Ein kurzer Blick im Bus. Matei erkennt in Bukarest seinen früheren Peiniger aus dem Gefängnis wieder. Es sind die befreiten 1990er-Jahre, alles scheint möglich, sogar Gerechtigkeit ... Der junge Matei wächst auf im pulsierenden Bukarest der 30er-Jahre, doch in der Diktatur verliert seine Familie alles. Und Matei wird wegen politischer Gedichte verurteilt, zur Lagerarbeit im Donaudelta, wo die Natur faszinierend, aber unbarmherzig ist und das Leben hart, mitunter tödlich. Die Menschlichkeit unter den Häftlingen hält ihn am Leben – und auch der Hass. Nach Jahren wird er begnadigt, erfährt Familienglück, doch nie echten Frieden. Als Matei nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in der neuen, großen Freiheit den «schönen Pană», einen Verhöroffizier, wiedersieht, will er sich den Geistern der Vergangenheit endlich stellen. Und fasst einen Plan. Entlang eines Lebens erzählt Catalin Dorian Florescu wendungsreich, in aufwühlenden, poetischen Bildern das Drama des europäischen Ostens, das bis heute anhält. Eine große Reflexion über Glück, Rache, Gerechtigkeit und die Wann ist der Mensch wirklich frei?
Ein Buch wie ein Faustschlag in den Bauch und gleichzeitig eine warme Hand auf der Schulter. Mateis Geschichte zieht rein, ohne höflich zu fragen. Bukarest, Lager im Donaudelta, politische Willkür – das alles wirkt nicht wie ferne Vergangenheit, sondern unangenehm nah. Beim Lesen kam öfter dieser Gedanke: Wie viel würde ich aushalten, bevor ich zerbreche?
Die Sprache ist bildgewaltig, manchmal fast poetisch schön, obwohl sie von hässlichen Dingen erzählt. Gerade das macht es so intensiv. Zwischen Hunger, Angst und Demütigung blitzen immer wieder kleine Momente von Menschlichkeit auf. Genau die halten einen genauso fest wie Matei selbst. Und dann dieser Hass, der leise mitläuft, wie ein Schatten, der nie ganz verschwindet.
Richtig stark wird es, wenn die Geschichte in die Zeit nach dem Umbruch springt. Freiheit fühlt sich hier nicht leicht an, sondern kompliziert und schwer. Die Begegnung mit der Vergangenheit trifft mit voller Wucht. Man merkt, dass Rache kein sauberer Plan ist, sondern ein inneres Chaos.
Ein paar Längen gibt es, gerade wenn die Gedanken sich im Kreis drehen. Aber vielleicht gehört das sogar dazu. Dieses Buch will nicht gefallen, es will etwas auslösen. Hat es geschafft. Und zwar ordentlich.