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Sanditz

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Das große Epos unserer Gegenwart

Sanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Träumerinnen, Frührenter, Kinder, Liebespaare, verhuschte Archivare und die Familie Wenzel

Warmherzig und multiperspektivisch verwebt Lukas Rietzschel die Erzählung der Familie und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher Geschichten – vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, vom Besetzen der örtlichen Stasi-Zentrale bis zum Kampf eines Freiwilligen in der Ukraine, vom Abrackern auf westdeutschen Baustellen bis zum isolierten Inseldasein während der Corona-Epidemie. 

Ein Roman über Aufbruch und Niedergang, Gelingen und Scheitern des Aufruhrs, Freundschaft und Familie in umwälzenden Zeiten, über den Wunsch nach Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach Freiheit. 

471 pages, Kindle Edition

Published March 12, 2026

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About the author

Lukas Rietzschel

7 books9 followers

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Community Reviews

5 stars
9 (40%)
4 stars
6 (27%)
3 stars
4 (18%)
2 stars
2 (9%)
1 star
1 (4%)
Displaying 1 - 4 of 4 reviews
Profile Image for Wandaviolett.
483 reviews70 followers
April 4, 2026
EINE DREI-GENERATIONENGESCHICHTE, DIE MICH NICHT ABHOLT.
Kurzmeinung: Wird als großer DDR Roman gehandelt
Präliminarien: Das literarische Quartett mit Thea Dorn, Eva Menasse, Simon Strauß und Adam Soboczynski vom 13.03.2026 hält diesen Roman für den großen DDR-Roman der letzten Jahrzehnte. Das große Epos der Nachwendezeit, schreibt die FAZ.

Der Handlungsort „Sanditz“ ist ein Ort in der Oberlausitz, ein Ort, der durch den Braunkohleabbau nachhaltig beschädigt ist. „Wie kann man einen ganzen Wald sterben lassen“, heißt es schon im Prolog.

Aber nicht nur die Umgebung ist beschädigt, die wenigen Menschen, die dort noch leben, und nicht nach der Wiedervereinigung in den Westen gegangen sind, zelebriert anhand der Familie Wenzel und ihrer wenigen sozialen Kontakte, sind ebenfalls Beschädigte. Es sind schwer beschädigte Menschen, die sowohl in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik unangepasste Menschen gewesen sind wie sie auch kaum in die Neue Zeit nach der sogenannten Wende passen. Von ihnen handelt der Roman in erster Linie. Sind sie repräsentativ für die DDR? Nein.

Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Ich habe diesen Roman nicht so sehr als typischen DDR-Aufarbeitungsroman oder gar Darstellungsroman gelesen, wie es das Literarische Quartett anscheinend gemacht hat. Denn dazu fehlt mir die politische und ideologische Aufarbeitung im Roman. Der Überbau. Natürlich ist das Handeln des Menschen per se schon politisch und insofern ist auch die Familie Wenzel politisch, aber thematisiert werden die Systeme nie.

Der Roman „Sanditz“ ist wie ein Episodenroman aufgebaut, erst nach und nach erfährt man, wie es sich mit der Familienkonstellation wirklich verhält. Ich mag diese Art des Schreibens eigentlich, mag es, wie sich Puzzleteil für Puzzleteil allmählich zu einem ganzen Stück zusammensetzt. Aber hier ist mir das Gestückel zu kleinteilig; die Kapitel zu kurz (1- 12 Seiten), während der Lektüre ist man ständig am Suchen, wer zu wem gehört und warum sich die Beteiligten so sonderbar verhalten. Wie gehören Dirk und Erika zusammen, die im selben Haus wohnen? Ah, Dirk ist der erwachsene Sohn. Man könnte diese Dinge ein wenig früher erfahren, schließlich will ich keinen Roman zweimal lesen müssen, nur um die Zusammenhänge zu begreifen. Warum schließt sich einer in seinem Zimmer ein und verweigert den Kontakt mit der Außenwelt? Es gibt so viele Warums in diesem Roman, die sich leider erst nach Beendigung der Lektüre entschlüsseln (lassen) – oder gar nicht. Manches bleibt auch einfach liegen.

