Verbrenn all meine Briefe,
der neuerschiene Roman von Alex Schulman, hat mich mitgerissen - hinein in einen Lesesog von großer Kraft! Gleich die Anfangsszene hat es in sich, der Protagonist rastet aus, im Streit mit seiner Frau schmeißt er voller Wut die heiße Pfanne samt Inhalt an die Küchenwand und sieht die Angst in den Augen seiner Frau aufblitzen. Und wo Angst ist, hat Liebe keinen Platz, das wird ihm klar. Eine spannende Ausgangslage, welche Frau kennt sie nicht - die Angst vor männlicher Aggression und Gewalt?
Der Autor erschrickt in diesem Moment selbst und beginnt zu reflektieren. Auch seine Töchter vermeiden bestimmte Situationen, um ihn nicht zu reizen, zum Beispiel, dass er am Eisstand warten muss.
Schulman spürt, dass er nicht so weitermachen kann, dass seine Familie sonst an seinen Aggressionen zerbricht und so begibt er sich auf Spurensuche, sozusagen auf die Jagd nach seiner Wut.
Schulmans Recherchen gehen zurück bis zu seinem Großvater Sven Stolpe einem berühmten schwedischen Autor, den er als unberechenbare Urgewalt der Wut bezeichnet. Dessen Jähzorn, Gebrüll, Misshandlungen und Demütigungen das Leben seiner Frau und der vier Kinder zerstörte und sich weiter vererbte. Und so findet er heraus, dass der Sommer 1932 ein Geheimnis birgt, an dem alles Dunkle seinen Anfang nimmt ... #nospoiler
Schulmans Text ist aber kein Bericht über seine Familie, sondern ein literarisch verdichteter Roman, der wunderbar vor Augen führt, wie sich patriarchale Strukturen in der Gesellschaft durch Narzissmus und männliche Gewaltherrschaft reproduzieren. Das Schicksal, das Stolpes Ehefrau, Schulmans Oma Karin, ihr Leben lang erleiden musste, ist so grausam, dass es mich jetzt noch aufwühlt und wütend macht und auch der zaghafte Versuch des Autors am Ende das gewalttätige Verhalten des Großvaters zu erklären, verpufft.
Ein wichtiger, lesenswerter Text, spannend und intensiv bis zur letzten Seite!
#namethetranslator Aus dem Schwedischen von Hanna Granz