Die kleinste größte Welt: Roman | Zwei Hebammen, ein kleines Mädchen und ein ostfriesisches Dorf im Strudel der Zeit. Über die großen Themen im Leben ... nachdenklich, atmosphärisch
Zwei Hebammen, ein kleines Mädchen und ein ostfriesisches Dorf im Strudel der Zeit
Ein ungewöhnlicher, auch ungewöhnlich schön erzählter Roman einer Kindheit und eines ostfriesischen Dorfes während der Umbrüche in den 1960er Jahren
Dort, wo es rau und windig ist, manchmal eisig kalt, und wo ein großer Himmel alles überwölbt, wird 1959 Greta geboren. Nicht in einer Klinik – der Weg ist zu weit –, sondern mit Hilfe der Dorfhebamme in dem Landarbeiterhäuschen ihrer Großeltern. In diesem Landstrich an der Grenze zu den Niederlanden wächst das Mädchen auf, eingefügt in das Dasein ihrer Vorfahren, und doch gibt es Veränderungen – langsam, aber stetig schreiten sie voran. Straßen werden geteert, Fernseher und Wäscheschleuder halten Einzug, man schafft sich ein Moped und schließlich ein Auto an, ja insbesondere das Leben der Frauen ändert Geburten, Mutterschaft, Familie, alles unterliegt dem Wandel. Anschaulich und atmosphärisch dicht zeigt Katrin de Die kleine Welt eines ostfriesischen Dorfes war eine große.
Eine Zeitreise in die Vergangenheit, die deutlich macht, dass Veränderungen für beides Fortschritt und Verlust
REZENSION – Eine liebevolle, zugleich wehmütige Zeitreise in die Vergangenheit eines kleinen ostfriesischen Dorfes an der Grenze zu den Niederlanden mit Schilderung des tiefgreifenden wirtschaftlichen und damit verbundenen sozialen Wandels ist „Die kleinste größte Welt“, der im Mai bei der dtv Verlagsgesellschaft veröffentlichte Debütroman von Katrin de Vries (67). Es ist die autofiktionale Kindheitsgeschichte der wie die Autorin im Jahr 1959 in einem solchen abgeschiedenen Dorf gleich hinter dem Deich geborenen Greta während der Umbrüche der 1960er-Jahre, erzählt von der alternden Hebamme des Ortes. Die kleine Greta wird nicht im Krankenhaus geboren, sondern wird – wie früher über Generationen auf dem Land üblich – im kleinen Landarbeiterhäuschen ihrer Großeltern, den Eltern der Mutter, von der Dorfhebamme entbunden. Das noch junge Elternpaar, Gretas Mutter ist gerade 17 Jahre alt, lebt noch getrennt jeweils bei den eigenen Eltern. Erst später bekommt das Paar eine enge Dachgeschosswohnung im Haus des Schwiegervaters, eines Malermeisters. In ihren ersten sechs Kindheitsjahren erlebt Greta ihre Welt mit kindlicher Neugier: Alltägliche Dinge, Menschen und Orte haben eine außergewöhnliche Bedeutung. Ihr kleines Dorf ist in den Augen des Mädchens die „größte Welt“. Gerade zu jener Zeit hält die Moderne schrittweise Einzug: Die Dorfstraßen werden geteert, die ersten Fernsehgeräte sind im Schaufenster des kleinen Ladens ausgestellt, die elektrische Wäscheschleuder soll das Leben der Hausfrauen erleichtern. Statt auf dem Fahrrad sieht man die ersten Männer auf einem Moped. Schon bald stehen auch die ersten Autos vor den Häusern. Lebte man als Dorfbewohner früher am Ende der Welt, ist dank der Busverbindung und der Autos die Stadt nähergerückt – und mit ihr auch der modernere Alltag. Alles wandelt sich, vor allem das Rollenbild der Frauen als Mutter und Hausfrau. Kinder werden zunehmend im Kreißsaal des städtischen Krankenhauses geboren. Nach der erfahrenen Dorfhebamme, die in Jahrzehnten ganze Familien zur Welt brachte, wird kaum noch verlangt. „Nicht wissenschaftlich, so nennt man das in der modernen Medizin“, hadert die Hebamme mit dieser Entwicklung. „Erfahrungswissen gilt nicht mehr viel in unseren Zeiten. Wir vergessen das Alte. Sind Gefangene eines dauernden Vorwärtshastens geworden.