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Ich möchte zurückgehen in der Zeit

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Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach. 
In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf. Ebenso magisch wie magnetisch erzählt sie davon, wie fragil wir uns in unseren Leben einrichten – und zeigt auch, welche Schönheit sich darin verbergen kann.


148 pages, ebook

Published February 25, 2026

25 people are currently reading
264 people want to read

About the author

Judith Hermann

28 books326 followers
Judith Hermann is a German author.

She holds a Masters degree in German and Philosophy and attended the Berliner Journalistenschule, a highly selective professional academy for journalists. During this training she did an internship with the German language newspaper Aufbau in New York.

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28 (18%)
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60 (40%)
3 stars
37 (24%)
2 stars
22 (14%)
1 star
3 (2%)
Displaying 1 - 30 of 31 reviews
Profile Image for Prusseliese.
486 reviews32 followers
March 3, 2026
Wunderschön.
Ich liebe alle Bücher der Autorin.

Hier spürt sie ihrem Großvater nach, den sie nie kennenlernte, aber eigentlich doch sich selbst.
Profile Image for auserlesenes.
372 reviews19 followers
April 13, 2026
Er war ein überzeugter Nationalsozialist. Geboren im Jahr 1904 in Berlin, gestorben 1964. Was hat er als Mitglied der Waffen-SS getan? Was ist darüber hinaus in seinem Leben passiert? Welche Art von Mensch war ihr Großvater? Diesen Fragen will eine Schriftstellerin kurz vor ihrem 50. Geburtstag nachgehen. Sie macht sich auf eine Reise, eine Spurensuche.

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist ein autofiktionales Buch von Judith Hermann.

Darin geht es um eine Suche nach Antworten und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Familie, in der es eine Leerstelle gibt: den seit 60 Jahren verstorbenen Großvater, den die Autorin nie persönlich kennengelernt hat. Erzählt wird in deren Ich-Perspektive. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es zwar viele Parallelen zu Judith Hermann und ihrer Familie gibt, das Buch allerdings auch fiktive, literarische Elemente enthält.

Bei ihrer Mutter beißt die Erzählerin auf Granit. Sie will sich nur an wenig erinnern können, gibt auch auf das penetrante Bedrängen der Tochter hin kaum etwas preis. Somit ist die Erzählerin auf andere Quellen angewiesen. Mit einem Foto vom Juli 1941 im Gepäck, setzt sie sich in den Zug.

Erste Station und der erste Teil des Buches - nach einem kurzen Prolog - ist Radom, eine Kleinstadt in Polen, in der die Autorin im Februar 2024 ankommt. Dort, wo sich von Frühjahr 1941 bis August 1942 ein Ghetto für Juden befand, will sie mehr über ihren Vorfahren erfahren, der damals an diesem Ort gewesen ist. Doch ihr Großvater hat keine dokumentierten oder sichtbaren Spuren in der Stadt hinterlassen.

Deshalb setzt sie ihre Recherche, nach einem kurzen Lesungsstopp in Krakau, in Richtung Italien fort. „Napoli“ heißt daher der zweite Teil des Buches. In der Stadt Neapel und auf dem Land besucht die Erzählerin ihre jüngere Schwester, die als Archäologin zwar von Berufs wegen oft in der Vergangenheit herumstochert und gräbt, gegenüber ihrer eigenen Familiengeschichte aber - wie ihre Mutter - erstaunlich gleichgültig ist.

Überschrieben mit „Tidslomme“, dem dänischen Wort für „Zeittäschen“, folgt ein dritter Teil, der sich nicht direkt mit der Recherche befasst, aber dennoch einen Bezug zum Thema aufweist. Er weitet den Fokus auf interfamiliäres Schweigen aus.

Dass sich das Buch mutig einem Tabu nähert, hat mich an der Lektüre gereizt. Die problematische familiäre Vergangenheit aufzugreifen, ist begrüßenswert und liefert ein interessantes Thema. Doch letztlich ist es vor allem ein Tappen im Dunkeln, ist das Gewicht des Erbes nicht zu beziffern. So dreht sich das Buch mehr um Verdrängung, das Vermeiden von Gedenken und Schuldgefühlen sowie das Misslingen von Aufarbeitung als um neue Erkenntnisse. Zugleich ist es als Kritik an der Erinnerungskultur zu verstehen.

