Die Wege des Geldes sind unergründlich. Trotzdem bestimmt es unser Leben, also verfolgt Elfriede Jelinek hartnäckig seine Spur. Von der Bibel bis zu René Benko, von blanker Gier bis zu raffiniert getarnter Korruption, von Klassenkampf bis zu blutigen und kostspieligen Kriegen reicht die ewig währende Geschichte, die Jelinek diesmal jedoch ganz aus der Sicht von Tieren erzählt. Immer verständnisloser, dafür mit wachsendem Sarkasmus betrachten Kühe, Schweine, Tauben, das Lamm Gottes oder auch der «Für und Widder» uns Menschen dabei, wie wir konsequent an unserem selbst verschuldeten Unglück arbeiten – und am Ende ungebremst und fröhlich in die Apokalypse des Kapitalismus rasen. Denn klar ist in Unter Tieren: Die Welt ist aus den Fugen, und der Finanzmarkt wird es wohl nicht richten.
«Elfriede Jelineks virtuose Radikalität wirft ein Licht auf Schattenzonen unserer Zeit, das gleißender nicht sein könnte.» Neue Zürcher Zeitung
Elfriede Jelinek is an Austrian playwright and novelist, best known for her novel, The Piano Teacher.
She was awarded the Nobel Prize in Literature in 2004 for her "musical flow of voices and counter-voices in novels and plays that, with extraordinary linguistic zeal, reveal the absurdity of society's clichés and their subjugating power."
Elfriede Jelinek hat sich mehr und mehr zu einer Theaterschriftstellerin entwickelt. Mit Gier erschien 2000 ihr letzter offiziell als Roman publizierter Text. Neid kann noch als Quasi-Roman beschrieben werden, der aber als Online-Text, also nicht in einer geschlossenen Form erschien, und nur nachträglich (2025) zu einer solchen komponiert geworden ist. Seit 2000 erscheinen mehrheitlich Theatertexte. Angabe zur Person gehört wie Unter Tieren zu diesem Genre. Es sind keine Romane. Es sind Improvisationen für die Bühne, die aber als Prosawerke erscheinen. Hier sprechen abwechselnd verschiedene Tiere, bspw. eine Kuh:
[…] muß ich schließlich selbst sterben und mich davor nach all meiner Arbeit zur Entwicklung der Menschheit auch noch demütigen lassen, weil ich auf dem von all dem Blut glitschigen Fliesenboden ausrutsche und auf den Bauch falle, ich schäme mich, wie das für Außenstehende aussehen muß!, da liegen mit gespreizten Beinen! So zerrt der Schlachtgehilfe an mir herum. Ich strample und verliere den letzten Rest meiner Würde.
Die Szenen mit der Kuh gehören zu den eindrucksvollsten, in denen die Brutalität der Zerfleischung von Tieren auch formalästhetisch nachvollzogen wird, eine Art Verzweiflungsgeste, die sich innersprachlich durch Katechresen vermittelt, in verstümmelten Zitaten vom Bann zu befreien sucht und in Verzweiflung ausgleitet, unter der Last der Bedeutung zusammenbricht und die Würde, auch in der Sprache, verliert. Leider hält der Rest des Buches überhaupt nicht diese Intensität, im Gegenteil:
Aufgrund der hohen Anzahl an schwerwiegenden Mängeln kann die Prüfungsbehörde gar nicht nachvollziehen, wieso die Bestätigungsvermerke für ganze drei Jahresabschlüsse ordnungsgemäß erteilt wurden, obwohl die Jahre längst abgesessen und abgeschlossen sind, was aber jetzt niemand bestätigen will. Ich kann es auch nicht nachvollziehen, kann aber auch Bilanzen gar nicht lesen, die sind mir blunzen. Doch wo kriminelle Energie am Werken ist, da hat die Bank ihre Lizenz verloren. Die aber nicht, noch lange nicht. Vorher läßt man sie noch brav arbeiten und mit Bananen, nein, Boni um sich schmeißen.