Jedenfalls gibt es in dem Roman nur lebensuntüchtige Menschen, die es nicht geschafft haben, im neuen Land anzukommen, Verlierer eben. Und das ist nicht repräsentativ. Die Überwindung des kommunistischen Systems, das Leben dürfen/müssen/können in zwei völlig unterschiedlichen Wirtschaftssystemen begreife ich, bei allen Kollateralschäden, in erster Linie als Erfolgsgeschichte. Nun - das ist nur persönliche Meinung:

Verliererromane haben durchaus ihren Charme. Heimatverlust ist immer ein relevantes Thema. So ist der Roman „Sanditz“ durchaus ein szenischer Familienroman über gescheitere Figuren in einem gescheiterten Land. Aber DDR-exemplarisch ist das nicht.

Mein Haupteinwand gegen den Roman ist seine extreme Verschachtelung und seine Unübersichtlichkeit, wichtige Informationen sind so versteckt, dass man sie wohl erst beim zweiten Mal Lesen herausfiltert. Dann ist es aber – für mich – zu spät. Mir fehlen generell Erklärungen, die Personen handeln für mich nicht nachvollziehbar. Plötzlich ist einer schwul, schwanger, tot, im Krieg. Peng – that is it. Friss oder stirb, lieber Leser. Streckenweise überkommt mich Langeweile! Die hölzernen Figuren können mich einfach nicht packen!

Der Stil: ist im Großen und Ganzen in Ordnung, mehr aber nicht. Er ist nicht melodisch, hat zu viele kurze Hauptsätze und klingt deshalb oft holprig. Fast Stakkato. Kann man mögen, kann man nicht mögen. Ich mags nicht.

Fazit: Sanditz ist gewiss kein schlechter Roman, er ist durchaus unterhaltsam und originell. Ich mag aber seine Vermarktung als großen literarischen Wurf nicht. Das ist er nicht. Und mag er noch so viele Preise gewinnen - das ist dann Zeitgeist!

Kategorie: Gesellschaftsroman
Verlag: dtv, 2026
Profile Image for Robert.
159 reviews5 followers
March 29, 2026
7/10
Ich habe die Buchpremiere von Sanditz am 20. März im Schauspiel Leipzig besucht, weil mir Lukas Rietzschels Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen gefallen hat. Die Veranstaltung war inhaltlich tiefgehend, aber auch witzig und unterhaltsam. Darum habe ich mir noch am gleichen Abend Sanditz gekauft und von Lukas Rietzschel signieren lassen. Ich konnte kaum erwarten, es anzufangen. Sanditz ist ein fiktiver Ort in der sächsischen Lausitz. Das Buch umfasst 44 Jahre und verfolgt unterschiedliche Figuren – allen voran die Mitglieder der Familie Moschnik/Wenzel – von der DDR-Zeit in die Gegenwart.
Die Stärke des Buchs ist gleichzeitig seine Schwäche. Es befasst sich – wie ein Menschenleben – mit wahnsinnig vielen Themen. Hier nur ein kurzer Auszug: Die evangelische Kirche in der DDR, der Ukrainekrieg, die Treuhand, Homosexualität in den Baseballschlägerjahren, die Corona-Pandemie, die sogenannten Bausoldaten der NVA und die Wahrnehmung des Ostens aus Sicht des Westens. Hinter jedem dieser Themen stehen Figuren mit Geschichten, Biografien und Haltungen. Meist erzählt Rietzschel anekdotisch. Wir erhalten Einblicke in Szenen aus den Leben der Figuren, die exemplarisch für ihre Konflikte stehen. Das war zwar spannend und inhaltlich sehr dicht, macht es aber schwer, in den Roman hineinzufinden. Alle paar Seiten lernen wir neue Figuren kennen, sodass es eher an eine verbundene Kurzgeschichtensammlung erinnert, als an einen klassischen Roman. So standen die starken Szenen und Erzählungen sehr für sich und gingen in dem umfassenden Flickenteppich etwas unter. Dadurch fehlte mir der emotionale Zugang. Sanditz ist eher eine Milieustudie zu vieler Milieus als eine Geschichte mit Rotem Faden. Weil die einzelnen Kapitel oft genug sehr stark sind und Rietzschel unterhaltsam und abwechslungsreich schreibt, habe ich das Buch gerne gelesen, aber der Aufbau entspricht so gar nicht meiner persönlichen Präferenz, weswegen ich es mitunter sogar etwas anstrengend fand.
Profile Image for Alexander Carmele.
505 reviews509 followers
April 5, 2026
Substanzlose Verlegenheitslösung als Wendezeit-Schrumpfform. Ein proletarischer Tellkamp.

