Der neue Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin. Eine Kleinstadt in der norddeutschen Provinz. Sechs Menschen, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Ein Tag, der alles verändert.
Nebel liegt über den Feldern und dem Kanal. Es ist, als ob der Winter nicht zu Ende gehen will in der kleinen Stadt Lasseren im Emsland. Hier auf dem platten Land ist jahrein, jahraus nicht viel los. Wer Arbeit sucht, kommt an Möllring nicht vorbei, dem riesigen Geflügelschlachthof am Stadtrand. Für eine Handvoll Menschen beginnt dieser Montagmorgen mit großen Erwartungen. Sonia, alleinerziehende Mutter, hofft auf einen Job weit weg vom Hühnchen-Zerlege-Fließband. Für die junge Ingenieurin Anna steht mit dem Testlauf eines neuen Automatisierungsverfahrens bei Möllring so gut wie alles auf dem Spiel. Merkhausen wiederum, verlassener Ehemann mit einem Faible für Polinnen und zuständig für die Prozessoptimierung im Schlachtbetrieb, fiebert einem Date am Abend entgegen. Und dann ist da noch der geflüchtete Afghane Nassim, der sich in eine Affäre mit der zwanzig Jahre älteren Justyna verstrickt und fest daran glaubt, dass seine Gedichte die deutschen Beamten erweichen werden. Um diese zu übersetzen, ist Roshi, deutsch-iranische Autorin, extra aus Köln angereist. Als ein rücksichtsloser Fahrradfahrer dem sehbehinderten Mann mitten im Ort den Blindenstock kaputt fährt, bringt Nassim es mithilfe des örtlichen Radiosenders nicht nur zu lokaler Berühmtheit. Er bringt auch die Menschen dazu, der eigenen Wahrheit ins Auge zu sehen. Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi taucht ein in das Leben einer kleinen Stadt im Emsland und verknüpft die Geschichten von sechs Menschen zu einem mitreißenden Gesellschaftsroman über die Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird?
Ein Roman der einen Tag im Leben von sechs, zum Teil sehr unterschiedlichen Menschen, schildert. Im Zentrum steht ein großer Geflügelkonzern im Emsland, der als wichtiges Bindeglied zwischen den ProtagonistInnen fungiert. Die Geschichten der Menschen überschneiden sich immer wieder, bevor sie am Ende zusammenlaufen.
Die Themen des Buches sind so breit gefächert wie sein Personal. Es werden uns die Leiden des Prozessoptimierers in Führungsposition näher gebracht, aber auch die Nöte eines dichtenden Asylbewerbers aus Afghanistan. Jeder hat in seiner kleinen Welt die eigenen Kämpfe mit sich selbst und der Welt zu kämpfen.
Alle sechs Figuren sind interessant und vieldimensioniert gezeichnet. Vor allem traut sich die Autorin, sie alle sehr ambivalent darzustellen und sie immer wieder moralisch mehr als fragwürdig handeln zu lassen. Die Geschichte bleibt durchgehend mit Empathie und ohne zu werten bei den Charakteren, so dass auch beim lesen wenig Impuls zur Anklage entsteht, sondern stattdessen vielmehr Neugier auf die Gedankenwelt der verschiedenen Menschen.
Ein Buch, das mir fast durchgehend gut gefallen hat. Einzig der Schluss des Romans ist mir zu überkonstruiert und er wird mit einer für mich etwas befremdlichen Form von Pathos abgeschlossen.
Rund um einen riesigen Geflügelschlachtbetrieb im Emsland berühren sich die Lebenswege von sechs sehr unterschiedlichen Menschen, unter anderem ein sehbehinderter afghanischer Flüchtling und Lyriker, eine karrierebewusste Softwareingenieurin oder eine alleinerziehende Fließbandarbeiterin. Eine deutsch-iranische Autorin ist die Erzählerin, sie soll die Gedichte des Afghanen übersetzen, ist aber eher auf der Suche nach Figuren für ihren neuen Roman, ein witziges Metaelement. Alle treffen sich am Ende zu einem spektakulären Event in der Geflügelfabrik, bei dem die Federn fliegen. Man könnte einwenden, das alles ist sehr konstruiert; aber jeder Roman ist ein Konstrukt und dieses ist kunstvoll und stimmig. Die Charaktere sind realistisch und echt, die Autorin beschreibt sie differenziert, mit großem Einfühlungsvermögen und ohne zu werten, mit ihren Stärken und Schwächen.