Dass die Recherche der Erzählerin ohne weitere Hinweise bleibt, ist dem Buch nicht anzukreiden. Die Suche ist nach 60 Jahren schließlich ein schwieriges Unterfangen. Dass Leerstellen und offene Fragen bleiben, ist nicht überraschend, sondern glaubwürdig. Dennoch lässt mich die Lektüre enttäuscht zurück. Insbesondere angesichts des Umstands, dass sich das Buch auf seinen knapp 160 Seiten zu viel mit Nebensächlichkeiten, Abschweifungen und belanglosen Details befasst.

In sprachlicher Hinsicht empfinde ich das Buch hingegen als sehr gelungen. Es enthält schöne Metaphern und andere bemerkenswerte Bilder. In den knappen Sätzen schwingt oftmals eine poetische Note mit.

Das stimmungsvolle Covermotiv lässt sich auch im übertragenen Sinne deuten und passt daher auf mehreren Ebenen gut. Auch der Titel ist nachvollziehbar.

Mein Fazit:
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ von Judith Hermann hat meine Erwartungen leider nicht in Gänze erfüllt. Ihr sprachliches Können stellt die Autorin in ihrem autofiktionalen Buch jedoch eindrucksvoll unter Beweis.
Profile Image for Mia.
298 reviews1 follower
April 5, 2026
Ich mag Judith Hermanns Schreibstil, aber leider hat sich mir der Sinn nicht wirklich erschlossen.
Profile Image for Magnolia .
630 reviews4 followers
March 30, 2026
Eine Spurensuche

Auf die Frage, was den Anlass gab, dieses Buch zu schreiben, war Judith Hermanns Antwort, dass sie sich mit der SS-Vergangenheit ihres Großvaters auseinandersetzen wolle. Viel weiß sie nicht, da in der Familie über ihn und sein Leben eher geschwiegen denn gesprochen wurde. Dass er Mitglied der Gestapo und während des Zweiten Weltkriegs im polnischen Radom stationiert war, ist ihr bekannt, also begibt sie sich auf dessen Spuren, fährt in diese polnische Stadt, quartiert sich dort ein.

„In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf.“

Aber - wie sollte das gelingen? Ein schier unmögliches Unterfangen, über einen zu schreiben, dem man selber nie begegnet ist. Von der verräterischen Tätowierung auf seinem linken Arm etwa weiß ihre Mutter zu berichten. Es sind spärliche Infos, die lediglich erkennen lassen, dass er Mitglied der Waffen-SS war. Judith aber will mehr, in Radom liest sie Mitscherlich, liest von der wechselvollen Geschichte dieser Stadt und ja, sie findet ein Foto ihres Großvaters, der auf einem Motorrad der SS sitzt. Und sie lässt wissen, dass sie ihn in keinster Weise lieb hat, ihn eher feindselig bei sich trägt.

Irgendwann dann reist sie weiter über Krakau und Wien zu ihrer Schwester nach Napoli. Diese Tage muten direkt sonnendurchflutet an, fern der Schwere Radoms.

Es ist ein leises Buch, eine Geschichte über das Schweigen einer Familie. Eine Familie, wie es sie unendlich viele gibt. Sollte man dem Vergangenen nachspüren? Um damit abschließen zu können? Dabei sollte man bedenken, dass Leerstellen bleiben, anderes wäre gar nicht möglich.

