Eine neue Erklärung für das Erstarken von Populismus und Verschwörungsideologien
Wer verstehen möchte, warum Vertrauen immer wichtiger, aber Misstrauen immer wahrscheinlicher wird und welche Folgen umfassende Vertrauenskrisen für die Gesellschaft haben, muss dieses Buch lesen.
In einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft muss man vertrauen. Ohne Vertrauen in gesellschaftliche Systeme und Institutionen wird man handlungsunfähig. Um als Misstrauender nicht handlungsunfähig zu werden, gibt es eine plausible Man vertraut denen, die ebenfalls misstrauen. Und zwar nicht aufgrund ihrer Kompetenz oder Erfahrung, sondern einzig und allein aufgrund des gemeinsamen Misstrauens. Es entstehen Misstrauensgemeinschaften – eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität.
Aladin El-Mafaalani ist Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. Er ist dort sowohl am Institut für Erziehungswissenschaft als auch am Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) angesiedelt. Gleichzeitig betreut er als Beauftragter des NRW Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration (MKFFI) die "Koordinierungsstelle für muslimisches Engagement in NRW" und ist Mitglied des Beirats für Teilhabe und Integration des Landes NRW.
Aladin El-Mafaalani ist Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Schriften, darunter zehn Bücher und über 100 Artikel in Zeitschriften, Sammelbänden und Handbüchern. Er ist einer der Herausgeber der Zeitschrift für Migrationsforschung. Seine Forschungsarbeiten sind mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien, dem Dissertationspreis des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung. Auch für sein öffentliches Wirken erhielt er mehrere Preise, u.a. den Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie sowie den Lissabon-Preis für Wissenschaft-Praxis-Transfer der Hochschule Münster.
Another attempt at explaining the current full-on crisis of liberal democracy slash rules-based order: 'Communities of Mistrust: On the Appeal of Populism and Conspiracy Ideologies'
(Misstrauensgemeinschaften: Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien Aladin El-Mafaalani, KiWi 2025)
I have about 10 or so other 2025-2026 published books on this in my Kindle pipeline, each approaching the subject from a particular angle:
- political-economy (Branko 😻, Seymour Disaster Nationalism, Clara Mattei coming up), - theories on fascism (democratic fascism (Oliver Nachtwey), anti-fast economics (Isabella Weber), Endtimes Fascism (Astra Taylor) coming up - geopolitics' overly focusing on globalization, rise of China, end of unipolar moment - some better, some worse depending how much they integrate political economy - politics narrow sense falsely equating democracy with liberal democracy (Baberowsk coming up), crisis of legitimacy, elites - sociology like this one "Misstrauens Gemeinschaft" as regards trust and mistrust in institutions, crises, alienation, identities
And then of course there are the worst kind of explanations, let's call them Hillary Clinton theories, making the elitist case that illiberal movements, populism etc. could be explained by too many people just being too uneducated for the noble task of democracy ("deplorables"). This is why every four years the Democratic Party is trying to shove down the throats of the electorate a deeply unpopular candidate after another (let's see if they will try to resurrect Kamala Harris in 2028 despite the popularity of Zohran, AOC, Bernie and other democratic socialists) because they fundamentally misunderstand the electorate. But that's another story, I agonized over the Democrats (radical centrists, progressive neoliberals) for most of my adult life, I SO am over it, guys 🙄
So, this one is a Sociological attempt. Full disclosure: of all the humanities, I always disliked Sociology the most, it's a bit of everything, lukewarm, not radical like political economy, not profound like philosophy or history - lol I realize this is such a bullshit statement but a) it amuses me and b) I never understood the need for sociology other than using 'their' empirical research to support 'my' Marxist theories (or reject in case they don't align :-) Also I feel like it's always Max Weber and/ or Niklas Luhmann - aren't there any others with some claim to fame 🫣
Anyway, this book received a lot of traction in Germany and I think there are a couple of useful ideas in there. The author made clear that he's not covering the whole issue of economic inequality etc (told you, lukewarm!) so I won't hold that against him.
A few key takeaways-aways:
#1 Trust is becoming more essential in complex societies, but the same forces that make it necessary also increase uncertainty and make distrust more likely.
