Das lang erwartete Debüt von Spiegel-Bestsellerautor Jean-Philippe Kindler
Drei Tage vor der Bundestagswahl 2029 verliert Jonas seinen Vater. Während er mit der Trauer ringt und versucht, seinem kleinen Sohn den Tod des Opas zu erklären, kämpft Estelle im Team von Spitzenkandidatin Sandra Terzinger-Köhn um politischen Einfluss – und gegen die Kälte im Bundestag. Selbst ein Neonazi-Anschlag auf friedliche Demonstrierende ist dort kaum der Rede wert. Jonas und Estelle verbindet indes eine fragile Situationship – intensiv, wenn sie sich sehen, fast wortlos dazwischen. In einer Welt, die immer kälter und rauer wird, suchen sie beide nach Halt – und fragen Was ist, wenn ich dich brauche?
Jean-Philippe Kindler erzählt mit großer Intensität und klarem Blick von Verlust, Verantwortung und der Suche nach Nähe in einer zerrissenen Gesellschaft.
Nachdem ich die schnulzigen, unnötig verschachtelten und mit stilistischen Mitteln überladenen Zitate auf Instagram gesehen hatte, ging ich mit sehr niedrigen Erwartungen an dieses Buch heran. Dennoch lese ich gern immer alles selbst, um mir eine eigene Meinung zu bilden.
Nun finde ich, dass das Buch an sich Potenzial hat und die Story hätte sich toll entwickeln können - das ist aber leider nicht passiert. Es gibt einige Hauptaspekte, die zwar immer aufgegriffen und weiterentwickelt werden, jedoch nicht wirklich ausreichend. Das meiste bleibt trotz kleiner Überraschungen hier und da, sehr vorhersehbar.
Das sind leider alles eher nebensächliche Dinge, denn das Nervigste an diesem Buch ist der Stil. Die Vielzahl an pseudophilosophischen Metaphern und unnötigen Epitheta schreit nach Aufsatz eines bemühten Schülers im Deutsch-Leistungskurs. Ich hoffe ihr checkt, was ich meine. Auf mich wirkt das eher protzig (angeberisch?) und macht das Lesen bzw. Hören extrem nervig.
Zum Ende fiel mir zudem auf, dass sich die Erzählform fast von Satz zu Satz ändert, was zusätzlich verwirrend ist.
All in all, muss ich leider sagen, dass sich mein erster Eindruck bestätigt hat, auch wenn ich mir gewünscht hätte, mich zu irren. Auf eine Sternebewertung verzichte ich allerdings, da ich persönlich nichts unter drei Sternen vergeben möchte – insbesondere nicht bei jüngeren, aufstrebenden Autor*innen.
»schau mal, das hier, das, was wir hier machen, das ist trösten.« «was?«, fragte er. »dass wir uns lieb haben«, sagte ich, und der kleine verstand. er verstand das, was es zu verstehen gibt.
Ein Roman, der mitreißt und bewegt, jedoch nicht zum Eskapismus aus der aktuellen innenpolitischen Realität dient. Es geht um die Tage vor einer (vorgezogenen) Bundestagswahlkampf 2029, fiktiv, Ausgangslage passt aber zu dem, was wir gerade erleben: vermeintlich demokratische Parteien arbeiten mehr oder weniger zusammen, zwar mit rechter Rhetorik und Politik, aber immer noch als (inszenierter) Gegner gilt die AfD. Einblick in politische Strategien einer Bundeskanzlerkanditatin im Berliner Politikkosmos, der nach seinen eigenen Regeln spielt. Regeln, die nicht mit Respekt, Empathie und Solidarität gegenüber jenen verbunden sind, die die Leidtragenden der Politik sind.
Über den Struggle in einer Gesellschaft zu leben, in der Privates politisch ist, geht es darum: wie wollen wir miteinander leben? Wie begegnen wir Menschen, die wir auf der Straße oder im Bus treffen? Wie gehen wir mit unseren Gefühlen um? Wie finden wir einen Umgang, mit all den Diskursen und politischen Konsequenzen, die uns spalten und gegeneinander aufhetzen sollen? Wie können wir uns solidarisieren mit Menschen, die staatliche Gewalt fürchten müssen? In den (liebevoll beschriebenen) Figuren steckt so viel Schmerz und Müdigkeit der letzten Jahre des politischen Kampfes - gleichzeitig sitzt da auch viel Wut, und damit Kraft und Mut sowie Ehrlichkeit und ganz viel Liebe. Kindler zeigt, was es bedeutet, diesen Eigenschaften wieder in sich Raum zu geben, auf Menschen zuzugehen, sich Menschen zu öffnen, den Glauben nicht aufzugeben und sich zusammenzuschließen, als Kollektive, als Gruppen, als sonst was, um sich im Kleinen zu unterstützen und im Großen für eben dieses Leben zu kämpfen.
das berührendste Buch seit langem. Die Passagen über die Trauer um seinen Vater, mit dem er ein so ambivalentes Verhältnis hatte, und die über seinen kleinen Sohn waren so schön zu lesen. Und politisch auch based
Zutiefst berührende Beschreibung der Zwischenräume, zwischen Trauer, Ohnmacht und Distanz in Zeiten der Vereinzelung auf der einen Seite, aber auch Freude, Nähe und Hoffnung durch die Verbindungen, die überall auf den Straßen unter den Menschen lauern, wie immer brüchig oder fragmentiert sie auch sein mögen. Dazu noch so präzise Analyse des politischen Alltags, der gesellschaftlichen Autoritarisierung, aber auch der Möglichkeitsräume des kollektiven Widerstandes und solidarischer Beziehungsweisen. Toll, toll, toll! Und die witzigste Parodie einer Markus Lanz Sendung!
Bin sehr biased, weil ich den joppel lieb, aber die Sprache ist so toll Er spricht Gedanken und Gefühle aus, die ich auch habe, aber nie hätte formulieren können