Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in ihr alles, was Menschen passieren kann.
Ein Junge wird vom Jagdfieber gepackt. Ein anderer weiß nicht, wohin mit seiner Wut. Eine Blumenhändlerin lebt für einen Mann, der sie nicht einmal sieht. Eine Heimleiterin wacht über ihre Schützlinge und ist selbst die Einsamste von allen. Ein Geistlicher kommt seiner Gemeinde abhanden. Sorge rüttelt an den Bewohnern, Sehnsucht treibt sie nachts auf die Straße, die Liebe bringt sie um den Verstand. Sie haben Träume und Geheimnisse. Ihre Wege kreuzen sich täglich, doch was wissen sie voneinander?
Robert Seethaler is an Austrian living in Berlin and is the author of four previous novels. A Whole Life is his first work to be translated into English and is already a German bestseller, selling over 100,000 copies. The book has been translated from its original German by Charlotte Collins.
Robert Seethalers neuer Roman „Die Straße“ war für mich ein Buch, das sich so gut wegliest (ich hab’s an einem Abend weggesnackt) mich aber trotz dieses Leseflusses nicht emotional abholen konnte. Seethaler entwirft ein Mosaik aus Bewohnern, Beobachtungen und kurzen Begegnungen, die alle in derselben Straße, der Heidestraße, leben und doch kaum wirklich miteinander verbunden sind. Darin steckt eigentlich alles, was mich normalerweise kriegt: Melancholie, leise Poesie, Menschen mit Ecken, Kanten, am liebsten sogar Rissen. Aber je länger ich las, desto deutlicher zeigte sich auch: Diese literarische Idee, Seethalers Konzept, trägt den Roman nicht durchgehend - leider sackt dieses fein gebaute Konstrukt zunehmend in sich selbst zusammen.
„Sitzt da wie ein Sack. Halb ausgekippt. Flecken auf dem Hemd. Schuppen in den Haaren. Und die Fingernägel schwarz. Muss wahrscheinlich alles anfassen beim Vorübergehen. Dabei kein unschönes Gesicht. Stille, braune Augen. Man möchte meinen: friedvoll. Ich könnte nicht mal mehr sagen, wie seine Stimme klingt. Dabei würde es mich schon interessieren, ob er mich manchmal anschaut. Mich richtig anschaut, meine ich, nicht bloß bemerkt. - Trinkst du noch eins? - Die Stimme, jetzt weiß ich es wieder. Dünn und leise. Reicht kaum über die Theke. Hab mein Lebtag nichts Traurigeres gehört.“
Man erkennt sofort den typischen Seethaler-Ton - die kurzen Sätze, die stille Melancholie, die Konzentration auf die unscheinbaren Menschen am Rand. Was in früheren Büchern wie „Ein ganzes Leben“ oder „Der Trafikant“ mich abholen und eine regelrechte emotionale Wucht entfalten konnte, wirkt hier jedoch zunehmend affektiert, gestelzt, künstlich. Fast alle Figuren sprechen in derselben gedämpften, abgeklärten Sprache, unabhängig davon, ob es sich um einen Jugendlichen, einen Antiquar, eine Heimleiterin, einen Migranten oder einen Arzt handelt. Den Figuren mangelt es für mein Dafürhalten an sprachlicher Identität, der Roman verliert dadurch leider an Lebendigkeit.
Ich mochte Seethalers fragmentarische Struktur als literarischen Ansatz, aber gleichzeitig erschaffte sie eine emotionale Distanz. Seethaler montiert Szenen, Gesprächsfetzen und Beobachtungen zu einer Art erzählerischen Collage; man soll sich die Straße selbst zusammensetzen. Das kann funktionieren, wirkte aber passagenweise eher anstrengend und künstlich konstruiert auf mich. Manche Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, bevor sie wirklich Kontur gewinnen. Bei mir hat sich während der Lektüre das Gefühl verstärkt nur dabei statt mittendrin zu sein - wie jemand der zwar zur Party eingeladen wurde, dann aber die ganze Zeit mit dem Getränk in der Hand am Rand steht und zuschaut, statt wirklich Teil des Abends zu werden.
Und doch sagt mir mein subjektiver literarischer Gerechtigkeitssinn, dass es unfair wäre, den Roman einfach als misslungen abzutun. Seethaler beeindruckt mich immer wieder mit seiner sprachlichen Genauigkeit beim Beschreiben alltäglicher Momente: dieses langsame Ausfransen von Nachbarschaften, Erinnerungen und Zugehörigkeit. Gerade in einzelnen Szenen entfaltet „Die Straße“ eine fast hypnotische Ruhe. Aber vielleicht ist genau diese Ruhe irgendwann auch das Problem: Der Roman (oder der Autor?!) sträubt sich vor echter Reibung, vor Konflikten, Chaos und Widersprüchen. Alles bleibt irgendwie seltsam gedämpft, weichgezeichnet und zuuuu sehr literarisch kontrolliert, wenn Ihr versteht, was ich meine.
„Am frühen Nachmittag vergilbt der Himmel und um vier gehen die Laternen an. In den Pfützen zittert das Licht. Die Dächer sind schwarz. Kaum noch zu sehen, der Dampf über den Schornsteinen. Schlagartig ist es in den Hecken still. Kein Mensch hat je die Amsel schlafen gesehen …“
So bleibt am Ende „Die Straße“ ein Roman für mich, der zweifellos smart komponiert und sprachlich elegant ist, der mich aber deutlich weniger berührt hat, als ich es von Seethaler gewohnt bin und sein literarisches Potential zum Großteil verschenkt - schade Schokolade!
Ich schätze die stillen Romane des Autors sonst wirklich.....aber "Die Straße " hat mich enttäuscht.....und ehrlich etwas gelangweilt...😞
Die Heidestraße und ihre namenlosen und für mich nebulös bleibenden Bewohner/ innen hätten eindeutig mehr Leben gebraucht, mehr Nähe und Intensität...der seltsame KursmitteilungsErzählStil war für mich ebensowenig hilfreich wie die fehlenden Informationen, um wen es eigentlich gerade im Abschnitt geht.....
Vielleicht einfach das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt für mich...!
Bedingt lesbar für Fans des Autors.....an sonsten schweren Herzens:
„Die Straße“ von Robert Seethaler unterscheidet sich stilistisch deutlich von seinen bisherigen Romanen. Statt einer klaren, durchgehenden Handlung entsteht hier ein Mosaik aus vielen kleinen Szenen, Begegnungen und Schicksalen. Unterschiedliche Bewohner der Heidestraße treten kurz ins Zentrum, verschwinden wieder und werden später vielleicht noch einmal gestreift. Diese Struktur fand ich anfangs sehr spannend und kunstvoll umgesetzt.
Sprachlich bleibt Robert Seethaler dabei unverkennbar: reduziert, poetisch und mit einem Gespür für die stillen Momente des Lebens. Viele Beobachtungen über Einsamkeit, Sehnsucht und menschliche Verletzlichkeit haben mir gut gefallen. Allerdings hatte ich im Verlauf der Lektüre zunehmend das Gefühl, dass sich die einzelnen Episoden eher zufällig aneinanderreihen. Teilweise bleibt lange unklar, von wem gerade erzählt wird, und nicht jede Figur oder Szene entwickelt genügend Tiefe, um wirklich etwas auszusagen. Was zunächst wie ein interessantes literarisches Mosaik wirkte, verlor für mich dadurch nach und nach an Spannung.