Inhalt: 2/5 Sterne (homosexuelles Schattendasein in der DDR)
Form: 4/5 Sterne (wohlfeiles Schriftdeutsch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unscheinbar)
Komposition: 1/5 Sterne (episodenhaft aus Verlegenheit)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (stumpf zumeist, dynamisch hier und da)
--> 11/5 = 2,2 = 2 Sterne

Mit Sanditz liegt ein weiterer DDR-Roman mit Fokus auf die 1980er Jahre vor, zusammenmontiert noch mit der Corona-Zeit um 2021-2022, der wie Clemens Meyer in Die Projektoren und Lutz Seiler in Kruso die in Mitleidenschaft gezogene Männlichkeit und die Angst vor homosexuellen Gefühlen der Um- und Mitwelt thematisiert. Insgesamt wirkt die kritische, offene, parteiliche Lesart als eine Art Anti-Tellkamp-Roman, der viele Momente und Details von Der Turm aufnimmt, diese aber in den Alltagsbereich der DDR der arbeitenden Bevölkerung verlegt. Sanditz lässt sich als proletarische Antwort auf Der Turm verstehen, aber mit selber Pointe:

Prora wird kleiner und verschwindet langsam. Nein, das stimmt nicht: Prora verschwindet nicht. Es ist immer da, dazu verdammt, ewig zu sein. Unendlich groß und unendlich hässlich. Er wird irgendwann ein Ende haben, Prora nicht. Im Angesicht dieser hässlichen Unendlichkeit ist er glücklich darüber, eines Tages sterben zu dürfen. Er legt seinen Kopf auf Theresas Schulter, schließt die Augen und denkt an Mutter auf der Bank im Garten.
Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich frei.


Der Kasernenbau Prora steht für die DDR als Symbol schlechthin, das Monstrum, das den fahrigen Roland nicht seine Homosexualität mit Achim ausleben ließ, das Literatur aus dem Westen verbot, das den Kirchen ihre Gottesdienste verlitt, das aber auch seine Männer zu Zwangs- und Militärdiensten verdonnerte, bspw. eben in das besagte Prora zum Bau des Fährhafens Mukran. Die DDR erscheint in Sanditz als einziger trister, grauer, bedrückender und in jeder Hinsicht unfreier, von Stasi-Mitarbeiter durchtränkter und vollkommen als Gefängnis und Schikanierungsanstalt aufgezogener Staat. Diese Stimmung hält Lukas Rietzschel bei, indem er das traurige Schicksal von drei Männern aufarbeitet, von denen am Ende nur einer dem Kraken zu entkommen versteht, und zwar der leiseste, entsagungsvollste, aber eben einer, der sich auch anpasst und in eine Frau verliebt. Die anderen müssen sich mit einer mehr oder weniger gelungenen Männerfreundschaft begnügen:

Sie seien so stumpf geworden füreinander, sagt Jacek. Lebten nebeneinander her, sähen, dass die anderen Ähnliches durchmachten, aber niemand sage was, warum eigentlich nicht? Dann wiederholt er: »Come here, Polei«, wie es Väter tun oder Brüder, die sonst nur Hände schütteln, breitet die Arme aus und nimmt ihn in den Arm. Match wiederum umarmt die beiden, Tom mittendrin. Erst fühlt er sich beengt, riecht Schweiß und Atem, den er nicht riechen will, aber schließt dann doch die Augen.