Es ist Judith Hermanns Buch, sehr persönlich, vielleicht zu persönlich. Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen – aber was hab ich mitgenommen? Diese Frage drängt sich mir unweigerlich auf, zumal ich über den Zweiten Weltkrieg, über die Nationalsozialisten, über die Täter und auch über die Mitläufer und über sie alle, die irgendwie dazwischen waren, viel gelesen habe und noch immer sehr viel darüber wissen möchte. Es ist ein nicht alltäglicher Blickwinkel auf eine Zeit, die nie vergessen werden darf, eine fast private Spurensuche.
Profile Image for Michael Madel.
588 reviews13 followers
April 3, 2026
Ein komplexer und herausfordernder Text über das Erinnern und Vergessen, das Verdrängen und die Sprachlosigkeit zwischen Menschen, selbst wenn sie miteinander leben und aufgewachsen sind.
Judith Hermann erzählt von der Unmöglichkeit, dass zwei Menschen übereinstimmend ein und dieselbe Geschichte und Sache auf die gleiche Art und Weise sehen, wahrnehmen und bewerten können. Denn Ereignisse lassen sich nie erklären und eindeutig bestimmen, sondern immer nur interpretierend verstehen. Und "Jede Interpretation ist eine Interpretation von etwas, das ihr vorausgegangen ist". Dieses hermeneutische Grundproblem wird an den Beispielen des nationalsozialistischen Großvaters, der Irrfahrt der Schwiegereltern der Erzählerin und deren Mutter exemplifiziert.
Die vergessen-verlorenen Zeiten - im Buch mit dem dänischen Wort "Tidslomme" bezeichnet - spiegeln sich in der Amnesie der Mutter, im kurzzeitigen Verschwinden der Schwiegereltern und der rätselhaften und letztendlich unauflösbaren Vergangenheit des Großvaters.
Wer sich etwas Zeit für die Reflexion des Gelesenen nimmt und bereit ist, sich auf den auch sprachlich komplexen, zuweilen unergründlichen und mit vielen Querbezügen arbeitenden Text einzulassen, wird reichlich belohnt.
91 reviews2 followers
February 16, 2026
Nachdenklich

In ihrem neuen Buch macht sich die Autorin auf den Weg nach Radom in Polen, um etwas über ihren Großvater, der bei der SS war und den sie nie kennen gelernt hat, herauszufinden. Ihre Mutter hat ihr kaum etwas über ihn erzählt und sie empfindet dies als eine große Leerstelle in der Familiengeschichte, die sie gerne schließen möchte.

Im Laufe der Recherchen muss sie aber feststellen, dass sie diese Lücke nicht schließen können wird - zu viel wurde vergessen, zu wenige Informationen haben überdauert und zu viel bleibt offen. Dies nimmt sie zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie Erinnerungen in Familien funktionieren und was und wie erinnert wird. Sie reist weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und sinniert darüber, wie sich selbst Geschwister manches erzählen und manches verschweigen.

Insgesamt ein sehr nachdenkliches Buch, in dem man der Autorin auf ihrer Sinnsuche folgen kann und selbst ins Nachdenken gerät, wie Erinnern in der eigenen Familie funktioniert (oder nicht). Nachdenklich und besonnen!

Profile Image for Nadja Beng.
17 reviews1 follower
March 22, 2026
„Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist eine Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. Er hat keine Geschichte, also kam ich keine aus ihm machen.“

Über Leerstellen, Cold Cases, über das Verleugnen und Totschweigen in familiären Gefügen schreibt Judith Herrmann und schreibt doch nicht darüber. Das ist sehr eindrücklich zu lesen und hinterlässt einen doch auf gewisse Weise unbefriedigt.

„Wir alle legen uns immerzu an Orten in Betten, an denen ungeheuerliche Dinge geschehen sind.“
Profile Image for Margarete.
67 reviews2 followers
May 8, 2026
Ich hatte eine kleine Achterbahnfahrt mit dem Buch. Erst war ich recht enttäuscht, weil ich durch den Klappentext die Erwartung hatte, dass die Autorin ihrem Großvater nachforscht, mehr unternimmt, um Fakten über ihn zusammenzutragen. Ich hatte mir eine Art Spurensuche erhofft und die blieb leider aus. Nach und nach wurde dann klar, dass das gar nicht der Anspruch des Buches ist, es stattdessen vielmehr darum geht, wie in der Familie mit Erinnerung und vor allem Leerstellen umgegangen, wie Unausgesprochenes über die Generationen weitergegeben wird und wie sich jede Person im Familiengefüge damit arrangiert und in der scheinbaren Ahnungslosigkeit einrichtet. Das Buch wird dabei vor allem von der so so schönen und schlauen Sprache der Autorin getragen, die klar ist und trotzdem Bilder schafft, die ganz viel transportieren. Für mich ein besonderes Buch!
Profile Image for Janina.
904 reviews82 followers
March 17, 2026
Auf einer langen Autofahrt gelesen und das hat atmosphärisch gepasst, stopp und weiter, stopp und weiter. Definitiv interessant, der Stil hat mich bisschen an Daniel Schreiber erinnert. Titel ist wie eine kleine Gedichtzeile. Es ist so seltsam, wenn man daran denkt, wie viele Leute theoretisch so ein Buch schreiben könnte, in dem sie sich mit Vorfahren auseinandersetzen, die Teil der SS waren. Gruselig.

