»Die Geschichte einer Emanzipation – stark und unverwechselbar.« Anne Rabe
Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Was sich anhört wie ein Witz, ist Alltag für die Leistungsturnerin Amik. Für sie zählt jedes Gramm, jeder Wettkampf, jede Wiederholung. Und jede überschrittene Grenze nimmt Amik dafür hin. »Die Routinen« seziert eine Welt, von der jeder ahnt, dass sie hart ist, aber niemand sieht oder sehen will, wie ausbeutend ein System ist, auf dem so viel Glitzer und Glanzspray liegt.
München. Montreal. Tokio. Wenn die olympischen Spiele anstehen, blickt die ganze Welt auf eine Stadt, auf eine Mannschaft, auf eine Leistungsturnerin. Die Mädchen und Frauen trainieren ihr gesamtes Leben auf diesen Moment hin. Aus diesem Wir der Turnerinnen, das in olympischen Jahren denkt, vom Training auf die Waage zu den Wettkämpfen gedrängt wird, entspringt ein Ich, die Turnerin Amik. Sie beugt sich den gnadenlosen Wettbewerbsprinzipien ihres Sports und mit jedem weiteren Schritt auf ein Siegerinnenpodest entfernt sie sich mehr von den Mädchen, die sie gestern noch getröstet haben. Auf kraftvolle Weise erzählt Son Lewandowski von Sport und Politik, von fragilen Beziehungen und den Grenzen des eigenen, alternden Körpers. Die Geschichten von berühmten Turnerinnen und der größte Missbrauchsskandal der Sportgeschichte werden in die Geschichte von Amik eingewebt und machen »Die Routinen« zu einer atemlosen Leseerfahrung.
Amik ist Leistungsturnerin, sie lebt von Wettkampf zu Wettkampf, von Olympischen Spielen zu Olympischen Spielen - bis sich ihr Becken verändert, sie kein Kind mehr ist, eine Frau wird. Mit 32 Jahren gehört sie nicht mehr zum Kader, der bei den Olympischen Spielen in Istanbul antreten darf, dafür aber ihre halb so alte Mitbewohnerin Izzy, die sie bittet, als mentale Stütze trotzdem mitzufahren. Ein schwerer Unfall Izzys lässt Amiks Gedanken streifen, tief in ihre Vergangenheit und in die weltbekannter Leistungsturnerinnen.
Täglicher Drill, Training bis zum Erbrechen, völlige mentale Erschöpfung, immer auf Diät sein - diesen Alltag schildert die Protagonistin Amik in Son Lewandowskis Debütroman "Die Routinen". Dass der Alltag als Leistungsturnerin nicht einfach ist, kann man sich als Zuschauer*in der Olympischen Spiele oder Turnweltmeisterschaften denken, wie viel Leid aber tatsächlich hinter dem vielen Glitzer, dem aufgezwungenen Lächeln und den kindlichen Körpern steckt, fängt die Autorin in ihrem Buch auf eindrucksvolle Weise ein. Dabei erzählt sie einerseits Amiks Geschichte, andererseits lässt sie aber auch immer wieder Einschübe realer Spitzen-Leistungsturnerinnen in ihren Roman einfließen. Dadurch macht sie auch körperliche und sexualisierte Gewalt an den Mädchen und jungen Frauen sichtbar. "Die Routinen" hat mich thematisch sehr abgeholt, da ich zuvor noch nie einen Roman über Leistungsturnerinnen gelesen habe. Sprachlich habe ich dagegen weniger Zugang zu dem Text gefunden, ich hätte mir oft mehr Präzision und Klarheit gewünscht. Nichts desto trotz legt Son Lewandowski für mich ein hochinteressantes Debüt vor, das mich nachhaltig beschäftigt und den Blick auf reale Missstände im Hochleistungsturnen lenkt.
Son Lewandowski: "Die Routinen". Für mich jetzt schon ein Longlist-Kandidat für den Deutschen Buchpreis 2026, verdammt ist dieses Buch gut!
