“Wild nach einem wilden Traum” ist ein komplexes, kluges Buch und dennoch nicht schwer zu verstehen. (Ich habe nur so lange dafür gebraucht, weil ich zwischendurch eher im englischen Modus war… insgesamt war es 1 lange Lese-Session im Januar und dann nochmal 1 im April)
Die verschiedenen Elemente bzw. Zeitlinien, zwischen denen die Geschichte wechselt, sind die Kindheit der Protagonistin in Ostdeutschland und eine Erfahrung mit einem älteren Soldaten, ihre Uni-Zeit, wo sie ihren Mann kennenlernte, die Zeit nach der Uni in in A., wo sie „den Katalanen“ kennenlernte, und die Gegenwart 20 Jahre später, in der sie zwei Kinder hat (eines davon fast erwachsen), ihre Ehe vor einem Ultimatum steht und sie sich an den Katalanen erinnert.
All diese Elemente werden miteinander durch die Erinnerungen und philosophischen Ausführungen der Protagonistin verknüpft.
Stil
- In Erinnerungsfetzen, Gedanken und alltäglichen Beschreibungen erzählt, dennoch nachvollziehbar und nicht chaotisch.
- Umgangssprachlich und zugleich poetisch, wie eine verklärte Erinnerung aus dem Tagebuch einer wortgewandten Freundin.
- Leicht zu lesen, oft stream-of-consciousness und traum-ähnlich, aber von Anfang an fesselnd.
- Besonders haben mich die englisch-deutschen Teile angesprochen (und es ist wirklich schwer, diese beiden Sprachen zu kombinieren, ohne dass es peinlich klingt), sogar ein englisch-deutsches Gedicht war dabei, und einige Vergleiche zwischen Wörtern und ihrer jeweiligen nuancierten Bedeutung, die sich schwer übersetzen lässt (eins meiner vielen special interests)
- Der Schreibstil hat mich leicht an Peter Stamm erinnert, aber etwas moderner.
Inhalt
- Eine gute Wahl für ein zur Abwechslung mal deutsches Buch, für das ich am Hamburg Hbf fast einen Zug verpasst hätte.
- Es geht um Liebe, Erinnerungen und Entscheidungen, aber auch um das Aufwachsen in der DDR, um das Schreiben und alles, was damit zusammenhängt, um Reisen und Alleinsein und die Ausdruckskraft einer Sprache. Um Muttersein und Älterwerden, um Sehnsuchtsorte und -personen, Einsamkeit in einer Ehe.
- Auch feministische Untertöne sind zu finden!
- Alle Figuren sind lebhaft beschrieben, auch wenn sie nur in einer kurzen Szene auftauchen.
- Ich habe die ersten beiden Bücher nicht gelesen, habe aber nicht das Gefühl, dieses Buch deshalb nicht verstehen zu können. Und es hat mich selbst zum Schreiben inspiriert – sogar auch mal wieder auf Deutsch. Also kann es nur gut sein.
- Der Titel hat mich sofort interessiert, aber ich hatte ihn zuerst anders interpretiert: dass die Protagonistin am Morgen nach einem wilden Traum ein wildes Gefühl bekommt. Durch die Meta-Ebene der Kombination zwischen Geschichte und Erzählakt stellt sich schließlich heraus, dass der Satz zu ihr gesagt wurde, in Bezug auf den Traum, Autorin zu werden, und dass man wild danach sein müsse, um es zu schaffen - und die Protagonistin sagt, das klinge wie ein Buchtitel.
- Alle Gefühle und Situationen und ihre Bedeutungen werden gründlich analysiert, mit einem reifen und zugleich kindlichen Blick, als würde die Erzählerin zum ersten Mal über die Welt nachdenken und alles in Frage stellen oder bewundern.
- Interessante Gedanken über verbotene Liebe und Besessenheit, die Menschheit, Moral und ihre Verletzung. Immer wieder tauchen Zweifel an die eigene Erinnerungskraft auf, während die Protagonistin ihre Geschichte erzählt. Z.B. wie Dinge wichtiger oder weniger wichtig werden, nur weil um sie herum Zeit vergangen ist. Manche Dinge verschwinden aus ihrem Gedächtnis und kehren dann wieder zurück, an manchen Stellen trügt sie die Erinnerung – auch wenn sie wünschte, es wäre so geschehen – und trotzdem können auch und gerade diese falschen Erinnerungen wichtig sein, weil sie unsere Persönlichkeit definieren, weil sie etwas über unseren Blick auf die Welt aussagen.