“ Im brieflichen Gedankenaustausch mit ihrer in der Stadt lebenden Berufskollegin und in der Beschreibung ihrer eigenen Beobachtungen im Dorf erleben wir diesen Übergang von der alten in die neue Zeit, der für viele Dorfbewohner Fortschritt und Erleichterung, aus Sicht der Dorfhebamme aber auch Verlust und Abschied bedeutet – Abschied von liebgewordenen Gewohnheiten, von überlieferten Traditionen und von einer langsam schwindenden Lebensweise des dörflichen Miteinanders. Diese Schilderungen, die sicher bei so manchem älteren Leser Erinnerungen an die eigene Jugend wecken, geben dem Roman seine emotional berührende Tiefe. Aus offensichtlich eigenem Erleben schafft es Katrin de Vries, den entschleunigten Alltag dieses ostfriesischen Dorfes in den Jahren des nachkriegsdeutschen Wirtschaftswunders genauestens zu beschreiben. Ihr Roman lebt nicht von großen Konflikten, sondern von seiner Atmosphäre, von Stimmungen und kleinen Beobachtungen. Mit ihrer bildhaften Sprache und ihren fein gezeichneten Figuren verdeutlicht die Autorin, dass selbst die kleinste Welt voll großer Geschichten stecken kann. Diese in vielen Details spürbare Authentizität in der Verbindung aus persönlicher Geschichte, regionaler Kultur und historischem Wandel macht diese wunderschöne Erzählung zu einer eindrucksvollen, zugleich besinnlichen Zeitreise. Wer ruhige, literarisch eindrucksvolle Familien- und Zeitgeschichten liebt, dem sei „Die kleinste größte Welt“ empfohlen.
Ein Dorf im Wandel der Zeit Zwischen Wind, weitem Himmel und einem kleinen ostfriesischen Dorf entfaltet sich eine Geschichte, die still beginnt und lange nachwirkt. Das Leben von Greta wächst Seite für Seite mit den Veränderungen einer ganzen Zeit mit. Alte Gewohnheiten verschwinden langsam, Neues kommt dazu. Darin liegt viel von der Stärke dieses Romans. Beim Lesen entsteht nach und nach das Bild eines Dorflebens, das heute weit entfernt wirkt und trotzdem vertraut erscheint. Die Geschichte lebt von vielen kleinen Momenten, die im Gedächtnis bleiben. Die Arbeit der Hebammen, das enge Miteinander im Dorf und die Veränderungen im Leben der Frauen wirken greifbar, ohne überladen beschrieben zu werden. Vieles erscheint selbstverständlich und zeigt gerade dadurch, wie anders der Alltag damals war. Während Straßen geteert werden und neue Dinge Einzug halten, verändert sich nach und nach auch der Blick auf Familie, Geburt und Zusammenhalt. Mit jeder Seite wurde deutlicher, wie schnell Vertrautes verschwinden kann, obwohl Veränderungen oft ganz unscheinbar beginnen. Gerade die stillen Beobachtungen über den Alltag machen diesen Roman lesenswert. Beeindruckend ist, wie die Kindheit dargestellt wird. Vieles besteht aus kleinen Erlebnissen, aus Menschen im nahen Umfeld und aus Dingen, die damals einfach dazugehört haben. Dadurch wirkt Greta glaubwürdig und ihre Welt wird immer greifbarer. Manche Szenen lesen sich fast wie Erinnerungen aus einer anderen Zeit. Der Roman lässt sich Zeit. Das allerdings muss man mögen. Gerade dadurch entsteht ein gutes Bild vom Dorfleben und davon, wie sich der Alltag langsam verändert. Am Ende bleibt nicht nur die Geschichte eines Mädchens im Kopf, sondern auch der Eindruck davon, wie viel sich innerhalb weniger Jahre verschieben kann. Was zusätzlich hängen bleibt, sind die vielen kleinen Veränderungen, die zuerst kaum auffallen und später doch ein ganzes Leben beeinflussen. Das betrifft Familien, das Leben der Frauen und auch den Zusammenhalt im Dorf. Vieles wirkt so, als könnte es genau so gewesen sein. Am Ende blieb vor allem die Erinnerung an eine Zeit, in der vieles einfacher wirkte und zugleich schwerer war. Der Roman erzählt leise von Wandel, ohne dabei den Menschen aus dem Blick zu verlieren. Dafür gebe ich sehr gern 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.
