In Frank Goosens neuem Roman reisen wir durch die Lebensgeschichten von drei unkonventionellen Frauen und kehren dabei immer wieder an den Kneipentresen zurück, an dem sich die Schicksale kreuzen. Gewohnt urkomisch beschreibt der Autor ein langsam verschwindendes Biotop und erzählt voller Wärme eine große Geschichte.
Die legendäre Kneipe Haus Himmelreich, eine der letzten ihrer Art im ganzen Ruhrgebiet, soll schließen – ein Jammer! Das nimmt der Erzähler zum Anlass, die finalen Stunden in der Kneipe zu Bei seiner Recherche für einen Artikel begegnet er vielen skurrilen Stammgästen, die so einiges zu erzählen haben.
Aber der wahre Geist der Kneipe ist die Wirtin Rita Urbaniak, die den ganzen Abend über gar nicht persönlich auftaucht und doch gehörig von sich reden Sie betreibt das Haus Himmelreich schon seit den 1970ern, auch wenn sie eigentlich mal was ganz anderes machen wollte. Außerdem hat sie die Tochter ihrer Schwester Chris, die sich irgendwann in die weite Welt verabschiedet hat, aufgezogen. Aber wo bleibt Rita überhaupt? Sie darf doch das Finale nicht verpassen!
Ich glaube, am meisten hat mich begeistert, wie vorbehaltlos und warmherzig Frank Goosen Menschen begegnet, ungeachtet von Bildung und gesellschaftlichem Status. Er nimmt uns mit in die „soziale Institution“ einer legendären Kneipe und erzählt von den ungewöhnlichen Schicksalen dreier Frauen. Ein humorvolles Buch, das uns in die Kneipen- und Musikkultur der 80er- und 90er-Jahre eintauchen lässt... macht einfach Spaß! Es war ein großes Vergnügen, der ungekürzten Autorenlesung zu folgen.
EIGENTLICH handelt "Lovely Rita" ja von den letzten beiden Öffnungstagen einer so richtig alten „Kneipe“… in den 70ern mal von Udo Jürgens besungen und nostalgisch verklärt, getreu der Textzeile „da wo das Leben noch lebenswert ist“. In Wahrheit aber das Buch noch so viel mehr: Zum Beispiel eine liebevolle Betrachtung des Menschentyps „Tresensitzer“. Gerne in Gruppen auftretend, sitzt er Abend um Abend in seiner Lieblingskneipe am Tresen, schwärmt heimlich für die Bedienung hinter der Theke, philosophiert über Gott und die Welt, konsumiert dabei das eine oder andere frisch gezapfte Bier und verzapft dabei gerne mal selbst Unsinn in mündlicher Form. Dann gibt es da noch die Frau Wirtin, die in diesem Fall Rita Urbaniak heißt, die die Kneipe in den 70ern per Erbschaft übernommen hat und eigentlich höchstens ein paar Monate selbst betreiben wollte … wobei daraus dann ein paar Jahrzehnte wurden und die endgültige Schließung dann doch aus Altersgründen notwendig wurde. Und es gibt den Ich-Erzähler, der – Journalist, Bochumer und Kneipengänger in Personalunion – den Auftrag bekommt, über diese nun endgültig schließende Kneipe einen Artikel zu schreiben. Investigativ begibt er sich also am vorletzten Tag ins „Haus Himmelreich“, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Nach der eingeforderten Thekenrunde geht es dann auch schon direkt los. Wir lernen „der Lange“, den Käpt’n und Willi Trommer kennen, die eigentlich mit der Theke verwachsen zu sein scheinen. Dieter ist ein ehemaliger Automatenaufsteller, längst in Rente. Gisela steht ebenfalls schon Jahrzehnte hinter der Theke und zapft mit Präzision und so schön, dass man von jeder Pilstulpe ein Bild schießen könnte. Es gibt Chris, die Schwester von Rita, die in den 70ern in die Freiheit aufbrechen wollte, dafür aber ihre Tochter bei Rita lassen musste. Es ist ein Mikrokosmos aus TYPEN, jeder für sich ein Unikat, jeder mit seiner Geschichte. Liebenswert in Szene gesetzt in einem Buch aus kurzen Kapiteln, die von Gott und der Welt handeln. Das ist auf jeder Seite wunderbar leicht, manchmal kitschig, aber nie langweilig. Es ist eine Betrachtung von dem was war und dem wie es heute ist. Die Zeiten ändern sich, wir werden alle älter und die Distanz auf die wir zurückblicken können, jeden Tag länger. Selten ist diese Betrachtung so schön wie in diesem Buch. Ich wurde mal wieder außergewöhnlich gut unterhalten und vergebe sehr gerne die vollen fünf von fünf Punkte.
Lovely Rita fühlt sich erst einmal ganz nach Frank Goosen an: warmherzig, humorvoll, liebevoll beobachtet. Die Idee, eine legendäre Ruhrpott-Kneipe in ihren letzten Stunden noch einmal aufleben zu lassen, hat Charme – und ja, dieser ganz eigene Ton zwischen Melancholie und Witz ist sofort da. Man riecht fast das Bier, hört das Klirren der Gläser und sieht die Gestalten vor sich, die seit Jahrzehnten am selben Tresen hängen.
Besonders spannend ist die Figur Rita Urbaniak selbst. Obwohl sie den ganzen Abend über gar nicht auftaucht, ist sie ständig präsent – in Geschichten, Erinnerungen und Anekdoten. Die Rückblicke in die Vergangenheit, vor allem die Lebenswege der Frauen, haben Tiefe und Herz und zeigen, wie viel ungelebtes Leben manchmal in scheinbar kleinen Biografien steckt.
Leider haben mich genau die Passagen, die in der Gegenwart am Kneipentresen spielen, deutlich weniger abgeholt. Vieles fühlte sich an wie typisches Thekengeschwätz – vielleicht authentisch, aber eben auch sehr vertraut. Möglicherweise liegt das daran, dass ich selbst lange gekellnert habe und diese Gespräche schon unzählige Male gehört habe. Was im echten Leben dazugehört, möchte ich nicht unbedingt noch einmal lesen.
Dadurch hatte ich öfter das Gefühl, dass dieses Buch auch als langer, sehr guter Zeitungsartikel funktioniert hätte. Die Stärke liegt klar in den Rückblicken, weniger im Hier und Jetzt der Kneipe.
Fazit: Lovely Rita ist ein warmes, liebevolles Buch über ein verschwindendes Stück Kultur – mit starken Momenten, aber auch spürbaren Längen. Für Goosen-Fans sicher lesenswert, auch wenn es für mich nicht an seine besten Werke heranreicht.
Lieben Dank an Kiepenheuer & Witsch für die Bereitstellung des Leseexemplars über Netgalley.
Frank Goosen erzählt in seinem neuen Buch eine wunderbare Geschichte. Ich erlebe die Menschen im „Haus Himmelreich“, höre sie reden und lachen und sehe sie weinen – und lache und weine mit ihnen.
Wie schön kann eine Geschichte erzählt werden? Frank Goosen: ja!