Julie Novak ist verschwunden und das schon seit 20 Jahren. Dieses Jubiläum nehmen mehrere True Crime Podcasts zum Anlass, um den Fall erneut zu besprechen, darunter auch der Podcast "Two Crimes" von Liv und ihrem Partner Phil. Dabei entdecken sie, dass sich hinter dem Verschwinden des Mädchens vielleicht doch mehr verbirgt, als die Ermittlungen der Polizei 2003 ergaben. Und bringen ganz nebenbei das Leben von Julies Angehörigen – sowohl absichtlich als auch unabsichtlich – gehörig durcheinander.
Da ist zum Beispiel Julies Familie, bestehend aus ihrer jüngeren Schwester Sophia und ihrem Vater Theo, der schon seit einigen Jahren an Demenz erkrankt ist und sehr darunter leidet, dass seine Erinnerungen ihm langsam aber sicher abhanden kommen. Sowohl an seine Frau Vera, die an Krebs gestorben ist, als auch an seine Tochter Julie. Theo ahnt, dass er nicht mehr lange auf seine kognitiven Fähigkeiten vertrauen kann und möchte um alles in der Welt aufdecken, was wirklich vor 20 Jahren passiert ist. Deshalb lässt er sich auch auf die Interviewanfrage des Podcasts ein und beginnt gemeinsam mit Podcast-Host Liv das ganze Geschehen noch einmal aufzurollen, wovon Sophia überhaupt nicht begeistert scheint. Dabei hat er den Schuldigen in seinen Augen schon längst ausgemacht: Julies Ex-Freund Daniel.
Daniel ist Altenpfleger – oder Arschabwischer, wie Theo es so extrem sympathisch ausdrückt – und lebt noch immer im Haus seiner verstorbenen Mutter. Seine einzige Vertraute ist sein Hund Queen. Ansonsten hat er keine Freunde, keine Familie und hält sich von den meisten Menschen fern. Auch weil er nicht verwunden hat, dass sich die Presse, durch Julies Eltern angeheizt, auf ihn als Verdächtigen eingeschossen hatte, obwohl er von der Polizei entlastet wurde. Auch er möchte herausfinden, was mit Julie passiert ist, um sich reinzuwaschen, aber auch, weil nie aufgehört hat sie zu lieben.
Liv, Theo, Daniel und die geheimnisvolle Lara sind die Protagonist*innen des Thrillers, aus deren Perspektiven die Geschehnisse (weitestgehend) abwechselnd erzählt werden. Dabei wechselt Romy Hausmann diese immer genau dann, wenn jemand gerade eine spannende Entdeckung macht, oder etwas besonders Spannendes passiert. Das sorgt dafür, dass man sich von Cliffhanger zu Cliffhanger hangelt und die Geschichte trotz beinahe 450 Seiten kaum langweilig wird. Dennoch beinhaltet das Buch einige Längen.
Auch weil darin viele, viele Menschen mit (recht generischen) Namen vorkommen, die man sich behalten muss (Daniel, Phil, Max oder Anna, Vera, Lara), von denen einige dann auch noch eine verborgene, gemeinsame Vergangenheit haben. Eine Tatsache, die der Geschichte keinen Abbruch tut, mich aber persönlich immer etwas irritiert. Gerade in einer Millionenstadt wie Berlin erscheint mir das immer etwas wenig plausibel und konstruiert. Ein Gefühl, was ich bei Liebeskind nie hatte.
Vielleicht ist es auch dieser Vergleich zu Liebeskind, der Himmelerdenblau am meisten auf die Füße fällt. Denn selbst als erprobte Thriller-Leserin habe ich die Auslösung "damals" nicht kommen sehen. Wahrscheinlich wartet man deshalb bis zum Schluss auf eine Wendung, die aber nicht kommen will. Zwar gibt es auch in dieser Geschichte einige unerwartete Twist, das Buch ist durchgehend spannend und – wie immer – hervorragend geschrieben. Aber vielleicht bin ich als Romy-Fan einfach ein wenig zu verwöhnt und war deshalb vom Ende und der Auslösung dann doch ein wenig enttäuscht. Vor allem Laras Geschichte wirkte für mich fast unnötig hineingewurstelt, um eine falsche Fährte zu legen und Verwirrung zu stiften – was ich persönlich nicht unbedingt gebraucht hätte. Vor allem, weil bereits durch die E-Mails, die Theo von einer anonymen Adresse bekommt, ein Funken Hoffnung oder eine Vermutung entsteht, dass tatsächlich Julie noch leben könnte.