#2 A growing perception that institutions are overwhelmed and unable to manage crises fuels insecurity and weakens confidence in how systems work together.
#3 Populism and conspiracy theories are distinct but interconnected responses to a deeper crisis of trust in modern societies: populism translates mistrust into a simplified political narrative of “the people versus corrupt elites,” while conspiracy thinking goes further by attributing events to hidden, intentional manipulation by powerful actors; although different, both thrive on the same structural conditions of complexity, perceived loss of control, and institutional fragmentation, and are reinforced through “communities of mistrust” that provide identity and belonging, making the problem less about misinformation and more about the erosion of shared trust and coherent institutions.
#4 Distrust can be socially binding, creating identity, a sense of agency, and strong cohesion among those who share it. These belief systems are not just about ideas — they create social identity. People bond over shared skepticism, which can be emotionally stabilizing even if the beliefs are factually weak. It's like some people have full trust in random online people who 'distrust the elites' while doubting all things science etc.
#5 The book does not propose simple “solutions,” but points to structural responses. Rebuilding trust requires reducing complexity where possible and making institutions more transparent and understandable. It also depends on improving coordination between systems so that the state appears capable of acting coherently.
At the same time, it suggests taking distrust seriously rather than dismissing it, because it reflects real experiences of loss of control and recognition. Creating spaces for participation and recognition can help redirect distrust into more constructive forms.
Importantly, the book implies that trust cannot simply be demanded or communicated better; it has to be rebuilt through credible performance, consistency, and institutions that visibly work.
Ein relativ kurzes Buch, welches jedoch trotz seiner Kürze die Begriffe Vertrauen und Misstrauen auf einer persönlichen, aber vor allem dann gesellschaftspolitischen Ebene gut erklärt, welche Folgen gerade aus Misstrauen auf letztgenannter Ebene resultieren. Außerdem werden mögliche Auswege skizziert, hier wäre noch mehr Tiefe möglich gewesen. Ein guter Einstieg für alle, die sich mit dem Vertrauensbegriff in der Gesellschaftswissenschaft auseinandersetzen wollen.
Es handelt sich um eine relativ kurze soziologische Abhandlung über das Gut Vertrauen. Die darin entwickelten Gedanken sowie deren Einordnung in gesellschaftliche Ereignisse fand ich sehr interessant. Die Überlegungen werden sicherlich in meine weiteren Beobachtungen unserer Zeit und Gesellschaft einfließen.
Leider das erste Buch von El-Mafaalani, das qualitativ nicht wirklich mit seinen sonstigen Werken mithalten kann. Obwohl die Paradoxie der verbindenden Qualität des Misstrauens durchaus als relevant markiert und gut aufbereitet wird, ist der Rest des Buchs nicht wirklich greifbar. Die sonstige Stärke El-Mafaalanis, die Synnergien zwischen sozioökonomischen und politisch-kulturellen Phänomenen nachvollziehbar aufzuzeigen, wird hier wenn dann nur sachte angedeutet.
wichtiges und interessantes thema, aber der informationsgewinn ist überschaubar und die lektüre durch sehr theoretische und abstrakte sprache erschwert.
Ich mag die Quintessenz, dass wir positiv in die Zukunft blicken müssen und weiter in kluge Menschen vertrauen sollten, die uns neue Ideen für die Zukunft liefern. Bitte bleibt zuversichtlich <3
Ein bedrückend ehrliches Buch. Wenngleich es künstlich komplex geschrieben ist, sind viele aufgezeigte Verhältnisse nicht sonderlich schwierig selbst nachzuvollziehen. Vertrauen lässt sich auch durch Zugang zu Wissen herstellen - dieses Buch möchte, dass man Sätze zweimal lesen muss.
Das Thema ist aktuell und spannend! Defintiv lesenswert, aber nichts für die Bahnfahrt zur Arbeit...
Aladin El-Mafaalani, ist ein Autor, dem es sich immer lohnt, zuzuhören. Hier versucht er zu erklären, wie sich Misstrauen, Polarisierung und Verschwörungserzählungen bedingen und verstärken können und warum die aktuellen Zeiten und Debatten, den Nährboden für diese Entwicklungen liefern. Er endet mit einem kurzen Ausblick und möglichen Lösungsansätzen – kurz, informativ und wichtig!