- Eine erfrischend schamlose Schilderung der verzweifelten Sucht nach einem anderen Menschen (inklusive allem, was dazugehört: Schwärmerei, Lust, Selbstaufgabe, Vermissen etc.)
- Tiefgehend und zugleich auf eine so leichtfüßige Weise erzählt
- 1 Mini-Kritikpunkt: Ich hätte gerne noch mehr über die Umstände erfahren, mehr Klarheit über die Situation mit dem Ehemann – aber ich denke, das ist letztendlich nicht der Sinn des Buches. Es geht um Gedanken, und als Leser*in bekommt man Gedanken. Ich habe aus diesem Buch mehr mitgenommen, als ich je erwartet hätte.
Lieblingszitate <3
Oft heißt es, man hätte die Wahl. Dass man in bestimmten Momenten des Lebens eine klare Entscheidung treffen könnte. So liest man es, so stelle ich mir das vor. Jemand steht an einer Weggabelung und fragt sich: Welcher ist wohl der richtige Pfad, der, der mich ans Ziel führt. Aber gibt es sowas tatsächlich? Und selbst wenn ich es mich gefragt hätte – um welches Ziel hätte es sich handeln können?
Ich glaube, ich habe in meinem Leben nie vor Kreuzungen gestanden und in aller Ruhe überlegt. Ich bin einfach weiter und weiter gegangen, vielleicht sogar gerast, wie ich auch in die Liebe gerast bin, und irgendwann, später, dreht man sich um und ist erstaunt.
Vielleicht passiert die Liebe, dieses Gefühl, wenn wir uns zu jemandem hingezogen fühlen, immer nur so: stellvertretend für etwas viel Früheres, Älteres, das uns verloren gegangen ist und das wir zurückerlangen wollen. Alle Liebe ist nur ein Ersatz-Haltegriff, habe ich irgendwo gelesen.
Man hat mir zu verstehen gegeben, dass es nicht gut sei, über Lebende zu sprechen. Über sie zu schreiben. Erst recht nicht über die Menschen, die man liebt. Man hinterlässt ein Feld der Zerstörung. Also, sage ich mir, schreibe ich über Menschen, die nicht mehr da sind. Auch wenn es sie noch gibt, irgendwo auf der Welt. Aber sie sind nicht anwesend, ich meine, nicht hier, in diesem Moment, und wahrscheinlich würde ich sie nicht einmal wiedererkennen, wenn ich sie auf der Straße träfe. Dennoch lebe ich mit ihnen. So lange schon bevölkern sie mein Gedächtnis, trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer Gespensterhaftigkeit.
Natürlich verhält es sich andersherum. Ich selbst bin es, die die Menschen schreibend in Gespenster verwandelt, sogar die, die mir am nächsten sind, mit denen ich eine Wohnung teile. Aber kann ich bedauern, was offenbar meine Absicht ist?
Später, Monate oder Jahre danach, wenn die Nüchternheit zurückgekehrt ist und man bestimmte Geschehnisse mit klarem und zugleich stumpfem Blick betrachtet, bezeichnet man es vielleicht als Irrtum. Man hat einen Fehler begangen, sagt man sich. Aber im Grunde weiß ich nicht, was das heißt. Ich weiß nicht, ob man sich wünschen soll, etwas hätte nicht stattgefunden. Wäre es so und die Dinge ließen sich rückgängig machen – was träte an die Stelle der somit ausgelöschten, nie geschehenen Ereignisse? Es ist mir immer kläglich, ja geradezu fahrlässig vorgekommen, etwas nicht zu tun. Der Anblick einer weißen Fläche ängstigt mich. Nein, denke ich dann, nichts daran war falsch: Die erinnerungswürdigsten Momente meines Lebens sind die, in denen ich in einem glücklichen Irrtum gelebt habe. Weshalb überhaupt unterscheiden zwischen echtem und trügerischem Glück, wenn doch beides dieselbe Empfindung auslöst?