In vielerlei Hinsicht remixt Rietzschel die Motive von Meyer aus Die Projektoren mit denen Tellkamps aus Der Turm, gesampelt zudem mit Seilers Kruso und abgeschmeckt mit Christoph Heins stets wieder aufgebrühte und bemühte Triste aus Der Tangospieler. Leider nimmt Rietzschel sein Remix wörtlich, erzählt sprunghaft, unvollständig und mit wechselndem Interesse für den Hauptteil seiner Figuren, von denen er viele zum Ende hin einfach links liegen lässt. Hierbei transportiert sich dann leider nur Trauer, Versagen, Melancholie und aufgestaute, zum Magengeschwür hin verdrängte Wut, die das Buch als Hohlform und Selbstanprangerungsversuch ausweisen, ohne zur Pointe zu gelangen. Sie dümpeln weiter, und wenn sie nicht gestorben sind, dann dümpeln sie noch immer. Ein eigenartig gut geschriebenes unambitioniertes Gegenwartsliteraturbuch – wie eine Pflichtübung in DDR-Moll.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
Roland Moschnik, eher ein Lebenskünstler, arbeitet auf dem Bau und schlachtet aufgrund des um sich greifenden Tagebaus leergeräumte Häuser aus, bspw. Fliesen, lernt hierbei Achim kennen, verliebt sich in ihn. Als er aus Gefallen seine Kirchenfreundin Marion, die ein Kind vom Pastor erwartet, deckt und sie heiratet, trennt sich Achim von ihm und verschwindet. Roland schafft es nie, sich in die Familie zu integrieren. Pendelt durch seinen Baustellenjob in Frankfurt viel, wo er Lovro kennenlernt. Sie finden zusammen, werden aber angegriffen. Lovro bringt jemandem um und verschwindet. Später kehrt Achim zurück, krebserkrankt. Roland pflegt ihn bis zu seinem Tod und findet eine Fliese, einer von denen, die sie damals in den leergeräumten Häusern erbeutet haben.
Dirk Wenzel, Sohn von Erika und Norbert Wenzel, Bruder von Marion Wenzel, wurde als Kirchensohn zum Bausoldaten nach Prora verdonnert, muss dort den Tod eines Kollegen erleben, traumatisiert, findet er nicht mehr ins Leben zurück, trinkt, wohnt bei seiner Mutter und erst nach deren Tod wagt er sich in Richtung Rügen, lernt Theresa kennen und beginnt ein neues Leben in deren Pension als Steffen.
Tom, Bruder von Maria, Sohn von Marion, lebt ein in sich gekehrtes Leben, als Impfgegner, Aktivist, kommt über die Trennung von Caro nicht hinweg, die in einer Hütte im Wald lebt, seine WG hat sich aufgelöst. Durch eine Fahrt nach Polen beginnt er sich gegen Putin aufzuwiegeln und beschließt als freiwilliger Soldat in die Ukraine zu ziehen, wo er Dirks Drohne verwendet, um die Ukraine gegen die russische Armee zu verteidigen. Bei dem Versuch wird er von einer als Rabe verkleideten Drohne in Fetzen gesprengt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Zwei Zeitebenen: 2021, die Corona-Zeit, Lockdown bis 2022 und 1978 bis 1998, also Vor-Wende-Zeit bis mehr oder weniger Nach-Wende-Zeit Anfang der 1990er.
1978-1998: Kirchenaktivismus der Geschwister Haufe, die Literatur abtippen und verteilen; die Marmeladen-Pastorin, die Bilder von ihren Reisen zeigt. Geheimgruppen, Kirchengesänge. Norbert Wenzel, der auch ins Ausland reist, und jemandem verpfeifen muss, um weiter das Privileg genießen zu können, der Orgelbauer, der seinen Enkel (Tom und Maria) Musikunterricht angedeihen lässt und West-Bücher in die DDR schmuggelt. In der Gemeinde ist Marion und Roland aktiv. Marion hat eine Affäre mit dem Superintendenten, wird schwanger und muss Roland und Achim um eine Scheinheirat bitten. Achim lehnt ab, Roland sagt zu, Achim verschwindet. Es sind Zwillinge, Tom und Maria, die mehr oder weniger vaterlos aufwachsen. Als es zur Wende kommt, zeichnet sich Roland als Aktivist aus. Sie besetzen die örtliche Stasi-Zentrale, die Kreisdienststelle, verhindern das Verbrennen von Dokumenten. Roland arbeitet danach in Frankfurt, zusammen mit anderen Kollegen aus der DDR-Zeit, lernt einen Kroaten namens Lovro kennen, aber nach einem schwulenfeindlichen Angriff muss dieser verschwinden oder wird ausgewiesen. Der Angriff nimmt Roland so mit, dass er kaum noch arbeitsfähig ist. Marion schlägt sich durch, hat einen Job an der örtlichen Sparkasse, zusammen mit ihrer Mutter. Die Sparkasse, vom Westler Peter Schulte geführt, der aus dem Sauerland seine Frau zurücklässt, um etwas Neues aufzubauen.
