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Selbstregulierung des Herzens

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Über Liebe und Freundschaft in einer Welt, die Vertrauen nicht kennt

Ein Roman über das Ringen um Nähe, um Liebe, Loyalität und Freundschaft im Schatten staatlicher Kontrolle. Ein bestechendes Porträt von der Kraft und Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen, dem Enthusiasmus des Neuanfangs und dem Verlust von Illusionen.

»Selbstregulierung des Herzens« entfaltet ein vielfältiges Panorama des Lebens in der DDR und im frisch wieder vereinigten Deutschland. Im Zentrum stehen Georg, der anfangs noch hofft, seinen Staat mithilfe von ersten Computern und Kybernetik vorwärtszubringen, und die Künstlerin Mona.

Um sie herum entwickelt sich ein reiches Ensemble an der illusionslose Intellektuelle Roland, der in den Westen flieht; Marlies, die versucht, das System von innen zu reformieren, sowie die Künstlerfreunde Monas. Alle treffen sich in einem Dorf in der Nähe von Wandlitz, wo bald seltsame geheime Bautätigkeiten beginnen. 

Mit stiller Wucht schreibt Peggy Mädler über das Flirren zwischen Halt und Auflösung – über Nähe und Entfremdung, Anpassung und Resilienz.

275 pages, Kindle Edition

First published February 12, 2026

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Peggy Mädler

4 books2 followers

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Displaying 1 - 11 of 11 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
564 reviews612 followers
August 22, 2026
Nicht alles, was möglich ist, wird wirklich. Immersiv-narrative DDR-Reflexion.
Longlist deutscher Buchpreis 2026

Inhalt: 5/5 Sterne (Scheitern eines Systems)
Form: 4/5 Sterne (unterstützend)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (auktorial-zurückhaltend)
Komposition: 5+1/5 Sterne (um eine verpasste Möglichkeit herum)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (immersiv-historisch)
--> 25/5 = 5,0 = 5 Stern(e)


Die DDR aufarbeitende Romane bleiben ein Hauptstrang der bundesrepublikanischen Gegenwartsliteratur. Neben Sanditz von Lukas Rietzschel und Helene Bukowskis Wer möchte nicht im Leben bleiben tritt auch noch Peggy Mädlers Selbstregulierung des Herzens hinzu. Anders aber als die meisten Gegenwartsromane setzt Mädler auf einer höheren, das System in seiner Dynamik überblickenden Erzählebene an, indem sie kybernetisch-systemtheoretische Begrifflichkeiten berücksichtigt:

Die menschliche Gesellschaft und ihre Ökonomik sind seit jeher kybernetische selbstregulierende Systeme, unabhängig davon, ob die Menschen das bisher wußten oder nicht.

Und selbst, wenn sie es wüssten, würde dieses Wissen systemisch nicht einfließen können, denn das System besitzt keine Parameter, um die Umwelt darzustellen, bspw. kann das Bewusstsein nicht sein je eigenes Gehirn reflektieren, aus dem es entspringt. Im Falle von Selbstregulierung des Herzens läuft es auf die Problematik hinaus, wie ein System dennoch aus seinen Fehlern lernen könnte, die DDR betreffend, lernen hätte können:

Georg strich sich über die Stirn. Vor ein paar Jahren schienen es ihm noch lauter Einzelfehler im System zu sein, die sich nach und nach finden und beheben ließen – Anfangsschwierigkeiten, aus denen das lernende System Erfahrungen gewinnt, um sich zu korrigieren und weiterzuentwickeln, aber längst kam es ihm vor, als lerne das System immerzu nur aus den falschen Annahmen, als verfestigten sich die Fehler immer mehr.

Wie in Jenny Erpenbecks Kairos wird die Liebesbeziehung in Selbstregulierung des Herzens zu einer Allegorie auf das System selbst. Drei Paare stehen im Zentrum des Geschehens: Georg-Helga, Mona-Konrad und Marlies-Roland mit dem verzagt, höflichen, etwas sehr vorsichtigen Georg als Dreh- und Angelpunkt oder die DDR in den 1960ern vor dem Prager Frühling, als eine Wende der allzu starren DDR-Ökonomie noch möglich schien:

Unter Benders Einfluss wurde ein kybernetisches Zusammenspiel von Plan und Markt plötzlich denkbar, vorstellbar. Die Idee einer Wirtschaft, die sich mithilfe von Anreizen wie ein Organismus in weiten Teilen selbst regulieren und flexibel an innere wie äußere Veränderungen anpassen kann. Mit Betrieben, die sich eigenständig steuern wie Zellen und Organe, während das Gehirn übergeordnete Werte und zentrale Ziele abwägt. Mit Nervenbahnen und Synapsen, die den Informationsaustausch im gesamten Körper gewährleisten. Im Gespräch mit Professor Benders schienen Systeme dynamisch und veränderbar, bereit, aus ihren Fehlern zu lernen. Das fühlte sich gut, vernünftig an.

Wie Systeme besitzen aber auch die Systemelemente, die wiederum auch Systeme für sich sind (bspw. Psychen), einen ausgeprägten Eigensinn und so führen Entscheidungsprozesse und Rückkopplungsmechanismen nicht immer zu den in Bezug auf die Selbsterhaltung optimalen Lösungen. Wie es mit der DDR ausging, ist hinlänglich bekannt. In Selbstregulierung des Herzens wird dieses Scheitern poetisch rückgekoppelt an das, was im Privaten vor sich gegangen ist, ohne das Private auf dieselbe Ebene zu hieven. Peggy Mädler gelingt so, was bereits Christa Wolf in Der geteilte Himmel und Brigitte Reimann in Franziska Linkerhand gelungen ist, und woran Christoph Heins Das Narrenschiff gerade krankte, ein literarischer Nachvollzug einer Epoche.

In seiner ganzen Anlage hat Mädler Heins Roman einfach neu geschrieben und ihm eine literarische Form jenseits der sequentiellen Reihung gegeben und sticht damit aus der aktuellen Gegenwartsliteratur weit heraus.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Ästhetik: (jeweils 1-5)
●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] - 0
●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] - 5
●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] - 0
●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] - 0
●Einschätzung - oder um welche Ästhetiktradition handelt es sich?: Keine Verspieltheit, weder formal noch kompositorisch (Kant=0), keinerlei Formanspruch an die Sprache als Subversionsmittel und Immunisierungsstrategie (Adorno=0), und keiner dynamisch-kosmischer Weltentfaltungsprozess, aktive Durchschreitung findet nicht statt (Hegel=0), dafür aber typische, klar herausgearbeitete Totalitätsoptik im Sinne von Lukacs (Lukacs=5).