Zur Verwirrung trägt auch Theos Perspektive bei, die für mich aber dennoch zu den stärksten Teilen von Himmelerdenblau gehört. Denn durch seine Demenzerkrankung hat Theo seine Gedanken nicht immer im Griff. Seine Erinnerungen spielen ihm Streiche, er bringt sowohl Situationen, als auch Menschen und Begriffe durcheinander. Romy Hausmann hat nach eigenen Angaben für dieses Buch viel über Demenz recherchiert und das spürt man auch beim Lesen. Als nicht betroffene Person wird man selbstredend nie wirklich verstehen können, wie es sich anfühlt, mit dieser Krankheit zu leben, aber man bekommt als Leser zumindest eine Ahnung, was sich in Theos Kopf abspielt. Das hat für mich zwar nicht dazu geführt, dass ich Sympathien für ihn entwickeln konnte, aber zumindest Empathie. Ob ich dennoch glauben kann, dass er vollständig vergessen haben will, was er, Vera und Sophia mit Julies Verschwinden zu tun haben, habe ich noch nicht endgültig entschieden. :)
Etwas, was in meinen Augen dagegen unzureichend beleuchtet wird, ist das Thema von sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen/Kindern. Wer hierauf sensibel reagiert, sollte die nächsten beiden Abschnitte überspringen.
Da sind zum einen Daniel (22) und Julie (16), die trotz sechs Jahren Altersunterschieds daten – in diesem Alter doch eine große Spanne. Das wird auch von Julies Familie (und der Presse) durchaus kritisch gesehen, von Daniel selbst aber immer wieder relativiert (à la "Irgendwann, wenn wir älter sind, ist das alles egal"). Mir ist klar, dass es nur seine Perspektive widerspiegelt, die nicht moralisch einwandfrei sein muss und Autor*innen nicht die Verantwortung haben, ihren Leser*innen jedes Thema einzuordnen. Dennoch stoße ich mich regelmäßig an ähnlichen Erzählweisen.
Wesentlich schlimmer finde ich aber die "Beziehung" zwischen Sophia (14) und ihrem über 30-jährigen Karate-Lehrer, die sowohl von dessen Frau als auch von Liv immer wieder als "Affäre" bezeichnet wird. Gerade weil diese selbst in jungen Jahren Opfer sexueller Gewalt durch ihren Stiefvater wurde und ich deswegen ein anderes Bewusstsein von ihr erwartet hatte. Dennoch setzt sie der Perspektive der Ehefrau wenig entgegen, wonach sowohl ihr Mann als auch Sophia sich mit der Affäre schuldig gemacht haben. Dass Sophia VIERZEHN und das Machtgefälle zwischen ihr und ihrem Karate-Lehrer in mehrerlei Hinsicht enorm ist (durch den Alterunterschied und als Lehrer) wird mir viel zu wenig besprochen. Da hilft es (mir) auch nicht, dass Liv in einem inneren Monolog erörtert, dass in Deutschland das Alter sexueller Selbstbestimmung bei 14 Jahren liegt. Der Ausdruck "mindestens ein moralischer Supergau" bleibt mir für diese Situation viel, viel, viel zu milde. In meinen Augen sind Beziehungen zwischen Mittedreißig-Jährigen und jugendlichen Mädchen mehr als moralisch fragwürdig und ich hätte mir dazu eine deutlichere Einordnung gewünscht. Auch wenn – wie erwähnt – Romy Hausmann hier keine moralische Verantwortung zuzuschreiben ist, ihre Leser*innen aufzuklären. Vielleicht bin ich bei diesem Thema auch einfach sehr sensibel, während andere Leser*innen es ganz anders auffassen werden.
Was ich dagegen sehr mochte, ist, dass nicht alle Protagonst*innen es lebend bis zum Ende des Thrillers schaffen. Denn oft kann man sich als Leser*in sicher sein, dass zumindest diejenigen, aus deren Sicht eine Geschichte erzählt wird, überleben. Dass Romy Hausmann mit dieser Konvention bricht, hat für mich für ein noch spannenderes Leseerlebnis gesorgt.
Und das ist auch das, was ich über Himmelerdenblau schlussendlich sagen kann: Ich fand es wahnsinnig spannend und konnte es über zwei Urlaubstage hinweg kaum aus der Hand legen. Ein wenig überladen, ein paar Kapitel zu lang und nicht ganz so außergewöhnlich wie Liebeskind, aber immer noch ein sehr, sehr guter Thriller.