Häh .. ja, genau, fast 80% vom Buch faselt Jelinek über Geldprobleme, Probleme mit Steuern, Finanzämtern, Banken und Aktienkursen, ohne auch nur einen Gran an Informations- und Paradoxalisierungspotential zu entfalten, bspw. will sie nicht auf die Zeitproblematik im zweiten Band des Kapitals reflektieren, Geld als Symbol einer verpflichtenden und verpflichteten Zeit im Warenzyklus. Hier gibt es nichts. Dann noch ein paar gewichtige Referenzen zu akuten Problemen, alles durchmischt mit beeindruckender Sprachfreude, all dies noch zusammengemauschelt über Tiermasken, die gar nicht vonnöten gewesen wären, und dann noch die gefälligen Urteile, die allgemeinen Stellungnahmen, die allesamt völlig unprovozierend, alltäglich und überall zu lesen sind, und der Text darbt vor sich hin in inhaltlicher, kompositorischer Langeweile. Sehr ähnlich zu George Orwells Farm der Tiere, das nichts Neues über die Sowjetpolitik zu bieten hat, genauso schwatzt/lockt Jelinek keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Schade.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): keine ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Tauben – Verweis auf Thomas Piketty, bekennender Sozialist, über Versicherung, direkte Annotate über die 10 Gebote. Spatz in der Hand, Taube auf dem Dach. Der Affe – sich zum Affen machen, Maschinenstürmerei. Der Hase – Kredit, Kredithai, Geld. Bär – das Eine, Parmenides, das Ganze und seine Teile. Platon. Alles Nullen. Geld als creatio ex nihilo. Schwein – der Stall, das Renovieren, der glitschige Boden. Massentierhaltung. Namenlos. Fuchs – die Toten, Mundraub, Flüchtlinge. Ein Volk, Debitkarte. Aug um Aug. Dachs – Sparta, Sparbücher. Geld als unbewegter Beweger. Der Mensch, das Ungeheuerliche. Hase – Leihmutterschaft, Geld, Lebenskreislauf. Kuh – Spartaner wieder als Motiv. Das Liegen. Das Opfer. Weggenommene Kinder der Kuh, ihr Leid. Luhmann-Parodie, kommunikative Anschlüsse. Molekül-Molke. Nebenbuhlerin als dumme Kuh. Stockenten – Rückzahlung, Eingabe, Eiergabe. Gegen die Christpartei. Schreiender Jesus. VW. Kuh – Beschreibung auf dem Schlachthof. Hund – Irrtum Geld, erlernter Irrtum der Indifferenz, im Einklang mit Siri, Alexa. Wo ist das Geld? Das Geld gibt es nicht. Wombat – Kryptogeld. Ratte – Perser, Atomenergie, Irankrieg, Hans im Glück. Belsazar, Daniel, die Banken haben’s genommen, die Banken haben’s gegeben. Esel – Aktienkurse, Geld, das Geld vermehrt. Gegen die Selbstertüchtigung. Stirner: die eigene Sache auf’s Schiff gestellt. Känguru – Briefkastenfirma, Goethes Mignon, das Land, in dem Zitronen blühen Rabe – Zirkulation, Tausch, das Mündel will Vorwurf sein. Selbstentfremdung. Bärenklau – Schuldnern und Schöpfern. Tönerne Füßen, die Griechen, hohle Phrasen. Widder – Casino und Klassenkampf. Schaf – abgeschoren, Wetten, Anschläge auf Raten und Anlagenratschläge. Delphin – Aktienkurse stiegen. Bärenklau – ständig, Achill und Schildkröte, Geld, Rückruf, Bewegung. Lamm Gottes – Umfirmierung, du sollst dir kein Bildnis machen Bärenklau – Kapitalkreisläufe, neues Haus. Immobilien. Hund Peyta – verseucht, klapprig, radioaktiv, Tschernobyl, Fukushima. Wolf – Kinder der Toten, Spekulationsgewinne, Korruption, Steuerfahndung. Mole/Maulwurf – wühlt auf dem Golfplatz, verdrängt von Panzern. Dichotomie hoch/tief. Der Ort des Ortes. Peyta – der Hundekadaver. ●Kurzfassung: Tiere treten auf, als Bühnenstück