2,371 reviews14 followers
March 2, 2026
Zum Inhalt:
Die Autorin macht sich in diesem Buch auf die Spuren ihres Großvaters, der für die SS in Polen stationiert war. Ihr Schreiben wird verknüpft mit der immer verleugneten Geschichte und reist zu ihrer Schwester nach Neapel und geht dem Erinnern und Vergessen der nachfolgenden Generationen nach.
Meine Meinung:
Auch wenn es natürlich viele Bücher über den zweiten Weltkrieg gibt und man schon vielfach etwas darüber gelesen hat, hat dieses Buch schon einen besonderen Touch, denn die Autorin gräbt in ihrer Vergangenheit, besser in der ihrer Familie und fragt sich eben auch, in wie weit die Vergangenheit Einfluss auf die nachfolgenden Generationen hat. Dabei werden immer wieder Fragen aufgeworfen, die man sich in Teilen auch selbst stellen kann oder könnte, je nachdem wie man damit umgehen möchte. Wie von der Autorin gewohnt, ist das Buch gut geschrieben und liest sich auch dementsprechend gut.
Fazit:
Sehr interessant
164 reviews
April 21, 2026
Judith Hermann begibt sich auf eine Reise. Diese Reise ist eine Spurensuche mit undeutlicher Spur, ein Vorantasten an Vergangenes, an Ungesagtes, an Nichtkommunikation, an dem, was verschwiegen wird. Erst geht es nach Polen, genauer in den Ort Radom, wo einst Hermanns Großvater als SS-Funktionär stationiert war. Die Gräueltaten, die er verrichtet hat, können nur erahnt werden, es gibt keine eindeutigen Beweise seiner Täterschaft, nur das Unausgesprochene. Hermann versucht in Radom nach Anhaltspunkten, die eine vergangene Existenz des Großvaters aufzeigen, findet dort aber mehr zu sich selbst, spürt die Wirkung der Stadt und die Begegnung mit den dortigen Menschen. Zwischendurch gibt es Telefonate mit der Mutter, die partout keine Fragen über ihren Vater beantworten will, sie weiß nichts mehr, will vermutlich nichts wissen. Hermann drängt und wird doch nicht schlauer.

Schließlich fährt sie zu ihrer Schwester nach Süditalien. Die beiden sind, wenn wir der Autorin glauben, wie Tag und Nacht, ihr Kontakt grundsätzlich kaum vorhanden, eine ständige Genervtheit umgibt sie in der gegenseitigen Kommunikation. Vor allem aber haben sie das Schweigen gemein, das sich scheinbar durch die Familiengeschichte zieht. Über dunkle Dinge, sei es die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft spricht man nicht, schon gar nicht vor den Kindern. Diese Scheuklappen sind symbolisch für den Umgang mit Unangenehmen, erkennt Hermann. Auch wenn sie diesen Schweigenskreislauf durchbrechen will, kommt sie nicht dagegen an. Dafür steht ein Karpfen, gefangen in einem kleinen Becken, der nur im Kreis schwimmen kann, sinnbildlich - ein Bild, eigentlich das einzige Bild, dass sich langfristig von diesem Buch in meinem Kopf festgesetzt hat.