Die kleine Greta kommt zur Welt, als ihre Mutter Lieske erst 17 Jahre alt ist und Lieske wird in der Familie ihres Partners deutlich demonstriert, dass die Tochter eines Landarbeiters in einem Malerbetrieb mit angeschlossenem Deko-Geschäft unwillkommen ist. Greta wächst bei den Großeltern und der Lebensgefährtin (Tante Lu) des einen Großvaters auf, damit Lieske im Laden arbeiten kann. Für die gerade aufkommende Einrichtungs- und Dekowelle zeigt die junge Frau erstaunliches Geschick, über das jedoch kein Wort des Lobes zu hören ist. Da Lieskes guter Geschmack in Einrichtungsfragen ihr Betriebskapital ist, könnte man sich wundern, dass Greta nicht im Hinterzimmer des Ladens spielt und kein Interesse an Musterbüchern und Stoffresten zeigt. Ihr Vater wird im Laufe des Romans nicht erkennen, dass er sich für seine kleine Nachfolgerin im Geschäft etwas stärker interessieren könnte, anstatt auf der Geburt eines Stammhalters zu beharren.
Greta ist wie die Autorin Jahrgang 1959 und zur Zeit der Handlung bis circa 5 Jahre alt. Verknüpft ist die Erzählung aus Gretas Kindheit mit der der Hebamme Geeske Diddens, deren Berufskollegin Käthe und weiteren Personen. Käthe bringt das Schicksal der ledigen Renate ins Gespräch, die einen erheblich jüngeren Witwer mit vier Kindern heiratete; die beiden Freundinnen sind inzwischen fast 70 Jahre alt, aber immer noch bewegt vom Thema lediger Frauen und deren evtl. Entscheidung zwischen Familie und Beruf.
Katrin de Vries hat einerseits anrührende Personen wie Gretas Großvater geschaffen, verliert sich m. A. nach jedoch in zu vielen Nebenthemen (Kriegs-Invaliden, Verdrängung der Kriegsereignisse, Pflege dementer Angehöriger, die Entwicklung der Antibabypille), so dass ich mich eine Weile fragte, wer die Hauptpersonen des Romans sind. Die Atmosphäre der beginnenden 1960er, als junge Halbgötter in Weiß noch meinten, in der Geburtshilfe ohne Hebammen auskommen zu können, finde ich gut getroffen. Nicht gefallen hat mir der teils zu simple Erzählton. Kinder wie Greta, die in Mehr-Generationen-Familien, zwischen mehreren Dialekten und mit einem großen Selbstversorgergarten aufwuchsen, hatten zur Zeit der Handlung einen umfangreichen Wortschatz – und für erwachsene Leser müssen alltägliche Erlebnisse nicht künstlich heruntergebrochen werden. („Sie betraten einen Raum. Dort saß ein Mann an einem Tisch.“) Ich bin exakt in Verhältnissen wie Greta aufgewachsen und in meinem Geburtsjahrgang hätte z. B. kein Kind die Gewichte der großen Dezimalwaage unserer Väter „Metallscheiben“ genannt.
Fazit Katrin de Vries versammelt typische Döntjes aus dem Alltag der 1960er Jahre, die einen hohen Wiedererkennungswert haben und in anderen Gegenden ähnlich passiert sein könnten. Beeindruckt hat mich besonders das Schlittschuhlaufen mit dem Großvater, über das auch bei uns noch in der dritten Generation erzählt wird und die Mehrsprachigkeit (Hochdeutsch, Plattdeutsch, Niederländisch bei den Verwandten und denkbare Ausdrücke von Tante Lu, die sicher in den Alltag eingeflossen sein werden). Insgesamt hätte ich mir eine Beschränkung auf weniger Themen gewünscht, und das Sprachniveau fand ich zu simpel, wenn nicht ausdrücklich Greta als Erzählerin auftrat.
Katrin de Vries führt uns in ihrem Roman „Die kleinste größte Welt“ in das Leben zweier Hebammen in den sechziger Jahren in einem Dorf in Ostfriesland. 1959 wird Greta geboren, die Mutter ist noch jung. Die Dorfhebamme hilft ihr. Die Autorin erzähl gekonnt über diese Zeit und wie sich viel ändert. Greta wächst erst bei den Großeltern auf und später wechselt sie zwischen den Eltern und den Großeltern. Das ist toll gemacht. Die Hebammen Geeske aus dem Dorf und Käthe aus der Stadt haben sich bei ihrer Ausbildung kennen gelernt, jetzt sind sie über siebzig. Es ist interessant ihre Eindrücke in ihren Briefen und Dialogen mitzuerleben. Die Autorin schreibt mit Raffinesse und viel Einfühlung diese Geschichte. Da konnte sie mich mit ihrer Kunst überzeugen.