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Projektiver Antizionismus: Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober

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Im projektiven Antizionismus findet eine geopolitische Reproduktion des Antisemitismus statt. Die Beiträge zeigen, wie der Hass auf den jüdischen Staat als Integrationsideologie fungiert, welche schon vor den Massakern vom 7. Oktober politisch heterogene Bündnisse gegen Israel ermöglicht hat. Aus politikwissenschaftlicher, soziologischer und geschichtswissenschaftlicher Perspektive wird die Zäsur der Hamas-Massaker für eine interdisziplinäre, sich an der Kritischen Theorie orientierende Antisemitismuskritik beleuchtet. Die Beiträge skizzieren globale Erscheinungsformen des Israelhasses und analysieren die theoretischen und historischen Traditionen eines antisemitischen Antizionismus und seine intersektionalen ideologischen Verschränkungen.

600 pages, Paperback

Published October 15, 2025

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Stephan Grigat

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March 25, 2026
Die Annahme der Rezension, die ich ablehnen muss, war mit der Bitte um positive Bewertung verbunden, da ansonsten Probleme befürchtet werden. Warum bloß erinnert mich das an das marxistisch-leninistische Konzept der „Parteilichkeit“, das zu befolgen ich in der DDR gehalten war? Leider kann ich diesem Anspruch „parteilich“ zu werten u.a. deswegen nicht nachkommen, weil die Beiträge des hier zu rezensierenden Bandes es genau mit dieser Parteilichkeit etwas zu weit treiben. Das ist zu begründen und dem ist zu widersprechen.

Das Grundproblem liegt nicht nur in der Wahl der zugrunde gelegten Arbeitsdefinition von „Antisemitismus“, sondern vor allem in ihrer einseitig der deutschen „Staatsraison“ folgenden Auslegung. Stepan Grigat und Karin Stögner behaupten im Vorwort eine „Perspektive der Kritischen Theorie“ (14) und finden, dass gerade ihre „Unbestimmtheit für die IHRA-Definition“ (16) spricht. Diese lautet: "Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen." (https://www.antisemitismusbeauftragte...)

Die Herausgeber Grigat und Stögner lehnen die JDA-Definition ab, die als „antisemitisch“ lediglich Angriffe auf Juden und Jüdinnen begreift, womit „Antisemitismus gegen Israel“ (16) nicht erfasst werden könne. Interessant in diesem Zusammenhang wäre die Frage, inwieweit „Israel“ eine „jüdische Gemeindeinstitution oder religiöse Einrichtung“ ist, was nicht beantwortet wird. Daher ist davon auszugehen, dass implizit die von der Bundesregierung vorgenommene Erweiterung der IHRA-Definition zugrunde gelegt wird: "Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein." (https://www.antisemitismusbeauftragte...)

Kritik am Staat Israel wird so pauschal als „Antisemitismus“ definiert, was sich u.a. in der Auffassung von Martin Küppers ausdrückt, für den „irritierende Begriffe wie ‚Israelkritik‘ von der existenziellen Negation einer ganzen Nation“ (435) zeugen. Nun wird in dem vorliegenden Band in der Tat gut begründet und anhand aussagekräftiger Beispiele überzeugend nachgewiesen, wie tief verankert in arabischen Staaten, aber auch in akademischen antikolonialen Theorien und entsprechenden politischen Stellungnahmen liquidatorische Ideen gegenüber Juden und Jüdinnen wie auch ihrem Staat sind. Dennoch erscheint „Israelkritik“ wie jede andere Kritik am Regierungshandeln eines beliebigen Staates legitim und ist als „Kritik“ nicht einmal per se unfreundlich (und sollte ohnehin von der Meinungsfreiheit gedeckt sein).

