»Ich stehe schon fast am Gartenzaun. Schaue auf meine Füße. Sie stehen ganz genau nebeneinander. Höchstens noch sieben Schritte bis zum Tor. Höchstens. Als ich wieder hochschaue, sehe ich mich. Eine alte Frau. Ich stehe auf meiner Gartentreppe und rauche. Ich sehe, wie ich stürze. Kopfüber. Ich stürze sehr langsam. Still ist es.« Es ist Odas Geschichte, die Julia Jessen in ihrem wunderbaren Debüt erzählt, die Geschichte einer Frau, die das Glück familiärer Beständigkeit wie das der kleinen Fluchten kennt, die sich nicht in den widersprüchlichen Anforderungen eines »modernen« Lebens verliert, die unkonventionelle Entscheidungen trifft und nicht damit hadert. Da ist das kleine Mädchen, die erste Lüge und das Gefühl von Freiheit. Da ist die provozierende Sechzehnjährige, der gnadenlose, dennoch liebevolle Blick auf die Verwandtschaft und die erste sexuelle Erfahrung. Da ist die junge Frau, die sich ein zweites Kind wünscht, und ihr Mann, der diesen Wunsch verweigert. Wie wird man damit fertig, ohne sich zu trennen? Wie kann man Entfremdung überwinden, die Liebe bewahren? Bis ins Alter? Davon erzählt dieser großartige Roman eines Lebens. Ganz und gar gegenwärtig. Und alles wird hell.
Julia Jessen hat ihr Literaturstudium abgebrochen und eine Ausbildung als Schauspielerin gemacht. Sie arbeitete zehn Jahre für Film und Fernsehen, spielte in mehreren Theaterproduktionen und unterrichtete an verschiedenen Schauspielschulen. 2010 gründete sie das »Kurswerk« in Hamburg für Schauspielunterricht und Persönlichkeits- und Präsenztraining. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg.
Odas Leben in Episoden, vom kleinen Mädchen zur alten Frau. Neben der Geschichte eines Lebens ist es auch diejenige einer Ehe und einer Familie (Odas Mutter, Groß- und Urgroßmutter scheinen alle extrem jung Kinder gekriegt und lange gelebt zu haben), alles andere als kitschig oder idealisiert dargestellt, wie vielleicht das Cover einige vermuten lässt. Jessen beschreibt die verschiedenen Lebensphasen einfühlsam, zeigt v.a. die inneren Konflikte von Oda und wie sie letztlich damit umgeht. Sprachlich benutzt sie viele kurze Sätze, was zur kindlichen oder jugendlichen Oda gut passt, später hätte sie von mir aus ruhig auch etwas komplexer schreiben dürfen. Besonders gut gefallen hat mir, wie Oda das Tanzen für sich entdeckt. Wie die Figur Oda viele Ecken und Kanten hat und wie diese sich zu denjenigen der anderen Frauen in der Familie verhält. 3-4 Sterne, je nachdem wie lange sich der Eindruck dieses Buches bei mir halten wird.
Ich habe zuerst Jessens /Die Architektur des Knoten/ gelesen und danach /Alles wird hell/. Wenn ihr - so wie ich - /Alles wird hell/ nicht so besonders gut fandet, lest /Die Architektur des Knoten/. Man merkt, dass /Alles wird hell/ Jessens erster Roman war. Es ist erstaunlich, wie viel klarer und ergreifender Jessens Stil geworden ist. /Alles wird hell/ hat auch gute Momente, fühlt sich aber unfertig an.
Odas Leben, vom Kleinkind bis zur Oma, durchlebt man in diesem Buch. Am interessantesten sind die Episoden, in denen sie 16 ist (und die Welt entdecken möchte) und die, in denen sie 40 ist und sich noch ein zweites Kind wünscht. Insgesamt ist es aber etwas anstrengend, Odas Gedanken zu folgen, die doch etwas durcheinander und konfus sind. Manchmal scheint sie fast hellseherische Fähigkeiten zu haben. Mir fiel es auch ein bisschen schwer, die Gedankensprünge mitzumachen, zwischen Odas verschiedenen Alterstufen. Die Einteilung der Welt in hell und dunkel ist mir außerdem etwas zu beschränkt. Außerdem etwas zu abgehackte Sätze für meinen Geschmack. Wie soll man nur sein Leben leben? Die Frage steckt schon hinter dem ganzen und irgendwie sagt einem das Buch, dass am Ende alles anders kommt, als man möchte und dass trotzdem alles gut wird, oder? Etwas verworren. Aber doch ganz interessant.