Inhalt:
●Hauptfigur(en): Georg Paschke, Ökonom und Programmierer; Mona Krüger, bildende Künstlerin; beide um 1940 geboren.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
… Georg, fängt an zu studieren, schüchterner Mensch, befreundet sich mit dem intellektuellen Draufgänger Roland an, der helfen will, als Ökonom, die DDR auf Vordermann zu bringen. 1966 lernt Georg Helga kennen, die bereits verheiratet gewesen ist, und wegen des wilden untreuen Mannes nach Berlin gezogen ist. Sie quartiert sich bei einem unversehens ein. Georg und Helga heiraten 1967, bekommen ein Kind, Frank, einen Sohn, aber Georg arbeitet zu viel und Roland flieht 1969 aus der DDR. 1971 lassen sie sich wieder scheiden. Fortan hat Georg nur noch wenig Kontakt zu seinem Sohn. Er verliebt sich in seine Nachbarin Mona, die aber glücklich mit ihrem Künstler-Partner Konrad liiert ist und in einer Künstler-WG wohnt. 1980 lernt Georg Annelies kennen, bereits mit zwei Töchtern, Krankenschwester. Sie heiraten und bekommen einen weiteren Sohn, Sebastian, mit dem Georg Kontakt hält. Nach der Wende verliert Georg Zugang zu den neuen gesellschaftlichen Umständen, zieht sich mehr und mehr zurück, geht 1998 auf Frührente. Danach beschäftigt er sich mit dem Garten und seinem Bungalow.
… Mona (Illustratorin im Werbebetrieb), übernimmt mit ihren Freunden ein baufälliges Bauernhaus, ihrem Partner Konrad (Schriftsetzer, Werbefachschule, später freischaffend für den Filmverleih), Rita (Kostümbildnerin, Ausreise 1987) und Volker (Schauspieler, 1988 bleibt im Westen, IM), später Uwe (Kameramann), Elke (Puppenspielerin, Ausreise 1987) und ihre zwei Töchter, (Irene, IM), später mit Partnerin Beate. Mona hat eine Schwester, die nach Westberlin gegangen ist, weshalb ihr das Studium der Malerei verwehrt wird, und sie später auch nicht als freischaffende Künstler akzeptiert wird. Sie befreundet sich mit Georg, interessiert sich für die Computer, und küsst ihn einmal. Aus der Beziehung wird aber nichts. Sie bleibt mit Konrad zusammen, sieht Georg aus der Ferne. Nach der Wende gibt es ein Treffen im Wald, in welchem Georg sich bei ihr ausweint. Als er seinen Bungalow aufgibt, verabschieden sie sich.
… Roland und Marlies. Sie lernen sich auf der Akademie kennen und kommen zusammen. Sie ist linientreuer, überzeugter vom System als er. Er aber motiviert, das System zu verbessern, mit der Kybernetik und Ökonomie. Sie streiten sich produktiv. Sie bandeln langsam an, bis klar wird, weshalb, Marlies hat bereits eine Tochter, die bei Marlies‘ Mutter lebt. Nach den Ereignissen während des Prager Frühlings 1968 hört Roland auf zu hoffen, das Kybernetikprogramm wird eingestampft, und er flieht in den Westen. Hierdurch gerät Marlies (auch Georg) unter Druck. Beide sind nun befreundet mit einem Flüchtling und können in ihren Berufen nicht weiter aufsteigen. Marlies arbeitet weiter, robust und unbeirrt. Sie wird später Leiterin der Materialbeschaffung, entfremdet sich aber völlig von der Tochter, darf die Enkelkind lange nicht sehen. Nach der Wende, 1993, treffen sich Roland und Marlies wieder, aber die Kluft ist zu tief, um sich wieder befreunden zu können, und auch für Marlies, um ihn um Hilfe zu fragen.
●Kurzfassung: die DDR in den 1960ern muss sich ökonomisch erneuern, was misslingt, das System igelt sich wie Georg ein, harrt aus und verpasst seine Chance, wie Georg bei Mona?
●Charaktere: (rund/flach) sehr rund und ausgestaltet, sehr lebendig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: keine
●Besondere Ereignisse/Szenen: Abschied zwischen Mona und Georg, Wiedertreffen von Roland und Marlies
●Diskurs: Ökonomie, Systemtheorie, wäre die DDR zu retten gewesen?
… erinnert an Christoph Heins „Das Narrenschiff“ und Christa Wolf „Der geteilte Himmel“, sowie auch an „Nachdenken über Christa T.“ Durch das Episodenerzählen aber eher verwandt mit Heins Buch, nur eben fokussierter und systemischer angelegt, eingebettet in ökonomischen Reflexionen.
… inhaltlich lässt sich sagen, dass die Figuren extrem lebendig gezeichnet worden sind, dass der Fokus auf Georg, zurückhaltend, sanft, und auf Mona, abenteuerlustig, aber vernünftig, gelingt, und um sie herum das System zerfällt, das im Grunde gar nicht zerfallen müsste. Leider wiederum nur Fokus auf Intellektuelle in der DDR.
… die DDR wird weniger denunziert, als in ihrer Sackgassenentwicklung nachgezeichnet. Der Plot aber, wie Georg und Mona leben, bleibt spannend, abwechslungsreich und verdichtend erzählt. Vor allem werden die Fäden zu Ende gesponnen. Kein bisschen gelangweilt.
--> 5 Stern(e)


Form:
●Eindruck: nicht aufregend, aber flüssig, rund zu lesen, überhaupt sehr stimmige Form, sehr auf den Inhalt hin geeicht, diesen nicht verunklarend, angemessen für den kritischen Realismus, eher den Inhalt wiedergebend als die Form betonend, aber die Form so gewählt, dass sie sich auch nicht durch Irritationen in den Vordergrund schiebt, gelungene narrative Prosa.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalität
●Wortschatz: abwechslungsreich, nie eintönig
●Auffälligkeiten: formal unauffällig
●Innovation: keine
… ein Stern Abzug, da die Prosa oft sehr stark von Aufzählungen geprägt, hier und da eher arg verdichtend als auserzählt, nicht immer mit langem Atem geschrieben.
--> 4 Stern(e)


Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählstimme bleibt draußen und kommentiert sanft, und eher empathisch, stellt klar, greift nur selten ein, wenn, dann meist explizit in Klammern … zwar sind die einzelnen Kapitel mit Fokus auf eine Figur, aber über der Figur steht die zurückblickende, alles in Perspektive rückende Erzählinstanz, die als Figur nicht auftaucht, aber reflexiv auftritt, auch durch die kybernetischen Einlassungen, die so nicht von den Figuren kommen müssen. Eine ordnende, sanfte auktoriale Erzählinstanz, unaufdringlich, eher nachdenklich.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): situiert nicht wirklich, sonst ja.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: nachdenklich, stoisch, unerschütterlich.
●Einschätzung: trotz Episodenform ergibt sich eine Einheit, die Erzählstimme selbst wechselt nicht, und sie bettet alles in einen höheren abstrakten Rahmen ein, systemtheoretisch angehaucht, insofern sehr gelungen.
--> 5 Stern(e)


Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): vier Kapitel (1960-70-80-90) mit jeweils einem Prolog (über Fritzsch und das Bungalowgebiet), dann Georg, dann einen wechselnden Mittelteil, abgeschlossen von Mona. Der Mittelteil gilt der ersten Partnerin von Georg (Helga), dann dem Partner von Mona (Konrad), dann der zweiten Partnerin von Georg (Annelie), und am Ende das gescheiterte Paar (Roland-Marlies) … im Grunde also dreht es sich von der Komposition her um das Paar Georg und Mona, das, was zwischen ihnen steht (Helga, Konrad, Annelie) und letztlich der Systemkonflikt, repräsentiert durch Roland und Marlies.
●Signal/Noise-Ratio: beides vorhanden, stimmig in Verbindung gebracht
●Operative Geschlossenheit: Öffnung/Schließung, Dynamik/Statik, Liebe/Trennung.
●Rahmenstabilisierende Details: kybernetische Einlassung über Systembildung und die eher allgemeinen einleitenden Abschnitte zu den Kapiteln über die Gesamtsituation des Bungalowareals.
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: keine
●Reliefbildung: durch die Möglichkeit, Abwesenheit und die Entstehung von Liebe
●Einschätzung: der kritische Realismus gelingt her sehr gut aufgrund der abstrakten Höhe des Textes, die Distanz, die die Erzählinstanz einnimmt über den Stoff, der sehr intim, aber auch wiederum systemrelevant ist, es gibt das Innen und Außen des Systems, die Menschen im Privaten, die Menschen im Öffentlichen, und der Streit dazwischen. Sehr gelungen. Besonders eindrücklich die Inszenierung der Freundschaft/Liebe zwischen Mona und Georg, die nicht zustande gekommen ist, das Utopie, die Lücke im Text, die nicht geschlossen wurde.
--> 5+1 Stern(e)


Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: sehr stimmiger Nachvollzug der DDR Realität, plausibel, glaubwürdig und immersiv mitzuerleben, eine Erzählstimme, die ein Lebensgefühl in Worte zu fassen versteht
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) ja
●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja
●ein zweites Mal lesen? möglich
--> 5 Stern(e)


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Profile Image for Anna Carina.
716 reviews417 followers
August 27, 2026
Ich habe jetzt lange hin und her überlegt ob ich das Buch bewerte und etwas dazu schreibe.
Was werde ich Vergleiche mit Kairos von Jenny Erpenbeck lesen. Mich gruselt es jetzt schon. Denn die Texte können strukturell und in ihrer Eigenbewegung nicht unterschiedlicher gearbeitet sein. Kairos hat außer dem Stoff und Motiv rein gar nichts mit Selbstregulierung des Herzens zu tun.
Folgender Kommentar stellt eine Einordnung meiner Schwierigkeit mit dem Text dar.
Ich kann durchaus anerkennen, dass es aus einer gewissen Perspektive und Ebene betrachtet ein gelungenes Buch ist. Sprachlich würde ich es niemals unter 4 Sternen werten. Der Informationsgehalt ist hoch.
Ich als Person bin an dem Text gescheitert und würde als Leseerlebnis zu 2 Sternen tendieren. Mich blockiert solch ein Text. Ich kann darin nicht denken.
Aber, ich habe versucht mich als emotionales Problem aus der Rechnung herauszunehmen. Weiß nicht, ob es mir gelungen ist und ob klar wird, warum ich nur 3 Sterne gebe. Lest selbst:

Die Idee eines literarischen Formexperiments über Kybernetik hat mich im ersten Schritt begeistert. Mich freut es, dass so ein Buch auf der Longlist des deutschen Buchpreises landet.
Es stellte sich leider für mich schnell heraus, dass Peggy Mädler das Thema auf der Ebene des Verständnisses der damaligen Zeit verhandelt und die Kybernetik als Theoriegebäude, auf eine nahezu didaktische Weise verwendet.

