Die Demokratie in Deutschland steckt in einer Krise – auch weil politische Kompromisse nach wie vor ausschließlich innerhalb starrer Koalitionskorsette gedacht werden. Regierungsparteien zwingen sich darin zu umfassender Einigkeit und schließen die Opposition kategorisch aus. Doch diese rigide Mehrheitsbildung passt längst nicht mehr zur gewachsenen gesellschaftlichen und parteipolitischen Pluralität. Die Überdehnte Kompromisse führen zu enttäuschten Wählern, abgeschliffenen Parteiprofilen und einer Stärkung radikaler Kräfte. Christian Stecker plädiert für einen Wandel hin zu themenspezifischen, flexiblen Statt stets dieselbe (Regierungs)Mehrheit zu bilden und Kompromissmengen mit Oppositionsparteien links und rechts liegen zu lassen, könnten Parteien im parlamentarischen Alltag flexible Mehrheiten nutzen, um ihre Kernpositionen deutlicher zu vertreten und dennoch die Handlungsfähigkeit von Politik zu erhöhen; dies würde auch einen konstruktiveren Umgang mit der AfD und der »Brandmauer« gegen sie ermöglichen. Anhand konkreter Beispiele illustriert das Buch, welche Kosten festgefahrene Koalitionen erzeugen und wie eine Politik der flexiblen Mehrheiten mit agree-to-disagree-Klauseln oder in Minderheitsregierungen neue Chancen für eine lebendigere und zugleich stabilere Demokratie eröffnet.
Stecker liefert das seltene Buch, das eine verdrängte Wahrheit klar benennt: Die deutsche Koalitionsdemokratie leidet nicht an zu wenig, sondern an zu viel erzwungenem Konsens. Sein Befund sitzt, das Koalitionskorsett aus Brandmauern und Kooperationsverboten verschleißt die Volksparteien, schleift ihre Profile ab und stärkt am Ende genau die Ränder, die es einhegen soll.
Stark ist vor allem die Methode: Statt staatstragender Appelle argumentiert Stecker mit einer Fülle an Daten und Grafiken. Seine Lösung: themenspezifische, flexible Mehrheiten nach skandinavischem oder neuseeländischem Vorbild, ist ebenso schlicht wie unbequem fürs Berliner Routinedenken. Und die Brandmauer entzaubert er nicht mit Pathos, sondern mit Mechanik: In einer flexiblen Logik geben nicht die Extreme den Ton an, sondern die mehrheitsfähige Mitte.