»Nett zu sein, war mein erster Traum, lange bevor ich wusste, dass man genauso gut Rockstar sein kann.«
»Hummelhirn« ist die Geschichte einer Anpassung – inklusive herzzerreißender und hochkomischer Fehlversuche. Mit Zartheit, Klarheit und Talent fürs Tragikomische blickt Judith Holofernes auf ihre Kindheit zurück. Sie erzählt von ihrer Ausbildung zum People Pleaser, der nonkonformistischen und doch so netten Mutter, von Liebeswirren, ersten eigenen Songs, einem launischen Körper unter Dauerbeobachtung – und davon, wie es ihr schließlich gelingt, die eigene Hummeligkeit ins Erwachsenenleben hinüberzuretten.
Bevor sie mit Wir sind Helden Furore macht, ist Judith Holofernes ein komisches Kind. Eine Träumerin, die sich wie eine betrunkene Hummel durch die Welt bewegt. Was später als Neurodiversität bezeichnet wird, fällt im Berlin der wilden 1970er nicht weiter auf.
Erst als die lesbische Mutter ins beschauliche Freiburg zieht, beginnt Judith, spektakulär anzuecken. Dabei möchte sie so gerne alles richtig machen. Also versucht sie den Ob das geht, nett sein und besonders? Es geht. Auch wenn sie dafür einen hohen Preis Judith Holofernes wird der netteste Rockstar der Welt.
Judith Holfelder-Roy known by her stage name Judith Holofernes, is a German singer, guitarist, songwriter and author.
She was the lead singer of Wir sind Helden, the German pop rock band that released the song "Guten Tag" in 2002. The band received critical acclaim owing in part to Holofernes' lyrics, which are characterized by their playful use of words and use of social criticism.
After recording four albums that were chart successes in the German-speaking world, Wir sind Helden went on indefinite hiatus in 2012. Since then, Holofernes has recorded two solo albums (Ein leichtes Schwert, 2014; Ich bin das Chaos, 2017) and has also had a book of poems published (Du bellst vor dem falschen Baum, 2015).
Der netteste Rockstar der Welt: das war etwas, was Judith Holofernes eigentlich nie sein wollte. Nett bedeutet, dass man dem Bild entspricht, das andere Menschen von einem haben. Aber entspricht es auch dem Bild, das man selbst von sich hat?
In ihrer Biografie gibt es viele Beispiele davon, was nett oder nicht nett ist. Diese Auflistungen lassen erahnen, wie eng das Korsett war, in das sie sich gezwängt hat. Als Judith mit ihrer Mutter von Berlin nach Freiburg zog, fiel auf, dass sie anders ist. Ob in kleinen Alltagsdingen, in der Schule oder im Umgang mit anderen fällt es ihr schwer, sich zu integrieren. Für diese Schwierigkeiten hat niemand Verständnis, vielmehr erwartet man von ihr, dass sie sich anpasst.
Judith Holfernes erzählt von ihrer Kindheit und Jugend mit Leichtigkeit. Aber sie erzählt auch so, dass man spüren kann, was sich dahinter verbirgt. Wie musste es sein, sich ständig zu hinterfragen und dabei immer festzustellen, dass man die eigene Erwartung nicht erfüllt? Der Stress ist groß und irgendwann macht der Körper auch nicht mehr mit. Aber auch da überlegt niemand, woher dieses scheinbare Versagen kommt, sondern erwartet, dass sich Judith zusammenreißt.
Mir gefällt der Vergleich mit der betrunkenen Hummel, der im Buch gemacht wird. Hummeln wirken flauschig und taumeln durchs Leben, genauso hat Judith auf mich gewirkt. Sie bewegt sich nicht auf dem geraden Weg durch ihr Leben, aber das fällt nicht auf, solange jeder das nette Mädchen, die nette Frau mag, die sie geworden ist. Wie es in ihr drin, in ihrem kleinen Hummelhirn und auch in ihrem Herzen aussieht, das weiß nur sie selbst.
Der Spagat zwischen Künstlerin und Mutter gelingt ihr scheinbar perfekt, trotzdem plagen sie auch hier die Zweifel aus der Kindheit. Aber Judith lernt auch, weniger nett zu sein und sich auf sich selbst zu besinnen. Und sie macht sich auf die Suche nach dem, was hinter ihrem Hummelhirn steckt. Nicht, weil es dem Kind von damals helfen kann. Sondern weil es der Frau von heute die Antwort auf eine Frage gibt, die sie lange nicht gewagt hat. sich zu stellen.
Ich kenne leider nur die Lieder der Band, nicht die der Solokünstlerin. Aber ich freue mich, dass ich jetzt auch die Frau hinter der Musik kennenlernen durfte.
Ich fand es nicht ganz so interessant und einnehmend wie "Die Träume anderer Leute", aber ich hatte trotzdem viel Freude mit dem Buch. Und ich mag Judith Holofernes einfach richtig gerne.
In ihrem zweiten Buch widmet sich Judith Holofernes, bekannt als ehemalige Sängerin und Songtexterin von Wir sind Helden sowie als Solokünsterlin und Podcasterin, ihrer Kindheit und Jugend in Berlin und Freiburg im Breisgau. Dabei schreibt sie nicht einfach eine lahme Künstlerinnen-Autobiografie zusammen, sondern legt ein Augenmerk auf ihre besondere, nicht durchschnittliche Art das Leben zu deuten und durch selbiges zu gehen. Dass hier ein neurodivergentes Mädchen ihren Weg erst noch finden muss, ist hintergründig immer Thema, wenngleich die Autorin dies ihrer Leserschaft nicht auf die Nase bindet. Denn vordergründig wird von einem kleinen Mädchen gesellschaftlich verlangt „klug, bescheiden und nett“ zu sein.