Daneben lernt man spezielle Dinge, etwa über die Wooden Breast Myopathie bei Masthühnern oder dass zum Kriegsende die Bewohner einer ganzen Stadt im Emsland ihre Häuser und Wohnungen binnen 48 Stunden verlassen mussten, um sie Tausenden polnischen Lagerhäftlingen zu überlassen.
Die im Iran geborene, in Deutschland aufgewachsene und in Graz lebende Autorin hat einige Jahre für diese Geschichte recherchiert. Sie verbindet die Nachkriegszeit mit der Gegenwart und zeichnet ein detailgetreues Portrait dieses norddeutschen Landkreises. Der Schlachtbetrieb zeigt hervorragend, dass Arbeitsplätze dieser Art, wo etwa Kilogramm Fleisch pro Mitarbeiterstunde die wichtigste Kennzahl ist, weder den Arbeitern noch den Führungskräften ein gutes Leben bieten, selbst wenn es sich wie hier noch um den guten alten rheinischen - sozialkatholischen - Kapitalismus handelt.
Im fiktiven Lasseren im Emsland kreuzen sich die Wege von sechs Fremden und Zugezogenen. Zwischen ihnen wird die deutsche Sprache zum Filter, um einander die jeweilige Kultur zu erklären. Sonia, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, wurde als Kind von ihrer Mutter in den Ort verpflanzt, die mit einem neuen Partner zusammenzog. Sonia kann in der Hühnerschlachterei einfach keine Hühnerbrüste mehr ertragen und hofft auf eine Stelle im Büro. Der durch Retinitis Pigmentosa stark sehbehinderte Nassim aus Afghanistan ist hier gestrandet und grübelt darüber, wie er seine Chance auf ein Bleiberecht verbessern kann. Die Icherzählerin Roshi/Roshanak fühlt sich verpflichtet, mit Nassim ein Gedicht aus Dari/Form des Persischen zu übersetzen, damit er im Asyl-Anerkennungsverfahren als Dichter auftreten kann.
Justyna aus Polen liebt an Nassim zwar seine Empathie und Rücksicht, kann sich die Beziehung zu ihm jedoch finanziell nicht leisten, weil sie ihre in Polen studierende Tochter unterstützen muss. Ihre Beziehung steht ohnehin unter einem schlechten Stern, da beide darum konkurrieren, unter ihrem heimatlichen Regime jeweils stärker gelitten zu haben als Partner oder Partnerin. Die Ingenieurin Anna, Kind von Siebenbürger Sachsen aus Hermannstadt/Sibiu, soll als Externe in Möllrings Hühnerschlachter-Imperium eine Software zur Überprüfung der Fleischqualität einführen, um Arbeitsplätze einzusparen.
Die Verknüpfungen zwischen den Figuren sind so komplex wie vielfältig. Prozess-Optimierer Peter Merkhausen trifft auf einer deutsch-polnischen Dating-Plattform auf Justyna, die wiederum schwarz als Haushaltshilfe bei Sonias-Ex-Schwiegermutter Ruth arbeitet, die aktuell offenbar ihre Vertreibung durch polnische Umsiedler in Endlosschleife durchlebt. „Und Federn überall“ wird aus 6 raffiniert verknüpften Perspektiven erzählt, eine Icherzählerin kommt zu Wort; weitere Figuren übernehmen die Rolle von Berichterstattern für Ereignisse der Vergangenheit: Anna über ihre siebenbürgische Sozialisation zur Pflichterfüllung, Peter als Stimme seiner polnischen Großmutter Babcia und Ruth über Erlebnisse, die Ebrahimis Leser:innen am Ende neu beurteilen werden.
Fazit Zu Beginn hat mich das penibelste Hochdeutsch des Romans verwirrt. Offenbar rutschte niemandem auch nur ein plattdeutsches Wort durch; Deutsch war in der katholisch geprägten Region offenbar zur Lingua Franca geworden zwischen Geflüchteten und Zugezogenen.
Insgesamt zeigt Nava Ebrahimi in klarer, runder Sprache die norddeutsche Provinz wie in einer Nussschale. Ein raffinierter Plot vor realem historischem Hintergrund (siehe Haren an der Ems), differenzierte Figuren, verdient auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025.