Zum Abschluss folgt das große Finale des Schweigens, nämlich eine kurze Geschichte der Schwiegereltern, die auf Reisen gehen, bei ihrer Sollunterkunft aber nie ankommen. Die Sorge ist groß, man findet Spuren in Polen und plötzlich sind sie wieder da. Und genau: auch darüber wird nie gesprochen.

Ich hatte mir nach dem Lesen des Beschreibungstextes eine andere Geschichte erwartet: eine Spurensuche nach der Wahrheit, der bitteren Vergangenheit des Großvaters und seiner Mittäterschaft. Daweil steht das Schweigen im Mittelpunkt, gerahmt von Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen der Autorin oder der Figur - es ist unklar, was wahr ist und was fiktional. Ich konnte davon nicht alles nachvollziehen und das Buch hinterließ mich ob der differenten Erwartungen enttäuscht, auch wenn man der Autorin ein hervorragendes und einnehmendes Sprachgefühl attestieren muss. Für viele, die dieses Hintreiben der Sprache, das Philosophieren über die Welt und die scharfen Beobachtungen zur Kommunikation, oder vielmehr der Nichtkommunikation, genießen können, ist "Ich wollte zurückgehen in der Zeit" bestimmt ein ansprechender Lesegenuss. Mich hinterlässt das Buch jedoch recht unbeeindruckt.
Profile Image for Isa ◡̈ .
243 reviews44 followers
Review of advance copy
February 16, 2026
»Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen.« (15)

In ihrem neuesten Roman »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« thematisiert die Schriftstellerin Judith Hermann die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Herkunft, den Umgang mit historischer Schuld und Familiendynamiken. Ihr Großvater war in der Zeit des Nationalsozialismus für die SS im Ghetto im polnischen Radom stationiert und entsprechend involviert in die schrecklichen Verbrechen an der Menschheit. In der Familie wird über diesen Großvater nicht gesprochen und somit findet keine Auseinandersetzung statt. Der Roman ist in drei Teile gegliedert, entsprechend der Orte der Auseinandersetzung der Autorin und es handelt sich um eine Innenschau auf den Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Großvater, Erinnerungen und Vergangenheit. Ich habe genau dies sehr vermisst: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Familienperson, die in der NS-Zeit eine aktive Rolle eingenommen hat. Dies ist sicherlich ein anspruchsvolles, literarisches und komplexes Vorhaben, aber es tritt immer weiter in den Hintergrund von familiären Themen und Familiendynamik (zB ungeklärte Schwestern-Konflikte). Damit wird natürlich deutlich, wie das Thema geleugnet wird, aber gerade von einem Roman, der sich dessen annähern will, hätte ich eine kritischere Reflexion erwartet und das ganz konkrete Aufgreifen dessen, was nicht funktioniert.

»Möglicherweise entkommen wir unseren Prägungen nicht, wir landen immer in einem ähnlichen Umfeld, es sei denn, wir gehen entschieden, mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft, dagegen an.« (103)

Zusammenfassend kann ich resümieren: Ich hätte mir hier eine intensivere Auseinandersetzung mit Familiengeschichte, transgenerationalen Weitergabe und der Auseinandersetzung mit den Nachfolgegenerationen gewünscht. Dies hat - aus meiner Perspektive - kaum stattgefunden. Es ist ein Roman, der wichtige Themen berührt, sie offen lässt und damit viel Potential verschenkt. Ich denke hier an die Kritik von z. B. Max Czollek ›Versöhnungstheater‹ und hatte auf Basis des Klappentexts (der Blurb ist übrigens nicht auf dieses Buch bezogen — finde ich auch irreführendes Marketing!) und der Leseprobe einen deutlich anderen Text erwartet.
Profile Image for Christiane Fischer.
559 reviews8 followers
March 8, 2026
ICH MÖCHTE ZURÜCKGEHEN IN DIE ZEIT
Judith Hermann
ET: 25.02.26

Judith Hermann nähert sich in diesem Text ihrer eigenen Familiengeschichte. In diesem Buch folgt sie den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs als SS-Angehöriger im polnischen Radom stationiert war. Über diese Vergangenheit wurde in der Familie nie gesprochen; das Thema blieb ausgespart und hinterließ eine Leerstelle. Auch ihre Mutter kann oder will keine Antworten geben. Ausgangspunkt ihrer Suche ist ein Foto ihres Großvaters aus jener Zeit, aufgenommen in Radom in Polen.

