Was tun Philosophen eigentlich? Und warum ist Philosophie so wichtig für uns und unsere Gesellschaft? In diesem kraftvollen Text plädiert Bestsellerautor Wolfram Eilenberger für einen Neustart der Philosophie in dunklen Zeiten. Ein erfrischender und höchst origineller Aufruf zum unabhängigen Denken.
Inmitten von Klimakatastrophen, KI-Revolutionen, politischen Umbrüchen und kultureller Orientierungslosigkeit stellt Wolfram Eilenberger die Frage nach der Aufgabe der Philosophie neu. Von Sokrates bis Foucault, von Kant bis Adorno durch die Trümmer der Nachkriegsphilosophie entfaltet er eine wirkmächtige Philosophie der Gegenwart, die sich nicht länger mit Systemen, Dogmen oder akademischer Selbstbespiegelung begnügt. Verstanden als lebendige Praxis der Geistes-Gegenwärtigkeit, bedeutet Philosophie eine kritische Sie lässt nachfragen, aufhorchen, diagnostiziert, prüft, wartet das Jetzt. So ermöglicht sie den Weg aus unserer »selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Kant) hin zu einem lebendigen Denken, das im Hier und Heute beginnt. Ein Wegweiser aus dem Labyrinth, in dem wir uns als westliche Zivilisation so tief verirrt haben.
Wolfram Eilenberger, born 1972, is an internationally bestselling, award-winning writer and philosopher.
In 2018, he published Time of the Magicians (Zeit der Zauberer) in Germany. The book instantly became a bestseller there, as well as in countries such as Italy, and Spain. It has been translated into thirty languages.
In November 2018 it won the prestigious Bayerischer Buchpreis, in 2019 the Prix du Meilleur Livre Étranger in France. It was also shortlisted for several other awards, both nationally and internationally. The book also received wide critical acclaim in the US and UK.
Eilenberger has been a prolific contributor of essays and articles to many publications, among them Die Zeit, Der Spiegel, and El País. He has taught at the University of Toronto, Indiana University Bloomington, the ETH Zürich and Berlin University of the Arts.
Eilenberger is one of the program directors of the phil.cologne, Germany's biggest philosophy festival, and moderator of the TV program Sternstunde Philosophie (Swiss Television). He also holds a DFB football trainer’s licence and appears regularly as a soccer expert on German TV and radio.
He is married to the linguist and former Finnish national basketball player Pia Päiviö, and he lives with his family in Berlin.
Hübsche Fingerübung von Eilenberger, auch hübsch böse. Es geht um die Frage, was Philosophie sei und wozu Philosophen heute noch nützlich sind. Zunächst hat mich irritiert, dass ausgerechnet Foucault die Antwort liefern soll. Aber Eilenberger geht es nicht um "Diskurse" und so was, sondern um Foucaults Forderung, sich endlich dem zuzuwenden, was ist (während an philosophischen Fakultäten in Europa "Philosophie" zu der Zeit und oft bis heute im Wesentlichen aus der Lehre ihrer Geschichte bestand/ besteht). Eilenberger leitet daraus den Begriff "Geistesgegenwärtigkeit" (17) ab und verpflichtet Philosophie dazu den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft zu erkennen und historisch abzuleiten, wobei überkommene Irrtümer oder veraltete Begriffe über Bord zu werfen seien. Mithin sei Philosophieren kritisch und geistesgegenwärtig, denn nur der "Geist" und nicht die Naturwissenschaften oder eine abgehobene Logik (analytische Philosophie) käme der Gegenwart in ihrer Komplexität bei. Damit ist für ihn die "Aufgabe" (=Teil I) hinreichend beschrieben und man kann einverstanden sein.
Im Teil II folgt ein kurzer Aufriss der Philosophiegeschichte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wobei postuliert wird, dass nach Holocaust und totalitärer Massenhysterie ein Neuanfang des Philosophierens unvermeidlich gewesen sei. Sartres Existentialismus wird nur kurz gestreift, weil auch dessen Versuch letztmalig ein die Welt erklärendes "System" zu schaffen, totalitär sei. Hübsch der Satz: "Der Rollkragen der Eigentlichkeit, er machte bald jedem Kreativen das Atmen schwer." (45)
Stattdessen macht Eilenberger in Teil III ein "Triptychon" modernen Philosophierens aus, das 1. an Wittgenstein und die Einsicht der späten Wiener Schule anknüpft, dass es keinen festen Grund für Philosophie mehr gäbe, weil alle "Realität" nur ein Sprechen über Realität sei und jeder dieser Sprechakte nicht von der bereits vorbedeuteten Sprache gereinigt werden könne. Zum 2. sei da Benjamins Abkehr vom Fortschrittsparadigma (Engel der Geschichte/ 51), ein Gedanke, der dann von der Frankfurter Schule ausgearbeitet wurde. Der 3. Ansatz gehe mit der Negation des in der Aufklärung als solcher vermuteten Trägers von Geschichte einher: In Paris wird durch Foucault und den Strukturalismus nach 1968 "der Mensch" dekonstruiert und als in "historisch-dynamische und ihrem Aufbau nach zu analysierende Zeichensysteme" (61) eingebettet begriffen.
