Wir sind glücklich. So glücklich. Die Welt in ihren gleichförmigen Grautönen umgibt uns wie ein Kokon aus Zement. Das Leben ist ein Lächeln. Die Liebe ist eine taubengraue Feder auf dem Herzen. Unsere Nahrung schmeckt wie an all den Tagen zuvor. Wir sind glücklich.
Ich bin wütend. So wütend. Die Welt in ihren tristen Farben treibt mich in die Enge. Das Leben ist ein Schlag in die Fresse. Die Liebe zerreißt mich. Meine Nahrung verrottet wie mein Geist. Ich bin frei.
(Gelesen im Rahmen meiner Jury-Tätigkeit für den SERAPH 2026.)
Wir folgen Johanna, genannt Jo, die nach außen als Ministeriumsmitarbeiterin das vorgeschriebene Glück lebt, auf ihrem Weg in den hasserfüllten Widerstand gegen das System, der sich jedoch nicht so darstellt, wie sie sich das vorgestellt hatte. Die Handlung selbst ist recht geradeheraus: In einem totalitären Überwachungsstaat lehnt sich die Protagonistin gegen das System auf. Wer Orwells 1984 kennt, wird von vielen Punkten eher nicht überrascht werden – ein reiner Abklatsch ist es jedoch keineswegs. Der Fokus liegt weniger auf dem Geschehen als auf Jos innerer Entwicklung, die sich unter anderem in ihren destruktiven und sexuellen Fantasien und Handlungen äußert.
Das Setting ist wie gesagt in Grundzügen angelehnt an Orwells 1984. Parallelen wie die gleichgeschalteten Medien, die angestrebte totale Kontrolle über das Denken und Handeln der Menschen, der gezielte Einsatz von öffentlichen „Staatsfeinden“ und eine Big-Brother-artige Figur sind offenkundig.
Orwells Fokus liegt allerdings auf der allumfassenden Kontrolle und Überwachung der Menschen von außen. Hells Fokus hingegen liegt auf der vom System beförderten Selbstkontrolle und -überwachung, mit der sich die Menschen im System halten. Jo strebt daher nicht nach der Befreiung der Gesellschaft, sondern rücksichtslos nach ihrer eigenen – auch das ein Akt des Widerstands in einem System, das die Gesellschaft radikal vor den Einzelnen stellt.
Der größere Teil der Geschichte wird aus Jos Perspektive erzählt. Im späteren Verlauf der Handlung kommt die Sichtweise von Rene hinzu, einer systemtreuen Staatsdienerin, die versucht, Jo zu überführen.
Jos Gedankenwelt wird dominiert von unterdrückten Emotionen und Bedürfnissen, die sich in obszönen und brutalen (meist sexuellen) Fantasien äußern. Interessant fand ich die Entwicklung ihrer Gedankenwelt. Je weiter Jo sich selbst aus dem System befreit zu haben meint, desto mehr Raum haben Überlegungen abseits von Zerstörungsfantasien. Und nachdem sie brutal aus ihren Träumereien in die Realität geholt wird, wandeln sich ihre sexuellen Fantasien von submissiv zu dominierend. Jo ergreift die Aktion und wird selbst zum Staatsfeind – und damit wieder zum Teil des Systems aus dem sie sich befreien wollte.
Rene bietet einen interessanten Kontrast zu Jo, denn sie profitiert vom System und ist tatsächlich zufrieden mit ihrer Situation. Obwohl Rene und Jo scheinbar auf unterschiedlichen Seiten stehen, gibt es Parallelen in ihrer Entwicklung. Auch wenn Rene entschieden der uninteressantere der beiden Charaktere ist, eröffnen ihre Kontrastierung und ihre gegensätzlichen Einblicke in dasselbe System interessante Fragen über die Einschätzung des Geschehens.
