»»Was denn, mein Gott, er ist doch noch ein Kind!« [Tante]
- »Genau! Ein Verräterkind, das sollte er wissen.« [Großvater]
1962 war das, da war ich zehn.«
(S.29)
Der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon (*1952) hat für sein Schaffen zahlreichen Preisen erhalten und u. a. für seine Reportagen über den Prozess gegen den Klaus Barbie mit dem Albert-Londres-Preis (dem renommierteste Journalistenpreis Frankreichs) ausgezeichnet.
In seinem autobiografischen Buch »Verräterkind« (»Enfant de salaud«, aus dem Französischen von Brigitte Große) schreibt der Autor in zwei Handlungssträngen über seine Erlebnisse als Journalist bei genau diesem Prozess gegen K. Barbie, und parallel über die Anwesenheit seines Vaters bei dem Prozess in Lyon, über toxische Familienverhältnisse und die Lügen und Wahrheiten seines Vaters, der im 2. Weltkrieg mehr als einmal desertiert ist. …
Es ist viel Zeit vergangen seit er als kleiner Junge von seinem Großvater als »Verräterkind« bezeichnet und von seinem Vater manipuliert worden ist. 1987 während des Prozess gegen den Nazi-Verbrecher K.Barbie erhält Sorj Chalandon die Akten über seinen Vater und sucht in diesen Protokollen, Dokumenten und Beweisen nach der Wahrheit über diesen ihm so nahen und doch so fremden Vater.
Warum sucht der Autor so vergeblich nach der Wahrheit seines Vaters?
»Du warst im Knast, du Idiot! […] Das hättest du mir erzählen sollen. Ich muss wissen, wer du bist, um zu verstehen, woher ich komme. Ich will, dass du mit mir redest, dass du mir zuhörst, verstehst du, das verlange ich von dir! Ich bin nicht mehr in dem Alter, in dem man alles glaubt, sondern in dem, wo man versteht und akzeptiert. Diese Wahrheit bist du mir schuldig.« (S.63)
Es ist ein aufwühlendes, emotionales Buch bei dem ich mehr als einmal schwer aufgeatmet habe. Der Prozess gegen einen Nazi-Verbrecher und die erschütternden Zeugenaussagen werden sehr gut in die autobiografische Erzählung gebettet. Ich habe sehr mit dem Autor mitgefühlt, der sich mit dem Lügenkonstrukt seines Vaters fast (?) schmerzhaft auseinandersetzt. Eine beeindruckende schriftstellerische Leistung, mit großartigen Formulierungen dank der großen Übersetzungsleistung!
» »Warum haben Sie gelogen?«, fragt er.
»Weil ich dachte, dass ich mir so besser Geltung verschaffen kann.«
»Geltung verschaffen« habe ich mit einem fetten Rotstift un-terstrichen. Als du diese Worte zum ersten Mal in den Mund nahmst, warst du zweiundzwanzig, und heute, dreiundvierzig Jahre später, ist dieser Wunsch noch immer dein Elend und unser Schrecken.«
(S. 126)
Kein einfaches Buch, aber ein sehr wichtiges, das viele verschiedene Themen beleuchtet und vor allem eines zeigt: Das Wahrheit schwer greifbar ist.
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»»What, my God, he's just a kid!« [Aunt]
- "Exactly! A traitor child, he should know that.« [Grandfather.]
In 1962, that was when I was ten.«
(Own translation p.29)
French writer and journalist Sorj Chalandon (b. 1952) has received numerous awards for his work, including the Albert Londres Prize (France's most prestigious journalism award) for his reportage on the Klaus Barbie trial.
In his autobiographical book »Verräterkind« (»Enfant de salaud«, translated from the French by Brigitte Große), the author writes in two storylines about his experiences as a journalist at precisely this trial against K. Barbie, and in parallel about his father's presence at the trial in Lyon, about toxic family relationships and the lies and truths of his father, who deserted more than once during World War II. ...
Much time has passed since he was called a »traitor's child« by his grandfather as a young boy and manipulated by his father. In 1987, during the trial of the Nazi criminal K.Barbie, Sorj Chalandon receives the files about his father and searches in these protocols, documents and evidence for the truth about this father so close to him and yet so foreign.
Why does the author search so vainly for the truth of his father?
»You were in jail, you idiot! [...] You should have told me that. I need to know who you are to understand where I'm coming from. I want you to talk to me, to listen to me, you understand, that's what I demand from you! I am no longer at the age where you believe everything, but at the age where you understand and accept. You owe me this truth.« (Own translation, p.63)
It is a stirring, emotional book that had me breathing heavily more than once. The trial of a Nazi criminal and the harrowing testimonies are very well embedded in the autobiographical narrative. I felt very much with the author, who almost (?) painfully comes to terms with his father's construct of lies. An impressive writing achievement, with great phrasing thanks to the great translation work!
Not an easy book, but a very important one that sheds light on many different topics and shows one thing above all: That truth is elusive.