So blieb am Ende vor allem die Bewunderung für die Sprache und die Idee des Romans, während mich die eigentliche Lektüre irgendwann nicht mehr vollständig fesseln konnte. „Die Straße“ ist sicherlich ein interessantes literarisches Experiment und ein atmosphärischer Blick auf die kleinen Dramen des Alltags, ist für mich aber nicht einer der stärksten Romane von Robert Seethaler.
In der Heidestraße wird auch in jedem Jahr ein Straßenfest veranstaltet. Es gibt ein Altenheim, Mietwohnhäuser, einen Blumenladen und einer eröffnet einen Buchladen. Und natürlich leben etliche Menschen dort. Die Jüngeren erwarten Kinder, erleben die erste Liebe oder geraten ein wenig vom Wege ab. Im Altenheim wacht die Leitung und doch kann sie nicht verhindern, dass einige der Bewohner im Verlauf des Jahres sterben. Der Buchladen läuft so eher schlecht als recht. Doch beim Einkaufen der Blumen kann man sich an der Farbenpracht erfreuen. Liebesbriefe werden geschrieben, doch erreichen sie einen Empfänger?
Ein Kaleidoskop von Menschen und Ereignissen belebt die Straße, die Robert Seethaler seinen Lesern vorstellt. Auch wenn ein paar Menschen im Altenheim sterben, bis dahin können sie sehr lebendig sein. Das Verkaufen von Büchern kann problematischer sein als man denkt. Zum einen kaufen einfach nicht so viele Leute Bücher und man muss auch auf seine Schätze aufpassen. Feuchtigkeit kommt nicht gut an. Und die Stadt hat Pläne, die Straße soll verändert werden. Doch wie erlangt man die Mitarbeit der Bewohner und Anrainer? Da gibt es Mittel und Wege. Und die Blumenhändlerin vergeht fast vor Sehnsucht. Viele kleine Begegnungen, viele Gedanken, Überlegungen. Doch kennen sich die Menschen in der Straße überhaupt.
Das Hörbuch wird von Matthias Brandt vorgetragen, der es hervorragend versteht, den handelnden Personen Leben einzuhauchen.
Beim Hören ist man inmitten des Lebens in der Straße. Erstaunlich, was alles in einem Jahr geschehen kann. Vielleicht fehlt einem ein wenig Fröhlichkeit. Man bekommt das Gefühl auf dieser Straße wird nicht nur gelebt, sondern die Straße erlebt ihren Niedergang. Zwar kann alles so geschehen, doch in so komprimierter Form erscheint es weniger wahrscheinlich. Was kann weniger Schönes geschehen. Man will es nicht verraten. Es könnte auch vieles Schöne passieren. Wenn es im Leben vielleicht nicht so viele Happyends gibt, über ein Jahr kann doch einiges glücklich enden. Dennoch fesselt die tollte Lesung und die Straße ist einem nahe, weil es den Namen wie in über dreihundert anderen Orten vor Ort eben gibt. Da hat man zu den Worten auch ein Bild vor Augen. Das minimalistisch Stil des Covers passt gut zu dem Buch/Hörbuch.
Zum Inhalt: Es wird eine Geschichte über eine ganz normale Straße erzählt, die nicht im Zentrum liegt, wohin sich vermutlich nie ein Tourist verirren würde, aber dennoch ist hier Leben und es passieren die vielen kleinen Geschichten, die das Leben so schreibt. Meine Meinung: Im Grunde weiß man im Vorfeld gar nicht so recht, was einen bei diesem Buch erwartet und man muss sich einfach darauf einlassen und schauen was passiert. Und in der Straße passieren halt die ganz normalen Dinge des Alltags, mal größer, mal kleiner, mal interessanter, mal weniger interessant, aber halt das Leben. Und irgendwie hatte man wirklich das Gefühl irgendwie dabei zu sein, denn so manches hatte ein vertrautes Gefühl im Gepäck. Der Schreibstil ist zurückhaltend, passt aber in dem Fall sehr gut, das war auch in der Hörbuchversion sehr gut umgesetzt. Ein unaufgeregtes Buch, dass aber irgendwie Reiz hatte. Fazit: Hat was
Bin mit dem Buch nicht warm geworden. Dieses fragmentarische Erzählen....mmhh...war ja bei "Das Feld" auch schon so. War bisher ein großer Fan von Seethaler, vor allem seine ersten Romane fand ich super. (u.a. Die Biene und der Kurt) Weiß gerade nicht, wie ich das so einordnen soll und wo meine Reise mit Herrn Seethaler noch so hin geht.... Erstmal 3 Sterne.
Wieder einmal fasziniert Seethaler seine Leser, indem er sie mit unscheinbaren Momentaufnahmen immer tiefer in das Leben einer ganz normal bewohnten städtischen Straße lockt. Es sind oft nur Gesprächsfetzen, die im Vorbeigehen mitgehört werden, Lebensfenster, die sich kurz öffnen. Aber gerade die abgehackte Kürze der Absätze macht neugierig auf das was noch kommen mag. Und nicht nur die Straße, auch die Wohnungen werden immer mehr mit einbezogen und das Unheimliche, was unter dem Pflaster entdeckt wurde - oder die Gewalt, die aus einem jungen Menschen bricht, reißt den erschrockenen Leser aus seiner Beschaulichkeit.
war leider gar nicht mein Buch, ich konnte irgendwann einfach nicht mehr folgen. Durch die ständigen Wechsel zwischen Figuren und Perspektiven und der absolut fehlenden Einordnung wusste ich meistens nicht, wer gerade spricht oder worum es eigentlich geht. Nach der Hälfte habe ich aufgehört zu lesen, weil es mich eher angestrengt als gepackt hat – von mir leider keine Leseempfehlung, eher im Gegenteil.
In der Heidestraße treffen u. a. eine Heimleiterin, ein Hausarzt, ein Antiquar, eine Blumenhändlerin und ein Jugendlicher aufeinander, der auf Dächern heimisch zu sein scheint. Ihre Begegnungen werden vielstimmig und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Man könnte sich in der Rolle von Neuzugezogenen fühlen, die den Gesprächen schwer folgen können, weil vorausgesetzt wird, dass Personen bekannt sind. Wer mit wem in Verbindung steht, welche Konflikte es gibt, wer befiehlt und wer folgt, wird aus den Dialogschnipseln nur zögerlich deutlich. Verknüpfungen sind zu ahnen mit der Zeit, als der vermietete Laden noch eine Kohlenhandlung war oder dem Moment, als russische Soldaten in die Stadt einmarschierten. Offensichtlich sind Interessenkonflikte zwischen Mietern und Immobilienspekulanten, zwischen Polizeiwache und Staatskasse, auch ein abfälliger Ton schleicht sich ein, in dem über andere Menschen gesprochen wird. Allein das Komitee, das traditionell das Straßenfest organisiert, scheint den Ruf nicht gehört zu haben, dass allen Bewohnern gekündigt ist oder bald gekündigt sein wird.
Fazit Mit dem unangenehmen Eindruck, dass nur noch die Fassade einer ehemaligen Gemeinschaft existiert, habe ich mich wie der Lauscher an der Wand gefühlt, der den menschlichen Abstieg so genau doch nicht verfolgen möchte. Ein extrem kleinteiliges episodenhaftes Mosaik, das mich an „Winesburg Ohio“ erinnert und an Zanders „Dinge, die wir heute sagten“.
Robert Seethalers Roman hat mich nicht so recht abholen können. Die zahlreichen Notizen, Dialoge, Monologe, Berichte und Beschreibungen runden sich nie zu einem Bild, bleiben größtenteils unzusammenhängende Bruchstücke, einzelne Grundstücke und Häuser, die sich nicht zu einer Geschichte der Straße zusammenbinden. Die Menschen, die dort wohnen, bleiben für mich gesichtslos und anonym, ohne Ausdruckskraft und eigenes Leben.
