Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach. In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf. Ebenso magisch wie magnetisch erzählt sie davon, wie fragil wir uns in unseren Leben einrichten – und zeigt auch, welche Schönheit sich darin verbergen kann.
She holds a Masters degree in German and Philosophy and attended the Berliner Journalistenschule, a highly selective professional academy for journalists. During this training she did an internship with the German language newspaper Aufbau in New York.
In ihrem neuen Buch macht sich die Autorin auf den Weg nach Radom in Polen, um etwas über ihren Großvater, der bei der SS war und den sie nie kennen gelernt hat, herauszufinden. Ihre Mutter hat ihr kaum etwas über ihn erzählt und sie empfindet dies als eine große Leerstelle in der Familiengeschichte, die sie gerne schließen möchte.
Im Laufe der Recherchen muss sie aber feststellen, dass sie diese Lücke nicht schließen können wird - zu viel wurde vergessen, zu wenige Informationen haben überdauert und zu viel bleibt offen. Dies nimmt sie zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie Erinnerungen in Familien funktionieren und was und wie erinnert wird. Sie reist weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und sinniert darüber, wie sich selbst Geschwister manches erzählen und manches verschweigen.
Insgesamt ein sehr nachdenkliches Buch, in dem man der Autorin auf ihrer Sinnsuche folgen kann und selbst ins Nachdenken gerät, wie Erinnern in der eigenen Familie funktioniert (oder nicht). Nachdenklich und besonnen!
»Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen.« (15)
In ihrem neuesten Roman »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« thematisiert die Schriftstellerin Judith Hermann die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Herkunft, den Umgang mit historischer Schuld und Familiendynamiken. Ihr Großvater war in der Zeit des Nationalsozialismus für die SS im Ghetto im polnischen Radom stationiert und entsprechend involviert in die schrecklichen Verbrechen an der Menschheit. In der Familie wird über diesen Großvater nicht gesprochen und somit findet keine Auseinandersetzung statt. Der Roman ist in drei Teile gegliedert, entsprechend der Orte der Auseinandersetzung der Autorin und es handelt sich um eine Innenschau auf den Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Großvater, Erinnerungen und Vergangenheit. Ich habe genau dies sehr vermisst: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Familienperson, die in der NS-Zeit eine aktive Rolle eingenommen hat. Dies ist sicherlich ein anspruchsvolles, literarisches und komplexes Vorhaben, aber es tritt immer weiter in den Hintergrund von familiären Themen und Familiendynamik (zB ungeklärte Schwestern-Konflikte). Damit wird natürlich deutlich, wie das Thema geleugnet wird, aber gerade von einem Roman, der sich dessen annähern will, hätte ich eine kritischere Reflexion erwartet und das ganz konkrete Aufgreifen dessen, was nicht funktioniert.
»Möglicherweise entkommen wir unseren Prägungen nicht, wir landen immer in einem ähnlichen Umfeld, es sei denn, wir gehen entschieden, mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft, dagegen an.« (103)
Zusammenfassend kann ich resümieren: Ich hätte mir hier eine intensivere Auseinandersetzung mit Familiengeschichte, transgenerationalen Weitergabe und der Auseinandersetzung mit den Nachfolgegenerationen gewünscht. Dies hat - aus meiner Perspektive - kaum stattgefunden. Es ist ein Roman, der wichtige Themen berührt, sie offen lässt und damit viel Potential verschenkt. Ich denke hier an die Kritik von z. B. Max Czollek ›Versöhnungstheater‹ und hatte auf Basis des Klappentexts (der Blurb ist übrigens nicht auf dieses Buch bezogen — finde ich auch irreführendes Marketing!) und der Leseprobe einen deutlich anderen Text erwartet.
ICH MÖCHTE ZURÜCKGEHEN IN DIE ZEIT Judith Hermann ET: 25.02.26
Judith Hermann nähert sich in diesem Text ihrer eigenen Familiengeschichte. In diesem Buch folgt sie den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs als SS-Angehöriger im polnischen Radom stationiert war. Über diese Vergangenheit wurde in der Familie nie gesprochen; das Thema blieb ausgespart und hinterließ eine Leerstelle. Auch ihre Mutter kann oder will keine Antworten geben. Ausgangspunkt ihrer Suche ist ein Foto ihres Großvaters aus jener Zeit, aufgenommen in Radom in Polen.
Hermann reist nach Radom, streift durch die Stadt, besucht Orte, hält nach möglichen Spuren Ausschau und bleibt eine Weile dort. Später führt sie der Weg zu ihrer Schwester nach Italien. Dort tritt ein anderes Thema in den Vordergrund: der Tod. Gleichzeitig zeigt sich, dass das Verhältnis der beiden Schwestern angespannt ist.
Leider konnte mich das Buch nicht überzeugen. Über weite Strecken beschreibt die Autorin sehr detailliert ihren Alltag und viele beiläufige Beobachtungen. Ich hatte erwartet, sie auf eine ernsthafte Spurensuche in die Zeit des Nationalsozialismus zu begleiten und mich intensiver mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Stattdessen bleibt der Text für mich erstaunlich oberflächlich. Vieles wirkt lose aneinandergereiht, ohne dass sich daraus eine wirkliche inhaltliche Tiefe entwickelt.
Beim Lesen hatte ich häufig das Gefühl, dass sich die Autorin eher im Beschreiben von Momenten und Stimmungen verliert, anstatt den Fragen nachzugehen, die das Thema eigentlich aufwirft. Dadurch entstand bei mir der Eindruck, dass der Text inhaltlich kaum vorankommt.
Einzig die Sprache von Judith Hermann ist, wie so oft, sehr schön und literarisch. Sie schreibt ruhig, präzise und atmosphärisch.
