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Was reden die Leute: 58 Begegnungen mit Thomas Bernhard

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Wer war Thomas Bernhard? Misanthrop oder Gesellschaftsmensch? Zyniker oder warmherzig? Wie erinnern sich die, die ihm nahe kamen, heute? An die 60 Menschen hat Sepp Dreissinger, Fotograf, Filmemacher und Bernhard-Maniac, in den vergangenen fünf Jahren vor seiner Filmkamera zum Reden gebracht: vom Bruder Peter Fabjan zum Burgschauspieler Gert Voss, vom Ohlsdorfer Nachbar Johann Maxwald zur Hamburger Freundin Ingrid Bülau, vom Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger zum Tierpräparator Alfred Höller, vom Bernhard-Regisseur Claus Peymann zum Bräunerhof-Chef Siegfried Hostnik. Entstanden ist ein einzigartiges Erinnerungsarchiv, das zum 80. Geburtstag des großen Schriftstellers ein Stück weit geöffnet wird. In dem Lesebuch „Was reden die Leute“ ist ein Großteil der Statements versammelt, und nicht zufällig ähneln manche davon einer Bernhard-Tirade. Mit zahlreichen Fotos und dem Vorwort des Bernhard-Experten Manfred Mittermayer bietet sich eine Nahaufnahme der „Sphinx von Ohlsdorf“, die auch Liebhaber und Kenner faszinieren und überraschen wird.

384 pages, Hardcover

First published January 24, 2011

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Profile Image for Klaus Mattes.
720 reviews10 followers
January 12, 2025
Der Fotograf Sepp Dreissinger zählt schon auch zum Clan jener immer Gleichen, die das Plazet der, von Bernhards Bruder und Erben Peter Fabjan geleiteten, „Bernhard Privatstiftung“ genießen, unser Gedenken an den Meister zu formen und zu verschönen. Andere Namen, die zu nennen wären: Wendelin Schmidt-Dengler, der Herausgeber der großen Werkausgabe, bis zu seinem Tod 2008 Österreichs bekanntester Germanist; Hans Höller, Autor der Rowohlt Monographie; sowie noch einer, der sogar schon in den sechziger Jahren über den jungen Bernhard promovieren konnte: Manfred Mittermayer, Autor der Suhrkamp BasisBiographie, ein weiterer Werkeherausgeber. Auch hier ist dieser Mittermayer wieder mit der Einleitung zum Buch vertreten. Dann noch Raimund Fellinger, langjähriger Handke-Lektor im Hause Suhrkamp, seit den Achtzigern dann auch Bernhard-Lektor.

Nie aufgenommen in die Germanisten-Runde wurde der Häusermakler und für einige Jahre „Eckermann“ Bernhards: Karl Ignaz Hennetmair. Dessen Bedeutung wird durch beharrliches Fast-Nicht-Erwähnen in den Bernhard-Kommentaren der oben Genannten heruntergespielt. Hennetmairs Bernhard-Protokolle fürs Jahr 1972 wurden heimlich, gegen den Willen des Freunds und zum Zwecke des Gelderwerbs vom Nicht-Literaturkenner gefertigt. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre ist allerdings keiner der Germanisten, auch keiner der für dieses Buch Befragten, dem Schwierigen nur halbwegs so nahe gekommen.

Sepp Dreissinger fotografierte Thomas Bernhard vom Ende der siebziger Jahre an öfter. Es entstanden später posthume Bernhard-Bildbände und Interview-Sammlungen. Kleine Porträtfotos hat er in diesen Band eingerückt, die Hauptsache sind sie nicht. Man wird ein wenig misstrauisch. Beim mittlerweile bestehenden zeitlichen Abstand und angesichts des, ganz in Bernhards Interesse stattfindenden, Genie-Kults (Fellinger: „Ich glaube, Thomas Bernhard wird eines Tages für die deutsche Literatur in der Welt dieselbe Stellung einnehmen, wie es Hermann Hesse tat. Bei Hesse sind es jetzt ungefähr 90 Sprachen, in die er übersetzt ist, bei Bernhard auch schon 55“) können tatsächlich ungeschminkte Flashbacks wohl nicht mehr erwartet werden. Verdienstvoll ist dieses Buch aber immer noch.