Der Ansatz, legitime Kritik an Kriegshandlungen, Siedlergewalt oder dem Vorgehen der israelischen Armee in Gaza, dem Iran oder im Libanon von vorneherein als „irritierend“ zu diffamieren, schlägt sich inhaltlich in fast allen Beiträgen des voluminösen Bandes nieder. Dabei ist dem Ausgangspunkt für diese Übereinstimmung zuzustimmen: „Es verbindet die hier versammelten Arbeiten das Erschrecken darüber, dass die Gräuel des 7. Oktober, statt eine Welle anhaltender Solidarität mit Israel und seinen Bürgerinnen und Bürgern auszulösen, als Startschuss für eine globale Welle von Antisemitismus – insbesondere in Form eines projektiven, seit 10/7 immer gewalttätiger auftretenden Antizionismus – fungiert hat.“ (14) Allerdings ist den Herausgebern und vielen Autor/innen vorzuwerfen, die darauf folgenden Vergeltungsaktionen Israels, die nicht unbegründet zumindest den Verdacht der beabsichtigten Vertreibung palästinensischer (und heute auch libanesischer) Bevölkerung zum Zwecke der Landnahme heraufbeschworen hat, vollständig auszublenden. Stattdessen spricht u.a. Stögner mit Blick auf die Palästinenser von einer völlig „unangemessene(n) Selbstviktimisierung“ (435) und wirft Angela Davis vor, den Konflikt zu entkontextualisieren und ihn „derart auf(zu)blasen, dass von seiner Lösung der Weltfrieden abhängen soll“ (380).

In diesem Punkt scheint der Text schlecht gealtert, obwohl anzunehmen ist, dass die These auch trotz der im Iran-Krieg aktuell drohenden Eskalationsgefahr nicht zurückgenommen würde. Jedenfalls wertet Stephan Grigat „vor dem Hintergrund des antisemitischen Charakters der ‚Islamischen Republik‘“ die vorangegangenen Militärschläge Israels und der USA als „praktizierte Antisemitismuskritik“ (15), womit Kriege als legitimes Mittel festgeschrieben und zugleich als „Kritik“ verharmlost werden. Das finde ich – gelinde gesagt – „irritierend“ und ganz und gar nicht im Sinne einer „kritischen Theorie“.

Gibt es nichts Positives anzumerken? Viele der in diesem Band versammelten Arbeiten bieten interessante Fakten zur Antisemitismus- und Antizionismus-Geschichte und manche Befunde sind besonders auf dem Gebiet der Ideologiekritik bedenkenswert. Einschränkungen betreffen das Vorgehen vieler Autor/innen immer dann, wenn von Einzelanalysen auf „die globale Linke“ geschlossen wird, ohne, dass man sich die Mühe macht zu definieren, was „links“ jeweils meinen soll. So ist die Auffassung von Houria Boutldja, die von Randi Becker als französisch-algerische Aktivistin u.a. der (linken?) BDS-Bewegung vorgestellt wird, „Antikolonialismus müsse […] notwendigerweise auch Israelfeindschaft einschließen“ (401), offensichtlich kurzschlüssig. Die Behauptung einer „generelle(n) Schuldigkeit jeder Israelin und jedes Israeli“ wird zu Recht zurückgewiesen, obwohl Israel gerade nicht ohne Grund „unterstellt“ wird „einen Genozid zu begehen“ (395). Man fragt sich angesichts dieser Inkonsequenzen, warum der Autor nicht bei der Linie des von ihm positiv zitierten Aimé Césaire bleibt, nach dessen Auffassung „es keinen Humanismus [gibt], wenn er nicht universell ist“ (410).

Der schon erwähnte Martin Küpppers weist – wie einige andere Autor/innen – ausführlich nach, dass „die Nationalsozialisten mit ihrem Vernichtungsantisemitismus“ den „radikalen Fraktionen der palästinensischen Nationalbewegung […] wesentliche inhaltliche Orientierung [lieferten]“ (436). In der Tat ist es tragisch, wie wenig Bewusstsein es für die Geschichte des Nahost-Konflikts gibt, die gut 30 Jahre vor der Staatsgründung Israels begonnen hat und ganz wesentlich von Deutschen zu verantworten ist, die im „Sommers 1942 […] beabsichtigten, die in Europa längst begonnene Judenvernichtung auch in den Nahen Osten zu exportieren“ (436). Dafür fanden sie Unterstützung durch den Groß-Mufti von Jerusalem Muḥammad Amīn al-Ḥusainī, der als bekennender Antisemit gleichzeitig einer der ersten einflussreichen Antizionisten der Region war. Er wirkte verhängnisvoll auch noch nach dem Krieg in der sich formierenden anti-israelischen arabischen Allianz, weshalb es durchaus tragisch ist, wie oft „trotz vielfältiger historischer Belege faktisch negiert [wird], wie die Menschen [gemeint sind die Palästinenser-F.S.] seit 100 Jahren unter ihrer eigenen radikalen, hasserfüllten, kompromisslosen und korrupten politischen Führung leiden.“ (435)

