REZENSION – Ein bemerkenswerter literarischer Zufallsfund ist den beiden Herausgebern Rudolf Fietz, einst wissenschaftlicher Bibliothekar der Landesbibliothek Oldenburg, und Gisela Niemöllerzu verdanken: Aus hunderten unsortierten Blätter in einem alten Koffer, der aus dem Nachlass des Kunsthistorikers Gert Schiff im Jahr 2015 in die Landesbibliothek Oldenburg kam, formten sie die nach Möglichkeit letzte und beste Version des Romans „Im Zeichen der Spinne“, des einzigen Romans der Bühnenbildnerin Dorothea „Mopsa“ Sternheim (1905 bis 1954), Tochter des Schriftstellerpaares Carl und Thea Sternheim. Trotz der 20-jährigen Arbeit an ihrem autobiografisch geprägten Werk – immer wieder unterbrochen, auch zwangsweise durch ihre Haft im Konzentrationslager – war es der Autorin bis zu ihrem frühen Tod nicht gelungen, „Im Zeichen der Spinne“ abzuschließen. Ein zeitnaher Versuch ihres Nachlassverwalters Schiff, den zeitgenössischen Roman Ende der 1950er Jahre als Buch zu veröffentlichen, wurde damals vom Verlag wegen des zu erwartenden finanziellen Misserfolgs abgelehnt. „Mit Geschichten von Gestapo-Folter und KZ-Haft will das Publikum in dieser Zeit nicht behelligt werden“, schreibt Herausgeber Rudolf Fietz in seinem Nachwort. „Die noch junge Bundesrepublik ist mit Verdrängen und Vergessen der belastenden NS-Geschichte beschäftigt.“ Sternheims Manuskript blieb unveröffentlicht und wurden vergessen. Erst 70 Jahre später, nach dem überraschenden Kofferfund und zehnjähriger Forschungsarbeit der Herausgeber, konnte der Roman nun endlich im Oktober 2025 beim Wallstein Verlag erscheinen.
Zum besseren Verständnis des letztlich doch fragmentarisch gebliebenen Werks wäre es günstiger gewesen, das kommentierende Nachwort als Vorspann zu bringen, da das Wissen um die ungewöhnliche Biografie der Autorin die Lektüre ihres Romans wesentlich erleichtert. Dorothea „Mopsa“ Sternheim wurde 1905 außerehelich als Tochter aus einer Liebesbeziehung ihrer damals noch mit Arthur Löwenstein verheirateten Mutter Thea mit dem Dramatiker Carl Sternheim geboren. Erst mit der Heirat ihrer Eltern (1907) erhielt sie den Namen Sternheim. Carl Sternheim wurde später seiner Tochter gegenüber „sexuell übergriffig, zugleich künstlerisch anregend“, wie es im Nachwort heißt, weshalb Mopsa ihrem Elternhaus frühzeitig entflieht, während Thea Sternheim eine „literarisch und religiös prägende Mutter“ war. Mopsa verliebt sich unglücklich in den fast 20 Jahre älteren Dichter und Arzt Gottfried Benn, der sie bald fallen lässt, weshalb sie 1926 einen Suizidversuch unternimmt. Später als Bühnenbildnerin ist sie mit Klaus und Erika Mann sowie Pamela Wedekind befreundet. Nach der Machtübernahme der Nazis flieht sie 1933 als 28-Jährige ins Exil nach Paris und schließt sich bald dem Widerstand an. 1943 wird sie in Paris von der Gestapo verhaftet und kommt in KZ-Haft. Im Alter von nur 49 Jahren stirbt sie in Paris an einem Krebsleiden.
In ihrem stark autobiografisch geprägten Roman erzählt Mopsa Sternheim die Geschichte von Vivan und deren Geliebten Michael, wie sie selbst ein junger Künstler auf der Suche nach seinem Platz in der Welt, vom Bemühen um künstlerische Selbstverwirklichung und vom harten Alltagskampf in einer sich dramatisch verändernden Zeit. Doch statt zur Verarbeitung ihrer eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken nur eine Protagonistin als Alter Ego zu nutzen, geht die Autorin einen literarisch interessanteren Weg: „Die Figuren des Romans sind weniger Individuen als Ideenträger der zentralen, kontrastierenden Themen, die Mopsa Sternheim ihr Leben lang beschäftigen“, heißt es im Nachwort. „Als Schriftstellerin verteilt sie diese auf unterschiedliche Figuren im Roman und konzentriert sie als innere Widersprüche in einer einzigen Figur.“
Immer wieder wird der ohnehin gelegentlich sprunghafte, zwischen den Protagonisten wechselnde Handlungsfaden zusätzlich durch Einschübe unterbrochen, in denen Sternheim die sie beschäftigenden gesellschaftstheoretischen und moralphilosophischen Fragen zu klären versucht. Gerade diese Zwischentexte, aber auch Form und Sprache machen Sternheims „Im Zeichen der Spinne“ – Symbol für die Gefangenschaft im Spinnennetz des Hakenkreuzes – insgesamt zu einem intellektuell anspruchsvolleren, deshalb nicht leicht zu lesenden Roman.
Trotz seiner 70 Jahre zurückliegenden Entstehungsgeschichte ist der Roman noch heute stellenweise politisch und gesellschaftlich erschreckend aktuell, wenn Sternheim die damalige Gleichgültigkeit der Franzosen gegenüber Nazi-Deutschland und die Einstellung der Franzosen zu den Exilanten beschreibt: „Sollte man das heimatlose Gesindel aufnehmen, an dem nichts zu verdienen war … wo schon für die eigenen Leute das Leben täglich schwerer wurde und Arbeit seltener! Gastfreundschaft ist recht … wenn sie etwas einbringt!“ Auch die Warnung der Exilanten vor der deutschen Aufrüstung „fiel auf taube Ohren: Geschmacklos fand man die Flüchtlinge, die vor dem eigenen Land warnten. … Hatten die Deutschen ihre Juden satt, mochten sie sie in Gottes Namen jagen, wohin sie wollten – bloß nicht ins eigene Land!“