Fazit: Für mich bleibt ein sprachlich schönes, aber inhaltlich enttäuschend oberflächliches Buch, das die Möglichkeiten seines Themas kaum nutzt. Leseempfehlung für alle, die seichte Texte mögen und sich an einer sehr schönen, literarischen Sprache erfreuen.
Mit „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ legt Judith Hermann ein Sachbuch vor, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Es ist keine historische Aufarbeitung im klassischen Sinn, sondern eher ein offenes Nachdenken über Erinnerung, Schweigen und familiäre Leerstellen. Gerade diese Form hat mich sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr angesprochen.
Ausgangspunkt ist das Nachdenken über Hermanns Großvater, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war, wo zahlreiche Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Lange Zeit wurde diese Vergangenheit innerhalb der Familie verdrängt oder verleugnet, auch heute noch von Hermanns Mutter und Schwester. Hermann fährt u.a. nach Polen, kann aber nichts abschließend klären oder erklären. Stattdessen legt sie offen, was sich erzählen lässt und was nicht.
Als Leserin konnte ich diesem Denkprozess sehr gut folgen, gerade weil Hermann nicht versucht, Lücken zu füllen, wo keine verlässlichen Antworten existieren. Besonders gefallen hat mir aber die Sprache. Sie ist klar, ruhig und variantenreich. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist damit ein stilles, nachdenkliches Buch, das nicht belehrt, sondern zum Mitdenken einlädt, um sich auch dem Verdrängten und Verschwiegenen zu nähern.
Das neue Buch der Kultautorin Judith Hermanns ist schwer einzuordnen, aber das kennt man von ihr schon, zum Beispiel durch „Wir hätten uns alles gesagt“. Das autobiografische Element ist prägend. Ausgangspunkt ist die Beschäftigung mit dem Großvater, der vor ihrer Geburt gestorben ist. Im Krieg war er bei der Waffen-SS und in Polen. Viel kann Judith Hermann, die schließlich selbst nach Polen reist, nicht recherchieren. Ihre Unterhaltungen mit ihrer 80jährigen Mutter über den Großvater sind wenig ergiebig, lösen Spannungen aus und am Ende hat die Mutter eine vorübergehende Amnesie. Es geht aber nicht nur um den Großvater. Judith Hermann reist schließlich auch nach Italien, wo ihre Schwester lebt. Die geöffnete Tür auf dem Cover täuscht. Es bleiben mehr Fragezeichen als Erkenntnisse hängen und vielleicht muss man sich mehr als einmal mit diesem Buch beschäftigen. Dass das Buch sprachlich gut gestaltet ist, merkt man aber sofort.
Zum Inhalt: Die Autorin macht sich in diesem Buch auf die Spuren ihres Großvaters, der für die SS in Polen stationiert war. Ihr Schreiben wird verknüpft mit der immer verleugneten Geschichte und reist zu ihrer Schwester nach Neapel und geht dem Erinnern und Vergessen der nachfolgenden Generationen nach. Meine Meinung: Auch wenn es natürlich viele Bücher über den zweiten Weltkrieg gibt und man schon vielfach etwas darüber gelesen hat, hat dieses Buch schon einen besonderen Touch, denn die Autorin gräbt in ihrer Vergangenheit, besser in der ihrer Familie und fragt sich eben auch, in wie weit die Vergangenheit Einfluss auf die nachfolgenden Generationen hat. Dabei werden immer wieder Fragen aufgeworfen, die man sich in Teilen auch selbst stellen kann oder könnte, je nachdem wie man damit umgehen möchte. Wie von der Autorin gewohnt, ist das Buch gut geschrieben und liest sich auch dementsprechend gut. Fazit: Sehr interessant
Als Judith-Hermann-"Fan" habe ich alles zwischen zwei Buchdeckeln von ihr gelesen und es bisher nie bereut. Aber ohne die Zuspitzung und Verdichtung zu pointierten Kurzgeschichten funktioniert Hermanns Schreiben für mich nicht richtig. Die autobiografische Schilderung dreier Reisen, unternommen, um der Familiengeschichte auf die Spur zu kommen, wird etwas bemüht mit einer literarischen Symbolik aufgeladen, die der Gegenstand des Erzählens nicht so recht hergeben will. Und ach, die Vergänglichkeit! Richtig gut gefallen hat mir diesmal eigentlich nur die Szene, in der Hermanns genervte Schwester die Autorin anschreit, sie solle nicht immer alles nur traurig finden, sie halte das einfach nicht mehr aus. Irgendwie kann ich sie nach der Lektüre dieses Buchs verstehen.
Man fliegt förmlich durch die Seiten, denn das Buch lässt sich außerordentlich angenehm lesen. Es soll um Erinnerungen und den Umgang mit diesen gehen, das gelingt Hermann nur phasenweise. Über die meiste Zeit liest sich der Text sich wie ein Tagebuch. Die Handlung kommt mühsam voran, erstreckt sich über die gesamte Länge und findet auch zu keinem wirklichem Ergebnis. Doch vielleicht ist genau das ein gutes Abbild der innerfamiliären Erinnerungskultur. Das Resümee fällt eher entäuschend aus.
Wie alles von Judith Hermann super schön geschrieben. Das Buch setzt sich für mich weniger mit der SS-Vergangenheit ihres Großvaters auseinander als vielmehr mit den entstehenden Familienstrukturen und dem Umgang und dem Verdrängen der gemeinsamen Vergangenheit. Es beschäftigt sich damit, Dinge nicht anzusprechen und gezielt zu verschweigen und den daraus entstehenden Gefühlen.