Leider gar nicht mein Fall. Wir folgen mehreren Protagonist*innen, deren Geschichten alle irgendwie miteinander verwoben sind, was unnötig konstruiert wirkt. Bisschen "Tatsächlich... Liebe" im Emsland mit Geflüchteten und Federn statt Schnee 😬
Im Zentrum von „Und Federn überall“ von Nava Ebrahimi steht eine fiktive Kleinstadt im Emsland, in der sich innerhalb eines Tages die Wege von sechs Figuren kreuzen, deren Leben auf unterschiedliche Weise von einem Geflügelschlachthof abhängen. Da ist der sehbehinderte afghanische Dichter Nassim, der auf Anerkennung und ein Bleiberecht hofft, die polnische Pflegekraft Justyna, die zwischen finanzieller Verantwortung und persönlicher Sehnsucht schwankt, sowie die alleinerziehende Sonia, die am Fließband ums Überleben kämpft und die Ingenieurin Anna, die eine neue Rationalisierungssoftware im Schlachthof installiert und dabei vom Prozessoptimierer Merkhausen überwacht wird, der Effizienz über Empathie stellt. Beobachtet und lose verbunden werden die Protagonist:innen durch Roshi, eine Schriftstellerin, die zur Übersetzung von Nassims Gedichten anreist und deren Geschichte als einziges in der Ich-Form erzählt bekommen. Das fand ich sehr spannend und hat wunderbar zur Geschichte gepasst, genauso wie der präzise und atmosphärische Schreibstil, der von einem feinen Humor begleitet wird.
Besonders interessant fand ich aber die historischen Hintergründe der polnischen Geschichte in der Region, die bis in die Nachkriegszeit zurückreicht. Darüber hat die Autorin auch einiges in ihrer Lesung im Literaturhaus in Köln erzählt, die ich schon im Oktober besucht habe. Dadurch konnte ich noch einmal einen ganz anderen Zugang zu dem Roman erhalten und beim Lesen viel verknüpfen. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch, durch die vielen Themen und Perspektiven wirkte die Geschichte etwas überladen und nicht jede Figur erhält die gleiche emotionale Tiefe.
Für mich trotzdem ein kluger und vielschichtiger Roman, der lange in mir nachhallt und dessen erzeugte Bilder sich wirklich stark eingeprägt haben.
Die Charaktere sind interessant, ich mag den „slice of life“ Stil von einem Buch, das an einem einzigen Tag spielt, aber leider fand ich das Buch auch zu lang und zwischenzeitlich sehr zäh und ausgefranst. An sich trotzdem eine Empfehlung!
Liebe Bücher mit mehreren Charakteren, die am selben Ort unterschiedliche Geschichten erzählen und hier und da zusammenlaufen. Außerdem lernt man ein wenig über deutsch-polnische. Meine einzige Kritik is, dass ich diesen Teil nicht immer ganz smooth eingebaut finde.
Das Nava Ebrahimi schreiben kann weiß ich, seit ich das Buch sechzehn Wörter von ihr gelesen habe. Auf ihren neuen Roman hab ich mich richtig gefreut, obwohl ich wusste, dass er mit ihren iranischen Wurzeln kaum Verbindung hat.
Aus sechs Stimmen setzt sich eine Geschichte zusammen, die im Umfeld einer Zerleganlage für Geflügel im Emsland spielt Ausgehend von Roshi, einer deutsch - iranischen Schriftstellerin, die vom afghanischen Flüchtling Nassim gebeten wird, ihm bei der Übersetzung seiner Lyrik behilflich zu sein m, verbinden sich die Figuren miteinander. Nassim erhofft, sich die Gedichte veröffentlichen zu können und damit einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland ermöglicht zu bekommen. Er unterhält eine Liebesbeziehung zu Justyna, die wiederum mit Merkhausen schreibt, der die Erinnerung an seine Oma auf die Polin projiziert. Der Manager der Geflügelschlachtungsfabrik möchte den Laden optimieren, und dabei hilft ihm Anna, die gegen sexistisches Gedankengut kämpft und gleichzeitig mit ihrer eigenen Rolle als Frau hadert. Und dann ist da noch Sonia, die überforderte alleinerziehende Mutter, die am Fließband die Qualität von Hühnerbrüsten beurteilen muss - ein Job den sie hasst und sie hofft auf eine Beförderung in die Verwaltung.