Sprachlich ist das Buch ein Stakkato an Hauptsätzen und Ellipsen unter umfangreicher Nutzung von Vulgärsprache. Beides sehr gekonnt und passend zum Inhalt eingesetzt – das Ergebnis ist ein expressionistischer Stil, der, nachdem man sich in den ungewohnten Rhythmus der Sprache eingelesen hat, unter die Haut geht und einem die Erlebniswelt der Protagonistin unangenehm nah bringt.
Das Buch war für mich rein sprachlich kein Pageturner und die starke Anlehnung an Orwell hat für mich die Spannung ein wenig rausgenommen. Aber die Handlung ist konsequent aufgebaut und die Figuren werden von der Autorin schonungslos hindurchgejagt. Die entstehende Mischung aus Katharsis und Beklemmung hat mich gefesselt.
Ein grundlegendes Problem hatte ich beim Lesen: Ich habe das Buch, weil ich die Autorin nicht kannte, unter der Annahme gelesen, dass es sich um eine Dystopie mit Horrorelementen handele – tatsächlich ist es ein Horrorbuch mit dystopischem Setting. Der Horror verbindet Schock und Ekel einerseits mit sozialem Horror auf der anderen Seite. Tatsächlich eine Mischung, die mir sehr unter die Haut ging und das leider nicht immer auf eine angenehme Art.
Die Menge an ausführlich thematisierten Fetischen, die ich nicht teile, war mir definitiv zu hoch. Ich war mir bis zum Schluss nicht sicher, was das Buch eigentlich in mir auslösen wollte: Ekel? Erregung? Wut? Vielleicht war auch die verstörte Verwirrung, mit der es mich zurückließ, der intendierte Effekt? Ich meine mich zu entsinnen, dass solche Fetisch-Gewaltdingense ein eigenes Horrorgenre sind. Sowas ist nicht mein Fall. So gut wie jedes Element, das in den ausufernden Content Notes erwähnt wird, taucht in einem sexualisierten Kontext auf – eine Info, die ich gern vor der Lektüre gehabt hätte, um mich wenigstens darauf einstellen zu können.
Ich möchte nämlich eigentlich nicht lesen, Danke für die Einblicke, aber … nein.
Allgemein hatte ich nach der Lektüre das Gefühl, dringend duschen zu müssen. Und ein Glas Gehirnbleiche wäre auch ganz nett, denn all diese Bilder – und das Buch ist wirklich sehr eindrücklich geschrieben – leben jetzt mietfrei in meinem Kopf. D:
Also: Definitiv kein schlechtes Buch für Fans des Genres. Ich war nur das völlig falsche Zielpublikum. Daher keine Sternebewertung - ich wüsste ehrlich nicht, was ich hier eigentlich bewerte. Für eine kundigere Rezension schaut da vorbei: https://www.deutschelovecraftgesellsc...
Faye Hell kennt man zuerst als Autorin von ebenso klugem wie hartem Horror. In Destruktion wird der Horror durch eine sterile Dystopie ersetzt. Abgesehen von kurzen Szenen bleiben Gewalt und andere Elemente des klassischen Horrors aus. Das Grauen kommt hier in Form einer Glücklichkeitsdiktatur: perfekte Partner*innenwahl durch unfehlbare Voraussehung, ruhige Gelassenheit als Staatsdoktrin und tägliche Danke-Gedanken. Durchbrochen wird das freudige Stahlbad nur durch den puren Hass von Titus, der dem Verdrängten eine brutale Stimme verschafft. Inmitten dieses Korsetts findet sich Jo wieder, die im Glücksministerium Glücksmomente sortiert. In sich drin verspürt sie jedoch unstillbaren Hass und ein noch unstillbareres, masochistisches sexuelles Verlangen sowie den Reiz an den letzten Spuren einer verdrängten Vorgeschichte.