Kurzer und prägnanter Essay über Vertrauen und Misstrauen. El-Mafaalani typisch werden am Ende vor allem nochmal die Kinder und Jugendlichen in den Blick genommen, für die es ein Aufwachsen nur in Krisenzeiten gibt. Sollte hieraus noch ein komplettes Buch entstehen, bin ich überzeugt, dass einzelne Gedanken noch weiter ausgeführt werden.
**** Mein Eindruck **** Dieses Buch stellt für mich einen wissenschaftlichen Erklärungsansatz für den Erfolg des Populismus dar. Es fokussiert sich dabei primär auf das Misstrauen gegenüber Eliten, ohne weitere Ursachen systematisch einzubeziehen. Das ist dem Werk nicht vorzuwerfen, da es einen umfassenderen Anspruch auch gar nicht erhebt. Dennoch liegt für mich gerade hierin – und vor allem in der sprachlichen Gestaltung – das zentrale Problem: Das Buch ist sprachlich von Elite für Elite geschrieben. Eines der stärksten Argumente für den Erfolg populistischer Bewegungen liegt aus meiner Sicht gerade in sprachlichen Barrieren. Komplexe, akademische Sprache schafft Distanz, fördert Misstrauen und öffnet den Raum für Ablehnung – und damit für einfache, leicht zugängliche Erzählungen. Dieses Buch ist in Aufbau, Argumentation und Stil eher einem wissenschaftlichen Paper als einem gesellschaftspolitischen Diskurs verpflichtet. El-Mafaalani kann – oder will – sich hiervon offenbar nicht lösen. Möglicherweise geschieht dies sogar bewusst. Dabei bleibt das grundlegende Dilemma bestehen: Eine einfachere Sprache öffnet zwar den Raum für argumentative Verkürzungen, doch zu viel Komplexität erzeugt Barrieren. Für mich gelingt es dem Buch nicht, diesen schmalen Grat überzeugend zu treffen. Inhaltlich weist das Werk zudem zahlreiche Redundanzen auf. Argumente werden mehrfach umkreist, bevor ein tatsächlicher Fortschritt erfolgt. Den zentralen Thesen stimme ich grundsätzlich zu, allerdings hätte für mich weniger Information eine größere Wirkung erzielt. Häufig wird dem Buch seine geringe Seitenzahl vorgeworfen – ich hingegen bin der Ansicht, dass noch weniger Seiten zu mehr Klarheit und Direktheit geführt hätten. Die Frage, ob es bei Texten dieser Art wirklich um ein Kosten-Nutzen-Verhältnis gehen sollte, stellt sich hier erneut. Für manche scheint sie relevant zu sein, eigentlich sollte sie jedoch zweitrangig sein. Nichtsdestotrotz bleibt der Ansatz des Buches bemerkenswert und lohnenswert. Ich kenne den Autor persönlich und habe auch seine anderen Werke gelesen. Mein Vertrauen in ihn als Forscher ist ungebrochen, und seine Fähigkeit, faktenbasierte Argumente stringent aufzubauen, stellt er auch hier erneut unter Beweis. Am Ende geht es um Handlungsspielräume. Für mich stand vor allem eine Frage im Zentrum: Wie reagiere ich auf populistische Aussagen? Ich habe verstanden, warum bestimmte Reaktionen nicht helfen, und kann die Argumente sehr gut nachvollziehen. Ich habe dazugelernt. Doch die entscheidende Frage bleibt offen: Wie reagiere ich nun konkret besser? Ich fühle mich belehrter, aber zugleich auch hilfloser. Entweder wurde dieser Gedanke nicht zu Ende geführt – oder, was wahrscheinlicher ist, es gibt derzeit keine Antwort, die nicht aus dem System selbst heraus entstehen muss.
**** Empfehlung? **** Ich schließe das Buch mit dem für mich folgenden Gedanken: „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.“ Ich habe den im Buch zitierten Satz Lenins bewusst umgekehrt. Auf Grundlage der dargelegten Argumente scheint mir die umgekehrte Aussage weniger Energie von jedem Einzelnen zu verlangen – sie setzt jedoch eine tragfähige Grundlage voraus. Ein Buch, das solche Gedanken anstößt, sollte gelesen und anschließend diskutiert werden.