Ich vergebe diesem Buch zwei Sterne. Die Geschichte dreht sich um die Bewohner einer Straße, wobei die Erzählperspektive immer wieder zwischen den einzelnen Figuren wechselt. Dadurch fiel es mir oft schwer, nachzuvollziehen, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, was meinen Lesefluss etwas gestört hat.
Wenn Robert Seethaler eine Kunst beherrscht, dann ist es die, auf wenigen Seiten unglaublich viel und dicht zu erzählen. In seinem neuesten Buch beschreibt er ein Jahr lang die verschiedenen Personen und Ereignisse in einer Straße. Viele von ihnen bleiben namenlos. Da gibt es jemanden, der ein Antiquariat eröffnet, mehrere Heimbewohner spielen eine Rolle. Ein Mann schreibt Beschwerdebriefe bezüglich zu wenig Polizeipräsenz, wird aber weitgehend ignoriert usw. Die einzelnen Abschnitte sind häufig nur eine halbe bis eine Seite lang. Das macht das ganze zwar kurzweilig, für mich führte es jedoch dazu, dass es viel Verwirrung gab und mir die einzelnen Personen ziemlich fremd blieben. Lediglich zu dem Antiquar konnte ich einigermaßen eine Verbindung aufbauen. Insgesamt bin ich recht enttäuscht von dem Buch.
Ein guter Freund schenkte mir dieses Buch, als ich krank war. Die Freundschaft hat die Lektüre überstanden.
Vielleicht war die Fallhöhe auch besonders hoch, weil mir Ein ganzes Leben so gut gefallen hat. Entsprechend groß waren meine Erwartungen an dieses Buch und entsprechend groß am Ende auch die Enttäuschung.
Die Straße scheint fest entschlossen, dem Leser jeden Orientierungspunkt zu entziehen: keine Kapitel, springende Szenen, Figuren, die oft namenlos bleiben. Das kann funktionieren. In diesem Buch tut es das aber leider nicht.
Das eigentliche Problem ist nicht die Form, sondern dass sie kaum etwas trägt. Die Figuren bleiben blass, die Verwirrung wirkt eher konstruiert als produktiv, und selbst die Sprache erreicht selten die Präzision und Schönheit, die ich von Seethaler erwartet habe.
Natürlich kann man Figuren namenlos lassen und den Leser bewusst im Unklaren darüber lassen, wer gerade spricht oder handelt. Aber dann müssen die Geschichten, Gedanken oder Beobachtungen dahinter stark genug sein, um trotzdem etwas auszulösen. Hier blieb für mich alles erstaunlich abstrakt. Nichts wurde konkret genug, um nahezugehen, und nichts universell genug, um sich darin wiederzufinden.
Was als literarische Offenheit gedacht sein mag, las sich für mich wie eine reine Fleißaufgabe. Ich habe das Buch mehrfach weggelegt, immer wieder aufgenommen und schließlich beschlossen, es nicht zu Ende zu lesen. Nicht aus Ungeduld, sondern weil jede weitere Seite mehr Pflichtgefühl als Neugier erzeugte.
Selten hat ein Roman so viel Nebel erzeugt und dabei so wenig Atmosphäre.
In Robert Seethalers neuem Roman stellt er das Leben der Bewohner der Heidestraße in kurzen Absätzen dar. Es geht um Liebe, Verlust, das Altern, das Scheitern, die Veränderung. Alles in sehr kurzen Bruchstücken erzählt, teilweise nur eine Zeile lang. Wo genau diese Straße liegt, wird nicht erwähnt (irgendwo in Österreich, denn es gibt ein Magistrat in der Straße und es werden Buchteln in der Bäckerei verkauft). Wann genau die Geschichten spielen, ist auch unklar (es wird aber noch in Mark und Groschen bezahlt).
Teilweise sind die kurzen Beobachtungen interessant und man möchte gern wissen, wann die erzählenden Personen wieder auftauchen. Oftmals sind sie aber auch belanglos, verworren und verwirrend. Es ist selten klar, wer genau gerade erzählt - bei manchen löst es sich auf, bei vielen aber auch nicht. Viele Erzählstränge bleiben leider offen, was sehr unbefriedigend ist. Insgesamt liest sich der Roman schnell, was aber auch daran liegt, dass man viele Seiten mehr oder minder überfliegt, da die Erzählsplitter einen nicht abholen.
„Peter-Stamm-Effekt“: scheinbar hangelt sich Seethaler von Jahr zu Jahr zum nächsten Buchvertrag, während zugleich der Druck wächst, einen weiteren Roman in vertrauter Handschrift vorzulegen. Die Faszination, die frühere und erfolgreichere Werke ausgezeichnet hat (v. a. ‚Ein ganzes Leben‘ <3), scheint dabei zunehmend zu verblassen. Zurück bleiben eher belanglose, literarisch weniger sorgfältig ausgearbeitete und mitunter etwas öde Szenen.
Nach Das Café ohne Namen, das durch Atmosphäre und Intensität und Melancholie überzeugen konnte, heißt der nächste Kurzroman Die Straße und nimmt das Thema, ein Fremder gründet ein Geschäft in einer neuen Gegend, hier ein Antiquariat, kein Café, wieder auf. Beide Bücher zusammen erinnern an eine etwas kitsch-pathetische Gestaltung von Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen, nur mit theologischen Aspekten und Hintergründen versehen. Der Roman Die Straße beginnt konsequent mit folgendem Motto:
»Ich bekenne mich schuldig, Padre, daß mir ein Gedicht eingefallen ist. Ich habe gerade den Gang gefegt, und da ist es mir eingefallen.« Juan José Arreola, Der Jahrmarkt
Das Motto ist wohlfeil gewählt, denn tatsächlich gleicht die Situation von Die Straße eine Sodom und Gomorrha-Vorhölle mit Gefallenen, Sündern, Mördern, Schlägern, Dieben und Geizhälsen. Zudem wird der Höllenhund Zerberus erwähnt, die Töchter Lots, und vieles dreht sich um den Priester, die religiösen Feste und erzeugt deshalb insgesamt eine Andachts- und Beichtstimmung, sodass der Text wie die Beichte und das Publikum wie der Priester oder in die Rolle des deus absconditus gedrückt wird.
Und er sagte: Als ich zum ersten Mal das Buch las, brach mein Herz auf und ich begann zu sehen. Wir wissen, welches Buch gemeint ist, ihr alle hattet es schon oft in euren Händen. Aber wer war der Mann, der diese Worte sprach? Was hat ihn bewegt in diesem Moment? An wen hat er seine Worte gerichtet? Hat ihm jemand zugehört oder hat er mit sich selbst gesprochen, allein mit seiner Freude oder in seinem Leid? Hat dieser Mann überhaupt gelebt? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen. Aber ist es nicht auch vollkommen unerheblich? Die Worte stehen nicht nur geschrieben. Sie leben.
Auf die eine oder andere Weise haben alle in Die Straße ihren Dreck am Stecken. Vieles bleibt ungesagt. Vieles wird nur angedeutet. Manches jedoch wird offensichtlich. Robert Seethaler stellt sein theologisches Projekt der humanistisch-theologisch geläuterten Melancholie unverfroren vor: Die Menschheit als gefallene Herde, und das Publikum darf sich beruhigt im Sessel zurücklehnen, dem tristen Alltag folgen und den Kopf schütteln, verständnisvoll, denn ja, sie sind ja alle schwach, zu schwach, um der Versuchung zu widerstehen, man selbst vielleicht auch. Nun gut. Literarisch bleibt dabei alles auf der Strecke. Von einer Erzählinstanz keine Spur, und sprachlich dümpelt eine Aussage auf die andere ein.
