Eva von Redecker legt eine neue Analyse des Faschismus vor, die unserer Gegenwart gewachsen ist.
Es geht ein Rechtsruck um die Welt, überall gewinnen autoritäre Kräfte an Macht und Einfluss. Und doch laufen die ewig bemühten Analogien zur Zeit des Nationalsozialismus ins Der Faschismus der Gegenwart hat eine neue Gestalt, die nicht leicht zu erkennen und noch schwerer zu erklären ist. In Redeckers wegweisender Analyse gewinnt sein diffuses Wesen an Kontur – und wird angreifbar. Seinen Kern verortet sie in der Beschwörung eines unbedingten Besitzanspruchs, dessen Verteidigung über Leichen geht. Ein erhellendes und widerständiges Buch, das Verbundenheit gegen die um sich greifende Härte unserer Zeit stellt und Denkfreude verströmt.
das beste, was es zum thema auf deutsch zu lesen gibt (neben toscanos spätfaschismus)
kann als umfassende und tiefgreifende erweiterung der these von web du bois gelesen werden, dass faschismus die „konterrevolution des eigentums“ sei, wobei redecker über den begriff des „phantombesitz“ die vom eigentum geprägte form von rassismus, antisemitismus, nationalismus, sexismus… (als objekt und abjekt) und die „konterrevolution“ in ihrem gegenwärtigen, digital-neoliberal-gleichzeitigem charakter in den blick nimmt.
zentrale these: faschismus ist „liquidierender phantombesitz“
überblick
1. (s. 1-71) begriff des faschismus, mit fokus auf zeitlichkeit
2. (s. 72-111) faschismus als kind des kapitalismus (fokus auf eigentumsordnung); neoliberaler charakter des gegenwärtigen faschismus
3. (s. 112-169) drei „bruchstellen“ des liberalismus: rechte als phantombesitz; bürokratisierung und anonyme herrschaft; ki-kritik(fokus auf zerstörung von sprache)
4. 170-210 zur sozialpsychologie des faschismus (mE theoretisch am spannendsten): ein kapitel zu pathischer projektion und höhnischer mimesis (aufbauend auf der dialektik der aufklärung) und ein kapitel zur „lustideologie“ faschistischer charaktere (aufbauend auf young-bruehl).
5. 210-241 zu faschismus unter bedingungen der klimakatastrophe (auch sehr gut: fossile infrastruktur als „liquidierendung von regenerationsarbeit“, 225 oder:
„den neuen gegenwärtigen faschismus jedoch zeichnet aus, dass er nie ganz enden wird. denn er schreibt sich auch in die erdgeschichte ein“, 227)
6. kurzer schluss mit drei konsequenzen für antifaschismus:
- öffentlicher luxus statt privateigentum; - keine kompromisse mit pathischen projektionen; - am sinn festhalten/sich nicht zynisch machen lassen
In ihrem neuen Buch widmet sich Eva von Redecker dem Faschismus. Sie definiert ihn als 'liquidierende Phantombesitzverteidigung', also Schutz des Phantombesitzes (kein echtes Eigentum) und Auslöschung derjenigen, die als Feindbild markiert werden/ den Phantombesitz bedrohen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Autorin philosophisch mit dem Neoliberalismus, Tech-Giganten, Klimaschutz und weiteren Themen. Warum sie gegen Ende zum Schluss kommt, es brauche den Begriff Faschismus nicht, konnte sie mir allerdings nicht plausibel machen. Ein sehr dichtes Werk mit vielen Bezügen zu anderen Denker*innen und Theorien. Komplex und lohnenswert.
Die Konzipierung des neuen Faschismus, oder bescheidener: der neuen Rechten, welche Eva von Redecker hier liefert ist erstaunlich allein durch dessen Vielfältigkeit. Besonders Endruck hinterlassen hat die Erweiterung von Adorno durch Young-Brühl hinterlassen, welcher ich bis jetzt leider nirgends anders begegnet bin. Lohnt sich auch erneut zu lesen!
Eva von Redecker betrachtet in ihrem Buch den zeitgenösischen Rechtsruck und damit den neuen Faschismus mit philosophischen Blickwinkel und umkreist den Faschismusbegriff. Alte Definitionen werden ebenso rangezogen wie aktuelle Situationen, die als faschistisch gewertet werden können. Es wird somit das Jetzt wie das Damals gewertet. Wichtige Beiträge stammen von Hannah Arendts Texten, die offenbar ein wichtiger Enfluß auf Eva von Redecker ist.
Es ist ein lebendiges Buch und so treibt die Autorin verschiedenen Erkenntnissen zu, die in einem überzeugenden Schlußkapitel münden.
Sehr vielseitige Reflexion zum Faschismusbegriff und wie er aktuell definiert werden sollte (oder eben nicht), um heutige Verhältnisse bezüglich KI, Klimawandel, Kriege und den Rechtsruck zu verstehen. Ich fand die Schlussfolgerungen am Ende auch sehr gut und "alltagstauglich", jedoch fehlte mir am Ende noch die Antwort darauf, wie sich individuelles Handeln und individuelle Haltungen "für das Leben" mit kollektiven Strategien gegen den Faschismus verbinden lassen. Und am Ende blieb dann doch die Faschismusdefinition einbisschen schwammig für mich.
Dennoch absolut relevantes Buch, würde ich jeder*m empfehlen!