Ein großer literarischer Michael Kleebergs Hemingway-Roman als aufregendes Spiel mit Realität und Fiktion
Was macht einen Jungen zum Mann? Was macht einen Mann zum Schriftsteller? Und was macht einen Schriftsteller zur Ikone eines ganzen Jahrhunderts? – Das sind die Fragen, die den Helden des Romans „auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis“ umtreiben. Sein Michael Kleeberg. Im Nachzeichnen einer faszinierenden Künstlergeschichte wird dieser zum Schöpfer seiner eigenen Identität – als Hemingway-Forscher mit Leib und Seele.Er war ein Draufgänger in jeder Hinsicht, ein Charmeur und ein Poseur. Eine Legende, ein Idol, ein Revolutionär des Stils. Seine Präsenz, wenn er zur Tür hereinkam, war überwältigend. Der Zauber seiner Person übertrug sich auf seine Literatur. Doch hinter dem bewunderten Kultautor stand ein Getriebener, einer, der sich stets beweisen musste. Hemingway verlangte nicht nur sich selbst, sondern auch anderen das Letzte ab. Allen, die ihm nahekamen, drohte die Gefahr, von seiner Legende angesteckt und zersetzt zu werden, so letztlich auch der Erzähler dieses Romans. – Mit einer raffinierten autofiktionalen Volte setzt sich der Schriftsteller Michael Kleeberg auf die Spur des überlebensgroßen Kollegen, der als meisterlicher Erzähler, Lebemann und Abenteurer weltweit Kultstatus erlangt hat. In dem Vorsatz, in der Obsession, sich dem Idol anzuverwandeln, schafft er sich durch fabulierende Neuerfindung eine eigene Identität. Und kommt dabei Hemingways Geheimnis ganz nahe.
Vor der Lektüre dieses Romans kannte ich den Autor nicht und stimme auch danach selten mit seinen Urteilen zu Politik und sozialen Fragen überein. Seine überschwängliche Begeisterung für Reiche („Seitdem ich die Villards kannte, bewunderte ich Millionäre und verwahrte mich gegen das allgegenwärtige Neidargument, wenn man sie enteignen oder zu Tode besteuern würde, dann ginge es allen Menschen besser.“, S. 71) mutet in einem aktuellen Text wie diesem geradezu grotesk an und inwiefern Ernst Udet tatsächlich ein weitgehend harmloser NS-Mitläufer war, hat selbst Carl Zuckmayer schon differenzierter diskutiert.
Doch so fern mir Michael Kleeberg politisch auch stehen mag, so gern folgte ich der gleichnamigen Figur durch ihr bewegtes Leben. Dass hier Biografisches mit Fiktion durchsetzt wird, bezeugt der Autor am Ende selbst, und doch passen viele weitere Versatzstücke seiner Erzählung immer noch zu gut, um wirklich wahr sein zu können. Gleich dem großen Vorbild Ernest Hemingway spinnt sich schon recht schnell ein Mythos um die Hauptfigur, die immer zur rechten Zeit mit den richtigen Leuten verkehrt, um die letzten Geheimnisse ihres schriftstellerischen Idols zu ergründen, was ihr schließlich - sicherlich mit viel Trickserei - auch gelingt.
All das macht natürlich Lust auf mehr originalen Hemingway und JA, dies ist ein Roman von, über und für Männer und ja, ich habe ihn vor allem gekauft, weil mein Urlaubsziel im Titel stand. Ihn dann zu lesen, war dennoch in weiten Teilen ein Vergnügen, denn Kleeberg hat recht: Wo Hemingways Name fällt, horcht man auf, lauscht gebannt dem Meister und nimmt es mit den Fakten nicht allzu genau.