Lange habe ich Zeit damit verschwendet, ergründen zu wollen, welche Teile diese Erinnerungen stimmen und welche sich im Laufe der Jahre angereichert, wie von selbst ergänzt haben. Aber nachdem ich die Geschichte wiedergelesen hatte, fragte ich es mich nicht mehr. Mit einem Mal gab es keinen Unterschied mehr zwischen Erinnerung und Erzählung. Mir war klar, dass beides eins war, verschmolzen, vollkommen.
Später, in Momenten der Erschöpfung, einer friedlichen Erschöpfung, wenn ich voller Zärtlichkeit und Zugewandtheit für meinen Mann gewesen bin, habe ich die Veranda in A. manchmal vor mir gesehen. Ab und zu passiert es noch immer. Dann sehe ich mich, alt und weißhaarig geworden, in einem Schaukelstuhl sitzen. Vor mir das Tal in der Dunkelheit, hochstehendes Gras. Mein Mann ist gestorben, aber meinem altgewordenen Ich scheint es, als wäre er nach einem rauschenden Fest, das wir beide gegeben haben, schon mal hinauf ins Schlafzimmer gegangen. Erledigt von den Anstrengungen der Feier, ist er vorausgegangen, um sich bettfertig zu machen, während ich noch ein Weilchen in dem Schaukelstuhl sitze und in die Dunkelheit lausche, die noch bis eben vom fröhlichen Lärm der Gäste erfüllt gewesen ist. Und dann höre ich mich sagen: Geh ruhig, Lieber, geh schon nach oben, ich komme gleich nach.
Dieses Bild ist für mich das Bild vollkommener Liebe.
Ich habe den Eindruck, ich kehre mit dieser Geschichte zu einem Punkt meines Lebens zurück, wie man in einem Album zu einer bestimmten Seite zurückblättert. Weil man sich da, auf diesem bestimmten Bild, besonders gut erkennt.
Die Geschichte von mir und dem Soldaten ist eine unauffällige Geschichte, aber die unauffälligsten Geschichten hatten immer die größte Auswirkung auf mein Leben. Ich habe später nur über solche Momente schreiben können: Momente, über die ich nichts notiert habe. Tage, Wochen, in denen ich so ratlos war, dass es mir nicht einmal gelingen wollte, ein Tagebuch zu führen – so wenig war mir bewusst, wie ich beschreiben sollte, was ich gerade tat, zu welchem Zweck ich gerade lebte. Immer zieht es mich dorthin, zu diesen Zeiten.
Heute frage ich mich, ob so eine Welt überhaupt denkbar ist. Wie wäre es wohl, wenn das Vermeiden von Verletzungen alleroberste Priorität im Leben hätte? Eine Welt, in der unser Verhalten nur diesem einen Ziel dient. Wichtig wäre nicht, ob wir selbst glücklich sind, nicht, ob wir unsere eigenen Träume und Ansprüche verwirklicht sehen, sondern nur das: unter keinen Umständen je einem anderen Menschen wehzutun. Ist so etwas denkbar? Ist es machbar? Und wenn ja, wären wir schwache, unzufriedene Wesen oder stark? Was würde überwiegen: das Wohlbefinden, weil wir Tag für Tag anderen Genüge tun, oder das bohrende, ärgerliche Gefühl, wir würden uns selbst ständig zurücknehmen? Bekäme man nicht Sehnsucht nach sich selbst?
Es scheint, Frauen werden von den immer gleichen Fragen umgetrieben: Wer liebt mich? Wen liebe ich? Früher fand ich das verachtenswert, inzwischen haben sich meine Ansichten ins Gegenteil verkehrt. An die Liebe zu denken, sich in sie zu verbeißen, das ganze Leben nach ihr auszurichten, sich von ihr zugrunde richten zu lassen – was sollte verachtenswert daran sein? Wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, das wichtig war. Mehr als alles andere hat die Liebe dazu geführt, dass ich mein Leben als eine Geschichte wahrnehme. Sie ordnet die einzelnen Episoden darin an, lässt es zu einer anschaulichen Landschaft werden.
Man darf nicht zu lange nachdenken über das Weggehen, man muss sich beeilen, weil sich die Zukunft sonst immer wieder entzieht, und dann stürzt man ihr ratlos hinterher.