Hermann reist nach Radom, streift durch die Stadt, besucht Orte, hält nach möglichen Spuren Ausschau und bleibt eine Weile dort. Später führt sie der Weg zu ihrer Schwester nach Italien. Dort tritt ein anderes Thema in den Vordergrund: der Tod. Gleichzeitig zeigt sich, dass das Verhältnis der beiden Schwestern angespannt ist.

Leider konnte mich das Buch nicht überzeugen. Über weite Strecken beschreibt die Autorin sehr detailliert ihren Alltag und viele beiläufige Beobachtungen. Ich hatte erwartet, sie auf eine ernsthafte Spurensuche in die Zeit des Nationalsozialismus zu begleiten und mich intensiver mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Stattdessen bleibt der Text für mich erstaunlich oberflächlich. Vieles wirkt lose aneinandergereiht, ohne dass sich daraus eine wirkliche inhaltliche Tiefe entwickelt.

Beim Lesen hatte ich häufig das Gefühl, dass sich die Autorin eher im Beschreiben von Momenten und Stimmungen verliert, anstatt den Fragen nachzugehen, die das Thema eigentlich aufwirft. Dadurch entstand bei mir der Eindruck, dass der Text inhaltlich kaum vorankommt.

Einzig die Sprache von Judith Hermann ist, wie so oft, sehr schön und literarisch. Sie schreibt ruhig, präzise und atmosphärisch.

Fazit:
Für mich bleibt ein sprachlich schönes, aber inhaltlich enttäuschend oberflächliches Buch, das die Möglichkeiten seines Themas kaum nutzt. Leseempfehlung für alle, die seichte Texte mögen und sich an einer sehr schönen, literarischen Sprache erfreuen.

Profile Image for LeserinLu.
372 reviews47 followers
Review of advance copy
February 10, 2026
Mit „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ legt Judith Hermann ein Sachbuch vor, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Es ist keine historische Aufarbeitung im klassischen Sinn, sondern eher ein offenes Nachdenken über Erinnerung, Schweigen und familiäre Leerstellen. Gerade diese Form hat mich sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr angesprochen.

Ausgangspunkt ist das Nachdenken über Hermanns Großvater, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war, wo zahlreiche Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Lange Zeit wurde diese Vergangenheit innerhalb der Familie verdrängt oder verleugnet, auch heute noch von Hermanns Mutter und Schwester. Hermann fährt u.a. nach Polen, kann aber nichts abschließend klären oder erklären. Stattdessen legt sie offen, was sich erzählen lässt und was nicht.