Geh über belebte Märkte und verlassene Plätze. Setz dich in eine Kirche, auf Parkbänke, in die Bibliothek. Setz dich irgendwohin in der Stille und im Lärm. Schau dir die erleuchteten Auslagen an. Kinder, Frauen, Vögel, Polizisten. Die Schichtarbeiter. Trink noch etwas. Geh weiter, so müde bist du noch nicht.
Eine Zeitung titelt, anlässlich seines neuesten Roman, Robert Seethaler sei der literarische Gott der kleinen Leute. Mit Die Straße unterstreicht er vorzüglich diesen Anspruch. Was das aber mit Literatur zu tun hat, weiß ich nicht. Auf mich wirkt es wie ein frühneuhochzeitliche Erbauungsgebetsstundenbuch.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Namenloser, der ein Antiquariat eröffnet und es ein Jahr später wieder schließt. "sic transit gloria mundi" ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: spielt in der Heidestraße, einer Stadt, in den 1980ern der Bundesrepublik Deutschland. - jemand eröffnet ein Antiquariat, streicht, renoviert, baut Regale, verkauft dann aber nichts, dann gibt es ein Buchwurmbefall, dann verkauft er etwas, muss aber dennoch schließen und verhökert die Bücher, um keine Verluste zu machen - die Nichte der Tante Insa bezieht ihre Wohnung, kümmert sich um den Nachlass, wird der Erbschleicherei beschuldigt - Ein Sanierungsprojekt muss Wohnung räumen lassen. Die Einwohner weigern sich. Manche werden ausgezahlt. Die letzten durch ein Brand gezwungen. - Die Blumenverkäuferin liebt einen Mann, der sie nicht zurückliebt, woraufhin sie sich vergiftet. - Ein Junge schießt Tauben vom Dachgeschossfenster ab. - Ein Jugendlicher prügelt sich andauernd und verletzt einen Polizisten bei einem Straßenfest. - Eine Frau wird beim Duschen heimlich beobachtet; einige rächen sich an ihrer Stelle und schlagen den Voyeur windelweich. - Ein Fall von häuslicher Gewalt, führt aber nicht zur Trennung. - Ein Pfarrer leidet an Demenz und wird ersetzt. Im Pfarrhaus wird Kokain gefunden. - Insassen des Altenheims beklagen sich übers Essen. Der Wärter säuft in der nahen Kneipe, statt aufzupassen. Einer der Insassen entrückt und zeigt den blanken Hintern. Die Sozialarbeiterin des Heims wird Elefant genannt, weil sie so viel mampft. - Es gibt noch eine Bäckerei … etc … ●Kurzfassung: das Auf und Ab innerhalb eines Jahres in der Heidestraße. ●Charaktere: (rund/flach) unklar, zu skizzenhaft ●Überflüssige Szenen/Charaktere: alles nur Staffage ●Besondere Ereignisse/Szenen: die biblische Stelle vom heiligen Jolander ●Diskurs: sehr Diskurse, Emigration, häusliche Gewalt, Religion. … Seethaler kreiert eine Leere, indem er sich auf Dialoge, Rede und Widerrede und innere Monologe konzentriert, kaum beschreibt. So entsteht kein Bild der Straße, nur eines des Gemurmels der Anwohner, die zum Publikum wie zu einem abwesenden Gott sprechen, beichten, sich aussprechen und ausdrücken. Diese Form der Manipulation erleichtert zuerst das Lesen, ermüdet aber auf Dauer. Die Melancholie wird eine Form der Andacht. Die verlorenen Schäfchen hoffen, und sie hoffen auf Gott oder das Publikum. Etwas sehr einfach konstruiert, und ärgerlich in seiner Konsequenz, zumal fast gar nichts geklärt wird. … viel Gewalt (Tauben abschießen, Prügelei, Stechereien, Brandstiftung, häusliche Gewalt), um das Ganze nicht einschlafen zu lassen. Seethaler kreiert ein wenig ein Sodom und Gomorrha, deshalb auch die Heiligengeschichte von Jolander, der Höllenhund Zerberus, und die Erzählung von Lots Töchter. Im Grunde herrscht Mord- und Todschlag, Brandstiftung und Erbschleicherei, und die Angst vor wiederkehrenden Toten, Selbstmordversuche, Ehebruch etc … all dies beichten die Einwohner, und im stoischen Ton gehen sie auch fast alle unter. … hat ein Gebet und Andachtscharakter, keinen wirklich interessanten Plot --> 1 Stern
Form: ●Eindruck: liest sich flüssig und einfach durch die sehr einfache, aber geschickt eingesetzte, illustrative Werbesprache, aber mit kaum pathetischen Stellen, dazu bleibt alles zu fern. Dennoch lässt sich sprachlich nur wegen der Unterkomplexität meckern. ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoch ●Wortschatz/Wortzahl: abwechslungsreich ●Auffälligkeiten: keine, seltsam viel von Schweiß die Rede, Gerüche … ●Innovation: keine --> 3 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: eine unreflektierte, nicht perspektivierte allwissende Erzählinstanz ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch ●Erzählverhalten, -stil, -weise: nüchtern, lakonisch, stoisch, priesterlicher Blick ●Einschätzung: uninteressant, ein wenig wie eine aus dem Ruder gelaufene Muppet Show --> 1-1=0 Sterne
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Rede/Widerrede-Abfolge funktioniert leidlich und lässt einiges interessant bleiben, lebendige Dissonanzen, die aber auf Dauer wenig stimulierend wirken, ein paar gute innere Monologe, aber zu wenig Tiefenschärfe, zu wenig Konturen der Figuren, um interessante Wechselwirkungen zu erlauben, zu oberflächlich. Die Idee des Textes liegt darin, eine Szene anzudeuten, viele Informationen auszulassen, sie aber in der nächsten oder übernächsten Szene zu geben, aufzulösen. ●Signal/Noise-Ratio: alles Noise ●Operative Geschlossenheit: Sünde/Vergebung/Hölle ●Rahmenstabilisierende Details: das Antiquariat, das öffnet und schließt, zwischen zwei Straßenfesten, die jeweils zu wenig Schutzpersonal besitzen (Polizisten sind wohl rar). ●Extradiegetische Abschnitte: keine ●Lose Versatzstücke: es gibt keine Bindung also auch keine losen Versatzstücke ●Reliefbildung: kaum, höchstens durch das Ansprechen von einer Sache, das Gegensprechen, eine Art Dialog ohne Dialog, d.h. jemand redet von einem Unfall, im nächsten Absatz redet jemand über die Schuld, und was beim Unfall passiert ist, stets wiederkehrend als Komposition. ●Einschätzung: von der Leseleichtigkeit extrem geschmeidig, aber unergiebig auf Dauer. Ein Extrapunkt dafür, dass es sich wenigstens um genau ein Jahr handelt, es einen leidlichen roten Faden und Rahmen gibt, und nicht alles ins Leere läuft. --> 2 Sterne