Erzählt wird von der Leistungsturnerin Amik, die im Prinzip symbolisch für alle Turnerinnen steht. Wir folgen ihr von der Kindheit an, über die Pubertät bis hin zum Erwachsenenalter. Wir verfolgen ihr Training, ihre Rückschläge, ihren Drill, ihre Disziplin, ihre großen Erfolge, ihre Verletzungen, ihr unerbittliches Dranbleiben und schließlich das Ende ihrer Karriere.
Zwischendurch eingewebt: Biografien realer Turnerinnen, die Sportgeschichte geschrieben haben. Nach denen Sprünge und Drehungen benannt wurden, die Heldinnen ihrer Nation wurden. Was oft nicht erzählt wurde und wird: Die verlorene Kindheit, die physischen und psychischen Drilleinheiten, das ungesunde Verhältnis zum eigenen Körper, die Misogynie, der Missbrauch auf mehreren Ebenen.
Son Lewandowski erzählt davon. In einer mitreißenden, fast lyrischen Sprache, die einen Sog entwickelt, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. "Die Routinen" ist ein großartig geschriebenes, berührend erzähltes, detailreich recherchiertes und hochgradig wichtiges Buch. Weil es ein System entlarvt, von dem die meisten von uns nur die Glamourseite kennen und das so viele schattige Tiefen hat, dass einem ganz schwindlig wird.
Lest dieses Buch. Egal, ob ihr sportinteresssiert seid oder nicht (bin auch Sportmuffel auf allen Ebenen), dieser Roman ist augenöffnend und literarisch auf höchstem Niveau!
„Die Routinen“ ist ein aus meiner Sicht ungewöhnlicher Roman über Leistungsturnen. Was auf den ersten Blick wie Disziplin und Ehrgeiz erscheint, entlarvt Son Lewandowski als ein ausbeuterisches System, das Körper und Beziehungen gleichermaßen verschleißt.
Im Zentrum steht die Leistungsturnerin Amik. Ihr Alltag ist durchgetaktet bis ins Kleinste: Wiegen, Training, Wettkampf in München, Montreal oder Tokio, Als sie älter wird, wird sie immer mehr an den Rand gedrängt und muss zusehen, wie die junge Turnerin Izzy ihren Platz einnimmt. Bei einem Wettkampf verunglückt diese schließlich schwer und Amik betreut sie im Krankenhaus. In Rückblicken wird nicht nur Amiks Turnerkarriere beleuchtet, sondern es werden auch Stimmen von international bekannten Turnerinnen der letzten Jahrzehnte eingeflochten, die die problematischen Machtstrukturen in diesem Sport thematisieren.
Der Erzählstil hat mich überrascht: sehr literarisch, collagenartig, mit ungewöhnlichen Formulierungen, über die man stolpert und die man mehrfach lesen muss und möchte. „Die Routinen“ ist damit keine leichte Lektüre, verlangt Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich auf die Sprache einzulassen. Die Einbettung realer Turngeschichten hat mir besonders gut gefallen. In der Gegenwartsebene, in der die Erzählerin mit Izzy im Krankenhaus ist, hätte ich mir stellenweise etwas mehr Tempo gewünscht.
Am Anfang hatte ich ein wenig Sorge, dass die besondere und für mich auch anspruchsvolle Sprache sowie ein befürchtetes Handlungsdefizit vollen fünf Sternen im Weg stehen könnten.
Nach ca einem Drittel oder spätestens der Hälfte habe ich mich aber an die Sprache gewöhnt und konnte die mit ihr gezeichneten Bilder uneingeschränkt auf mich einprasseln lassen. Auch was die Handlung betrifft, kam vor allem im letzten Drittel noch so viel dazu, dass ich über die ersten Befürchtungen jetzt easy hinwegsehen kann.
Ich bin komplett begeistert, sowohl was die sachlichen Inhalte, als auch die transportierten Emotionen angeht. Nicht zuletzt ist auch noch das Cover super schön hehe.