2021-2022: Maßgebliche Ereignisse: Caro trennt sich von Tom, Erika, Mutter von Marion und Dirk, stirbt, Achim kehrt zurück, todkrank. Maria arbeitet als Journalistin, berichtet über eine zerteilte Bismarck-Statue, hat einen One-Night-Stand mit einem Nico, der aber eine Freundin hat. Tom leidet unter den Corona-Maßnahmen, wurde als Polizist gefeuert, als er sich mit dem Protestierenden verbündet hat, Maria bricht ihr Studium in Kassel ab, weil sie sich dort fremd fühlt. Tom und Caro finden nicht zusammen, ein Adrian schenkt Tom eine Fahrt nach Breslau. Er kommt in die Nähe des Ukraine-Konflikts, lernt eine Lotte kennen, mit der eine Nacht in einer polnischen, schäbigen Bar verbringt. Dort sagt ihm eine Stripperin, dass sie für Polen in den Krieg ziehen würde. Daraufhin organisiert Tom eine Schein-Hilfe-Aktion, bekommt den Lieferwagen der Gemeinde, sammelt Kleidung und Wertgegenstände für die Ukrainer, Adrian will sich anschließen, aber Tom schließt ihn bei sich in der Wohnung ein, stiehlt seinen Rucksack, sein Geld, sein Handy, fährt mit dem Wagen über die Grenze, verschenkt ihn, schmeißt seinen Pass weg und wird Soldat in der Ukraine, bricht sich fast das Rückgrat, kämpft weiter und wird von einer Drohne in Rabenform in die Luft gesprengt. Derweil Dirk das Haus seiner Mutter auflöst und Richtung Rügen reist, um sich den Gespenstern seiner Vergangenheit zu stellen, dort Theresa kennenlernt, mit ihr bei einer Silent Disco tanzt, mit ihr zusammenkommt und mit ihr zusammen zum Straflager reist, in Prora. Am Ende des Buches stirbt Achim.
●Kurzfassung: Drei Männer, drei Schicksale. Roland, der statt mit Achim frei und glücklich zu leben, eine Scheinehe für Marion eingeht; Tom, der einen Sinn im Leben sucht und sich in der Ukraine töten lässt; Dirk, der nach dem Tod seiner Mutter aus der Depression erwacht und ein neues Leben auf Rügen beginnt. Dazwischen unbeendete Lebenswege von Frauengestalten: Maria, die sich als Journalistin versucht, aber von allem mehr oder weniger verlassen wird; Marion, die als Schattengestalt wirkt und kaum in Erscheinung tritt; Erika, die als Ehefrau vom Norbert nur noch für ihren Sohn und die Gemeinde lebt; Caro, die mit ihrem AFD-Vater nicht klarkommt und in einer Hütte lebt.
●Charaktere: (rund/flach) lebendig gestaltete Figuren, trist, aber überzeugend, ziemlich überfordert und belastet.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: einige – die Sparkassen-Affäre erscheint nicht aufgearbeitet noch aufgelöst noch das Leben von Peter Schulte zu Ende geführt; von Marion erfährt man als letztes, dass sie sich 20 Erdnussflips in den Mund steckt, aber von ihrem Leben kaum etwas. Caro, als Freundin von Tom, völlig nebensächlich und die Problematik mit dem AFD-Beitritt ihres Vaters unausgeführt, nur zitiert, nicht mal skizziert. Die Geschwister Haufe verschwinden in der Nach-Wende-Zeit einfach, wirken nur als fleißige Gehilfen, Bücher abzutippen. Die Marmelade-Pastorin verschwindet auch einfach. Die Affäre zwischen Nico und Maria verpufft ebenfalls. Das Paar mit dem Bauwagen, das auf dem Gelände von Dirks Mutter etwas plant, trennt sich plötzlich. Völlig verpufft: die Sache mit der Bismarckstatue.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Am Anfang das Zerlegen der Bismarckstatue, das sehr sanfte Zusammenkommen zwischen Dirk und Theresa.
●Diskurs: eher eine Familienchronik, nicht allzu diskursiv, eher Zitate, Ukraine-Russland-Krieg, bspw., oder die Stasi-Problematik, aber eher hintergründig.
… Clemens Meyer „Die Projektoren“, Lutz Seiler: „Kruso“, Christoph Hein: „Der Tangospieler“, und insbesondere Uwe Tellkamp: „Der Turm“
… Problem von solchen Romanen – sie sind trist, besitzen kaum Drive, wenig Intensität, beschreiben Marionetten des Lebens, die keinen eigenen Willen besitzen. Deshalb kommt so gut wie keine Spannung auf, und deshalb bietet nur der Tod so etwas wie einen Abschluss. Sehr mager. Spannend geschrieben wurden die Szenen im Krieg und auch das Leben von Roland, in Frankfurt, das Zusammenkommen mit Lovro. Roland als einzige Figur besitzt einen Plot in der Vergangenheit und Gegenwart. Ärgerlich das Fallenlassen von Maria als Hauptfigur, das Fallenlassen des magisch-realistischen Elements, nichts Märchenhaftes, nichts Visionäres, nichts, was über den Rahmen des Alltäglichen hinausreichen könnte. Sehr verstaubt. Wegen Rolands Geschichte und der Schilderung des Ukraine-Krieges noch
--> 2 Sterne