Was es sonst noch an "einflussreichem" Philosophieren gäbe? Nach Eilenberger nichts, denn der Rest sei "Entfremdung" (Teil IV) vom Eigentlichen Sinn von Philosophie. Ironisch treffend und wirklich hübsch böse wird erklärt, warum akademische Philosophie zwar irgendwie eine Lehre von Philosophie, aber kein Philosophieren im eigentlichen Sinne sei und dies als "analytische Sprachphilosophie" auch nicht sein könne. (vgl. S. 74ff.) Macht Spaß zu lesen, auch wenn die Sätze das Elend einer jeden geisteswissenschaftlichen Richtung in den Literatur-, Kultur-, Geschichts - oder Sprachwissenschaften etc. beschreiben und eigentlich traurig stimmen müsste. Aber es ist hübsch giftig und damit entlarvend. ;-)
Ungefähr so wie in Teil 5 von den "Nachzeitigkeiten" die Rede ist. Das zielt auf das modisch-hilflose "post", dem Eilenberger eine "Unterschreitung von dem einstmalig [das Denken der Frankfurter Schule kennzeichnenden - F.S.] Reflexionsvermögen und nicht zuletzt Stilwillen" (86) bescheinigt. Das trifft zunächst Habermas, aber dann schon den politischen Aktivismus, der sich aus der diskurs- und machtkritischen Dekonstruktionsperspektive "des Menschlichen überhaupt" von Paris ausgehend über die Welt verbreitet habe. Aktivismus ist keine Philosophie, weil ihm das Moment der Selbstreflexivität fehlt. Wohl wahr- kann man täglich in den Zeitungen und auf Social Media verfolgen. Interessant in diesem Zusammenhang die Überlegungen zur "Weisheit", also dem Sinn des Philosophischen mit Blick auf den Einzelnen, eine Tradition, die nach Eilenberger verloren gegangen sei, weshalb Philosophie zum Streben nach individuellem Glück nichts mehr beitragen könne und dieses Feld der "Ratgeberliteratur mit immer neuen Schlaubergerrezepten" (89) habe überlassen müssen.
Das Ganze schließt mit Spekulationen über den Fortgang sinnvollen Philosophierens (Teil VI.). Eindrucksvoll hier das Bild vom Benjaminschen "Trümmerengel", der sich nun mit der "Brust voran" (107) dem Sturmwind der vergangenen Zerstörungen zu stellen hätte, der allerdings nicht mehr vom Paradies, also von der Vergangenheit her wehe, sondern uns aus der Zukunft entgegenbläst (Klimakrise). So wie der Ansatz der Frankfurter Schule nicht mehr trage, gelte das auch für die anderen beiden ernstzunehmenden Neuansätze der Philosophie nach 1945. Sie führten allesamt in "Regressionen" (113). Dem ist nach Prüfung der Argumente zuzustimmen
Umso gespannter liest man das Abschlusskapitel "VII. Jetzt"... - und bleibt ratlos zurück. Alle die vorher beschriebenen philosophischen Ansätze würden den "Weg der Geistesgegenwärtigkeit [...] ausschließlich sprachlich" (117) beschreiten, was nicht mehr ausreichend sei. Was aber sollen "sprachferne Weisen und Ausgänge" (118) sein? Eilenberger spricht von der "Intensivierung von Lebendigkeit und Wachheit" (ebd.), was angehen mag. Unter dem "Weg konzentrierter Dekonditionierung" (ebd.) kann ich mir was vorstellen, höre dabei aber etwas wie kritisches Denken und die Aufforderung heraus seinen Verstand ohne Leitung eines anderen zu gebrauchen. Da würde ich mitgehen. Eilenberger wendet sich jedoch von diesem immerhin auch über Sprache und ihre Kritik vermittelten Vorsatz ab und postuliert stattdessen eine mystische Wachheit "im Sinne solch reinen, vollends aufmerksamen 'Anwesend-Seins'" (119). Das Kapitel, in dem das Gemeinte ausgeführt wird heiß "Erschöpft" (119). Wachheit oder Erschöpfung- was nun? Für mich klingt der Schluss eher nach Resignation als nach Ausweg: "Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit klar zu erfassen, sie dann zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten. Nach diesem Kriterium gibt es wenig Philosophen. Wenig ist noch viel gesagt." (121) Wohl wahr, denn auch ich möchte nicht zu denen gehören, die bloß noch warten, was Donald Neues anrichtet. Mehr soll da nicht sein? Schade.
Das Resultat dieser scharfzüngigen und über weite Strecken pointiert-zutreffenden Analyse ist dürftig. Am (vorläufigen) Ende der Philosophie steht eine neue Mystik. Das ginge nicht ohne eine theologische Heilserwartung, setzt also Hoffnung voraus. Aber auf was soll man wartend hoffen, wo doch Gott spätestens seit Nietzsche seinen philosophischen Tod gestorben ist? Worauf kann ich nach diesem Text noch hoffen? Fazit: Ein empfehlenswertes, gut lesbares und flott-frech geschriebenes Büchlein, das lesen sollte, wer wissen will, in welche Sackgassen das heutige Philosophie-Studium führt; wer allerdings eine wegweisende Alternative erwartet, wird - meiner Meinung nach - enttäuscht. Das ist schade.