Es ist nicht *das* beste Buch, das ich je gelesen habe, aber unter *den* besten ein einzigartiges. 💛
Und morgen LESUNG mit der Autorin - Könnte nicht besser sein ✨
„Die Routinen“ von Son Lewandowski, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein starker Roman, den wir hoffentlich in diesem Jahr noch sehr oft besprochen und bepreist finden werden. Die Autorin nimmt uns darin mit in die Welt des weiblichen Turn-Leistungssport und offenbart Abgründe, die einen an der Menschheit zweifeln lassen. Dabei ist der Roman nur durch die Schilderung dieser Welt, die komplett auf Tatsachen beruht, zutiefst feministisch – ohne dafür je programmatisch werden zu müssen. Was Menschen ihren Kindern antun für ein bisschen Ruhm und Geld, und was Männer Kindern antun, nur um ein Gefühl von Macht zu haben, erzeugt schon beim nur Lesen einen Blick auf den Sport, den man nie wieder ablegen können wird. Dabei schreibt Lewandowski verblüffend poetisch und in extrem starken Bildern, so dass perfiderweise von einem literarischen Hochgenuss gesprochen werden muss, was zunächst so gar nicht zu dem Inhalt des Buches passen will.
Formal bewegen wir uns auf mehreren Zeit- und Erzählebenen. Die Ich-Erzählerin Amik, der wir primär durch das Buch folgen, ist schon über Dreißig und steht längst am Ende ihrer Turnkarriere. Ihre Zimmergenossin Izzy ist mit 16 Jahren auf ihrem Leistungshöhepunkt. Bei der Turn-Europameisterschaft in Antalya 2023 erleidet Izzy einen schweren Sturz und wird in der Folge im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt. Während Amik, die den Wettkampf nur noch von der Tribüne aus verfolgen durfte und es nicht mehr in den Kader schaffte, an ihrem Bett wacht, taucht sie immer tiefer ein in die Reflektion ihrer Karriere und der gemeinsamen Vergangenheit. Dabei blickt sie zeitlich zurück auf die vielen Härten und Grausamkeiten, die sie in ihrer Zeit im Leistungssport erlebt hat und auch auf den Missbrauch, dem sie und viele anderen jungen Mädchen ausgesetzt waren: die komplette Zerstörung der eigenen Körperwahrnehmung und die gezielte Anerziehung einer Essstörung, der permanente Drill und Leistungsdruck, die Schmerzen, die Objektifizierung, die beständigen Übergriffe, die soziale Isolation. Das Herauszögern der Pubertät, das möglichst lang Kind sein – rein körperlich gesprochen, denn wie die Kindheit im Sozialen den Mädchen vollkommen genommen wird, beschreibt das Buch eindrücklich. Und immer wieder: Die Routinen, die ewigen Übungen, die die Tage strukturieren, aber auch die Routinen in dem Sinn, dass keine Fragen mehr gestellt werden, die Dinge sind, wie sie sind und jedes Aufbegehren wird sofort sanktioniert. Wer die Stimme erhebt, wird aussortiert und ersetzt, vorbei der Traum vom Olympiasieg.
Eindrücklich schildert die Autorin eine eiskalte Welt, in der junge Mädchen ihres Lebens beraubt und für den Erfolg anderer instrumentalisiert werden. Was startet mit der harmlosen Frage „Wer kann ein Rad“ endet in einer gnadenlosen Maschinerie.
Diese zwei Räume des Jetzt im Krankenhaus und des Gestern in Amiks Reflektion werden begleitet von dokumentarischen Anteilen über berühmte Leistungsturnerinnen, die nicht fiktiv sind, sondern real – und somit überprüfbar und auch mit Bildmaterial unterfüttert, wenn die Lesenden Lust haben, sich in dieses Rabbithole zu begeben – mit der Lektüre des Buches im Hintergrund wird die Betrachtung jeder Turnkür zum schmerzhaften Albtraum.