Wir tauchen also ein in die unterschiedlichen Leben und deren Probleme. Alle Protagonisten sehen ihre Situation als Übergang an. Sie befinden sich in Lebensverhältnissen, denen sie entfliehen möchten. Mir fiel sofort auf, dass sehr vieles hier so klischiert wirkt wie eine deutsche TV. Produktion der 90er. Sonia hat kein Geld und muss in einem Job arbeiten, der sie unterfordert, ihre Rolle als Mutter mit abwesendem Kindsvater überfordert sie aber so sehr, dass sie die Nerven verliert. Justyna ist vielleicht großbusig und blond und nimmt alte Männer aus, Merkhausen ist überheblich und davon überzeugt, dass Justyna an seinen Lippen hängt, wenn er vergangenheitsbezogene Informationen in ewig langen Sprachnachrichten verschickt. Er hat ja schließlich genug Geld und dann wird das schon was werden. Anna, die Karrierefrau ist ebenfalls überfordert und trifft natürlich auf eine sexistische Männerwelt, vor der sie sich unbedingt beweisen will. Der Afghane ist fast blind und lyrisch veranlagt, und trifft in der Provinz direkt auf mehrere Vorurteile, die gegenüber Menschen aus einem anderen Land, die gegenüber Schutzsuchenden, die den Staat ausnehmen wollen, und die gegen Menschen mit Behinderungen. Roshi ist die Beobachterin, die die Geschichte erzählen wird. Ich bin mir nicht sicher, ob die Überzeichnung der Figuren eine gewisse Ironie transportieren soll. Bisweilen wirken sie mit ihren betonten Attributen wie eine Karkatur ihrer selbst. Einzig die Geschichte von Sonia hat mich richtig stark interessiert, wobei sie genauso ausgeht, wie ich es geahnt habe. Das restliche Personal blieb mir leider zu blass. Das Ende ist sehr gut konstruiert, treffen sich doch alle zu einem Gruppenbild auf dem sie sich spielerisch miteinander verbinden.
Ich hätte das Buch so gerne gemocht, bin tatsächlich aber ein bisschen enttäuscht, Ich hatte mir viel mehr von diesem Roman erhofft. Er gibt zwar gut provinzielles Denken und die Absurditäten der Realität wieder, wirkt aber stellenweise hastig abgefasst. Und dann hat er wiederum – besonders in den Passagen um Merkhausen- Längen, die dazu führten, dass mir der Charakter der Person verloren ging.
Ich spreche somit einer Empfehlung aus an alle, die multiperspektivisch erzählte Geschichten mögen und die einen Faible für Realsatire haben.
"Und Federn überall" von Nava Ebrahimi ist nicht nur ein Buch über fiktive Charaktere, sondern für mich ein Trip in meine eigene Vergangenheit und Heimat. Ich habe die ersten 23 Jahre meines Lebens (bis 1989) in Haren an der Ems verbracht und es ist beeindruckend, wie genau Ebrahimi die Atmosphäre dieses Ortes eingefangen hat.
Die Erzählung über Sonias Schwiegermutter Ruth, deren Mutter die Tochter eines Schreiners ist, hat mich sofort emotional abgeholt, da auch meine Mutter einen Schreiner zum Vater hatte. Das Buch behandelt ein Thema, das in meiner Familie immer präsent war: der Moment, als meine Mutter, ihre Geschwister und Großmutter ihr Haus in Haren umgehend für Polen räumen mussten, als der Ort zu Maczków wurde, und meine Angehörigen drei Jahre lang in einer Scheune leben mussten.
Ebrahimi schildert die kleinbürgerliche Mentalität, das tief verwurzelte Erzkatholische und das Misstrauen gegenüber Fremden sehr realistisch.
Der Wiedererkennungswert ist enorm. Jeder Schauplatz, von der Kirche über das Café im Seniorenheim und dem (im Buch alles dominierenden) Schlachtbetrieb bis hin zum Bahnhof, fühlte sich an wie eine Zeitreise. Meine Großeltern väterlicherseits wohnten direkt gegenüber dem Bahnhof, und mein Großvater war lange Inhaber der Bahnhofsgaststätte – die Details sind so persönlich, dass das Buch für mich ein ganz besonderes Leseerlebnis war.