konzipiert und reden über Geld und Wirtschaft und die neuesten Probleme aus den Nachrichten. ●Charaktere: (rund/flach) keine ●Überflüssige Szenen/Charaktere: es gibt keinen Rahmen ●Besondere Ereignisse/Szenen: Hinrichtung der Kuh in einem Schlachthof. Die Kuh, der die Kinder geraubt werden. Der Dachs und der unbewegte Beweger. ●Diskurs: Kapitalismus/Ausbeutung/Geld/ökonomische Theorie. … es gibt keinen Plot, reines Sprach-Diskurs-Experiment, eine Abfolge von Improvisation zwischen Bibelzitaten, Phrasen und Zitaten aus dem Kunst- und Kulturbetrieb, kein Dialog, nur kurze Monologe, keine Dramaturgie. Das Problem liegt daran, dass das, was gesagt wird, außer Schelmenstreiche (die Form) keine inhaltliche Spannung besitzt. Es ist schlicht und ergreifend inkohärent, was Jelinek über Geld und Aktien und Finanzmärkte sagt. Es wird dort intensiv, wo sie von Massentierhaltung spricht, aber selbst hier zieht sie nicht alle mit in ihren Schlund. Sie bleibt sogar moralisch. Wegen der Kuhszene: --> 2 Sterne
Form: ●Eindruck: eindrucksvoll, sprachdurchwebend, sprachhebend, zerpflügend, unverkennbarer Stil, heftiges Sprachbefreien. ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Sprache hoch, nicht durch Plot ●Wortschatz/Wortzahl: innovativ, aber nicht ganz so zersetzend ●Auffälligkeiten: typische Jelinek-Prosa ●Innovation: hoch, da sie im Sinne von Karl Kraus, Phrasen unterminiert, dissoziiert, im Grunde den Poststrukturalismus zur literarischen Form erhebt. --> 5+1 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: episodenhaft, jeweils Ich-Figuren, die auftreten, als Tiere. Hier reflektiert, auflösend, sehr perspektiviert, nur die Komposition selbst erhält dadurch keinen Rahmen. ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): in dein einzelnen kurzen Episoden, ja. ●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisch, sarkastisch, hintergründig subversiv. ●Einschätzung: Als Kompendium taugt es nicht. Nutzt den Roman nicht als Stimme, oder Stimmenvielfalt. Zu divergent. Da die einzelnen Episoden passen, nur das Hinübergleiten nicht: --> 2 Sterne
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Form hält die Intensität aufrecht, aber hier scheitert das Buch daran, dass die Form gegen keinen Widerstand arbeitet. Das, was Jelinek schreibt, liest sich als kultureller Mainstream. Sie bricht keine Tabus. Sie zieht nicht alle Menschen hinein in den Schlund. Sie betreibt keine Alleszermalmerei. Hierdurch wirkt der Text schmerzfrei, vor sich hin blubbernd, nichtig und uninteressant. ●Signal/Noise-Ratio: hohe Noise-Dichte, kaum Signal. ●Operative Geschlossenheit: Geld und das Nichtsein, die Werterzeugung und -vernichtung ●Rahmenstabilisierende Details: Topik Geld. ●Extradiegetische Abschnitte: keine ●Lose Versatzstücke: keine, alles lose ●Reliefbildung: kaum, sehr flach, sehr repetitiv, äußerst schwach ●Einschätzung: schlimm beliebig, könnten noch viel mehr Tiere auftreten, andere Tiere, anderes sagen, gar keine Fokalisierung, gar keine Zurückbindung, reines Blubbern. --> 1 Sterne