„In der Sprache der Kybernetik, das hatte sie von Georg gelernt, ist die Krankheit eine Störung in den Regelsystemen des Körpers, mit denen er einen Zustand der Stabilität und Funktionalität herzustellen versucht. Der Tod bedeutete das Versagen dieser körpereigenen Regelsysteme und aller Versuche, sie durch medizinische Einwirkung zu unterstützen und aufrechtzuerhalten. Erst viel später kam Annelie der Gedanke, dass eine Krankheit auch eine Reaktion des Körpers auf eine gestörte, dysfunktionale Umwelt sein kann."

Ästhetisch geht das für mich nicht auf, da die Logik mit ihren Funktionen und Variablen sprachlich zu stark in die Kompositionsebene drängt. Es entsteht ein sehr gut geschriebener Roman mit Sachbuchcharakter, der seine Begriffe lediglich bestätigt, anstatt aus seinem eigenen Möglichkeitsraum etwas Neues, Eigenständiges zu erzeugen.

Dem Text fehlt es an Eigendynamik. Er liest sich für mich statisch, wie eine bloße Addition von Erkenntnissen und Ereignissen.
Die großen Zeitsprünge verstärken diesen additiven Effekt. Im Grunde ist das Buch viel zu kurz für den abgebildeten Zeitraum.
Zwar gibt es vereinzelte Intensitätsstellen, an denen das Werk aufreißt und lebendig wird, aber unterm Strich wirkt es wie ein Belegstück.
Das liegt unter anderem daran, dass Mädler die Erzählinstanz zu glatt, zu kontrolliert und aus einer zu großen Distanz sprechen lässt. Die Analogie ist zu perfekt konstruiert – ein lineares System, dessen Endzustand bereits feststeht und von dem die Figurenkonstellation kaum abweicht.

Dass Mona eine Option für Georg gewesen wäre, stand aufgrund der Komposition nie wirklich zur Debatte. Es ist höchstens ein‚ so Tun-als-ob, dieser Möglichkeitsraum bestanden hätte und hier eine Lücke gerissen wird. Ich kaufe das nicht ab.

Für mich ist das Buch deterministisch und linear angelegt. Es ist ein logisches Konstrukt, das vorgibt, ein emotionales Ereignis zu sein, aber viel zu stark im Bereich der Repräsentation verharrt. Damit verfehlt es mein Kunstverständnis. Und damit reißt man definitiv keine Lücken!
Profile Image for Buchdoktor.
2,520 reviews194 followers
February 14, 2026
Der alte Fritzsch war eine Art Vorhut gewesen. Als geprüfter Zimmermeister, der im Bauamt arbeitet, verfügte er über handwerkliches Talent und die nötigen Beziehungen zu Informationen und Bückware, um in den 1960ern in einer abgelegenen Gegen nördlich von Berlin ein Wochenendhäuschen zu bauen. Zu einer Zeit, als die DDR hauptsächlich kopfsteinpflastergrau bis uniformgrau wirkte und Baumaterial im Schwarzhandel beschafft werden musste, verbaute er massive Holztüren aus Abrisshäusern als Wände seiner Datscha. Auf Fritzschs Umzug aufs Land folgte in der Nähe ein Bauprojekt für 21 Lauben auf Pachtland (an wen solche Sahneschnittchen staatlich gelenkt vergeben wurden, wird man sich denken). Für ein weiteres Projekt werden ein paar junge Leute ihre Sparbücher leeren, um gemeinsam ein renovierungsbedürftiges Haus zu kaufen. Sie erhoffen für sich und ihre Familien mehr Platz als in einer Etagenwohnung und vermutlich ein alternatives, freieres Leben, das sich um die Nachbarin und Künstlerin Mona herum entwickelt.