So hebt Küppers mit Blick auf Israel den Plan der britischen Kolonialmacht hervor, die anfangs „für die Errichtung zweier unabhängiger Staaten – eines kleineren jüdischen im nordwestlichen, und eines weit größeren arabischen Staates im mittleren und südlichen Teil des Mandatsgebiets“ plädierte. Damit hätte „die arabische Seite ganze 75 Prozent und der Jischuw, die jüdische Seite, 20 Prozent des Territoriums für den Aufbau eines eigenen, jeweils unabhängigen Staatswesens zur Verfügung gehabt, während Jerusalem mit den heiligen Stätten und einem schmalen Korridor zum Mittelmeer unter internationaler Verwaltung bleiben sollte.“ (442) Unabhängig davon, ob man in der Ablehnung dieses Vorschlags 1937 eine „verstockte Kompromisslosigkeit und das Fabulieren von einer vermeintlichen ‚From the River to the Sea‘-Lösung“ sehen will, oder nicht, ist Fakt, dass danach „alle Aussichten auf ein unabhängiges Palästina wegen dieser Blockadehaltung faktisch immer unvorteilhafter ausfallen.“ Unklar bleibt jedoch, wie Küppers zu der Ansicht gelangt, es sei nicht einzusehen, warum „die verpassten Chancen keineswegs den jeweiligen eigenen politischen Führern, sondern immer nur der jüdischen Seite angelastet werden“, müsste er doch erklären, aus welchen Gründen „zehn Jahre später der UN-Teilungsplan von Ende 1947 nur mehr 43 Prozent der Fläche für die arabische Seite“ vorsah und „alle späteren, bis in die Gegenwart diskutierten Kompromisse hinsichtlich einer Zweistaatenlösung […] ein noch ungünstigeres Verhältnis für die arabische Seite“ (443) beinhalten. Wie konnte das ohne israelischen Druck und die Zustimmung der dominierenden Weltmächte geschehen?

Hier zeigt sich die oben kritisierte Einseitigkeit der Betrachtung exemplarisch, denn Küppers spricht den Israelis ohne Einschränkung das Recht auf „ihr Erez Israel“ (445) zu und negiert damit de facto arabische Siedlungstraditionen und ergo Gebietsansprüche. Zwar sieht er die „historische Unstrittigkeit von Vertreibungen durch Haganah oder Irgun“ im Rahmen der Staatsgründung, relativiert sie jedoch sofort durch die „eigene, arabische Mitverantwortung für die Flucht von etwa 700.000 palästinensischen Menschen aus jüdisch kontrollierten Regionen des Mandatsgebiets“ und deutet sie um in „das eigene historische Versagen“ der Araber. Nichtsdestotrotz ist seinem abschließenden Befund zuzustimmen: „In Kenntnis solcher Stimmen bedeutet echte Empathie mit den vom Nahostkonflikt betroffenen Menschen, einerseits Israelis gegen israelbezogenen Antisemitismus zu verteidigen und andererseits palästinensische Menschen vor eigenen politischen Führern in Schutz zu nehmen, solange diese sie nur als Manövriermasse missbrauchen“ (454). Man sieht, wie eng in solchen Beiträgen Richtiges, Widersprüchliches und wenig Überzeugendes beieinander liegen.