So geht es in ihrer ganz persönlichen Geschichte, die die Autorin halb-chronologisch aus ihrer Kindheit in den 1970ern bis in die frühen 2000er durch Zeitsprünge und Blitzlichter in spätere Erwachsenenjahre erzählt, eigentlich um „das Nettsein“ und welche Anstrengungen damit verbunden sind, wenn man eigentlich Ummeln im Hintern, im Hirn und im Herzen hat. Dass diese Judith ihr aus heutiger Sicht fragwürdiges Ziel erreichen und die wohl netteste Person im deutschen Showbiz sein wird, wissen wir aus ihrem vorherigen Buch „Die Träume anderer Leute“. Und wir wissen aus diesem Buch auch, zu welchem Preis sie dieses Ziel erreicht. In „Hummelhirn“ geht es aber um die Voraussetzungen, um die Momente im Leben, die prägen und die die Idee einpflanzen, auf eigene Kosten und unter allen Umständen „nett“ sein zu wollen und zu müssen.
Die Autorin geht dabei mit ihrer Diagnose, die sie erst mit 46 Jahren erhalten wird, nicht hausieren. Hier durchbricht sie sogar ganz wunderbar die Vierte Wand und lässt ihren Lektor zu Wort kommen, der von ihr wünscht, die Diagnose ins Buch zu schreiben. Holofernes will aber ein Buch „für alle komischen Kinder“ schreiben und deshalb nicht die Diagnose benennen, die für einigermaßen Kundige natürlich schon vollkommen klar ist. Das macht die Autorin so unglaublich authentisch und , ja, auch sympathisch. Denn ihre Erfahrungen, mit gewissen Abwandlungen, sind auf andere Neurodivergenzen übertragbar. Selbst ihre Reaktion auf die Diagnose ist universell.
Allein die vielen juvenilen Tagebucheinträge im letzten Drittel des Buches haben mich etwas verwundert und zunächst auch in ihrer Menge etwas genervt. Zunächst hatte ich den Eindruck, diese würden nun aber wirklich zu sehr die Oberhand gewinnen, aber zum Ende hin wird klar: die Autorin möchte zeigen, dass sie nicht nur ein Hummelhirn sondern auch ein Hummelherz hat. Und um dies zu zeigen und nicht nur zu erzählen, nutzt die Autorin hier ihre alten Tagebuchaufzeichnungen. Fair enough.
Es scheint klar: Viele Helden-Fans werden dieses Buch kaufen und lesen. Aber genauso klar sollte sein: Es ist die Geschichte eines neurodivergenten Mädchens, welche darüber hinaus ganz viele Menschen interessieren könnte und sollte, da sie so universell verdeutlicht, wie es ist, wenn man nicht so ist wie die Mehrzahl der anderen. Deshalb empfehle ich auch ganz grundsätzlich die Lektüre dieses wunderbaren Buches, welches nicht nur sehr gut geschrieben ist, sondern auch wieder wirklich schön von Carolina Rodriguez Fuenmayor illustratorisch in Szene gesetzt wurde.
4,5/5 Sterne
Disclaimer für alle, die noch nichts mit „Neurodivergenz“ und „Neurodiversität“ anfangen können:
Unter Neurodivergenz werden unter einem Schirm Menschen mit verschiedenen, meist angeborenen, neurologischen Besonderheiten wie ADHS und Autismus (aber auch viele andere) zusammengefasst. Neurodiversität beschreibt das verschiedenartige Vorkommen dieser Neurodivergenzen und neurotypischen (durchschnittlich-mehrheitlichen, neurologisch „unauffälligen“) Menschen innerhalb einer Menschengruppe = diese Gruppe ist dann divers. Ein einzelner Mensch kann neurodivergent sein. Hier sollte der Verlag noch einmal auf den Klappentext schauen, da die Begriffe synonym verwendet werden, was sie nicht sind!
Da mir „Die Träume anderer Leute“ wahnsinnig gut gefallen hat, war meine Freude über Judith Holofernes’ neues Buch dementsprechend groß.
„Hummelhirn“ ist gewohnt charmant, spritzig und wortgewandt geschrieben und das Hörbuch ist absolut grandios von Nora Tschirner eingesprochen. Da ich aber nicht ganz so nett bin wie Judith Holofernes, muss ich leider sagen, dass ich mich im zweiten Teil streckenweise etwas gelangweilt habe. Wenn ich Tagebucheinträge über die Schwärmereien eines Teenager-Mädchens lesen möchte, gehe ich in den Keller und krame nach meinen eigenen uralten Tagebüchern.
Auch wenn mich dieses Prequel nicht ganz so sehr begeistert hat, würde ich mich über ein weiteres Buch von Judith Holofernes definitiv wieder sehr freuen.
Vielleicht das erste Mal, dass ich ein Buch gelesen habe und das Gefühl erleben durfte, verstanden zu werden.
Judith Holofernes bringt spezifische Gefühle, Gedanken und Erlebnisse so einzigartig zu Papier, dass mensch für knapp 300 Seiten unter ihre Haut fahren darf. Oder es sich zumindest einbilden wird.
Mensch hat fast das Gefühl weniger allein zu sein.
Ich liebe ihr erstes Buch. Als Fan der Band und der Person bot es einen tiefen Einblick in ihre Seele und war dabei unverschämt unterhaltsam. Auch dieses Buch bietet tiefe Einblicke und schlägt Brücken aus Kindheit in die Gegenwart, aber an einigen Stellen verlor es mich leider. Wer Judith mag und ihre alternative Kindheit kennenlernen möchte, darf ohne Bedenken zugreifen. Alle anderen von mir aus auch, denn es ist trotzdem ein schönes Buch...nur eben nicht so gut, wie ihr erstes :)