Fayes neuester Roman ist gewohnt brillant. Mit ungemein starker Stimme und schneidender Sprache verschwendet sie keine Silbe. Sprache und Plot zielen durchweg auf den wunden Punkt und nehmen keine Rücksicht auf Verluste. Die Dystopie ist konsequent entwickelt und regt zahlreiche Fragen nach unserer menschlichen Natur an. Dabei bleibt sie jedoch für meinen Geschmack etwas zu steril. Statt stimmungsvollem Kinofilm gibt es hier eher eine Theatervorführung. Orte bleiben unbestimmt und konzentrieren sich ganz auf die notwendigen Requisiten; Charaktere sind eher als Archetypen konzipiert, und (innere) Dialoge dominieren die Erzählweise. Wichtiger als der Weltenbau ist die Funktion der Herrschaftsstruktur, deren Genese und innere Kohärenz hinter ihrer Funktion für das Schauspiel zurückfällt. Das geschieht durchweg stark bis genial, aber mir fehlt die Immersion und das Detailreichtum des „Letzten Traums“. Auch die sexuelle Dimension wird mir diesmal nicht ganz klar. War Jacob Toad aus dem „Zeitalter der Kröte“ die totale Enthemmung, die das Regime braucht, um zu funktionieren, ist Titus’ permanente Machtgeilheit nur mehr eine Chiffre für die dunkle Seite von Glück und Befriedigung. Damit fehlt mir das i-Tüpfelchen eines Ausnahmeromans, den ich nichtsdestotrotz zu den stärksten der kontemporären deutschsprachigen horroresken Literatur zähle. Faye Hell bleibt eine Naturgewalt – auch ohne Body Horror!
Bei Destruktion von Faye Hell ist der Titel Programm. Sie erzählt darin von der glücklichsten aller Welten und dem Recht, unglücklich sein zu dürfen.
Jo lebt in der glücklichsten aller Welten. Jedem geht es gut, alle sind glücklich. Man braucht sich über nichts mehr Sorgen machen. Alles Negative, alles was unglücklich macht, ist verboten. Die Welt außerhalb der Megastädten ist längst den Bach runter gegangen und im wahrsten Sinne verbrannte Erde, doch in den Städten kümmert das niemanden mehr. Denn jedem Bewohner wird beigebracht, glücklich zu sein. Die Welt ist scheinbar zu einem friedlichen Ort geworden. Doch zu welchem Preis? Jo erkennt in sich immer mehr das Potenzial negativer Gefühle, von Hass und dem Recht darauf hin und wieder auch mal unglücklich und wütend sein zu dürfen. Aber wie soll sie diese Gefühle in solch einer Welt ausleben können?
Faye Hell entwirft in Destruktion das Bild einer vermeintlich perfekten neuen Welt. Einer utopischen Welt, in der es kein Leid mehr gibt, kein Unglück, keine Angst. In der alles perfekt ist. Doch schnell wird klar, dass der Mensch oder insbesondere ihre Protagonistin Jo nicht für das absolute Glück und die Perfektion geschaffen ist. Denn eine derartige Existenz führt nicht nur zu Tristesse, sondern auch zu Leid. Destruktion zerstört das Bild einer perfekten Utopie. Es zeigt, dass der Mensch nicht nur eine Seite einer Medaille braucht, sondern beide Seiten, eine Ausgewogenheit, Ausgeglichenheit der Extreme. Denn ein Extrem, egal in welche Richtung, kann zu nichts gutem führen.
Die in Destruktion dargestellte Welt wird von Faye Hell konsequent und eloquent aufgebaut. Ein utopisches Setting, dessen zu Grunde liegende Dystopie langsam und schleichend Einklang in die Handlung findet. Gleichzeitig bedient sich Hell einer wunderbar klaren Sprache. Ein Stil, der so direkt und hart daherkommt, wie ein Schlag in den Magen, und hervorragend zur Geschichte und seiner Protagonistin passt. Aber manchmal auch nahezu lyrisch und einfach nur wunderbar zu lesen ist, dass es einen beeindruckenden Kontrast bildet. Destruktion ist ein starker Aufschrei einer starken Stimme.