Auf einer Welt im Tau-Ceti-System, mehr als zwölf Lichtjahre von der Erde entfernt, hat sich eine fortschrittliche Zivilisation entwickelt. Doch die Menschen, die dort leben, sind nicht frei – sie leben unter der strengen Beobachtung der Regulatoren, einer mächtigen außerirdischen Spezies. Die einzige Hoffnung auf Freiheit ist ein Geheimprojekt namens Ikarus, das der Regierungsrat Takeder vorangebracht hat. Doch der ist gerade ermordet worden. Ein Katz-und-Maus-Spiel von galaktischen Ausmaßen beginnt …
Vor fast genau einem Jahr hatte ich mein Science Fiction-Debüt mit Brandhorsts Das Kosmotop. Das war für mich ein ziemlich harter Brocken: zum ersten mal richtige SF und dann auch noch so komplex und detailreich, mit rasanten Reisen mit und durch alle möglichen und unmöglichen Gegenden und Maschinen und natürlich mit politischen Verwicklungen und Intrigen. Trotz der recht anstrengenden Lektüre konnte mich das Buch damals so richtig fesseln und ich bin dem Genre treu geblieben. Allerdings habe ich in der Zwischenzeit keine derart komplexe SF mehr gelesen, bis dann eben Ikarus vorbeikam. Komplex und groß, diese Eigenschaften scheinen die Romane von Andreas Brandhorst auszumachen und ich kann nur sagen: Das ist gut so.
Zu Beginn von Ikarus wacht der Protagonist Jamo Jamis Takeder auf. Aus dem Schlaf? Keineswegs, denn er wurde ermordet, hat allerdings vorher angeordnet, dass für einen solchen Fall sein Bewusstsein in einen Kopiaten übertragen wird, damit dieser selbst die Ermittlungen durchführen kann. Der Kopiat, komplett violett, erinnert sich jedoch zunächst überhaupt nicht an alles, eine Stimme in seinem Kopf allerdings verrät ihm, dass diese ihm nach und nach mehr enthüllen wird. Was Takeder allerdings spürt, ist der unbändige Wunsch nach der Aufklärung seiner Ermordung.
Ein Kopiat, der sich nicht an die letzten zwei Tage seines Originals, auch nicht an weitere scheinbar wichtige Momente und schon gar nicht an die eigene Ermordung erinnert. Klingt das nicht spannend? Es ist noch spannender! Takeder übernimmt hier die Rolle eines unzuverlässigen Erzählers, weil seine Erinnerungen eben so unvollständig sind. Das ganze Buch hindurch musste ich mich fragen, was wirklich passiert sein könnte und welche Beweggründe sein Original wohl hatte. Die Suche nach dem Mörder ist zwar bis zum Ende eine große Antriebskraft, doch ziemlich schnell wird klar, dass natürlich noch viel komplexere Probleme und Intrigen stattgefunden haben. Diese zu verstehen oder im Kopf zu entwirren war für mich fast unmöglich, sodass ich von Andreas Brandhorst im Verlauf der Geschichte wieder und wieder überrascht wurde. Genau diese Vielschichtigkeit ist es, die den Roman neben der Suche nach dem Mörder die Würze und Spannung gibt.
Der Holder Takeder lebte auf den Planeten Tayfun, der sich mit weiteren von Menschen besiedelten Planeten zur Independenz zusammengeschlossen hat. Diese Independenz wird allerdings, entgegengesetzt zum Namen, von mächtigen Regulatoren kontrolliert und ist somit ganz und gar nicht frei. Das politische und wirtschaftliche System auf diesem Planeten hingegen macht die meisten Menschen erst so richtig unfrei: der originale Takeder war ein Holder, ein Inhaber von Lizenzen, die er verkaufen konnte und somit zu einem der reichsten Männer auf dem Planeten wurde. Die anderen Bewohner teilen sich auf in Kreditoren und Debitoren, wobei man scheinbar besonders schnell in die Situation letzterer herab rutschen kann und es sehr schwierig ist, wieder genügend Kreditorenpunkte zu erarbeiten, um ein normales Leben zu führen. Schuldner sind hier eben nichts wert. Wie das Leben in diesem System also wirklich aussieht, erfährt der Leser hier durch weitere Handlungsstränge und Sichtweisen, die sich nach und nach mit den Ereignissen um Takeder verflechten.