Der Roman folgt in Zehnjahresschritten bis in die unmittelbare Gegenwart – beruflich und privat – u. a. Mona, dem Kybernetiker Georg, dem Grafiker und Fotografen Konrad, dem Plakatmaler Arno, der Puppenspielerin Elke, dem gelernten Schriftsetzer Konrad und der Kinderkrankenschwester Annelie. Sie sind noch während des Zweiten Weltkriegs geboren und mit den Kriegserzählungen ihrer Eltern aufgewachsen. In den ersten Jahren der DDR sind sie sich weder der Gewalt der Sprache, die noch in den Köpfen herrscht (wie Mona feststellt), noch der Gehirnwäsche durch sprachliche Euphemismen bewusst. Angesichts von Wohnungsmangel und Versorgungsmängeln jener Zeit wundert der Rückzug sehr junger Paare ins Private nicht. Man heiratet, um eine Wohnung zugewiesen zu bekommen und bekommt Kinder, um das Einrichtungsdarlehen abzukindern.

Der Focus liegt zunächst auf Georg, der als Kybernetiker zur Zeit der Lochkartensysteme mit Rechenleistung alle Probleme anpacken will, die die wirtschaftliche Entwicklung der Republik blockieren: Logistik und Materialflüsse in der Produktion, sowie Entwicklung von Artikeln, die die Menschen kaufen würden, wenn sie denn in die Geschäfte gelangen und nicht schon vorher fortgeschafft würden, um dafür einzutauschen, was man braucht. Was niemand auszusprechen wagt: Würde die Produktion von Konsumgütern optimiert, könnte die Flucht von Fachkräften in den Westen verlangsamt werden. Georg wird allerdings offiziell mitgeteilt, dass es in einer sozialistischen Planwirtschaft keine selbstlernenden Systeme geben kann, wie er sie entwickeln will. Die Versorgung mit Konsumgütern könne nur ein Zentralkomitee planen.

Während sich bei mir als Leserin das ungute Gefühl aufbaut, dass es sich hier gerade ein Staat mit seinen zuverlässigsten Arbeitskräften verdirbt (die vor ihrem aktuellen Beruf in der Produktion gearbeitet/Militärdienst geleistet haben) werden im unzugänglichen Wald hinter den Häusern ein Militärgelände samt Bunker und ein internationales Ferienlager für Studenten aus dem Ausland angelegt. Die Herausforderung für das alternative Wohnprojekt wird daher nicht im Gruppenprozess liegen, sondern in der zukünftigen Bespitzelung durch staatliche Stellen.

Peggy Mädler zeigt mit den fein ausgearbeiteten Lebensläufen und Partnerschaften ihrer Figuren präzise, wie stark Berufe prägen. In dieser Ausführlichkeit würde ich über Menschen im Beruf gern auch von anderen Autoren lesen. Wie jeder Ansatz, Synergien zwischen verschiedenen Berufsfeldern oder Gesellschaftsschichten für das „Gemeinwohl“ zu nutzen, durch staatliche Bespitzelung und Bedrohung unterlaufen wird, zeigt die Autorin mit einer Fülle von Alltagsdetails, die sie bei Zeitzeugen recherchiert hat.

Fazit
Aus eigenem Erleben von DDR-Datschen finde ich „Selbstregulierung des Herzens“ exzellent recherchiert und empfehle es besonders wegen des Einblicks in die Berufswelt vor und nach der Wende.
Profile Image for Anuschka.
26 reviews1 follower
June 21, 2026
„Die Zeit war nicht nur ein Anfang, sondern auch ein Ende, und wie sollte man ein Ende betrauern, das kein Mensch ernsthaft betrauern kann?“

Mochte das Buch beim Lesen immer lieber, die Figuren sind mir ans Herz gewachsen und ich fand sie sehr authentisch. Vor allem die letzten 100 Seiten um die Wendezeit und danach haben mich berührt und werden bestimmt noch nachhängen. Die Autorin hat die Zwischentöne, Ambivalenzen und Komplexitäten so gut eingefangen, ich bin ganz begeistert
Profile Image for WildesKopfkino .
1,254 reviews11 followers
February 17, 2026
Zwischen leiser Melancholie und vorsichtiger Hoffnung entfaltet sich eine Geschichte, die lange nachhallt. Die Figuren wirken nicht wie literarische Konstruktionen, sondern wie Menschen aus Fleisch und Erinnerung, deren Sehnsucht nach Nähe in einer misstrauischen Welt besonders verletzlich erscheint. Gerade diese stille Intensität hat mich tief berührt.