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: - Eindrücke: ein gewisser Raum entsteht durch die Polyphone, eine gewisse Leerstelle inmitten der Erzählungen und kleinen Anekdoten, etwas Strukturelles. Leitfaden momentan die Aufkäufe und Verkäufe der Immobilien, die Angebote an die Bewohner, die sich aber der Modernisierung verweigern, weil sie dort schon immer gewohnt haben. Zudem das Antiquariat, frisch eröffnet, hat schwerlich begonnen, nach dem Winter erste Verkäufe. Dazwischen Schocker: wie die Leichen im Keller von den Sowjets gefunden. Wann spielt es? Anfang der 80er in Wien? Nachkriegszeit länger zurück. Hat eine heißer Sonntagsnachmittag-Stimmung. - Hat etwas von „Tauben im Gras“, Verwirrung, Eintagesfliege der Mensch, seltsame kleine Geschichte, viel Gewalt, tote Tauben, ein sich prügelnder Sohn, Voyeure, ein Fest … - Brandstiftung, Briefe an einen Unbekannten, Elefant, als dicke Sozialarbeiterin. - Rede, Gegenwiderrede, Rede und Antwortspiel funktionieren. - Viel innerer Monolog, Dialog, wenig Beschreibung. - Endlichkeit, viel Religion, Einsamkeit, Verlassenheit, Zeitlichkeit als Eindruck. Leere, Sinnlosigkeit, die Obdachlosigkeit des modernen Menschen, gestaltet in der Anonymität und der Vergeblichkeit der Dinge. Das Antiquariat (die Erinnerungskultur) hat wieder zugemacht. Ein neues Fest beginnt. - Viele Riten für Gott der Leser ist der abwesende Gott, der Zeuge, unangenehme, aber funktionelle Konstruktion, deus absconditus. - Allgegenwärtiger Voyeur – das Theologische insbesondere durch die vielen Symbole der Religion ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, als eine Gebetsmühle und Andacht ●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, realistisch ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, sprachlich gesehen zu simpel ●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, als eine Andachtsform ●ein zweites Mal lesen? nein, hierfür zu lückenhaft, zu wenig Details und Verbindlichkeit … während des Lesens wie eine Hypnose durch die Manipulation, die gegen Ende bewusst wird und mich geärgert hat --> 1 Sterne
„Der Trafikant“ – ein wunderbares Buch, verfilmt noch besser, „Ein Ganzes Leben“ - eine berührende Biographie eines einfachen Menschen, der nur Arbeit und eine Liebe kennt, in „Der letzte Satz“ mit Mahler am Schiff … und jetzt das: Ein Mosaik aus Steinen, die auch zusammengefügt kein Bild ergeben, Wahrnehmungsbruchstücke und Sequenzen, willkürlich oder zufällig aneinandergereiht wie mit der Shuffle-Funktion, ohne Tiefgang. Schicksale und Ereignisse während eines Jahres in einer Straße, wie es Tausende gibt aus einer affektentkoppelten Beobachterposition. Ein enttäuschendes, missglücktes Buch – auch wenn in den Medien natürlich breit und nur zart ambivalent und unaufrichtig beworben – eines vielleicht ausgeschriebenen Schriftstellers. Ein schlechtes Buch bleibt ein schlechtes Buch, auch wenn es aus einer berühmten Feder stammt.
Es gibt keinen klaren Handlungsstrang. Noch weniger als bei Das Feld von Seethaler. Leider etwas enttäuschend. Das war Seethaler sonst ausmacht, die lebhaften Welten, die er mit seinen Worten erschafft, fehlen hier gänzlich.
Für mich ist das Buch eine Paradabeispiel für Stil über Substanz. Sprachlich teilweise wunderschön, aber im Storytelling und Erzählstruktur einfach nichts.
Achtung: Besprechung der Hörbuchfassung (die nicht auf Goodreads zu finden ist)!
Eine Straße, irgendwo zwischen Wien und Berlin, den beiden Wohnorten des Autors. Andreas Platthaus (FAZ) meint, sie in Wien rund um den Karmeliterplatz einordnen zu müssen. Dabei betont Seethaler, die Straße sei "zeit- und ortlos". "Garantiert 300 Figuren" kommen darin vor, sagt er. Ein Wimmelbild, Patchwork aus verschiedenen Genres, aus unterschiedlichen Perspektiven und Erzählsituationen. Seethaler reiht aber nicht beliebig Bausteinchen an Bausteinchen aus dem Setzkasten zu einem Bild der Straße aneinander, sondern komponiert sorgfältig. Viele Motive und Figuren kehren wieder - leicht verwandelt wie die Straße selbst. Vergangenheit erscheint in Statistiken und in unsicheren Erinnerungen der Bewohner (Gab es die Bombentrichter oder nicht?).
Eine durchgehende Handlung entsteht dadurch nicht. Vielmehr vermisst der Autor die Entwicklung und den Stillstand in der Heidestraße innerhalb eines Jahres, von November bis November, von einem Straßenfest zum darauf folgenden. Im Bezirksblatt ist von "spannende[n] Stadtentwicklungsprojekten" und dem "Gemeinwohl" die Rede, wo eigentlich nur die Interessen der Gewerbetreibenden und Immobilienfirmen gemeint sind. Es wird kalt entmietet. Der Anwalt der Betroffenen lässt sich kaufen. Im Altersheim "Haus Abendschein" wird gestorben, gleich darauf werden die Zimmer desinfiziert und die Betten neu bezogen. Die Blumenhändlerin schreibt innige Liebesbriefe und schickt sie nie ab. Der Antiquar bekämpft die Feuchtigkeit und den Brotkäfer, der ausgerechnet die Kulinarikregale seines kleinen Geschäfts im Visier hat, und versucht, dem Untergang seiner Buchhandlung entgegenzuwirken. Ein Ehemann verdächtigt seine Frau des versuchten Giftmords. Der jugendliche Tunichtgut verprügelt einen Polizeischüler ... Es gibt eine Bäckerei, in der getratscht wird, einen Magistrat, eine Kirche, viele Wohnungen, ein Versicherungsbüro, ein Restaurant, eine Kneipe und die sehr geheimnisvolle Statue des Heiligen Jolander (mit der sich Seethaler einen Spaß erlaubt).
Das ganze Leben einer Straße. Seethaler beobachtet genau, aber beschreibt kaum, er lässt seine Figuren selbst sprechen, sich unterhalten, schimpfen, tratschen, offizielle Schreiben verfassen. Eine Straße, irgendwo zwischen Wien und Berlin, den beiden Wohnorten des Autors. Andreas Platthaus (FAZ) meint, sie in Wien rund um den Karmeliterplatz einordnen zu müssen. Dabei betont Seethaler, die Straße sei "zeit- und ortlos". "Garantiert 300 Figuren" kommen darin vor, sagt er. Ein Wimmelbild, Patchwork aus verschiedenen Genres, aus unterschiedlichen Perspektiven und Erzählsituationen. Seethaler reiht aber nicht beliebig Bausteinchen an Bausteinchen aus dem Setzkasten zu einem Bild der Straße aneinander, sondern komponiert sorgfältig. Viele Motive und Figuren kehren wieder - leicht verwandelt wie die Straße selbst. Vergangenheit erscheint in Statistiken und in unsicheren Erinnerungen der Bewohner (Gab es die Bombentrichter oder nicht?).