Form:
●Eindruck: flüssig, angenehm, interessant zu lesen, variable Satzanfänge, interessante Verbwahl, keine ärgerlichen Wiederholungen, keine Übervereinfachungen, stimmige Sprachmelodie, keine Pausen, keine Uneinheitlichkeit.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitäsgrad
●Auffälligkeiten: geschliffenes, wohlfeiles Deutsch, Schriftsprache
●Innovation: keine
--> 4 Sterne


Erzählstimme:
●Eindruck: ein nüchterner, komponierender Erzähler, der auktorial kaum in Erscheinung, eher bieder, zurückhaltend, fast schüchtern
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, die Erzählinstanz hält sich versteckt, erscheint nur in „Wie alle mittelgroßen Städte hatte auch Sanditz ein Stadtfest, das für die Weltgeschichte weitaus weniger bedeutend war, als seine Bevölkerung es zugeben wollte.“ Bspw.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: zurückhaltend, unaufdringlich, entspannt, abgespannt, fast zu relaxed, zu souverän.
●Einschätzung: eher journalistische Erzählweise, völlig uninnovativ, generisch und langweilig
--> 1 Stern


Komposition:
●Eindruck: ausgezogen, eine Zeitebene in Präsens, episodisch erzählt; die andere in Präteritum, aus der Vergangenheit, aber ebenfalls montiert. Die Not zur Montage ergibt sich nicht – weshalb? Wieso nicht chronologisch, weil zu langweilig? Da der springende Punkt. Der Stoff eignet sich durch seine Langweiligkeit nicht zum linearen Erzählen, also Lüften, Betonen, Lockern, aber das legt der Stoff gar nicht nahe. Zu viel bleibt offen, wieso dann überhaupt erzählen … Form und Inhalt passen hier gar nicht
●Signal/Noise-Ratio: ausgewogen, viel Rauschen, viel Nebensächliches, viele Details, die nichts erbringen, nichts hinzufügen.
●Operative Geschlossenheit: DDR-Alltag, Stasi-Rügen-Tapete, Blümchen, Schnittchen, aber kein Grundkonflikt vorhanden, nur das desaströse, saugende DDR-Monster.
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr eintönig
●Extradiegetische Abschnitte: die Raben, die die Bismarckstatue zerlegen
●Lose Versatzstücke: sehr viele offene Fäden, eher eine Art Serien-Roman
●Reliefbildung: zu wenig, zu wenig Drama, zu wenig Intensität, zu wenig Problematik, eher ein Driften in den Abgrund
●Einschätzung: wirkt wie eine Pflichtübung, episodenhaftes Erzählen stets eine schlechte Idee, die aus der Not, den dumpfen Stoff zu lockern, resultiert, daher Verlegenheitslösung
--> 1 Stern


Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: angenehm zu lesen, über einige Strecken, insbesondere zum Ende hin, im letzten Drittel, interessant durch die Figur Roland und Tom, ärgerlich das Fallenlassen der weiblichen Figuren, die Überbetonung des verzagt Männlichen, das immer ziellose Herumdümpfeln im Nichts, dennoch besitzt es gute Passagen, stets eine sprachliche Dringlichkeit, die sich nur inhaltlich nicht einlöst
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) spielt mit vielen Klischees, wirkt eher unvollständig, zehrt vom historischen Drama, das es aber nicht auffängt
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, da nichts Auffälliges, nur Alltägliches zur Sprache kommt
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) teilweise schöne Sprache, aber nie poetisch, nie tragend, nur als Vehikel, brav
●stimmig?(Komposition: ja/nein) in seinem Grau in Grau stimmig, aber schnöde
●ein zweites Mal lesen? Nein, auf gar keinen Fall
--> 3 Sterne