Das Panorama aus DDR-Vergangenheit und Aufbruch in ein neues Deutschland wird mit feinem Gespür für Zwischentöne erzählt. Beziehungen verschieben sich, Ideale bröckeln, und doch glimmt immer wieder ein zarter Funke von Verbundenheit auf. Besonders eindrucksvoll ist, wie unspektakulär große Gefühle sichtbar werden – in Blicken, Gesprächen, kleinen Entscheidungen.

Spürbar bleibt die Frage, wie viel Vertrauen ein Mensch wagen kann, wenn Sicherheiten verschwinden. Die Sprache trägt dabei eine ruhige Schönheit, die weder beschönigt noch verurteilt, sondern aufmerksam begleitet. Genau diese Sanftheit macht den Roman so eindringlich.

Ein stilles, kluges Buch über Verlust, Mut und die zerbrechliche Kraft von Freundschaft. Keine laute Lektüre, sondern eine, die sich behutsam ins Herz legt und dort lange weiterarbeitet.
44 reviews1 follower
August 18, 2026
Longlist-Lesen #3: Welch eine kongeniale Ergänzung zu Sanditz, welches ich unmittelbar zuvor gelesen habe. Abstrakt das gleiche Setting: Ostdeutschland zu DDR-Zeiten und nach der Wende bzw. heute, aus der Sicht verschiedener miteinander verknüpfter Protagonisten, nicht chronologisch. In diesem Buch von Peggy Mädler, was mir persönlich einen Tick besser gefallen hat als Sanditz, kommt der Leser sehr nah in die Gedankenwelt der verschiedenen Erzählenden hinein. Für mich - im Westen in den 70/80ern aufgewachsen- am Interessantesten waren die Schilderungen der Arbeitswelt der DDR und die von den verschiedenen Personen vertretenen Hoffnungen und Zweifel am System des “Arbeiter- und Bauernstaats”. Dieses Buch wird sicher länger in mir nachhallen als Sanditz, wobei Sanditz deutlich lesefreundlicher war. Fazit: Wer sich eher (intelligent) unterhalten lassen will, der greife zu Sanditz (vergleichbar Juli Zeh, Unter Leuten); wer tiefer in die Gedanken- und Gefuehlswelt einsteigen will und auch von ökonomischen bzw. technischen Exkursen nicht abgeschreckt ist, der ist mit “Selbstregulierung des Herzens” bestens bedient. Klare Leseempfehlung.
Profile Image for Jani Flow.
75 reviews5 followers
May 13, 2026
So wunderbar reflektiert und ins feinste Detail einfühlsam dargestellt! Peggy Mädler berichtet über Biografien und Umstände in den deutschen Geschichte und zeigt dabei verschiedene Perspektiven auf. Ich liebe dieses Buch.
Profile Image for Agnieszka Hofmann.
Author 24 books58 followers
Did Not Finish
August 24, 2026
Nuudy.
Może i to się w końcu rozkręci, ale pierwsze 70 stron to naprawdę męka. Nie sądziłam, że ktoś się odważy pisać o ekonomii politycznej socjalizmu, i to w taki afirmacyjny, przyzwalający sposób, jeszcze wplatając w to drugi bełkotliwo-niezrozumiały wątek: cybernetykę. Niby są jacyś bohaterowie, jakaś miłość, jakieś związki damsko-męskie, ale - ludzie, oni naprawdę wierzą w gospodarkę planową! Jakbym oglądała „Dziennik telewizyjny“ w latach siedemdziesiątych.
Profile Image for Ena.
242 reviews
September 13, 2026
aufgerundet von 3 Sternen
Den Anfang fand ich super spannend und der zog mich voll rein, dann wurde es in der Mitte weniger, und gegen Schluß fand ich es eine ziemlich herkömmliche Geschichte.
Die Informationen und Anekdoten finde ich klasse und sicher auch zutreffend, habe aber doch das Gefühl gehabt, die Figuren und der Roman sind sehr darum herum konstruiert, sodaß sie für mich weniger lebten und eher ihren Zweck erfüllten. Schade.
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