3? 3.5? “Und Federn überall“ ist mir persönlich ein bisschen zu all over the place, um wirklich so einprägsam zu sein, wie er es hätte sein können. Während ich es total spannend fand, mehr über die Geschichte der Region zu erfahren, haben mich leider weder die Charakter noch der Stil besonders gefesselt und auch das Ineinandergreifen der verschiedenen Plotlinien hat sich ein bisschen zu konstruiert angefühlt, um mich so richtig einzusaugen.
Leider überhaupt nicht überzeugend: die Figuren und deren Konstellation zu einander sind viel zu konstruiert, wenig lebendig und vorhersehbar. Das Setting und die Idee sind sehr gut aber es kann nicht halten was es verspricht. Schade!
"Und Federn überall" ist der neuste Roman von Nava Ebrahimi, erschienen bei Luchterhand und war 2025 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin erzählt darin von sechs Menschen in einer norddeutschen Kleinstadt, deren Leben sich an einem einzigen Montag auf unerwartete Weise berühren. Im Zentrum: Arbeit, Migration, Klassismus und die Frage, wie Menschlichkeit unter ökonomischem Druck bestehen kann.
Meine Meinung Dieses Buch war mein erstes von Nava Ebrahimi und ganz sicher nicht mein letztes. Ich hatte es mir bereits als Rezensionsexemplar gesichert, doch erst ihre persönliche Vorstellung und kurze Lesung auf der Buch Wien durch die Autorin haben mich wirklich hineingezogen. Dann ging alles schnell: Zwei Tage, und ich war durch :D
Was mich besonders begeistert hat, sind die vielschichtigen, extrem lebensnah gezeichneten Figuren. Sechs Perspektiven, die sich klar voneinander unterscheiden lassen und zunächst scheinbar lose nebeneinander stehen, bis sich am Ende alles verdichtet. Dieses finale Bild, in dem alle Fäden zusammenlaufen, werde ich so schnell nicht vergessen. Mehr möchte ich dazu an der Stelle nicht sagen.
Ebrahimi schreibt präzise, politisch und zugleich zutiefst empathisch. Sätze wie „Die Wirtschaft hasste es, von Menschen abhängig zu sein.“ (S. 45) oder „Hinter einem Schreibtisch sitzen, dazu brauchte es nur ein kleines bisschen Mitdenken.“ (S. 124) legen schonungslos offen, wie Klassismus, Leistungsdenken und Entmenschlichung ineinandergreifen.
Fazit "Und Federn überall" ist ein Roman, der mitten aus dem Leben schreibt und dabei erstaunlich leise und kraftvoll zugleich ist. Das offene Ende mag irritieren, fühlt sich aber konsequent an. Für alle, die Gesellschaftsromane mit Tiefgang lieben.
Danke an @netgalleyde und @luchterhandliteratur für das Rezensionsexemplar.
"Die Route für Fußgänger unterscheidet sich nicht von der der Autos. Das verheißt nichts Gutes."
"Er vermisste sie in diesem Moment plötzlich, als wüsste etwas in ihm, dass er sie in Zukunft immer würde vermissen müssen, als nähme dieses Etwas in ihm die Zukunft vorweg."
Mam mieszane uczucia. Autorka wrzuciła do jednego worka bardzo różne, tematycznie odległe, choć społecznie drażliwe wątki, potrząsnęła, pomieszała perspektywy i przypieczętowała całość dość surrealistyczną finalną sceną. Przyznam, że zraziła mnie kreacją Justyny - Polki, która oczywiście jest sprzątaczką, bo przecież wszystkie Polki na całym świecie są sprzątaczkami. Na powielanie stereotypów reaguję alergicznie. Zresztą wszystkie postacie są w tej powieści jak spod sztancy: nieradząca sobie samotnie wychowująca nastolatkę matka, zimna suka z korporacyjnej machiny, facet z wyżyn patriarchalnego światka z osobliwymi skłonnościami do polskich kobiet. Na plus poczytuję to, że wszystkie te klisze zostają prześwietlone, a bohaterowie na rozdrożu wykonują kroki w stronę przełamania stereotypów, ale posmak brak autentyczności pozostaje. Dość ciekawy polski wątek pojawia się marginalnie w drugiej połowie: o istnieniu enklawy Harnen-Maczków nie wiedziałam. Styl jest przystępny, dość prosty, całość wciągająca, ale rzecz plasuje się raczej w obyczajowym mainstreamie, nie na literackim podium.