Eine durchgehende Handlung entsteht dadurch nicht. Vielmehr vermisst der Autor die Entwicklung und den Stillstand in der Heidestraße innerhalb eines Jahres, von November bis November, von einem Straßenfest zum darauf folgenden. Im Bezirksblatt ist von "spannende[n] Stadtentwicklungsprojekten" und dem "Gemeinwohl" die Rede, wo eigentlich nur die Interessen der Gewerbetreibenden und Immobilienfirmen gemeint sind. Es wird kalt entmietet. Der Anwalt der Betroffenen lässt sich kaufen. Im Altersheim "Haus Abendschein" wird gestorben, gleich darauf werden die Zimmer desinfiziert und die Betten neu bezogen. Die Blumenhändlerin schreibt innige Liebesbriefe und schickt sie nie ab. Der Antiquar bekämpft die Feuchtigkeit und den Brotkäfer, der ausgerechnet die Kulinarikregale seines kleinen Geschäfts im Visier hat, und versucht, dem Untergang seiner Buchhandlung entgegenzuwirken. Ein Ehemann verdächtigt seine Frau des versuchten Giftmords. Der jugendliche Tunichtgut verprügelt einen Polizeischüler ... Es gibt eine Bäckerei, in der getratscht wird, einen Magistrat, eine Kirche, viele Wohnungen, ein Versicherungsbüro, ein Restaurant, eine Kneipe und die sehr geheimnisvolle Statue des Heiligen Jolander (mit der sich Seethaler einen Spaß erlaubt).
Das ganze Leben einer Straße. Seethaler beobachtet genau, aber beschreibt kaum, er lässt seine Figuren selbst sprechen, sich unterhalten, schimpfen, tratschen, offizielle Schreiben verfassen. Im Widerstand gegen die Immobilienhaie tritt der Zusammenhalt der Bürger zutage. In den vielen Gesprächen und Monologen wird aber auch die Hilflosigkeit der Bewohner erkennbar, ihr Umgang mit den Nachbarn, der Alltagsrassismus, die Misogynie, die Naivität und die Einsamkeit.
Der Autor entwirft ein Spiegelbild des Alltags, nicht unähnlich der Lyrik von W. C. Williams, den er mit einer Pastiche würdigt. Bei Williams heißt es:
I have eaten/the plums/that were in/the icebox/and which/you were probably/saving/for breakfast/Forgive me/they were delicious/so sweet/and so cold.
Seethaler lässt eine namenlose Figur sprechen oder schreiben: "Ich habe das letzte Stück Kuchen aus der Vitrine gegessen. Ich weiß, du hattest dich schon darauf gefreut. Verzeih mir, es war so gut. Außen knusprig und innen ganz weich."
In einer kurzen Szene rät der Coach eines Literatur-Workshops einer Teilnehmerin: "Wenn es eine gute Geschichte werden soll, muss sie eine innere Wahrheit offenbaren." Vielleicht ist das an der Stelle als ironischer Seitenhieb gemeint, richtig bleibt der Satz aber trotzdem. Und der gilt auch für Seethalers Buch.
Ich habe das Hörbuch gern gehört, auch wenn ich mir vorstellen könnte, dass eine Kürzung dem Buch gut getan hätte.
Matthias Brandt, ein Freund des Autors, liest den Text sehr gut, so, wie der Autor sich das wünscht. Der lehnt des "gefühlige" Lesen ab. Brandt liest wirkungsvoll und abwechslungsreich - je nach Figur oder Textsorte.
An mehreren Stellen fühlte ich mich an Veza Canettis Roman "Die gelbe Straße" (Besprechung hier) erinnert, dem Porträt einer Gesellschaft der Namenlosen. Im Gegensatz zu Seethaler erzählt sie über ihre Straße noch kleine Geschichten. Hier gibt es nur mehr Augenblicke. Identifikation ist bei beiden Erzählungen schwierig.
Hörenswert auch: das Gespräch und die Lesung in Berlin im Rahmen der "Schönen Lesung" des rbb, die online abrufbar ist.
Robert Seethaler erzählt in „Die Straße“ keine klassische Geschichte mit klarer Handlung oder einem großen Höhepunkt. Stattdessen begleitet man die Menschen einer Straße durch viele kleine Szenen, Gedanken und Begegnungen. Genau das macht den Roman aber so besonders. Die Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, kreuzen sich zufällig oder bleiben einander trotzdem fremd, obwohl sie Tür an Tür leben. Daraus entsteht ein sehr stilles, aber erstaunlich intensives Bild vom Alltag und vom menschlichen Zusammenleben.
Mich hat vor allem beeindruckt, wie genau Seethaler auf seine Figuren schaut. Da gibt es einsame Menschen, verbitterte Menschen, solche voller Sehnsucht oder mit der Angst, dass sich im Leben nichts mehr ändern wird. Manche Episoden haben mich sofort getroffen, andere wirkten zunächst unscheinbar und haben erst später nachgewirkt. Gerade diese Mischung fühlt sich aber ehrlich an, weil eben auch im echten Leben nicht jede Begegnung gleich bedeutend erscheint.
Der Schreibstil ist extrem reduziert. Teilweise bestehen die Abschnitte nur aus wenigen Zeilen oder kurzen Gesprächen. Man muss sich darauf einlassen und am Anfang etwas Geduld haben. Wenn man jedoch einmal in diesen Rhythmus hineingefunden hat, entfaltet das Buch eine ganz eigene Atmosphäre. Seethaler schafft es mit erstaunlich wenigen Worten, Bilder und Stimmungen entstehen zu lassen, die lange im Kopf bleiben.
Besonders gelungen fand ich dann doch die fragmentarische Struktur. Das Buch liest sich fast wie eine Ansammlung aus Beobachtungen, Erinnerungen und Gesprächsfetzen. Vieles bleibt offen oder wird nur angedeutet. Dadurch wirkt die Straße lebendig und gleichzeitig auch bedrückend. Einsamkeit, Verlust und verpasste Chancen ziehen sich durch viele Geschichten. Trotzdem gibt es zwischendurch immer wieder kleine Momente von Wärme oder Hoffnung.
Wer Spannung oder eine durchgehende Handlung erwartet, wird mit diesem Roman vermutlich wenig anfangen können. Wer aber ruhige, genaue Beobachtungen von Menschen mag und Freude an leisen Zwischentönen hat, sollte „Die Straße“ unbedingt lesen.
Das Buch "Die Straße" von Robert Seethaler handelt von der Heidestraße und den Gedanken der Bewohner sowie den Ereignissen in der Straße im Laufe eines Jahres.
In kurzen Sequenzen, die in schneller Reihenfolge erzählt werden, erhalten wir Einblicke in die Gedanken, Sehnsüchte und Gefühle vieler meist namenloser Bewohner sowohl zu ihrem persönlichen Leben, als auch zu den Ereignissen, die in der Straße stattfinden und zu deren Bewohnern. In der Straße befinden sich neben Wohnhäusern auch der Einzelhandel wie bspw. ein Antiquariat, die Gastronomie, ein Alten- und Pflegeheim, eine Polizeistation und die Stadtverwaltung. Auch an dem Hauptereignis, dem jährlichen Straßenfest, das seit 30 Jahren gefeiert wird, lässt uns der Autor teilhaben. Zunächst zusammenhangslos ergeben die Sequenzen nach und nach einen Sinn und ein Gesamtbild der Straße mit städtischem Flair ohne Verkehrslärm, dafür mit traditionellem Einzelhandel, uriger Gastronomie und einer vielfältigen Nachbarschaft.
Das Buch ist wirklich ungewöhnlich und die kurzen Sequenzen, die erst nach und nach ein Bild ergeben, waren für mich sehr gewöhnungsbedürftig. Gut gefallen hat mir die Vielfalt der Personen und Perspektiven sowie die feine Gesellschaftskritik, die im Roman geübt wird. Es geht neben dem Banalen, Alltäglichen auch um ernste Themen wie Obdachlosigkeit, steigende Kosten für Lebensmittel, Vorurteile ggü. Asylbewerbern, Älterwerden und viele weitere Themen. Dem Autor ist es gelungen, dort feine Nadelstiche zu setzen und zum Nachdenken anzuregen.