Ikarus glänzt einerseits durch das Spannungsfeld Wissen — Nicht Wissen — Vermutungen, andererseits auch durch faszinierende Details dieser Welt, deren Weite man kaum fassen, die aber trotzdem vor dem inneren Auge zum Leben erwachen kann. Dazu kommt noch der packende Charakter des Kopiaten sowie weitere interessante Charaktere, die sich allesamt rasant und mitreißend entwickeln.
Ich bin eigentlich kein großer SciFi-Fan, aber dieses Buch hat mich wirklich in seinen Bann gezogen. Im Prinzip besteht es aus drei Erzählsträngen, die sich im Verlauf der Geschichte immer mehr aneinander annähern und die sich schließlich zusammenfügen. Besonders gut gefallen hat mir die Vorstellung, dass es den Menschen möglich ist, Kopien von sich anzufertigen. In diesem Fall wird ein reicher und mächtiger Mann, Takeda, ermordet und er verfügt in seinem Testament, dass seine Kopie die Mordermittlungen leiten darf. Welche Komplikationen sich dadurch ergeben und inwieweit sich die Kopie dann doch vom Original unterscheidet, zieht sich als roter Faden durch das ganze Buch und trägt dann auch zu einem fulminanten Ende bei. Einen Punkt Abzug gibt es, weil ich finde, dass die Welt bzw. die Regeln der Technik etc. noch etwas ausführlicher erklärt werden hätten können. Einfach, weil es zum besseren Verständnis beigetragen hätte, andererseits aber auch, weil die Welt dann vielleicht noch lebendiger, besser vorstellbar geworden wäre.
Die Menschheit wird von einer Gruppe von ETs unterdrückt. Die verschiedenen Planeten dürfen keinen Kontakt mehr miteinander haben. Ein Industrieller wurde ermordet. Ein Clone mit 20 Tagen Lebenszeit wird erstellt und mit seinem Bewusstsein ausgerüstet (mehr erlauben die ETs nicht). Sein einziger Zweck ist es, den Mord aufzuklären.
Eigentlich 3,5/5 Ich bin beeindruckt von der Phantasie des Autors. Er schafft es auch, mit wenigen Sätzen Bilder in meinem Kopf heraufzubeschwören. Außerdem hat er den Mut, mit der großen Kelle anzurichten.
Negativ ist zu bewerten, dass er zuviel in seine Story reinpackt und zuviel will. Man braucht nur das 8 1/2 - seitige Glossar anzusehen, dann wird schon offensichtlich, wo das Problem liegt. Z.B. unterscheidet er bezüglich der diversen ET-Rassen zwischen den Gruppen der Curai, Regulatoren und Protektoren. Diese Unterscheidung ist für die Handlung ziemlich irrelevant und bringt nur Verwirrung. Leider hat er es nicht übers Herz gebracht, seine vielen Ideen auszumisten. Hätte er das getan, hätte es ein (noch) besseres Buch werden können. Desweiteren missfiel mir, dass sich das ganze zu lange hinzog. Während der letzten 150 Seiten wurde ich (mal wieder) ungeduldig und habe das Ende herbeigesehnt. Alles in allem trotzdem eine gute Leistung.
Insgesamt fällt mir ein Urteil über dieses Buch sehr schwer. Schaue ich mir all die Ingredienzien an, so ist wirklich alles vorhanden, um dieses Werk als top einzustufen. Die Personen sind interessant, vielschichtig und sich entwickelnd dargestellt, das gesamte Setting ist phantasievoll und ergibt ein Ganzes, die Geschichte ist sprachlich gut erzählt. Andererseits fand ich bis zum Ende nicht in die Geschichte hinein.
Meine Vermutung für die Probleme die ich hatte deutet in die Richtung, dass das Buch als Hörbuch einfach nicht machbar ist. Die vielen Ebenen, die komplexe Erzählung, die vielen Personen - all das braucht letztlich ein eigenes Tempo und eigene Pausen, um sich immer wieder vor Augen zu halten wo man gerade ist. Gerade beim Audiobook aber ist man das eine oder andere Mal durch die Umgebung abgelenkt und das macht es am Ende viel zu komplex, um mitalten zu können. Anders gesagt, das Erlebnis als Hörbuch war für mich sehr schlecht, vielleicht sogar mit nur einem Stern zu bewerten. Einzig die hohe Erzählkunst und die vielen objektiv vorhandenen postiven Aspekte lassen mich dann zu einer mittleren Wertung greifen.