Die Autorin findet durchweg zu starken und ungewöhnlichen Bildern, um sich die Turnwelt zu erschließen, ihre ungemein poetische Sprache öffnet einen vierten Raum, der einen enormen Nachhall erzeugt. Ich war von der ersten Seite an begeistert von diesem Buch. Auch wenn ich mich schon mit Leistungssport und auch insbesondere dem Turnsport beschäftigt habe: Den enormen Missbrauch, Druck und Drill und die schweren Folgen noch einmal so geballt zu lesen, war eindrücklich und das hat mich wirklich sehr berührt. Auch die formale Konstruktion durch die verschiedenen Zeiten und Wettbewerbe und die Zitatebenen/historischen Kontexte waren für mich einfach angenehm für die Lesereise, am Anfang kurz etwas verwirrend, aber ich konnte mich schnell reinfinden. Das war mal ein kurzes, kompaktes Buch, das es in sich hatte und das ich noch lange nicht vergessen werde. Unbedingte Leseempfehlung.
Ein großes Dankeschön an whatchareadin.de und Klett-Cotta für das Rezensionsexemplar!
„Die Routinen“ von Son Lewandowski hat wegen dem Thema Turnsport meine Aufmerksamkeit erregt. Turnen ist ein Sport der mir ähnlich wie Eiskunstlauf zum Angucken sehr gut gefällt, der aber oft (wenn nicht immer) durch Trainingsmethoden und Abgründe so auffällt, dass man ihn eigentlich kaum mit gutem Gewissen verfolgen kann. Vor diesen Abgründen die Augen zu verschließen und alles Negative unter den Teppich zu kehren (wie es Sportverbände meist mit Begeisterung tun) kann aber nicht die Lösung sein und genau mit dieser Thematik beschäftigt sich „Die Routinen“ und zwar mit absolut eindringlicher, aufrüttelnder und trotzdem sehr poetischer und gefühlvoller Art und Weise.
Der Roman hat zwei Erzählebenen: Das Mädchen Amik erzählt als Ich-Erzählerin in einzelnen Episoden ihre gesamte Turnkarriere nach: von dem jungen begeisterten Kind, das noch nicht weiß was sie erwartet, über die ehrgeizige Anfangszeit zum sportlichen Höhepunkt, über den Kampf gegen die eigene Pubertät, bis zum unvermeidlichen Absturz: dem altersbedingten Ersetzt werden durch neue junge unbedarfte talentierte Kinder mit vorpubertärem Körper, …dabei erleben die Leser:innen alles aus der emotionalen Sicht von Amik mit, ihre gestörte Beziehung zum eigenen Körper, der Machtmissbrauch durch Trainer und auch die komplizierten Gefühle gegenüber den Mitturnerinnen, eine Mischung aus Konkurrenzkampf und Gemeinschaft, schwankend zwischen Zusammenhalt und Eifersucht. Besonders berührend: Amiks Beziehung zu ihrer Zimmergenossin im Sportinternat, mit der sie ebenfalls in einer Symbiose zwischen „großer Schwester“ und „Neid“ verbunden ist. Durch dieses Einzelschicksal wird trotzdem auf großartige Art und Weise sichtbar, dass man als Einzelne in diesem System gefangen ist und weder sich selbst noch anderen helfen kann.
Die zweite Erzählebene des Buches erzählt in deutlich sachlicherem Ton (beginnend mit Nadia Comaneci bis hin zu Simone Biles und zum Nasser-Prozess vor wenigen Jahren) wie Bela Karolyi es schaffte nicht nur in Rumänien, sondern wenig später auch in den USA jahrzehntelang mit missbräuchlichen Methoden als Star-Trainer zu fungieren, ohne dass jemals jemand sein Tun hinterfragte und wie lange es dauerte bis Athletinnen es langsam wagten gegen das was im Turnsport als „normal“ gilt ihre Stimme zu erheben.
Mir haben beide Erzählstränge hervorragend gefallen und ich war unheimlich beeindruckt wie dieses Buch mit Fachwissen und Emotionen dermaßen treffsicher den Finger in die Wunde legt und das trotz nicht ganz einfacher Sprache mitreissend, berührend und kurzweilig ist. Für mich jetzt schon eines der absoluten Lese-Highlights 2026.
“Wenn wir gewinnen, sind wir das Land, der Verein, der Werbevertrag, sind die Cornflakes-Verpackung, das adidas-Outfit, Reebok und Hersheys, der nächste Mythos, kurz und trivial. Wenn wir verlieren, fahren wir nach Hause und beginnen von vorn.”