"Wenn dein Leben nur im Glück einen Sinn hatte, dann hatte es nie einen Sinn." (Seite 117)
Allein in diesem Satz steckt der ganze Zwiespalt, den ich mit diesem Buch verbinde. Denn auch wenn ein Stück Wahrheit drinsteckt, ist es nicht auch legitim, in Zeiten großen Unglücks mit dem Leben zu hadern?
Linda hat so ein großes Unglück erlebt: Ihre Tochter Sonja starb mit 17 Jahren bei einem Fahrradunfall. Eine unfassbare Tragödie, mit der sie und ihr Ehemann Richard sehr unterschiedlich umgehen. Während er versucht, nach und nach wieder Fuß im Alltag zu finden, zieht Linda sich vollkommen zurück. Nur ihres Mannes wegen kämpft sie gegen eine (das nun auch noch) Krebserkrankung an, mietet sich dann aber auf dem Land in ein altes Bauernhaus ein, nimmt Tabletten gegen Schlaflosigkeit und alles möglich weitere, schwelgt in Suizidgedanken und isoliert sich. Nur wenige Menschen lässt sie in ihr näheres Umfeld: Natascha und ihre stark autistische Tochter Nine etwa, oder die Nachbarn Bruni und Klaus. Und ihren Ehemann Richard, der zwar irgendwann (verständlicherweise) eine Beziehung mit einer neuen Frau eingeht, zu dem die Verbindung aber nie ganz abbricht. Diese Menschen und deren Schicksale, ja deren Teilhabe am Leben könnte man sagen, sind es schließlich auch, die Linda Stück für Stück zurück ins Leben holen.
Wie das passiert, erzählt Daniela Krien in "Mein drittes Leben" sehr langsam und in teilweise wirklich schönen, berührenden Sätzen. Das Lesen wird entschleunigt, wie auch Lindas Leben entschleunigt ist. Die meiste Zeit verharrt Krien in ihrer Gedankenwelt, ihrer bodenlosen Trauer und der damit einhergehenden Depression. Nebenbei gibt sie uns Einblicke in die Beziehung zu ihrer Mutter und dem Stiefvater Konrad, in ihre Kindheit im Osten, ihre Jugend im Westen und wie sich der Wechsel auf sie auswirkte. Auch über Sonja erfahren wir viel: Wie sie sich entwickelte, wie ihr Verhältnis zu den Stiefgeschwistern war und welche Sorgen sie mit sich rumtrug. Und auch, wie Lindas Verhältnis zu Sonja war.
Denn - und da kommen wir zu den für mich kritischen Momenten des Buches - Linda hatte zu Sonjas Lebzeiten ganz schön viel an ihr auszusetzen: Ihre vergleichsweise langsame Entwicklung fand sie kritisch, die lange dünne Figur auch und ihren Veganismus sowieso. Dafür tadelt sie sich zwar später selbst, doch auch an anderer Stelle bewertet Linda Körper auf ziemlich miese Art und mir hat sich bis zum Ende nicht erschlossen, warum. Darf eine Romanfigur internalisierte Fettfeindlichkeit o.ä. mit sich rumtragen oder auch mal das eigene Kind doof finden? Natürlich! Ich mag ambivalente Figuren, die menscheln und nicht immer alles richtig machen. Aber Krien versäumt es meiner Meinung nach, diese sehr willkürlichen Ausbrüche von Linda in ihre Figurengeschichte einzubauen. Sind das Sichtweisen, die sie von ihrer Mutter übernommen hat? Wahrscheinlich. Aber mir fehlte die psychologische Tiefe, die Einordnung in die Geschichte. Gerade bei einer so privilegierten Figur wie Linda, die sich ganz ihrer Trauer hingeben kann, ohne arbeiten gehen zu müssen, ohne finanzielle Sorgen zu haben.
Überhaupt reißt Krien sehr viele wichtige Themen an: Ost-West-Schicksale, transgenerationale Traumata, fehlende Inklusion und Teilhabe, lebenslange Pflegeverantwortung und natürlich die psychisch schwierige Trauerarbeit. Doch irgendwie fügt sich das nicht ineinander, alles wirkt nur wie kurz eingeworfen und hinterlässt bei mir letztendlich ein unbefriedigtes Lesegefühl. (Über Richards willkürliches, wiederholtes Therapie-Bashing könnte ich auch noch schimpfen. Und warum sucht sich Linda eigentlich keine therapeutische Hilfe?)
Schade, ich wollte den Roman wirklich lieben, aber es hat nicht wirklich gefunkt zwischen uns - trotz der vielen schönen Sätze.