Als Leserin konnte ich diesem Denkprozess sehr gut folgen, gerade weil Hermann nicht versucht, Lücken zu füllen, wo keine verlässlichen Antworten existieren. Besonders gefallen hat mir aber die Sprache. Sie ist klar, ruhig und variantenreich. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist damit ein stilles, nachdenkliches Buch, das nicht belehrt, sondern zum Mitdenken einlädt, um sich auch dem Verdrängten und Verschwiegenen zu nähern.
76 reviews
April 1, 2026
Es ist nicht das Buch, das ich erwartet habe, bei einem Klappentext, der mit dem Satz beginnt "Judith Hermann folgt den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war." Ich war von einer fesselnderen Lektüre ausgegangen, kann aber dennoch nicht sagen, dass mich der Text nicht beeindruckt hätte. Sprachlich formuliert die Autorin auf einem hohen Niveau, manchmal am Rande des Anstrengenden, meist aber sehr souverän, sicher und angenehm. Im Laufe der Handlung, die in drei Abschnitte unterteilt ist, von denen die beiden längeren in Radom und Napoli spielen, erfährt der Leser gar nicht allzu viel Konkretes über den besagten Großvater - die Zeit in Radow ist auch mehr ein introspektiver Lektüreaufenthalt als eine Recherche -, aber über die Familiensituation der Autorin (zentral sind sie selbst, die Schwester sowie die Mutter) in der gegenwärtigen Zeit wie in der Vergangenheit; gut erzählte Einblicke, Erinnerungen, Anekdoten und Reflexionen, die einen flüssigen Text aus einem Guß ergeben - lediglich nicht unbedingt mit der größten Spannung auf die weitere Entwicklung.
14 reviews
March 11, 2026
Zugegebenermaßen habe ich fast schon sehnsüchtig auf Judith Hermanns Buch gewartet, zumal es im Literaturbetrieb auch schon groß angekündigt wurde.
Das Buch ist dreigeteilt: Zunächst geht es darum, dass Judith Hermann der NS-Vergangenheit ihres eigenen Großvaters nachspüren will und daher nach Radom, Polen reist. Dort verbinden sich die Betrachtungen der Stadt mit den Betrachtungen ihrer eigenen Familie und Herkunft. Hermann scheint auf Sinnsuche zu sein, fragt sich, wie beteiligt der Großvater an den Gräueltaten der Nazis war. Sie prüft auch, welchen Einfluss dies auf die gesamte Familie nahm, wie ihre Familie mit Schuld umging und umgeht. Hermann als Erzählerin schaut also durchaus genau hin, will ergründen und verstehen. Daher stellt sie einen sachlichen, analytischen Blick an, der eigentlich aber auch ein neugieriger und fürsorglicher Blick ist. Sie hält dadurch Distanz, auch Distanz zu einem Großvater, den sie nicht kennengelernt hat, nicht liebt und nicht lieben kann. Daher passt auch der Satzbau: Er ist eher reihend, zum Teil aufzählend und elliptisch. Im zweiten Teil reist Hermann zu ihrer Schwester nach Italien. Auch hier schwebt die Frage nach der Familie stets wie ein Damoklesschwert über die Beziehung der beiden, die Frage verliert aber zunehmend an Bedeutung.
Und genau darin liegt auch meine Kritik. Ich habe ein Buch erwartet, in dem sich Hermann aktiver mit der Familiengeschichte auseinandersetzt, mit dieser Sinnsuche, mit dem Umgang mit Schuld. Das löst sie für mich nicht ein, aber ich muss gestehen, dass das meine Erwartungshaltung war. Hermann ist dennoch ein persönliches Werk gelungen, in dem auch sie ihre offenen Fragen nicht zu klären vermochte, das auch für sie weiterhin Lücken und Unklarheiten zurücklässt. Es ist also kein Buch, das Antworten liefert, sondern es ist eher ein poetologischer Text, eine Reflexion, ein Versuch, sich der Vergangenheit zu stellen.
Profile Image for yellowdog.
879 reviews
February 25, 2026

Über was nie gesprochen wurde

Das neue Buch der Kultautorin Judith Hermanns ist schwer einzuordnen, aber das kennt man von ihr schon, zum Beispiel durch „Wir hätten uns alles gesagt“.
Das autobiografische Element ist prägend. Ausgangspunkt ist die Beschäftigung mit dem Großvater, der vor ihrer Geburt gestorben ist. Im Krieg war er bei der Waffen-SS und in Polen. Viel kann Judith Hermann, die schließlich selbst nach Polen reist, nicht recherchieren.
Ihre Unterhaltungen mit ihrer 80jährigen Mutter über den Großvater sind wenig ergiebig, lösen Spannungen aus und am Ende hat die Mutter eine vorübergehende Amnesie.
Es geht aber nicht nur um den Großvater. Judith Hermann reist schließlich auch nach Italien, wo ihre Schwester lebt.
Die geöffnete Tür auf dem Cover täuscht. Es bleiben mehr Fragezeichen als Erkenntnisse hängen und vielleicht muss man sich mehr als einmal mit diesem Buch beschäftigen. Dass das Buch sprachlich gut gestaltet ist, merkt man aber sofort.