Ich wünschte ich hätte besser gefunden, aber überzeugt hat es mich nicht. Recht schnell war irgendwie klar, wer wie zusammengehört. Deshalb dachte ich, dass das Zusammentreffen aller erzählenden Charaktere einschlägt - leider war es sehr unspektakulär und auch langweilig. Wahrscheinlich verstehe ich die Metapher (ist es überhaupt eine?) am Ende nicht, denn die macht für mich leider viel des Buches kaputt. Auch die Charaktere sind weder sympathisch, noch unsympathisch. Die meisten sind einfach da.
Abgebrochen nach 25%. Es geht hauptsächlich um einen Flüchtling. Da mich diese Thematik absolut nicht interessiert, Abbruch. Bis dahin war das Buch Schrott.
Die Handlung spielt an einem Tag im Emsland, in einer provinziellen Kleinstadt, deren wichtigster Arbeitgeber ein Geflügelkonzern ist. Was zunächst nach einer eher trockenen Ausgangslage klingen mag, entpuppt sich als alles andere als langweilig. Im Zentrum stehen sechs sehr unterschiedliche Figuren: Nassim, ein halbblinder Dichter aus Afghanistan; Rosha, eine iranische Schriftstellerin; Justyna aus Polen, die in der Altenpflege arbeitet; Anna aus Siebenbürgen, die eine selbstentwickelte Kameratechnologie an den Geflügelkonzern verkauft; Merkhausen, Prozessoptimierer im selben Unternehmen; und schließlich Sonia, eine alleinerziehende Mutter, die am Fließband des Konzerns arbeitet.
Kapitelweise wechseln die Perspektiven, sodass man die Ereignisse abwechselnd durch die Augen dieser Figuren erlebt. Ihre Lebenswege kreuzen sich, beeinflussen einander und eröffnen immer neue Blickwinkel. Jede Figur ist facettenreich, einfühlsam und nahbar gezeichnet. Viele haben Migrationserfahrungen, entweder persönlich oder durch ihre Familien. Alle Figuren sind von einer Grundspannung durchzogen: Sie stehen an Wendepunkten, sind unzufrieden, ringen mit den Grenzen ihres Handlungsspielraums, sei es durch ökonomische Abhängigkeit, gesellschaftliche Strukturen, durch familiäre oder kulturelle Prägungen oder durch eigene Lebenserfahrungen. Sie müssen Entscheidungen treffen, Momente des Ausbruchs und kleine Verschiebungen werden sichtbar, auch Überreaktionen.
Besonders faszinierend fand ich die Dichte und Vielfalt der Themen. Neben eindringlichen Einblicken in die Lebensrealitäten der Figuren verwebt die Autorin kunstvoll ein spannendes Kapitel deutsch-polnischer Geschichte, das mir bislang unbekannt war. Ebenso überzeugend sind die gesellschaftskritischen Dimensionen: Fragen von Migration und Integration, Kapitalismuskritik, Tierschutzfragen, die Thematisierung des (mir bislang ebenfalls unbekannten) „Wooden Breast“-Syndroms, eine Krankheit, die aus der Massentierhaltung hervorgegangen ist. All dies wird nicht belehrend, sondern im Kontext der Figuren und ihrer Schicksale erzählt.
Der Roman ist humanistisch, feministisch, tiefgründig und zugleich unterhaltsam. Das offene Ende wird sicher nicht allen gefallen; für mich passte es jedoch gut, da der Fokus weniger auf einer Auflösung als vielmehr auf einer Momentaufnahme der Figuren liegt. Liebend gern hätte ich allerdings auch weiterlesen wollen.
Insgesamt liest sich das Buch fesselnd, berührend, ernst und zugleich komisch, satirisch, philosophisch und hochaktuell. Ein origineller und klug komponierter Roman,der mich nachhaltig beeindruckt und begeistert hat!
In einem kleinen Ort im Emsland werden in der Geflügelfabrik Möllring täglich 650.000 Hühner geschlachtet. Hier begleitet Nava Ebrahimi sechs ganz unterschiedliche Menschen durch einen einzigen Tag – Menschen, deren Leben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben und die doch auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.
