollabieren. Ihm gehört die Welt. Er will nach ganz oben. Wie seine Freunde auch. Gemeinsam und gegeneinander kämpfen sie um die Pole Position und um Perfektion. Als bei einer Jachtparty alte Rechnungen beglichen werden, wird aus dem Spiel um Macht und Prestige bitterer Ernst.
Wer mal einen Kurs in kreativem Schreiben mitgemacht hat, kennt vielleicht diese abgefahrenen Übungen, zu denen man dort angehalten wird: »Machen Sie aus Melvilles ‘Moby Dick‘ eine Ich-Erzählung aus der Perspektive des Wals.« - »Schreiben Sie Schneewittchen als Hard-Boiled-Crime-Novel mit einem der Zwerge als Ermittler!« - »Ersetzen Sie bei Bret Easton Ellis‘ ‘American Psycho‘ den durchgeknallten Yuppie-Serienkiller durch einen schnöseligen Abiturienten aus Kleinmachnow!« Und mit letzterem hätten wir dann auch die Prämisse für Victor Wittes Roman »Hier bin ich«. Leo, der höchst privilegierter Sohn eines Star-Schauspielers in Kleinmachnow, steckt mitten in den Abiturprüfungen, die er mit links erledigt und trotzdem aus Einser-Kurs zu sein scheint. Leo und seine Clique wissen um ihr privilegiertes Dasein und kosten es voll aus: Teure Uhren an den Handgelenken, Koksbriefchen in der Brusttasche des Armani-Jackets, und in der Tasche der Designer-Jeans klimpert der Sportwagenschlüssel. Zwischen Fitness-Studio, Salsa-Tanzkurs und Parties entfaltet Witte eine minimalistische Handlung und lässt seinen Protagonisten ordentlich an der Exzess-Schraube drehen. »Das kann nicht gut gehen!«, denkt der Leser eher zeitig, und (Bingo!) am Ende des Buchs bricht sich schließlich die Gewalt Bahn. Schüsse fallen, und dann fällt auch der Vorhang. Auch wenn meine Inhaltsangabe eher mäkelig klingt: Das Buch ist gut geschrieben, und Witte trifft den Sound seines Vorbilds kongenial: Leo und seine Kumpels sind genauso von Äußerlichkeiten besessen wie Ellis‘ amerikanischer Psycho, und wie er merken sie nicht, dass sie von ihren Exzessen in eine leer drehende, nach unten führende Abwärtsspirale geschleudert werden. Und von seinem Vorbild hat Witte nicht nur die Masche, sondern auch deren Macke übernommen: die ganze Sache ist (s.o.) doch arg vorhersehbar, sowohl bei Witte wie bei Ellis weiß man nach spätestens einem Viertel des Buchs, wie‘s weiter und aus geht, ab dann beobachtet man nur noch das Abschnurren eines strukturellen und stilistischen Prinzips. Immerhin macht's Witte gnädiger als Ellis: Bei dem muss man sich durch über 500 Seiten ackern, bei Witte ist schon nach weniger als der Hälfte Schluss. Und das ist auch gut so. Man hat das Buch in knapp drei Stunden durch, wenn man sich an der Vorhersehbarkeit nicht stört, ist es gelegentlich sogar kurzweilig. Ich freue mich auf Victor Wittes nächstes Buch, das hoffentlich mehr sein wird als diese handwerklich sehr gut gemachte, flüssig geschriebene Stilübung.