Profile Image for Coffee & Words.
26 reviews
February 27, 2026
Als Judith-Hermann-"Fan" habe ich alles zwischen zwei Buchdeckeln von ihr gelesen und es bisher nie bereut. Aber ohne die Zuspitzung und Verdichtung zu pointierten Kurzgeschichten funktioniert Hermanns Schreiben für mich nicht richtig.
Die autobiografische Schilderung dreier Reisen, unternommen, um der Familiengeschichte auf die Spur zu kommen, wird etwas bemüht mit einer literarischen Symbolik aufgeladen, die der Gegenstand des Erzählens nicht so recht hergeben will. Und ach, die Vergänglichkeit!
Richtig gut gefallen hat mir diesmal eigentlich nur die Szene, in der Hermanns genervte Schwester die Autorin anschreit, sie solle nicht immer alles nur traurig finden, sie halte das einfach nicht mehr aus. Irgendwie kann ich sie nach der Lektüre dieses Buchs verstehen.
Profile Image for Ricarda Lange.
27 reviews1 follower
April 20, 2026
Meine Eindrücke des Buches sind sehr gemischt. Mir hat die Erzählstruktur der zweiteiligen Reise gut gefallen, weil dieser Kontrast beide Teile verstärkt. Auch der gesamte Ausdruck in seiner lyrischen und dennoch präzisen Form war ein Genuss. Die Geschichte hat aber für mich dadurch geschwächelt, dass sie so eine Mischung aus lakonischer Sorache und Erinnerungstheater ist. Nicht für das Buch selbst relevant, aber die selbst eingelesen Fassung der Autorin strotzt vor Monotonie und Emotionslosigkeit.
Profile Image for Marius Ganter.
3 reviews
Review of advance copy
February 19, 2026
Man fliegt förmlich durch die Seiten, denn das Buch lässt sich außerordentlich angenehm lesen. Es soll um Erinnerungen und den Umgang mit diesen gehen, das gelingt Hermann nur phasenweise. Über die meiste Zeit liest sich der Text sich wie ein Tagebuch. Die Handlung kommt mühsam voran, erstreckt sich über die gesamte Länge und findet auch zu keinem wirklichem Ergebnis. Doch vielleicht ist genau das ein gutes Abbild der innerfamiliären Erinnerungskultur. Das Resümee fällt eher entäuschend aus.
29 reviews
March 15, 2026
Judith Hermann wollte sich in der Besprechung ihres neuen Buches nicht darauf festlegen, was von dem, das die Erzählerin darstellt, autobiografisch ist. Sie ließ es bewusst offen wie auch in ihrem letzten Buch. Es geht hier nicht um historische Fakten und Informationen, sondern um dem Umgang mit den Tabus der eigenen Familie. Neben ihrer wunderbaren Sprache macht gerade dieser grundsätzliche Ansatz die Lektüre für mich so besonders.
17 reviews1 follower
March 8, 2026
Wie alles von Judith Hermann super schön geschrieben. Das Buch setzt sich für mich weniger mit der SS-Vergangenheit ihres Großvaters auseinander als vielmehr mit den entstehenden Familienstrukturen und dem Umgang und dem Verdrängen der gemeinsamen Vergangenheit.
Es beschäftigt sich damit, Dinge nicht anzusprechen und gezielt zu verschweigen und den daraus entstehenden Gefühlen.
Profile Image for Lotte.
26 reviews2 followers
May 1, 2026
Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Es geht um die Darstellung einer Geschwisterbeziehung (Judith Hermann und ihre Schwester) vor dem Hintergrund, die familiäre Geschichte und ihre Auswirkungen (be)greifen zu wollen.
Und das eingebettet in Judith Hermanns ruhigen, poetischen Schreibstil.
Profile Image for Matthias.
422 reviews8 followers
March 5, 2026
Ein Buch wider das Vergessen, zwei Generationen später.
Profile Image for Lou Reckinger.
292 reviews11 followers
March 25, 2026
Das Negative an diesem Buch ist, dass man von Langeweile einschläft. Das Positive ist, wenn man 100 Seiten später wieder aufwacht, hat man nichts verpasst
Profile Image for Ria Röder.
Author 1 book4 followers
March 26, 2026
Sehr feines Buch! Hätte noch länger sein können.
Displaying 1 - 30 of 31 reviews