Da ist zum Beispiel Sonja, die längst von Hühnern träumt. Eigentlich wollte sie nie in der Fabrik arbeiten – es sollte nur eine Übergangslösung sein, bis sich etwas Besseres findet. Doch dann durfte ihr kleiner Sohn in den betriebseigenen Kindergarten, und der war außergewöhnlich gut. Wie hätte sie ihn da wieder herausnehmen können? Nun steht sie Tag für Tag am Fließband, verdient wenig und sieht auch in ihrer Zukunft vor allem: Huhn. Ihre ältere Tochter wiederum begegnet ihr mit Schweigen – ein stiller Protest gegen all den Frust, den sie aus der Schule mitbringt. Heute Nachmittag will Sonja sich für einen Job in der Verwaltung bewerben und ihr Leben ändern ...
Sonja ist nur eine von sechs Stimmen, die Ebrahimi in diesem Roman zu Wort kommen lässt. Sie erzählt von Migration, vom Alltag Alleinerziehender, von Selbstbestimmung und von den leisen wie lauten Kämpfen des Lebens. Jede Figur bekommt ihren eigenen Raum, ihre eigene Sprache – das hat mir besonders gut gefallen.
Allerdings gab es für mich auch einige Längen, vor allem in der Geschichte von Peters Großmutter, die mich irgendwann etwas verloren hat. Trotzdem: Und Federn überall ist ein eindringliches Buch über Menschen, die noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt sind – und darüber, wie schwer dieses Suchen sein kann.
Fazit: Ein kluges, fein beobachtetes Buch über das Leben am Rand und die Sehnsucht nach einem „Mehr“. Sehr Empfehlenswert! 3,5 /5
"Und Federn überall" von Nava Ebrahimi spielt an einem einzigen Tag in einer Kleinstadt im Emsland. Im Mittelpunkt steht ein riesiger Geflügelschlachthof am Stadtrand, der als größter Arbeitgeber der Region das Leben der Stadtbewohner prägt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von sechs ganz unterschiedlichen Menschen, deren Lebenswege sich an diesem Tag kreuzen und die durch die Themen ihres Lebens doch unsichtbar miteinander verbunden sind. So erhält jeder Charakter seine eigene Stimme und die Möglichkeit seine Sichtweise auf die Ereignisse darzulegen
Nassim verkörpert als Asylbewerber und sehbehinderter Dichter aus Afghanistan das Thema Asyl und Migration am deutlichsten. Doch auch seine polnische Nachbarin Justyna und sogar Merkhausen, ein hochrangiger Mitarbeiter des Schlachtbetriebs mit polnischen Wurzeln, werden durch ihre familiäre Geschichte von diesem Thema beherrscht.
Sonia, eine alleinerziehende Mutter und Fließbandarbeiterin, und Anna, eine Ingenieurin, die durch ein anstehendes Automatisierungsverfahren im Betrieb Sonias Arbeitsplatz gefährdet, symbolisieren hingegen die Probleme, denn sich Frauen in der Arbeitswelt und im Privatleben gegenüberstehen. All die Vorurteile, Ihre Überlastung und die daraus resultierende chronische Erschöpfung werden gut eingefangen.
Das Thema der Massentierhaltung und die damit eklatant deutlich werdende Ausbeutung von Tieren zieht sich dabei wie ein Hintergrundrauschen durch die Handlung.
Somit ist “Und Federn überall” ein sehr vielfältiger Roman mit einer Vielzahl an Personen und gesellschaftlichen Themen, der sehr interessant zu lesen ist. Mir persönlich hätte eine Fokussierung auf ein oder zwei zentrale Themen besser gefallen. Aber das ist Geschmackssache und tat meiner Lesefreude keinen Abbruch.
“und Federn überall” von Nava Ebrahimi handelt von Bewohner*innen eines Dorfs bzw. einer Kleinstadt im Emsland, in der sich alles um die dortige Hühnerfabrik dreht. Erzählt wird ein Tag aus Sicht einer Fließbandarbeiterin, eines Managers, einer Ingenieurin für Prozessoptimierung, eines halbblinden afghanischen geflüchteten Lyrikers, einer iranischen Schriftstellerin, die seine Gedichte übersetzen soll und einer Polin, die sich mit Schwarzarbeit über Wasser hält. Die Autorin schafft es, mit ihrer leichten, eindringlichen Sprache die Schicksale aller handelnden Personen geschickt miteinander zu verknüpfen und auf über 350 Seiten die Ereignisse eines einzigen Tages, die sich immer weiter zuspitzen, so fesselnd zu erzählen, dass man der Handlung in Echtzeit - ohne das Buch wegzulegen - folgen möchte. Die einzelnen Handlungsteile sind dabei sehr originell, in ihrer Gesamtheit aber auch tragisch. Besonders das Ende ist toll durchkomponiert und vor meinem inneren Auge ist ein Zeitlupenfilm abgefahren. Mir hat außerdem gefallen, dass ich etwas Neues über Deutsche Geschichte erfahren habe, denn eine polnische Enklave, wie sie im Buch eine Rolle spielt, gab es tatsächlich im Emsland. Für mich ist “Und Federn überall” ein ganz großartiger Roman über Fremdsein, die Herausforderungen des Lebens und weibliche Selbst- bzw. Fremdbestimmung.