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: phasenweise, also im mittleren Drittel, funktionierte die Situation mit den Tieren gut, sie sprachen, spielten mit der Sprache, taumelten in der menschlichen Kommunikation mit der menschlichen Welt, das funktionierte so. Im ersten und letzten Drittel zu divergent, beliebig, und von den Stoffen her zu gefällig, zu mainstreamig, kein bisschen subversiv, kein bisschen gewagt, keine Provokation, dabei lebt Jelinek von der Provokation, ihre Sprache ästhetifiziert die Provokation, aber wo keine Provokation verliert sich die Form ins Blubbern. ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, diskursiv ●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, als Offenbarungseid ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein ●stimmig?(Komposition: ja/nein) ja, sehr als Form, nicht als Gesamttext ●ein zweites Mal lesen? nein --> 2 Sterne
Ästhetik: (jeweils 1-5) ●Kant: verspielt-offen? [Leichtigkeit] - 1 ●Lukacs: engagiert-realistisch? [typisch] - 1 ●Adorno: avantgardistisch-defensiv? [innovativ] - 3 ●Hegel: dynamisch-totalisierend? [pathetisch] - 0 ●Einschätzung: keine gute Mischung, zu verspielt und zu didaktisch für die ungebrochene Negativität, die keine Binnendifferenzierung erlaubt, die Geste des Nichts zerfällt hier weitestgehend in die verspielte Gefälligkeit.
„Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek ist ein dem Theater angeeigneter Text über Geld. Es gibt sogar so etwas wie Figurenrede – die jelinekschen Textblöcke sind verschiedenen Tieren zugeordnet –, doch bleibt alles natürlich Jelineksprech. Warum nun dem Bären eine Selbstreflexion der Autorin zugeordnet ist, bleibt ebenso schleierhaft wie das, worum es hier eigentlich geht. Ok, ums Geld. Es ist wohl irgendwie kritisch dem Kapitalismus gegenüber eingestellt, dieses Stück. Da sich aber weder eine Handlung aus den tierischen Monologen ergibt noch Argumente entwickelt werden, klärt dieser Text nicht auf und erklärt noch nicht mal verständlich. Er lässt die halblegalen und illegalen und teils empörenderweise legalen Ströme des globalen Finanzverkehrs sogar viel komplizierter erscheinen, als sie ohnehin sind. Man lernt jedenfalls nichts Neues darüber, und da hilft es auch nichts, wenn die Antikommunistin Jelinek in ihrem Quellenverzeichnis auch Marx’ „Kapital“ erwähnt, das sie also irgendwie in ihr Stück eingearbeitet hat. Es ist eine enttäuschende Ergänzung zu einem enttäuschenden Alterswerk, von dem nicht mal die Autorin weiß, warum es überhaupt existiert – außer natürlich, um ihr selbst, Rowohlt, dem Burgtheater und den Salzburger Festspielen Geld zu verschaffen. Das wird sicherlich gelingen, herzlichen Glückwunsch. Das ist umso trauriger, als dass man es bei Jelinek mit einer Autorin zu tun hat, die mit Romanen wie den „Kindern der Toten“, der „Klavierspielerin“, den „Ausgesperrten“ und den „Liebhaberinnen“ Literatur geschaffen hat, die mehr zu sagen hatte als das Geschreibsel des Großteils ihrer Zeitgenossen. Sie hat sich nur offensichtlich ausgeschrieben.
- inhalt: manchmal äusserst erfrischend & pointiert, oft wird man aber (vermutlich absichtlich) ins leere geführt oder einfach stehengelassen - struktur: kaum vorhanden - es ist einfach ein langer rant, willkürlich auf verschiedene tiere verteilt - lesevergnügen: naja - bewertung: enthaltung, denn es ist immer noch the one and only elfriede jelinek!!!
Jelinek sperrig und klarsichtig wie stets in ihren Texten. Das der Verlag Roman auf das Cover schreibt ist etwas irreführend und armselig. Es ist wie immer eine beißende und luzide Anklageschrift gegen die moderne kapitalistische Gesellschaft hier von den geschundenen Kreaturen der Tiere formuliert... Gehört auf die Bühne nicht ins Lesekabinett...