Dem Grund dafür kommt Stepan Grigat ziemlich zum Ende hin sehr nahe, wenn er die Landnahme jüdischer Siedler innerhalb eines Kolonialgebietes und z.T. gegen den Widerstand der britischen Kolonialmacht einen im „spezifischen Sinne kolonialistischen Antikolonialismus“ (528) nennt und damit auf die Komplexität des historischen Kontextes, in dem alles begann, hinweist. (In anderen Beiträgen werden die entsprechenden Rahmenbedingungen wie das Verhalten der Großmächte und der UN konkret analysiert.) Nur zieht er daraus keine überzeugenden Schlussfolgerungen. In einem wenige Seiten vorher abgedruckten Interview kann man z.B. lesen, dass „die Geschichte des Judentums nicht erst seit dem 19. oder 20. Jahrhundert von Verfolgung, Emigration und Vertreibung geprägt ist, sondern dies seit den Anfängen des Judentums eine Realität darstellt.“ Die Behauptung, das würde in Europa „oft verdrängt“, scheint kurios, wenn man bedenkt, dass die Anfänge diese Geschichte, die Grigat „um 772 v. Chr.“ (Zerstörung des israelischen Nordreichs durch die Assyrer) ansetzt, jedem seine Bibel studierenden Christen vertraut sind und daher mitnichten die Kennzeichnung als „vergessener Exodus“ (483) verdienen. Der Autor geht so weit in die Geschichte zurück, um die „Mythen in der europäischen Nahost-Berichterstattung“ aufzubrechen, in denen Israel „als Landräuber dargestellt“ wird. Die geforderte „kritische Selbstreflexion“ (492) fällt auf Grigat zurück, denn wo kämen wir hin, wenn DAS ein zutreffendes Kriterium für Territorialansprüche wäre? Sofort würden Polen ihre verlorenen Ostgebiete einfordern, Ungarn könnte Rumänien wegen Transsylvanien und sowieso Kroatien den Krieg erklären und die Grenzstreitigkeiten zwischen der Türkei und ihren Anrainern dürften niemals enden – um nur einige Beispiele zu nennen.

Da hier unmöglich auf alle Beiträge einzeln eingegangen werden kann, soll stellvertretend wenigstens noch an einigen wenigen Beispielen auf die Art hingewiesen werden, wie in dem Band Kritik an „linkem“ Antisemitismus und Antizionismus geübt wird. So zitiert Olaf Kistenmacher in seinem erhellenden Beitrag zustimmend W. Kloke, der herausgearbeitet habe, wie in der Folge des Sechstagekriegs 1967 „der in ‚der westlichen Welt beispiellose Prozionismus der bundesdeutschen Linken‘ in einen Hass auf den jüdischen Staat umgeschlagen“ sei, motiviert durch das Bedürfnis, „in ‚eine politische Identität‘ zu fliehen, die nicht mehr durch die Shoah belastet sei“ (497). Frederik Fuß schreibt in seiner informativen Darstellung von Zionismus und Antisemitismus in anarchistischen Bewegungen über die Anziehungskraft der an David gegen Goliath erinnernden palästinensischen Aufstände, um endlich zu mahnen: „Was unter dem Eindruck der Selbstorganisation der ersten Intifada möglicherweise noch eine nachvollziehbare Perspektive war, ist heute angesichts der islamfaschistischen Hamas völlig undenkbar.“ (521) Das Stichwort „Islamfaschismus“ erhält eine gewisse Berechtigung aus den ebenfalls in dem Band versammelten informativen und stichhaltigen Analysen zu den engen Beziehungen islamistischer Bewegungen zu den Nationalsozialisten bzw. die bis heute andauernde positive Berufung auf die deutsche Judenvernichtung in islamistischen Kreisen wie der Muslimbrüderschaft und im Iran.

Überzeugend und doch problematisch sind hingegen Arbeiten, die sich mit einzelnen Exponenten „linker“ Theoriebildung oder „linken“ Aktivismus auseinandersetzen, weil – wie oben schon angedeutet – kein Begriff dessen, was als „links“ gelten soll angegeben und somit Positionen einer behaupteten „globalen Linken“ (was immer das heute sein soll) mit den Überlegungen einiger ihrer akademischen Vordenker/innen identifiziert werden. In diesem Sinne arbeitet sich Karin Stögner an Angela Davis und dem „Queer BDS“ ab und fragt, was das mit Feminismus zu tun habe. Ihr Ausgangspunkt ist die berechtigte Frage, warum nach dem 07. Oktober „maßgebliche internationale Frauenorganisationen (etwa der UN) über Wochen, wenn nicht Monate hinweg still“ (373) blieben. Sie zeigt die negativen Konsequenzen aus dem queer-feministischen intersektionalen Ansatz von Machtkritik in der Praxis der Debatten auf, in denen „der Schutz einer patriarchalen (Minderheits-)Kultur die Kritik an patriarchaler Geschlechterungleichheit innerhalb dieser Kulturen überlagert und zuweilen aushebelt.“ (374) Dem ist zuzustimmen und die Kritik trifft auch Judith Butler, die ebenfalls geneigt ist, Geschlechterungleichheit im postkolonialen Diskurs dann zu legitimieren, wenn sie als authentischer Ausdruck einer Kultur wahrgenommen werden kann. Aus dieser Perspektive würden palästinafreundliche Bewegungen einerseits seit Jahren die in allen arabischen Ländern und auch in den Palästinensergebieten herrschende „systematische Gewalt gegen Frauen und sexuelle Minderheiten verschweigen“ (374) und andererseits den am 07. Oktober von Vergewaltigung und Mord betroffenen israelischen Frauen und Kindern die Solidarität verweigern. Das ist in der Tat beschämend, rechtfertigt aber nicht die ohne jeden Beleg vorgenommene Einschätzung: „Die Instrumentalisierung von Intersektionalität zur Legitimierung von Antizionismus und BDS greift insbesondere in den USA und in Großbritannien um sich: […] BDS scheint mittlerweile in weiten Teilen der globalen Linken zu einem kulturellen Code geworden zu sein: Wer sich als links, antikolonial und antirassistisch definiert, unterstützt quasi automatisch BDS.“ (375) Automatisch?

