Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Und doch fehlt oft ein Zugang, der verständlich ist, Orientierung bietet und empathisch begleitet. „Das Ende der Unversehrtheit“ ist eine einfühlsame Graphic Novel über das Leben mit der Diagnose. Frauenärztin und Betroffene Dr. med. Bärbel Grashoff verbindet persönliche Erfahrungen mit medizinischem Wissen – offen, klar, mutig. Gemeinsam mit Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff ist ein visuell eindrucksvolles Buch entstanden, das Angst nimmt, Verständnis schafft und Nähe zulässt. In Wort und Bild werden zentrale Stationen des Krankheitsverlaufs nachvollziehbar gemacht: von der ersten Diagnose über unterschiedliche Therapieformen wie Bestrahlung, Chemotherapie und antihormonelle Behandlung (inklusive deren Nebenwirkungen) bis hin zu Fragen rund um Körperbild, Sexualität, psychische Bewältigung, Komplementärmedizin und den Umgang mit Angehörigen. Besonderes Extra: Als Wendebuch gestaltet, enthält der zweite Teil eine Anleitung zur Brustkrebs-Früherkennung und Selbstuntersuchung. Ein Sachcomic für Betroffene, Angehörige – und alle, die genauer hinsehen wollen.
Manchmal merkt man erst, wie wenig man über ein Thema weiß, wenn man beginnt, sich wirklich damit auseinanderzusetzen. Brustkrebs ist so eins für mich. Eine Krankheit, über die viel geschwiegen wird, obwohl sie so viele betrifft. Genau hier setzt der Sachcomic „Das Ende der Unversehrtheit“ an. Mit liebevoll gestalteten Illustrationen richtet er sich an Betroffene, an Angehörige und an alle, die verstehen wollen, was eine Brustkrebsdiagnose wirklich bedeutet.
Autorin Dr. med. Bärbel Grashoff arbeitet seit über zwanzig Jahren als Gynäkologin, als sie 2021 selbst an Brustkrebs erkrankt. So wird die behandelnde Ärztin plötzlich selbst zur Patientin. Aus dieser besonderen Doppelperspektive erzählt sie von ihrem eigenen Weg und vermittelt dabei medizinisches Wissen: Was passiert bei einer solchen Diagnose im Körper? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Und was bedeutet sie für den Alltag, für Beziehungen und für den Blick auf sich selbst?
Schon beim ersten Durchblättern wird deutlich, dass dieses Buch einen besonderen Zugang wählt. Als Wendebuch lässt es sich von zwei Seiten aus lesen: Eine Seite folgt der persönlichen Geschichte der Autorin, die andere widmet sich der Brustkrebsfrüherkennung und bietet eine Anleitung zur Selbstuntersuchung. Mit welcher Seite man beginnt, ist dabei einem selbst überlassen. Ein gezeichneter roter Faden zieht sich durch das gesamte Buch und schafft visuell wie inhaltlich Orientierung. Die Illustrationen von Marie Luisa Kerkhoff sind bunt und nahbar und nehmen dem Thema etwas von seiner Schwere. Besonders gelungen finde ich, dass der Comic nicht bei Zahlen und Diagnosen stehen bleibt. Auch Themen wie Körperbild, Sexualität und psychische Gesundheit finden Raum. Ergänzt wird dies durch einen behutsam eingesetzten Humor, der immer wieder kleine Atempausen schafft. So werden Krebszellen mithilfe eines Maiskorns visualisiert, das je nach Grading unterschiedlich stark zu Popcorn aufploppt.
Nach dem Lesen hatte ich das Gefühl, das Buch nicht einfach wieder ins Regal stellen zu wollen. Es ist eines von denen, die man weitergeben möchte. Zum Verschenken, zum Ausleihen, zum Darüber-Sprechen. Ein Buch, das viel mehr Menschen erreichen sollte.
In Bärbel Grashoffs und Marie Luisa Kerkhoffs Graphic Novel treten neben mehreren Patientinnen als zentrale Figuren auf: die Ärztin Maria als Betroffene von Brustkrebs und Erklärerin der Erkrankung, Tanja, ebenfalls erkrankt, mit abweichender Lebenssituation und Behandlung und Karin, die den Ablauf der Vorsorge-Routine erklärt. Von 160 Buchseiten befassen sich knapp 130 Seiten mit Erkrankung, Behandlung und Nachsorge, daher ist es eher ein Sachcomic zu Brustkrebs mit Serviceteil (der upgedated wird) als ein Buch über Brustgesundheit generell.
Der Figur Maria, die eine kritische Einstellung zu Ratgeber-Büchern und Komplementärmedizin ausspricht, ist es wichtig, die Erkrankung außer für den Kopf auch für Herz und Seele zu vermitteln. Durch Figuren in leuchtenden Primärfarben, humorvolle Selbsterkenntnis und Weisheiten, die es wert sind, eingerahmt zu werden, gelingt das sehr überzeugend. Informiert werden wir über nüchterne Fakten wie TNM-Klassifikation, UICC-Stadien, Grading und z. B. Hormonrezeptoren, aber auch über Marias persönliches Erleben („man ist angezählt“, „du bist nicht allein“). Die bisher durch ihren blauen Pullover erkennbare Maria wandelt sich zur Maria in grüner Kleidung, als sie entschlossen ihr Leben von Lasten befreit, die sie evtl. längst hätte anpacken wollen. Befreiend fand ich den Hinweis, dass frau nicht sofort alles verändern muss, sondern eine gesunde Lebensweise auch in kleinen Schritten zu verwirklichen ist. Durch diesen Buchteil verläuft von Seite zu Seite ein roter Faden, der Maria und Tanja miteinander verbindet. Die Erklärung der Fakten (welcher Tumor, was geschieht nun durch welche Experten, wie arbeitet ein Immunsystem) finde ich informativ und zugleich humorvoll. Ein niederschwelliger Text, dessen Tonlage ich mir auch für weitere Bücher zu Krankheiten wünschen würde.
Gelesen habe ich das Buch (Format 17x23cm) in der NetGallay-App am Handy. Im Prinzip lässt sich es sich problemlos durchscrollen, nur wenige Abbildungen müssen manuell vergrößert oder verkleinert werden. Die Schrift könnte klarer und leichter lesbar sein, mit Blick auf Erkrankte, die sich gerade schlecht konzentrieren können oder Wartezeit in funzelig beleuchteten Klinik-Korridoren verbringen. Ungünstig für die Lesbarkeit finde ich weiße Schrift auf farbigem Untergrund. Da der Sach-Teil zur Erkrankung langfristig ideal zum Nachschlagen ist und niederschwelliger als ein dickes Sachbuch, empfehle ich hier die Printausgabe.
Fazit „Das Ende der Unversehrtheit“ ist eine informative, farbenfroh gestaltete Graphic-Novel, die der emotionalen Verarbeitung einer Brustkrebserkrankung erfreulich großen Raum einräumt und die ich gerade auch unterstützenden Angehörigen empfehle.
Gut gemacht, aber für ein Taschenbuch eigentlich zu teuer und wenn man will, dass es viel Frauen lesen. Enttäuschend ist, dass es neben der Operation nur noch die Chemotherapie, die Anti-Hormontherapie, Bestrahlung und sowas wie Antikörper-Behandlung gibt. Komplementärmedizin wird auch noch erwähnt, aber weder homöopathische, noch Naturheilkunde.