Der Schreibstil ist flüssig und das Buch liest sich wie eine Beschreibung von Beobachtungen und Gedanken. Manche Sequenzen haben mich berührt, manche auch traurig und wütend gemacht.
Insgesamt war mir das Buch zu unzusammenhängend und daher auch anstrengend zu lesen. Mich konnte das Buch leider nicht begeistern und überzeugen. Allerdings erkenne ich an, dass der Autor wirklich ein außergewöhnliches Werk geschaffen hat, das Leser begeistern kann, die sich mit den kurzen Sequenzen und dem Schreibstil anfreunden können.
Mosaik Eine Straße wie sie es viele gibt, in Deutschland, Österreich, wahrscheinlich überall auf der Welt. Sie ist für alle, die dort nicht wohnen unbedeutend. Für alle die dort Leben ist sie das Zentrum der Welt, bis sie halt woanders hingehen. Viele urbane Probleme werden in diesem Episodenroman angesprochen. Allem voran die Gentrifizierung. Ein Haus soll abgerissen werden, dort soll etwas ganz Neues entstehen. Für die Mieter ist es aber das Ende ihres bisherigen Lebens. Sie sollen alle ausziehen und werden mit allen Mitteln dazu gebracht. Dann gibt es das Altersheim. Die dortigen Bewohner haben ganz andere Probleme. Das Alter, Krankheiten, fehelende soziale Kontakte, nicht so nettes oder sehr nettes Pflegepersonal. Dazu passen die Tagesberichte der Heimleiterin: sachlich, ganz auf Fakten konzentriert. Der Tod ist nur ein Abgang. Der Mann, der seinen Lebenstraum erfüllt: ein Antiquariat zu eröffnen. Unglaublich, mit welchen Schwierigkeiten er zurechtkommen muss. Dann ist da die sehr unglücklich verliebte Floristin, die Mutter, deren Sohn gewalttätig ist. Die Bäckerin, weitere Bewohner der Straße. Unglaublich viel Personal führt Seethaler ein. Die Perspektive wechselt manchmal mehrmals auf einer Seite. Es gibt keine Kapitel, keine Überschriften, keine Orientierung. Nur, meist kurze Abschnitte, die eine Situation beschreiben. Erst langsam wurde aus diesen Mosaikstückchen für mich ein Bild. Und es bleibt unvollständig. Ich habe mich sehr auf das Buch gefreut, doch es hat mich ein wenig enttäuscht. Ein wenig mehr Führung durch den Autor hätte meinem Lesefluss gutgetan. Es dauerte lange, bis ich die Stimmen auseinanderhalten konnte. Das fiel mir in seinem Roman Das Feld viel leichter. Dabei ist es nicht langweilig. Es passieren recht dramatische Dinge: es gibt Tote, einen Brand und weitere, nur angerissene Dramen, Das Leben in der Straße geht immer weiter, auch wenn die Bewohner wechseln.
Ich weiß gar nicht warum ich jedes Mal so euphorisch bin, sobald es einen neuen Roman von Robert Seethaler gibt. Ich glaube, es liegt an dieser Vielschichtigkeit von Perspektiven, die mich bereits bei Das Feld oder Das Café ohne Namen fasziniert hat, die mich immer wieder aufhorchen und hoffen lässt, dass der neue Roman und dessen Setting mich mal wieder so richtig abholt. Doch wenn ich ehrlich bin, geschah das bei den letzten Romanen immer seltener. Der Trafikant und Ein ganzes Leben habe ich noch immer gern im Regal stehen, alle anderen sind bereits ausgezogen. Und auch Die Straße wird es ihnen gleich tun, zu sprunghaft, teils zu griesgrämig, mürrisch wirkte dieser Text auf mich. Es geht in diesem Buch, wie der Titel es bereits verrät; um eine Straße und ihre Bewohner, um die Veränderungen und die Feste in der Heidestraße.
"Mit diesem heutigen Tage knüpfen wir an eine schöne Tradition an und feiern die dreißigste Ausgabe unseres Heidestraßenfestes. Wie immer haben das Komitee und ich ein buntes Potpourri bestehend aus Spaß, Leibesgenüssen, Musik und Kinderunterhaltung zusammengestellt, und ich darf wohl die Freude aller Beteiligten darüber ausdrücken, dass sich die wochenlangen Vorbereitungen gelohnt haben und es nun endlich ans Feiern geht, Das Motto in diesem Jahr lautet >Unsere Straße blüht<..."
Und ja, irgendwie hätte ich mich wirklich über so ein buntes, bereicherndes und blühendes Potpourri des Aufbruchs gefreut, hätte gern alle Bewohner und Geschäfte kennengelernt, neue Eindrücke über diese Gemeinschaft verschiedenster Menschen mit unterschiedlichsten Träumen, Hoffnungen und Zielen gewonnen, den Wandel erlebt, aber irgendwie sprang der Funke einfach nicht über. Was zu Anfang noch ganz nett wirkte, nervte mich bereits ab der 40. Seite und mit jeder weiteren Passage machte sich nur noch mehr Grummeligkeit breit, sodass ich recht schnell nur noch gelangweilt quergelesen und dann das Buch abgebrochen habe. Irgendwie schade, aber... ach, ne.
Nachdem mir sein Buch ‘Das Café ohne Namen’ sehr gut gefallen hat, war ich neugierig auf sein neuestes Werk.
Die Synopsis hört sich interessant an.
Anfangs fehlte mir aber der rote Faden, und vor allem der Überblick.
Ich wusste nie, wer gerade erzählt, wer was macht, oder wer zu wem gehört. Zuerst scheint es eine Aneinanderreihung unzusammenhängender Ereignisse und Gedanken unzusammenhängender Personen zu sein, die alle in derselben Straße leben….
Nach ca einem Viertel des Buches schälen sich langsam verschiedene Personen heraus, deren Gedanken oder Aussagen wir folgen können. Matthias Brandt liest sehr schön, aber ich denke, es wäre hilfreich gewesen die Personen durch Modulation der Stimme besser zu unterscheiden. Sie hören sich leider alle gleich an, was es verwirrend macht, aber mit der Zeit erkennt man verschiedene Personen an ihren Aussagen. Namen werden praktisch nicht genannt, nur die eine oder andere Frau, um die sich Männerfantasien drehen, bekommt einen Namen.
Die Sprache ist wunderschön, die Geschichte sehr facettenreich.
Es wird alles angesprochen: Vorurteile, Einsamkeit, Alter, Armut, Alkoholismus, Xenophobie, Glauben, Profitsucht, (häusliche) Gewalt, Behördenwillkür, Krankheit, unerwiderte Liebe — es ist wirklich erstaunlich, wie viel Robert Seethaler in diese insgesamt doch recht kurze Geschichte packt, und alles lediglich wiedergegeben durch Schnipsel von Unterhaltungen der verschiedenen Protagonist/in/en.
Ich habe zwar ein bisschen gebraucht um folgen zu können, aber dann wollte ich den Roman unbedingt zu ende hören.
Eine weitere großartige Geschichte die Stoff zum Nachdenken gibt.
Vielen Dank an #HörbuchHamburg via #Netgalley für mein #Rezensionsexemplar!
