Der neue Roman von Wlada Kolosowa (wer den Vorgänger „Der Hausmann“ noch nicht gelesen hat, hoppi galoppi) ist ein warmes, ehrliches Buch über Mütter und Mutterschaft. Alleinerziehende Mütter, Mütter wider Willen, Mütter, die verschweigen, frischgebackene Mütter, deprimierte Mütter, verliebte Mütter, pflegende Mütter: Kolosowa, die ihre Deadline sowas von eingehalten und den Roman acht Tage vor Geburt ihres Kindes beendet hat, erzählt von ihnen mit Witz und Tempo.
Im Mittelpunkt steht Elisaweta, kurz Lisa: ihr Neugeborenes lässt sich nur mit russischen Wiegenliedern beruhigen, die Lisa mehr schlecht als recht aus ihrer eigenen Kindheit in der arktischen Siedlung Nikel erinnert. Lisa existiert gerade nah an der postnatalen Depression, zum Glück ist da Aljona, ihre Hebamme, zu der sie sich nicht nur platonisch hingezogen fühlt. Auch Aljona stammt aus Nikel und sie plant eine Reise dorthin. Lisa schließt sich ihr an, denn sie möchte ihrer Großmutter die Urenkelin vorstellen, und bald sind die beiden mit Baby Eva auf dem Weg von Görlitz in den Oblast Murmansk.
Auf ihrer Reise erhalten sie Einblicke in das heutige Russland nach dem Angriff auf die Ukraine, ein „Land des bezuschussten Gebärens und Sterbens“. Gewiss kein sicherer Ort für Lisas und Aljonas aufkeimende Liebe.
Auch Aljonas Geschichte kommt zum Tragen: sie hat als Leihmutter für reiche Russ*innen gearbeitet. Die dritte Zeitebene begleitet Lisas Mutter Taja, die das Ende der Sowjetunion mit zunächst unerfülltem Kinderwunsch nach dem dramatischen Tod ihres Mannes erlebt.
In „Mutters Reise“ ist stets eine große Liebe und viel Verständnis für die Charaktere spürbar, das macht das Lesen leicht, trotz teilweise schwieriger und komplexer Themen. Wlada Kolosowa kann richtig gut erzählen!