*Das ebook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Ich habe „Und Federn überall„ begonnen in der Erwartung, dass mich die Sprache – auch im Licht des Ingeborg-Bachmann-Preises – besonders fordern oder tragen würde. Nach etwa einem Fünftel der Lektüre habe ich jedoch gemerkt, dass sich bei mir kein innerer Dialog mit dem Text einstellt. Die wechselnden Perspektiven und Beziehungskonstellationen scheinen auf ein Gesamtbild hin angelegt zu sein, das sich vermutlich erst am Ende erschließt. Für mich persönlich fehlte unterwegs jedoch die sprachliche oder gedankliche Reibung, die mich sonst beim Lesen ins Nachdenken bringt und innehalten lässt.
Das ist kein Urteil über das Buch als Ganzes – eher die Feststellung, dass es meinem eigenen Lesezugang nicht entsprochen hat und ich mich entschieden habe, es nicht weiterzulesen.
Charming portrait of a small fictional town in Germany near Poland during a single day. There are 6 interlocking narratives of 6 interlocking characters. A single mother, an Afghan immigrant poet and his Iranian translator, a Polish elder care worker, a corporate big wig, a German engineer. All are sympathetically and richly portrayed except for the corporate dude who is a bit of a buffoon.
With its wide diversity of characters, it is a good snapshot of present-day Germany.
The tension builds throughout to a final session in the evening. Nicely done. But the last chapter is a little unsatisfying. With a bit of foreshadowing it would not have seemed so arbitrary.
I read Ebrahimi's earlier work: Sechzehn Wörter. Similar construction of interlocking narratives.
This entire review has been hidden because of spoilers.
In einer Kleinstadt in Norddeutschland wird ein Tag aus der Perspektive von sechs Personen erzählt. Alles dreht sich um die dortige Hendelfabrik, die direkt oder indirekt einige Veränderungen im Leben dieser Figuren auslöst. Die Protagonisten sind extrem unterschiedlich: vom Abteilungsleiter in der Fabrik über eine Fließbandmitarbeiterin bis hin zu einem sehbehinderten Flüchtling und einer Übersetzerin. Wie in einem Dominoeffekt folgt ein Ereignis dem nächsten. Mit viel Spannung und Humor wird das Leben dieser Menschen auf den Kopf gestellt. Ein toller Roman.
Eigentlich eine 3,5 Bewertung. So ganz hat mich das Buch nicht überzeugt, obwohl ich es so gerne gemocht hätte. Manches hat sich konstruiert angefühlt und teilweise die Charakteren zu flach um sich in sie hinein zu versetzen. Man ist geneigt die einzelnen Protagonisten einfach so "hinzunehmen" ohne wirklich eine Sympathie oder Antipathie für sie entwickeln zu können. Positiv fand ich den persönlichen " Lerneffekt" über Themen wie Wooden Breast oder regionale Geschichte.
Die Themen im Buch sind interessant und teilweise sehr aktuell. Ich kam jedoch nicht recht in die Geschichte rein, da alle 1-2 Seiten wieder die Geschichte wechselte von Person zu Person. Es sind alle miteinander verwoben, aber für mich blieben die Protagonisten auf Distanz durch die sehr kurzen Sprünge.
Ich fand schade, dass die vielen guten Ideen untergehen im Gefühl, in einem Bingo für Stereotype unterwegs zu sein. Sprachlich klar, jedoch für mich fehlte das sprachliche wie inhaltliche Innehalten. Kurz: zu journalistisch für meinen persönlichen Geschmack.
Die unterschiedlichen POV der Charaktere zu erfahren, sowas liebe ich ja. Zudem unglaublich spannend geschrieben und alle mir wichtigen Themen wurden aufgegriffen. Love it. Das Ende hätte noch etwas mehr auserzählt werden können. Freue mich auf weitere Bücher der Autorin!