Sepp Dreissinger stellt ihnen die klassische Frage „Erzählen Sie doch mal, wie war er so?“ Und zwar in der Regel einer Altersgruppe, die er gegen das Jahr 2010 hin gerade noch bei körperlicher Gesundheit und geistiger Frische antreffen konnte. Bernhard, selbst Jahrgang 1931, hatte ja auf diversen Stationen seiner Entwicklung viele Kontakte zu wesentlich Älteren gepflegt, hat das „Lernen von den Alten“ auch als große Inspiration bezeichnet. Da sind viele längst nicht mehr da, so der bewunderter Kolonialwarenhändler Karl Podlaha aus dem „Keller“. Der Chef, bei dem sich der junge Autor erstmals per Schreiben Geld verdienen konnte, Josef-Kaut vom sozialdemokratischen „Demokratischen Volksblatt“, nachmaliger Salzburger-Festspiele-Direktor, starb 1983, der Verleger Wolfgang Schaffler, in dessen Residenz Verlag die fünf autobiografischen Romane erschienen sind, starb 1989, Nationalratspräsident Alfred Maleta (ÖVP) 1990, seine Frau Gerda im Jahr 2007, Reichsgraf Alexander von Üxküll-Gyllenbrand, in dessen Brüsseler Wohnung der „Frost“ geschrieben wurde, 1999, der Kapellmeister und Jugendfreund Rudolf Brändle im Jahr 2002, der wegen „Holzfällen“ so bitter beleidigte Komponist Gerhard Lampersberg 2002, der einstige Insel-Verlag-Lektor Wieland Schmied, in dessen Nähe der Autor sich ein oberösterreichisches Landhaus kaufen wollte, schließlich 2014. Die Bernhard-Vernarrte Grete Hufnagl war schon kurz nach Bernhards Tod (1989) mit Demenz ins Pflegeheim gekommen. Alle miteinander hat der vormalige Kriegsteilnehmer und Häusermakler aus Ohlsdorf, der unverwüstliche Karl Ignaz Hennetmair, überlebt, den es im hohen Alter von 97 Jahren 2018 hinweg raffte. Dennoch hat man ihn für diesen Sammelband nicht um Mitwirkung gebeten. Die Gründe sind oben angedeutet. Ein paar Mal wird seiner nebenbei gedacht, eher abfällig.

Absichtlich greife ich unter all den freundlichen Anekdoten und Trauerbekundungen für den angeblich so Großen und so herbe Vermissten, den man zu seinen Lebzeiten, wie zumindest Hennetmair wusste, oft genug aber auch „Scheusal“, „Stänkerer“, „Unmensch“, „geldgierig“ genannt hat, nach einer vergleichsweise ruppigen Reminiszenz. Solche Bücher, deren Inhalte man sich ganz gut vor dem Lesen schon denken kann, haben doch die eine oder andere Überraschung noch zu bieten. Wolfgang Pauser, Philosoph, Marketing-Berater für Unternehmen, Trendforscher, hat einige Teile seiner Kindheit und Jugend im Traunkreis, also im Dunstkreis des Bernhard'schen Vierkant-Bauernhofs in Obernathal zugebracht. Pausers Vater war ein bekannter Maler und gehörte zum inneren Zirkel jener von Wien hergezogenen, im Wohlstand lebenden Bildungsbürger, bei denen sich Bernhard ein paar Jahre lang reihum (selbst) zum Essen und zur Geselligkeit einzuladen pflegte. Er war nämlich längst nicht so allein und menschenfeindlich, wie er es den Medien gern weismachte.

Man hört aus vielen Jahren und von mancher Seite, schon mit den Studienjahren am Salzburger Mozarteum beginnend, dass Bernhard ein Liebling der Damen gewesen sei, ein Hahn im Korb, der sich allerdings sämtlichen praktischen erotischen Nachstellungen geschickt zu entziehen verstand. Die Kaffeerunden hielt er mit ausführlichen Monologen bei Laune, in deren Verlauf er Dialekte imitierte, klassischen Gesang von sich gab, „urkomische“ Geschichten aus seiner Kindheit und dem Umgang des Großvaters erdichtete und, wie man immer wieder liest, „ganz einfach daherblödelte“. Die Pausers durchlebten einige Ehekrisen, waren, wie Fotos zeigen, beide nicht schön; die Frau, also die Mutter des hier gleich Sprechenden, war in Bernhard verschossen. Sergius Pauser, im Stil etwas an Christian Schad erinnernd, nahm seine Familie schließlich zurück nach Wien, wo er 1970 verstarb. Der Sohn war in etwa 12 Jahre alt.

Die Beziehung zwischen uns war stets von Sympathie getragen, aber sicherlich keine persönliche, weil das mit ihm prinzipiell nicht möglich war. Er konnte Gespräche von Mensch zu Mensch einfach nicht führen, was ich aus meinen Beobachtungen schließen konnte. Ich erinnere mich zwar an ein klares Bild von Thomas Bernhard, aber er war immer gleich, daher die Schwierigkeit beim Erinnern. Er hat sich nur in einem unernsten Sprachgestus mit Mitmenschen aufhalten können, stetiges Monologisieren und ständige Sprachwitze. Die Lacheffekte hatten keine schwerwiegende Bedeutung, sondern bestanden in banalsten Dingen, die auftauchten und aufgegriffen wurden. Den einfachsten Dingen wurde Situationskomik in brillanter Technik abgerungen und daher konnte er ganze Runden von Menschen unterhalten. (...) Einen problematischeren Menschen kann man sich gar nicht vorstellen. (...) Er war nicht nur beziehungsunfähig, sondern er war nicht einmal zu einem Dialog fähig.
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