Im Fokus dieses Romans steht die Heidestraße, auf der sich neben Wohnhäusern auch Bäcker, Fleischer, Blumenladen, Restaurant, Kneipe, Magistrat, Altenheim und eine ungewöhnliche Statue befinden. Wir begleiten verschiedene Menschen (Bewohner, Ladeninhaber, Bewohner des Heims und vermutlich auch Passanten) ein Jahr lang von Herbst bis Herbst. In dieser Zeit gibt es Um- und Wegzüge, Läden, die schließen, gestartete und beendete Affären, Entlassungen und andere Ereignisse. Es handelt sich jedoch um keine lineare Erzählung, wie man sie kennt. Vielmehr werden in diesem Werk kurze Textfragmente ohne weitere Erklärungen aneinander gereiht. Kapitel gibt es nicht, sodass man quasi durch die Texte und Seiten fliegt und erst am Ende merkt, was die Straße alles erlebt bzw. man als Leser alles erfahren hat. Die Fragmente sind Dialoge, Briefe, Gedanken, Mails, Wortfetzen, manchmal aufeinanderfolgend zum gleichen Thema, manchmal unabhängig. Stück für Stück ergeben sich so einige Zusammenhänge, auch durch wiederkehrende Perspektiven, die man miteinander verknüpfen kann. Bei einigen Texten ist mir dies jedoch nicht gelungen. Hier weiß ich nicht, ob es an mir lag oder es Absicht und stilistisches Mittel ist. Es liest sich ein bisschen als würde man durch eine Straße laufen und nur Bruchstücke mitbekommen, ohne zu wissen, wie es den jeweiligen Personen vor oder nach dieser Szene geht. Oder als würde man auf dieser Straße leben und einige Nachbarn gut, andere kaum kennenlernen und nichts zu wissen zu ihrer Vorgeschichte oder ab dem Zeitpunkt, an dem sie wegziehen. Wirklich ein außergewöhnliches Konzept, was mir nach anfänglicher Gewöhnungsphase viel Spaß gemacht hat.
Die Straße ist das neue Buch von Robert Seethaler. In seinem Roman porträtiert er eine Straße irgendwo in einer Großstadt (Berlin? Wien?). Nicht mittendrin aber auch nicht außen dran. Irgendwo versteckt und doch tauchen auch mal Fremde in dieser Straße auf. Einzelne Fragmente, Geschichten und Leben die sich der Leser erst langsam erarbeiten muss. Von Menschen die in dieser Straße leben, arbeiten, flanieren, lieben, sterben oder was man sonst so in einer solchen Straße so macht. Und kaum hat man den Verdacht, man hat den Fadenanfang gefunden, löst er sich auch schon wieder auf.
Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte und einige Rezensionen, hatte ich das Bedürfnis dieses Buch zu lesen. Aber was mich erwartete, hat mich einfach nicht abgeholt. Ich fand es anstrengend den einzelnen Figuren, die man nicht einmal richtig kennenlernt, zu folgen. Deren Ambitionen, aus dem Moment gerissenen Situationen zu verstehen. Eben liest man noch von dem Mann, der sich ein Bücherantiquariat einrichtet dann wieder von einer unglücklichen Blumenfrau. Es sollen wohl 300 verschiedene Charaktere in diesem Sammelsurium vorkommen. Irgendwo habe ich gelesen: ein Wimmelbild für Erwachsene. Mag sein, dass mich ein Bild mehr abgeholt hätte als dieses Buch.
Es kommt nicht oft vor, dass ich ein Buch abbreche, aber hier schwirrte mir einfach mal der Kopf. Ich habe mich nicht mehr zurechtgefunden. Dabei hat Seethaler eine recht amüsante Art zu schreiben. Ich mag seinen Schreibstil aber in diesem Buch hatte ich das Gefühl ihm fiel eine Figur ein, dann wurde ein Text dazu geschrieben, manchmal eine kurze Rückkehr und schwupps war wieder ein neuer Charakter geboren, eine neue Idee aufzuschreiben. Ein Puzzle das ich nicht zusammensetzen konnte.
Robert Seethaler versammelt in „Die Straße“ die Geschichten ganz unterschiedlicher Menschen, die alle in derselben unscheinbaren Straße leben. In kurzen Episoden erzählt er von Sehnsucht, Einsamkeit, Liebe, Wut, Hoffnung und Verlust und zeichnet so ein Mosaik des Lebens, dessen einzelne Schicksale sich immer wieder berühren.
Das Grundkonzept des Romans hat mir sehr gut gefallen. Die Idee, eine Straße und ihre Bewohner in vielen kleinen Ausschnitten zu porträtieren bietet viele interessante Perspektiven. Durch die vielen kurzen Kapitel und die knapp über 200 Seiten liest sich das Buch zudem sehr schnell und kurzweilig.
Der Aufbau ist allerdings auch eine kleine Herausforderung. Die Erzählung springt zwischen zahlreichen Figuren und Handlungssträngen hin und her ohne die Personen direkt zu benennen. Dadurch musste ich mich immer wieder neu orientieren, wer gerade im Mittelpunkt steht. Manche Erzählstränge fand ich dabei deutlich spannender als andere.
Trotz des spannenden Grundkonzepts blieb für mich vieles zu oberflächlich. Da die Geschichte so viele Menschen begleitet, erhält keiner der Handlungsstränge wirklich viel Raum. Die Figuren bleiben dadurch oft schwer greifbar und wirken eher anonym, sodass bei mir keinerlei emotionale Bindung entstanden ist.
Was mir hingegen sehr gefallen hat, sind die klugen Beobachtungen und die poetischen Sätze, die Robert Seethaler immer wieder einstreut. Mehrmals habe ich Passagen markiert.
Alles in allem ist „Die Straße“ ein ungewöhnlich aufgebauter Roman mit einer interessanten Idee. Ganz warm geworden bin ich mit dem Buch allerdings nicht, weil mir bei den Figuren und ihren Geschichten etwas Tiefe gefehlt hat.
Mit "Die Straße" erzählt Robert Seethaler vom Alltag einer ganz normalen Wohn- und Geschäftsstraße. Über den Zeitraum eines Jahres begleiten wir die Straße und ihre Bewohner, mal länger, mal nur für einen kurzen Moment. Manche Figuren tauchen immer wieder auf, andere verschwinden nach wenigen Seiten wieder.
Die Form des Romans ist dabei wirklich besonders und sicher nicht für jeden etwas. Deshalb würde ich empfehlen, vorher auf jeden Fall eine Leseprobe zu lesen. Das Buch besteht nicht aus einem klassischen Fließtext, sondern eher aus vielen einzelnen Teilen: Gesprächsfetzen, Monologen, Briefen, Bekanntmachungen und kurzen Szenen. Nach und nach setzt sich daraus ein Gesamtbild zusammen, fast wie ein Mosaik. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, selbst durch die Straße zu laufen und überall kleine Eindrücke aufzuschnappen.
Am Anfang fand ich das richtig toll und musste oft über die Bewohner schmunzeln. Mit der Zeit hat mich das Buch allerdings ein wenig verloren. Ich kann gar nicht genau sagen, woran es lag oder ab welchem Punkt es passiert ist, aber irgendwann hat mich die Geschichte emotional nicht mehr ganz so erreicht wie zu Beginn.
Trotzdem mochte ich die besondere Idee und die Atmosphäre des Buches. Ich habe auch mal kurz in das Hörbuch reingehört und kann das sehr empfehlen: Matthias Brandt spricht die vielen unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen wirklich großartig ein.
Insgesamt ein ungewöhnlicher Roman mit interessanter Form und vielen kleinen Beobachtungen über das Leben. 3/5 Sterne