In diesem Essay versucht El-Mafaalani sich an einer Gegenwartsdiagnose: Es gibt zu wenig Vertrauen, zu viel Misstrauen und am Ende vereinen sich die Misstrauenden, weil sie nur noch einander vertrauen. Wie alle Beiträge von El-Mafaalani fand ich auch diesen inspirierend, auch wenn er mich etwas ratlos zurücklässt. Da es sich um einen ca. 80seitigen Essay handelt, sollte man weder umfassende Theoriearbeit, noch ausgearbeitete Handlungsvorschläge erwarten. Ratlos bin ich dennoch, weil ich grundsätzlich skeptisch bin, wenn in der Soziologie mit einem einzigen Zentralbegriff gearbeitet wird und zwar unabhängig davon, ob das nun Macht, Anerkennung, Rollen, Regeln und Sanktionen, Wissen/Information oder wie hier Vertrauen ist. Mir leuchtet auch nach der Lektüre einfach nicht ein, dass es hilfreich ist, unsere Einstellung zu Partner:innen oder Freund:innen, zu Fremden auf der Straße oder im Supermarkt, zu Expert:innen wie Ärzt:innen und Handwerker:innen, zur Wissenschaft, zur Politik, zum Staat und zum Geldsystem mit einem einzigen Begriff zu analysieren. So hat das Verhältnis von Lai:innen zu Expert:innen verschiedene Aspekte, nicht nur einen Vertrauensaspekt, während man dem Geldsystem überhaupt nicht so vertrauen kann wie menschlichen Akteuren. Ratlos bin ich aber auch angesichts des explanatorischen Potentials: Was erklärt hier was? Was ist Symptom, was die Ursache? El-Mafaalani verwahrt sich gegen eine Erklärung allein durch sozioökonomische Faktoren, aber wirklich exploriert werden keine anderen Faktoren bzw. nur Faktoren, bei denen sich die Frage stellt, was denn nun diese erklärt (Anerkennung, Identität, Wertesysteme).
Den letzten Punkt habe ich noch nicht wirklich durchdacht: Es sind immer "die anderen", die Misstrauensgemeinschaften bilden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob nicht die Mehrheitsgesellschaft auch eine Misstrauensgemeinschaft geworden ist, die z.B. (nur?) noch dadurch zusammen gehalten wird, dass ihre Mitglieder der AfD und ihren Wählenden (zurecht?) misstraut und zugleich ihren Wohlstand durch diffuse Kräfte bedroht sieht (Demografie, Migration, Kriegsgefahr, Klimawandel). Wenn schon Gegenwartsdiagnose, dann doch bitte keine Diagnose, die nur (siehe Untertitel) auf Populismus und Verschwörungsideologien gemünzt ist!
Inhaltlich sehr interessant, aber leider geschrieben wie ein Uni-Paper - sprich: Nominalstil, Fachbegriffe und Passiv-Konstruktionen. Man muss sich schon ordentlich konzentrieren beim Lesen, dafür fehlt abends dann auch mal die Motivation, das Buch in die Hand zu nehmen.
Kurzes Buch über Vertrauen und vor allem Misstrauen gegenüber Systemen wie Politik, Wissenschaft und Medien. Durchaus interessant, aber es wird nicht so in die Tiefe gegangen. Von daher fehlte mir hier einfach etwas.
Funktionales Misstrauen: wichtiges Hinterfragen in der Demokratie. Normatives Misstrauen: destruktiv, ohne konkreten Anlass, schädigt demokratische Strukturen durch pauschale Abwehr.
"Misstrauen unterscheidet es sich von Vertrauen in mehrfacher Hinsicht. Aber der Zentrale Unterschied liegt in einem ungleich dynamischen Verhältnis, denn Vertrauen kann viel leichter in Misstrauen umschlagen als Misstrauen in Vertrauen (S. 77)". Grund: die emotionale Betroffenheit ist höher. "Ein sinnvoller Ansatz kann sich darauf beziehen, einen anderen Umgang mit Komplexität und Risiken zu etablieren (S. 83)". Residenzkompetenzen fördern! (Andreas Reckwitz)