Ein linker Aktivist kommt ums Leben. Sein Umfeld verdächtigt die Polizei, es kommt zu Demonstrationen und Unruhen, mittendrin: die Partnerin des Aktivisten. Der Tod ihres Freundes wirft die Ich-Erzählerin aus der Bahn, sie zieht sich zurück, ihre Erinnerungen verwischen immer mehr und sie setzt sich jeden Tag aufs Neue aus ihren Einzelteilen zusammen. Sie lässt ihre Freundinnen und Gefährten, die Schwester des Aktivisten, die Polizei, selbst ihre Therapeutin im Ungewissen, ob und was sie vom Geschehen mitbekommen hat.
„so öppis wie d wahrheit“ ist dabei nicht nur ein bewegender Bericht über Polizeigewalt, linke Milieus und das Anderssein, sondern genauso über die Suche nach einer besseren Gesellschaft, die Ambivalenz von Beziehungen und die Schwierigkeit, sich mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen. Wie Olga Lakritz in diesem Mundart-Roman das Private mit dem Politischen verschränkt, ist grosse Erzählkunst.
"min chopf flügt mit em wind devo" und wie mer flügt, mer flügt mit de chräye durch de gfühlswald und setzt sich selber neu zämme. uf de suechi nach erliechterig und hoffnig.
"und sortiere mich neu: i de mitti blibt immer en ort leer. im zentrum blibt immer e lugge, dänk ich: im zentrum isch nüd"
mer flügt mit de sätz mit, wo so bedacht und präzis sind und so treffend und mer verstaht, (sowit mer das überhaupt verstah chan) und mer hets gfühl mer wird eis: mit de truur, mit em himmel, mit de erinnerige. mer isch so nöch. mit de verzwiflig und de wuet und mit em versuech witerzmache.
"und en glasklare himmel, wo eus über d schönheit vo dere wält belügt. en himmel, wo eus s meer in form vo räge bringt, s liecht und d nächt und das ändlose nüt und vögel, wo eus d erinnerige chlauet. wo a ihne umepicket und si ässet."
"mängisch tuet sich det, wo d wörter söttet sitze, e leeri uf: es vakuum, wo mir a de lunge zieht, wo geg s zwerchfell druckt; e leeri, wie e massepanik vo mine bluetkörperli"
"die vereinzelte bulle, wo am rand vo de demo stönd, sind gsichterlos und unmänschlich, sind nöd meh als e hülle us montur, us chleider und waffe; und das söllets ja au si. e unmänschlichi und unpersönlichi chraft, wo dethi tritt, wo au immer s gsetz hizeigt. e ghirnlosi maschine, wo nöd söll dänke, hinterfröge, widerspreche."
Ein linker Aktivist kommt im Dunstkreis einer Demonstration ums Leben. Sein Umfeld hat die Polizei im Verdacht, die Menschen fordern Gerechtigkeit. Mittendrin: seine Exfreundin, die alle im Ungewissen darüber lässt, was sie vom Geschehen mitbekommen hat.
Wie lebt man weiter, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben gerissen wurde? Wenn dieser Tod ungerecht und gewaltsam war? Wenn die Täter weiter unbehelligt ihrer Wege gehen dürfen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Olga Lakritz in «so öppis wie d wahrheit». Sie zeigt die Trauer als schier undurchdringbaren Nebel, der sich über die schmerzhaftesten Erinnerungen legt.
Was nämlich beim letzten Treffen mit ihrem Exfreund passiert ist, weiss die Ich-Erzählerin nicht mehr. Sie weiss nur, dass sie sich seit seinem Tod wie in Einzelteile zersplittert fühlt; dass sie Tag für Tag versucht, sich neu zusammenzufügen – und Tag für Tag scheitert. Von Freunden und Eltern hat sie sich zurückgezogen, nicht einmal von ihrer Psychotherapeutin erwartet sie mehr Hilfe.
Gespräche, Erinnerungsfetzen und Gedanken fügt Lakritz zu einem Gesamtbild zusammen, das zunächst diffus ist, mit der Zeit aber immer klarer wird. Der Roman fokussiert hauptsächlich auf das Innenleben und die überwältigende Trauer der Erzählerin. Die Themen Polizeigewalt und Rassismus rücken – obwohl Ursache für ihr Leid – darum in den Hintergrund; deutlich wird aber, wie das Private und das Politische untrennbar miteinander verbunden sind. Erst zum Schluss wird ausgesprochen, was tatsächlich passiert ist: Der blinde Fleck wird sichtbar.
«so öppis wie d wahrheit» – der erste Mundart-Roman der Autorin – ist im Zürcher Dialekt verfasst, durchzogen von eingedeutschten Wörtern und Satzkonstrukten. Das lässt die Sprache an mancher Stelle bemüht wirken. Authentisch sind wiederum die eingestreuten Anglizismen, wie sie im Alltag gerne verwendet werden. Lesenswert ist das Buch aber auf jeden Fall – thematisch wie formal.
es buäch uf schwizerdütsch - i han gar nöd gwüsst, dass mir das gfehlt hät. it just hits different! d‘gschicht nimmt dä leser mit uf di emotional reis vo dä ich-erzählerin. absoluti lese-empfehlig.