Im Weiteren wird, das konkrete Leid der Palästinenser/innen ausklammernd, die „israelische Besatzung palästinensischer Gebiete“, auf die Butler hinweist, als „vorgeblich“ bezeichnet, was die Ablehnung der These impliziert, Israelis wären „an dem Massaker, das an ihnen verübt wurde, zumindest als mitschuldig“ anzusehen. Wenngleich das moralisch richtig ist, stimmt doch die Begründung nicht, denn es ist falsch, dass sich „die Staatsgründung Israels von jeglicher Form des Siedler-Kolonialismus unterscheidet“ (357), worauf Grigat mit der paradoxen (oben zitierten) Formulierung vom „antikolonialen Kolonialismus“ zu Recht hingewiesen hat. Ist der Begründungszusammenhang mit Blick auf Antisemitismus und Antizionismus fragwürdig, so ist den ideologiekritischen Schlussfolgerungen dennoch zuzustimmen: „Wie viele postkoloniale Autor:innen stützt auch Davis ihr Konzept von Intersektionalität auf eine Ablehnung von Universalismus und Individualismus als westlich-eurozentrische Ideen. Sie spricht von einer „tyranny of the universal“ […] als Zeichen einer globalen weißen Vorherrschaft. Demgegenüber betont sie das Partikulare, das sie in globaler Opferposition verortet und im Geist von Gemeinschaften verkörpert sieht.“ (377) Insofern die universelle Geltung von individuellen Menschenrechten als genuin „links“ gelten darf, ist die Kritik an Davis im Falle, die amerikanische Bürgerrechtlerin wäre uneingeschränkt „links“, eher als innerlinke Kritik, denn als Ausweis des theoretischen Defizits einer „globalen Linken“ zu werten. Freilich werden post-strukturalistische und dekonstruktivistische Ansätze französischer Philosophen, die vor allem in den USA im Feminismus sowie im Antirassismus und Antikolonialismus positiv rezipiert wurden und werden, in ihrer Machtkritik „links“ verortet. Diese Ideen jedoch mit „der“ und womöglich auch noch einer „kritischen Linken“ insgesamt gleichzusetzen, dient eher der Delegitimierung hier palästinasoldarischer Aktivist/innen als einer produktiven Auseinandersetzung mit Defiziten dieser Kampagnen.

Fazit: Die Lektüre der in diesem Band vereinigten Arbeiten vermittelt ganz sicher ein tieferes Verständnis für die Komplexität und Problematik der mit Antisemitismus und Antizionismus verbundenen Fragen. Was jedoch (fast) allen Arbeiten anzulasten ist, ist die vollständige Ausblendung konkreter arabischer Leiderfahrungen und die unkritische Übernahme israelischer Narrative mit Blick auf die historische Rechtfertigung jüdischer Landnahme und des Zionismus. Mehr Empathie für beide Seiten hätte ein respektables Werk möglich gemacht. So bleibt es dabei: Eingeschränkt empfehlenswert, meint, nur dann bereichernd, wenn man die Defizite mit bedenken und für sich einordnen kann.
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