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67 reviews1 follower
April 4, 2026
Eindrückliches Personen-Geschichten-Panorama eines ostdeutschen Städtchens

„Sanditz“ ist ein fikitver Ort in Ostsachsen. Landschaftlich und gesellschaftlich dominiert durch den Tagebau versammeln sich hier verschiedenste Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Geschichten. Wir erleben den Wandel von einem durch den voranschreitenden Tagebau gefressenen und dann neu wieder aufgebauten Ort zu DDR-Zeit hin zu einem Ort, dessen Bewohner in den 2020er Jahren mit ganz eigenen und globalen Problemen zu kämpfen haben. Dabei entwirft Lukas Rietzschel ein grandios erfundenes Wimmelbild, welches exemplarisch für viele Orte und Biografien steht, ohne jemals auf Klischees zurückzugreifen. Meines Erachtens ist dies Rietzschels stärkster Roman, der in seiner Breite und ohne Moralisierungen das spannende Bild eines Ortes und seiner Geschichte(n) zeichnet.

Dabei nutzt der Autor eine halbchronologische, episodenhafte Erzählweise, die aus vielen kleinen kachelartigen Versatzstücken das Bild von diesem Sanditz und seinen Bewohnern heraufbeschwört. Man kann sich jede Kachel für sich allein ansehen und betrachten, tritt man allerdings einen Schritt zurück, sieht man das ganze Ausmaß der Geschehnisse. Auch wenn wir hier eine zentrale Familie, Familie Wenzel, haben, deren Mitglieder wir immer wieder treffen, so handelt es sich aber keinesfalls um einen Familien- oder Generationenroman. Nach und nach setzen sich während fortschreitender Lektüre die Lebensgeschichten der Protagonisten zusammen. Das führt zu vielen kleinen Spannungsbögen, da wir zwischen den 1970er und 2020er Jahren hin und her springen bzw. uns von den 1970er Jahren an unsere Gegenwart heranarbeiten.

Währenddessen greift Rietzschel verschiedene Themen auf, wie die Zerstörung von Ortschaften durch fortschreidenden Tagebau und den damit verbundenen Verlust von Heimat; das kränkelnde System der DDR mit ihrer Bespitzelung und dem entgegengesetzt der Zusammenhalt und Freiheitsdrang einer Glaubensgemeinschaft; die Identitätssuche nach einer Wende, die nicht so ablief, wie es sich viele gewünscht hätten; bis hin zur Suche nach einer Lebensaufgabe, selbst wenn dies mit dem Aufgeben des Lebens durch das Ziehen in einen Krieg bedeutet.

Erstaunt war ich über die breit gefächerte Themenpalette des Romans, ohne dass ich das Gefühl gehabt hätte, es werden Themen nur kurz angeschnitten oder des reinen Effekts wegen aufgegriffen. Alles hängt hier miteinander zusammen. Manchmal offensichtlich, manchmal sehr hintergründig. Er nutzt außerdem gekonnt Sagenfiguren, um Verbingungen zu verdeutlichen und zwischen historischen Ereignissen und der Gegenwart herzustellen.

Die Figurenzeichnung erscheint sowohl exemplarisch wie auch ganz individuell. Und dies nicht nur bei Hauptfiguren sondern auch und gerade bei Nebenfiguren, die keineswegs als reine Staffage gelten.

Zuletzt möchte ich noch erwähnen, dass ich über die detaillierte Darstellung der Kämpfe in der Ukraine erstaunt war. Dies hatte ich so nicht erwartet. Und für mich war es eine Bereicherung, weil sich für mich gezeigt hat, dass fernab der modernen Technik (Drohnen etc.) der Infanterie-Kampf heutzutage im Krieg immer noch genauso schrecklich abläuft wie schon während des ersten Weltkrieges. Ich hatte das Gefühl, ich könnte hier „Das Feuer“ von Barbusse neben die entsprechenden Passagen aus „Sanditz“ legen. Erschreckend und eindringlich!

Für mich handelt es sich hier um einen ganz großen Roman, der mich voll und ganz gepackt hat und den ich regelrecht eingesogen habe. Eine klare Leseempfehlung für Lukas Rietzschels dritten Roman!

5/5 Sterne
Displaying 1 - 4 of 4 reviews