Ich werde sterben ohne dich. Nie wieder im Leben wird ein Mann so etwas zu mir sagen. Alles war also schon geschehen, bevor überhaupt etwas begann.
Ich frage mich nicht, wie man etwas, was man zum letzten Mal sieht, am besten ansehen sollte. Wie man noch deutlicher, noch nachdrücklicher Abschied nehmen könnte. Ich muss es auch nicht. Ich bin mir sicher, nichts dort wird je verschwinden. Die Wohnblöcke, die Schule, die Kaufhalle oder das Trafohäuschen, der Spielplatz – all das wird ewig so bleiben, habe ich gedacht. Dass es auf mich warten wird für den Fall, dass ich eines Tages zurückkommen sollte (obwohl ich mir damals nicht vorstellen kann, diesen Wunsch jemals zu haben). Also habe ich flüchtig Abschied genommen. Wir alle haben es so gemacht. Ohne Zeremonie, ohne ein letztes Foto von dem, was wir im Begriff waren zu verlassen. Auf solch eine Idee wäre niemand von uns gekommen.
Solche Einsprüche, Angriffe, beschäftigen mich, und später im Hotel dachte ich lange darüber nach. Einerseits gab ich ihr recht. Man stabilisiert die Verhältnisse, wenn man sie schildert, wie sie sind. Andererseits lässt sich nur so Empörung hervorrufen – indem man die Welt in ihrer Unvollkommenheit, mit all ihren Ungerechtigkeiten beschreibt. Und führt Empörung nicht automatisch zu Veränderung?
Noch etwas zu diesen Schachteln: Es gibt Schachtelmenschen, und es gibt solche, die alles wegschmeißen. Möglichst schnell wollen sie allen Ballast loswerden. Beide Sorten Mensch können ein glückliches Leben führen, und beide sterben am Ende.
Was weiß ein Kind schon von der Liebe, dem Leben seiner Eltern, bevor es geboren wurde, diesem Vorzimmer zum eigenen Leben? Was sollte es wissen?
Es hat immer einen Grund, warum man sich erinnert. In der Hinsicht glaube ich nicht an Zufälle. Wenn ich ausgerechnet die Bruchstücke jenes Herbstes wieder heraufhole, dann deshalb, weil ich mich an einem ähnlichen Punkt sehe wie damals. Ich kehre zu einem Moment zurück, da etwas hinter mir lag und etwas anderes vor mir. Dasselbe angstvolle Zittern, mit dem einer der Hobbits zu Gandalf, dem Zauberer in "Herr der Ringe", sagt: Es ist so ruhig. Und Gandalf erwidert: Das ist das tiefe Luftholen vor dem Sprung. Er sagt es, um nicht etwas anderes sagen zu müssen, nämlich: Gleich, gleich beginnt der Schrecken, die Schlacht, und niemand weiß, wie sie ausgehen wird. Man muss hoffnungsvoll sein, und damals, auf der Fähre, war ich es. Das will ich damit sagen.
Er wusste, dass man beim Schreiben ganz bei sich ist und dass, wer ganz bei sich sein darf, nie mehr ganz bei den anderen ist. Die anderen: er. Und hatte er nicht recht? Seither habe ich viel mehr Stunden mit anderen Menschen, anderen Männern am Schreibtisch verbracht als mit ihm im Bett.
Ich wollte mich herausreißen aus der Besessenheit, mit der ich an den Katalanen dachte. Aus dieser verzweifelten Ratlosigkeit, die zugleich ein Zustand der Ekstase war.
Über solche Dinge denke ich nach, und dann kommt mir jedes Mal wieder in den Sinn: Wir wissen nicht, was wir für jemand anderen in einem bestimmten Moment seines Lebens sind. Der Soldat, der Katalane, all die anderen... Nicht mal bei meinem Mann kann ich mit Sicherheit sagen, wobei wir uns gegenseitig geholfen oder wovor wir einander gerettet haben oder es immer noch tun.
Es geht nicht um Verrat, nie. Man will etwas haben, das einem ganz allein gehört. Und zugleich will man sein Leben mit jemandem teilen. Wie es aussieht, wollen manche Menschen alles. So verrückt ist das.